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D. Hohrath: Monarchisches Erbe in den Zeichensystemen der beiden deutschen Staaten?

Kulturgeschichte Preußens - Colloquien 4 (2017)

Daniel Hohrath

Monarchisches Erbe in den Zeichensystemen der beiden deutschen Staaten?

Beobachtungen zu Flaggen und Fahnen, Uniformen, Orden und Ehrenzeichen in BRD und DDR

Abstract

'Monarchisches Erbe' zeigt sich auch in tradierten Zeichen und Symbolen, die in mannigfaltiger Weise in den beiden deutschen Staaten präsent waren bzw. sind. Für ihre Weiterverwendung oder Anverwandlung gibt es keine materiellen Sachzwänge, dafür sind sie allgegenwärtig. An der Gestaltung von Flaggen und Fahnen, Uniformen, Orden und Ehrenzeichen lassen sich Entscheidungen darüber ablesen, welche Traditionen als positiv oder zu problematisch angesehen wurden. Da die Zeit der Monarchien in Deutschland 1918 zu Ende war, ist jede 'monarchische' Tradition bereits durch den Umgang mit ihr in der Weimarer Republik und dem "Dritten Reich" in gewisser Weise gefiltert oder kontaminiert worden.

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Wenn es um die Frage nach dem "Erbe der Monarchie" geht, drängen sich zunächst die unübersehbaren, gebauten 'Schätze des Landes' ins Bewusstsein. Dank ihrer historischen Entwicklung in multiplen monarchischen Staatlichkeiten waren die deutschen Kulturlandschaften mit Schlössern und Residenzen dicht bestückt. Mit diesem "monarchischen Erbe" waren beide deutschen Staaten nach 1945 reichlich konfrontiert. Schon durch seine materielle Präsenz erzwang dieser architektonische und künstlerische Bestand, dass über seine Erhaltung nachgedacht wurde. So boten sich etwa Schlösser aus scheinbar praktischen Gründen zur Weiternutzung an, obwohl es natürlich eminent politische Entscheidungen voraussetzt, welches Bauwerk für welche Funktionen instand zu setzen oder zu reaktivieren ist. Dass Schätze der anerkannten abendländischen Hochkunst erhalten werden müssten, wurde allenfalls von radikalen Randpositionen aus grundsätzlich in Frage gestellt.

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Im Folgenden soll es aber um Gruppen materieller Gegenstände gehen, die nur dank ihrer zeichenhaften Funktion dem staatlichen Handeln und Repräsentieren der beiden deutschen Staaten dienten und dienen. Es handelt sich dabei zumeist um vergleichsweise kleine Objekte und Zeichen, die nur aus der Nähe und durch genaue Betrachtung zu identifizieren und zu differenzieren sind. Nicht zufällig sind sie zumeist mehr oder weniger direkt dem Bereich des Militärischen zugehörig; dies gilt hinsichtlich ihrer Entstehung wie auch ihres Gebrauchs.

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Für die Weiterführung oder traditionsbezogene Nachahmung von Symbol-Objekten wie Flaggen und Fahnen, Uniformen und Orden gibt es keine vergleichbaren praktischen Gründe und keine finanziellen Sachzwänge wie für den Erhalt von Bauwerken. Sie sind in ihrer Materialität meist eher kurzlebig, mobil und ersetzbar. Auch als Exempel künstlerischen Schaffens pflegen sie in der Regel nicht zu gelten, als historische 'Sachzeugen' könnten sie leichter musealisiert und dem öffentlichen Gebrauch entzogen werden. Allerdings waren sie viel weiter in der Gesellschaft verbreitet, als gemeinsames oder individuelles Eigentum, Zeichen persönlicher Eigenschaften und Zugehörigkeiten.

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Umso deutlicher wird, dass es sich dabei um bewusste Entscheidungen handelt, wie man mit dieser Art von Zeichenträgern, die zu Zeiten der Monarchien entstanden sind, verfuhr (und im vereinigten Deutschland bis heute verfährt). Erbe und Tradition sind nicht einfach da, sie werden von menschlichen Akteuren angenommen bzw. gemacht.

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Zunächst sollte man daher problematisieren, was – erstens – die Rede von 'Erbe' oder 'Tradition' eigentlich bedeutet, und zweitens, was davon in Deutschland als 'monarchisch' angesehen werden kann. Im Anschluss daran soll dies an ein paar beispielhaften Schlaglichtern auf die Bereiche von Fahnen und Flaggen, Uniformen sowie Orden und Ehrenzeichen beleuchtet werden.

Erbe und Tradition

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Im Wortsinne wird ein Erbe direkt tradiert, also in zeitlich unmittelbarer Folge an Nachkommende weitergegeben. Es bedarf demnach einer Kontinuität. Wenn wir nach dem monarchischen Erbe in BRD und DDR fragen, stellt sich hier also bereits ein grundsätzliches Problem: Schon aufgrund der Tatsache, dass es in Deutschland seit 1918 keine Monarchie – oder genauer: keine der diversen Monarchien – mehr gegeben hat, liegt eine immerhin gut dreißigjährige Unterbrechung vor. Es handelt sich also nirgends um eine einfache, direkte Fortführung und Weiternutzung, sondern immer um eine bereits mehrfach gebrochene Linie. Die Phasen der demokratischen Weimarer Republik und des totalitären 'Dritten Reichs' mit dem sich 1945 anschließenden Kollaps trennen die beiden neuen deutschen Staatsgebilde von der alten Monarchie.

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Hier ist also zunächst zu fragen, wie das 'monarchische Erbe' während dieser ersten dreißig Jahre behandelt wurde: Handelt es sich bei den in BRD und DDR beobachtbaren 'Traditionen' demnach um Elemente, die bereits im Anschluss an die Monarchie zwischen 1918 und 1948 weitergeführt und den jeweiligen Ansprüchen angepasst wurden, mithin um Erbteile, die gar nicht mehr von der Monarchie, sondern direkt von den nachfolgenden Systemen, der demokratischen Weimarer Republik und zuletzt unmittelbar dem NS-Staat, übernommen wurden? Eine direkte Übernahme von Symbolträgern des Naziregimes war eigentlich kaum zu rechtfertigen.

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Oder handelt es sich um einen gezielten Rückgriff in die fernere Vergangenheit, im hohen Bogen über eine ganze Zeitspanne hinweg? Spätestens dann, wenn jeweils gegenwartsmoralisch kompatibles oder 'fortschrittliches' Erbe kunstvoll extrahiert und implantiert wird, wäre hier ja auch von einer "invention of Tradition" zu sprechen1, einer in jedem Falle eklektischen, unter Umständen willkürlichen und gelegentlich historisch absurden Konstruktion von Kontinuität.

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Hinzu kommt, dass es recht eigentlich nie eine einzige deutsche Monarchie gab. Das 'Heilige Römische Reich deutscher Nation' kann trotz seines von den Kurfürsten gewählten kaiserlichen Oberhaupts keinesfalls als solche bezeichnet werden, der Deutsche Bund bestand aus souveränen Staaten. Auch das Kaiserreich von 1871 war immer noch ein Bundesstaat diverser Monarchien mit einem Kaiser, der aber zugleich vor allem der Monarch des stärksten dieser Teilstaaten, nämlich Preußens, war. Von den Hoheitsträgern jenes deutschen Gesamtstaates war nur ein kleiner Teil direkt dem Reich, also dem Kaiser, zugeordnet; selbst von den Streitkräften waren nur die Marine und die Kolonialtruppen 'kaiserlich'. Das Heer des Reiches bestand aus Kontingenten der Einzelstaaten, wobei allerdings die meisten Armeen über Militär-Konventionen in verschiedenen Abstufungen bis hin zur faktischen Eingliederung an das preußische Militär angebunden waren. Das höchste Maß an Eigenständigkeit hatte das bayerische Heer, das nur durch einen Bündnisvertrag im Kriegsfall dem kaiserlichen Oberbefehl unterstellt war.

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So gab es auch 1918 nicht das eine Erbe monarchischer Symbole und Traditionen des Kaiserreichs, sondern eine Vielzahl regionaler Varianten mit je eigenen historischen Implikationen. Allerdings hat der Erste Weltkrieg die Tendenz, das Deutsche Reich und Preußen als Einheit wahrzunehmen, nach außen wie nach innen nochmals ganz erheblich verstärkt. In der Weimarer Republik wurde der Föderalismus stark beschränkt, im "Dritten Reich" praktisch restlos aufgehoben.

'Monarchische' Traditionen

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Ähnlich differenziert ist auch die Frage zu beantworten, was eigentlich als eine monarchische Tradition zu bezeichnen ist. Während bei Schlössern und höfischen Zeremonialformen deren Herkunft von hocharistokratischen Dynastien eindeutig ist, kann dies bei staatlichen Symbolen und militärischen Traditionen nicht so einfach definiert werden. Nur wenn als Definition geltend gemacht würde, dass alle von vor 1918, also aus der Zeit der Monarchien, übernommenen Elemente damit per se 'monarchisch' wären, ergäbe dies einen Sinn. Damit geht allerdings dem Begriff jene historische Tiefenschärfe verloren, die etwa zwischen einer erst im 19. Jahrhundert ausgebildeten nationalstaatlichen Symbolik und viel älteren dynastischen Bezügen unterscheidet.

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So stehen auf der einen Seite etwa die oftmals mittelalterliche Heraldik von Adelsfamilien in den 'Staats'-Wappen von Herrscherhäusern, wie auch christliche Symbole aus der Verbindung von Krone und Kirche im Gottesgnadentum der Monarchie, zum Beispiel in den Statuten von Orden, die an die Dynastien der Monarchen gebunden waren. Auf der anderen Seite finden sich aber seit dem 19. Jahrhundert immer mehr Elemente, die in Phasen revolutionärer, oftmals dezidiert antimonarchistischer Symbolbildung entstanden waren und später von den Monarchien übernommen wurden: Dazu gehören namentlich die 'National'-Flaggen, auch wenn sie nicht selten die Wappenfarben der regierenden Häuser übernahmen.

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Ebenso stellten die sich im 19. Jahrhundert verbreitenden meritokratischen Verdienstauszeichnungen2 einen revolutionären Bruch mit dem älteren Ordenswesen dar, wo die Verleihung von Rang und Stand des Beliehenen abhing. Vorbild war hier gewiss der von der französischen Republik 1802 eingeführte Orden der Ehrenlegion, dem 1813, gewissermaßen als Antwort des monarchischen Prinzips, die Stiftung des Eisernen Kreuzes durch König Friedrich Wilhelm III. folgte.3

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Erst recht stellt sich die Frage nach dem monarchischen Charakter für militärische Zeichensysteme. Einerseits ist es klar, dass Thron und Armee in allen Monarchien in engster Verbindung standen. Das Militär war die 'monarchische' Institution schlechthin in diesen Staaten. Wirkungsmächtiger erscheint andererseits seine traditionelle Internationalität, die daran abzulesen ist, dass sich militärische Strukturen und Erscheinungsformen überall besonders stark ähnelten und ähneln, unabhängig von der jeweiligen staatlichen Verfasstheit. Hier spielt das Prinzip der Reziprozität, der Anpassung an die Gepflogenheiten und Zeichensysteme des Gegenübers, eine sehr wichtige Rolle, wie sie ja auch im diplomatischen Zeremoniell beobachtet werden kann. Drittens scheinen militärische Institutionen seit jeher besonders traditionsaffin zu sein, da der Rückbezug auf die Leistungen in vergangenen Kriegen ihren Status nach innen und außen in friedlichen Zeiten rechtfertigen muss.4

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Gewiss muss auch die Gegenfrage gestellt werden, ob es der Erforschung von Tradition, Zeichen und Zeremoniell angemessen ist, sich auf die Suche nach ihrer historischen 'Richtigkeit' zu machen: Entscheidend ist die Wirkmächtigkeit von Traditionselementen in der jeweiligen Gegenwart und die Überzeugung der Zeitgenossen, die Traditionsbezüge verwenden und konstruieren, dass es sich um Werte der Vergangenheit handele, auf die Bezug zu nehmen wichtig sei. Allerdings darf über solchem Relativismus nicht vergessen werden, die Unterschiedlichkeit von Motivationen und Wissensständen zu analysieren. Dies zeigen Beispiele aus scheinbarer Unkenntnis übernommener oder bewusst ignorierter Traditionslinien, wie sie namentlich im militärischen Formenschatz der beiden deutschen Staaten zu beobachten sind.

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Wenden wir uns nun den drei Bereichen zu, in denen nach 'monarchischem Erbe' gesucht werden soll, nämlich dem der Fahnen und Flaggen, dem der Uniformierung und dem der staatlichen Orden und Ehrenzeichen. Angesichts der beschriebenen Problematik der Definition des 'Monarchischen' kann es sich dabei nur um eine Reihe von Beobachtungen zum deutschen Umgang mit Traditionsbeständen seit 1918 handeln.

Flaggen und Fahnen

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Beide deutsche Staaten entschieden sich hinsichtlich ihrer Nationalflagge und gesamtstaatlichen Symbolik früh und eindeutig für die Wiederaufnahme der Farbenkombination Schwarz-Rot-Gold als Nationalfarben für "Deutschland". Damit wurde der endgültige Bruch mit dem preußisch-deutschen Kaisertum der Hohenzollern evident gemacht, die 1871 die Kombination Schwarz-Weiß-Rot durchgesetzt hatten.

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Mit Schwarz-Rot-Gold wurde im großen Bogen an die Linie der bürgerlichen, nationalstaatlichen Revolution des 19. Jahrhunderts angeknüpft; 1832 war die 'deutsche Trikolore' beim Hambacher Fest geführt worden. 1848 wurden sie zu den offiziellen Farben des Deutschen Bundes bestimmt. (Abb. 1) Über die Geschichte von Schwarz-Rot-Gold ist viel geschrieben und gestritten worden.5 Sie wurden sowohl von der Uniform des Lützower Freikorps von 1813, mit der Fahne der Jenaer Burschenschaft als Zwischenglied, hergeleitet als auch von den in der heraldischen Symbolik des Heiligen Römischen Reiches vor 1806 vorherrschenden Farben. Beides stand auf eher wackeligen Füßen6, aber wichtiger als eine 'richtige' heraldische Genealogie war gewiss die Tatsache, dass sich Schwarz-Rot-Gold für mehrere widersprechende Erzählungen eignete: Es war also eine gleichermaßen für liberal-nationale wie für romantisch-konservative Deutschland-Vorstellungen kompatible Farbenkombination.


Abb. 1: "Die deutschen Flaggen 1848", Aus: Veit Valentin, Ottfried Neubecker: Die deutschen Farben. Leipzig 1928, Tafel V. Bayerische Armeebibliothek, Sign. C 9/2-Va 1

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Sie ließ sich keinesfalls als grundsätzlich antimonarchisch (allerdings anti-absolutistisch und bedingt antipreußisch) denunzieren, zumal zur deutschen Trikolore eben auch von Anfang an der schwarze Adler trat, das alte Herrscher- und Kaisersymbol Mitteleuropas. Dieser schwarze Adler mit rotem Schnabel und Klauen auf goldenem Grund konnte nach dem Ende der Hohenzollern-Monarchie den preußisch grundierten Reichsadler auf relativ sanfte Weise ablösen und diente dann auch wieder als Staatswappen der ersten deutschen Republik von Weimar.

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Neben dem Adler gewann aber auch schon früh ein zweites Zeichen an Bedeutung, das vor allem überall da zur Geltung kam, wo die militärische Souveränität demonstriert werden sollte: Das preußische Eiserne Kreuz wurde zuerst im Kaiserreich von 1871, und dann endgültig im Ersten Weltkrieg zum Zeichen der Wehrhaftigkeit der gesamten deutschen Nation.7 Bereits seit 1816 auf der preußischen Kriegsflagge, diente es als Hoheitszeichen auf den Flugzeugen des Ersten Weltkriegs und in vieltausendfachen dekorativen und offiziösen Verwendungen als populäres Nationalsymbol. (Abb. 2)


Abb. 2: "Die von König Friedrich Wilhelm III. bestimmte preußische Kriegsflagge" Aus: J. F. Meuß: Die Geschichte der preußischen Flagge, Berlin 1916, Tafel III. Bayerische Armeebibliothek, Sign. C 9/2-Me 2

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Der direkte Anknüpfungspunkt war für BRD und DDR die Flagge der Weimarer Republik, die den Bruch mit dem Kaiserreich symbolisiert hatte. Allerdings war die neue Flagge damals so heftig umstritten8, dass angesichts der heftigen konservativen Opposition hier Kompromisse eingegangen wurden: So zeigten sich sowohl die Reichs-Handelsflagge als auch die Reichs-Kriegsflagge in Schwarz-Weiß-Rot, nur mit einem kleinen schwarz-rot-goldenen Feld in der linken oberen Ecke. Die Farben der Republik erschienen so als bloße Zugabe, deren Entfernung jederzeit möglich war. Bei der Reichskriegsflagge ersetzte das Eiserne Kreuz den Adler. (Abb. 3)


Abb. 3: "Deutsche Flaggen" 1925, aus: Reichswehrministerium / Marineleitung (Hg.): Flaggenbuch (FLA.B.), Berlin 1926, Tafel 1. Bayerische Armeebibliothek, Sign. C9/1-Fl 2.1

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Die junge Bundesrepublik übernahm im direkten Rückbezug auf die Weimarer Republik Schwarz-Rot-Gold als Nationalflagge. Die staatlichen Institutionen verwenden sie in Kombination mit dem Adler für Amtsschilder, Dienstflaggen und Abzeichen. Der Adler alleine schmückt zudem bis heute Dienstsiegel, Zollstempel und Münzgeld. Damit kann man den Bundesadler durchaus noch in der Tradition des altdeutschen Herrschersymbols sehen, auch wenn nicht zuletzt offizialkünstlerische Gestaltungsvariationen, wie etwa im Bonner Bundestag, den stolzen Raubvogel gemästet und gezähmt haben. Auch das Symbol des Eisernen Kreuzes fand seinen Weg in den militärischen Bereich der bundesdeutschen Staatssymbolik, zwar nicht auf den Flaggentüchern, aber immerhin auf Uniformabzeichen und Auszeichnungen sowie stilisiert auf den Flug- und Fahrzeugen der Bundeswehr.9

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Die DDR übernahm ebenfalls die schwarz-rot-goldene Nationalflagge (die deutsche Einheit wurde ja von beiden Seiten beschworen), handelte aber ansonsten symbolpolitisch konsequenter und verbannte den Adler als unerwünschten Rückbezug auf monarchische Zeiten restlos. Das gleiche galt für das Eiserne Kreuz, obwohl dies den beschworenen "fortschrittlichen Traditionen" der preußischen Reformen entstammte. Sozialistische Symbole (Hammer, Zirkel, Ährenkranz) ersetzten Kreuz und Wappentier.

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Jedenfalls haben Nationalflaggen und alle von ihnen abgeleiteten Banner, Wimpel und Girlanden grundsätzlich wenig mit alter monarchischer Tradition zu tun; sie können als optische Zeichensysteme gelten, die sich Monarchien in der Neuzeit als patriotische Dekoration erfolgreich anverwandelten, um die gefährdete Verbindung von Monarchie und Nationalstaat zu sichern.10

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Während Flaggen nur textile Träger von Zeichen (und damit in ihrer Materialität austauschbar) sind, haben militärische Fahnen einen reliquienähnlichen Charakter, können als dingliche Objekte 'vererbt' werden.11 Feldzeichen waren seit der Antike ein allgemein gebrauchtes Element in der organisierten Kriegführung. Sie dienten als Signalinstrument, vor allem aber als Sammelpunkt und kollektives Eigentum einer Einheit. Im 19. Jahrhundert, bei immer unwichtiger werdender taktischer Funktion, verstärkte sich die Tendenz, das Feldzeichen symbolisch aufzuladen. Die Fahne wurde zum geradezu sakral aufgeladenen Heiligtum, einer weltlichen Reliquie. War sie in der Zeit der stehenden Söldner- und Berufsheere das Sinnbild der kollektiven Truppen- und Soldatenehre und der persönlichen Treue zum Kriegsherrn, so stand sie in den nationalen Armeen seit der französischen Revolution noch zusätzlich für die Ehre des ganzen Staates und Volkes. Es setzte sich nach dem französischen Vorbild in den meisten Staaten durch, sie in den Nationalfarben zu gestalten.

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Der Charakter des aus Kontingenten bestehenden deutschen "Reichsheeres" hat vor 1918 keine nationalen Truppenfahnen entstehen lassen. Am nächsten kamen dem noch die generell weiß-blau gestalteten bayerischen oder die rot-schwarzen württembergischen Regimentsfahnen, die aber eben nicht die drei Farben der deutschen Nation, sondern die Farben ihrer jeweiligen Monarchien trugen. Die Regimenter der preußischen Armee führten, von einer nicht allgemein durchgesetzten schwarz-weißen Phase unter Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. abgesehen, Fahnen in je eigenen Farbkombinationen, vereinheitlicht im wesentlichen nur durch die Verwendung des preußischen Adlers im Mittelmedaillon.12 Alle deutschen Truppenfahnen waren bestimmt durch den direkten Bezug – meist durch dessen Initialen – auf den jeweiligen Monarchen als Kriegsherrn und persönlichen Patron der Offiziere und Soldaten, die an ihn durch den Fahneneid gebunden waren.

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Es zählte zu den womöglich verhängnisvollen symbolpolitischen Inkonsequenzen der Weimarer Republik, dass sie für die neue gesamtstaatliche Armee, die Reichswehr, keine eigenen Truppenfahnen schaffen ließ. Für Paraden und Zeremonien wurde auf die Fahnen der Regimenter der aufgelösten "Alten Armee" zurückgegriffen, deren Traditionen von den Truppenteilen der Reichswehr weiter gepflegt wurden.13 (Abb. 4) Nicht einmal zu schwarz-rot-goldenen Fahnenbändern, wie sie schon einmal 1848 für das Deutsche Bundesheer bestimmt worden waren14, konnte man sich entschließen. Diese durch Unterlassung perpetuierte sichtbare Bindung der neuen Reichswehr an die Regimenter der deutschen Monarchien durch deren höchste Symbolträger wurde in Truppe und konservativer Öffentlichkeit zweifellos mehrheitlich begrüßt. Man darf ja nicht vergessen, dass auch eine 'neue' Armee stets von 'alten Soldaten' geführt wird – zumindest alle höheren Offiziere hatten bereits unter der Monarchie gedient und waren dort sozialisiert. Das ohnehin problematische Verhältnis der Reichswehr zur Republik fand darin nur einen zusätzlichen Ausdruck.


Abb. 4: "Das 8te (Preuss.) Infanterie-Regiment und seine Stammtruppen". Bildpostkarte nach einer Zeichnung von Carl Henckel, Dresden 1925. Bayerisches Armeemuseum, Inv.-Nr. 0158-2016.6

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Erst 1936 wurden die Fahnen der Alten Armee zu musealen Objekten, als Hitler die Wehrmacht mit einheitlichen Truppenfahnen ausstattete, gestaltet mit den Elementen Eisernes Kreuz, Adler und Hakenkreuz. (Abb. 5) Sie zeigten verschiedene Grundfarben für die Waffengattungen, davon abgesehen waren sie völlig identisch.15 Die jeweiligen Einheiten waren nur noch auf dem Fahnenring bezeichnet. Damit war tatsächlich eine endgültige Abkehr von den Traditionen des monarchischen Heeres vollzogen, auch wenn dies durch die vordergründige Beschwörung der älteren Militärtraditionen verschleiert wurde, um die konservative Führungsschicht der Wehrmacht nicht zu verprellen.


Abb. 5: Fahnen und Standartenmuster der Wehrmacht von 1936, Ausschnitt aus einer Bildtafel in: Hermann Franke (Hg.): Handbuch der neuzeitlichen Wehrwissenschaften, Band 2: Das Heer, Leipzig / Berlin 1937, 167 T.

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In der Bundesrepublik übernahm man zunächst die Handlungsweise (oder besser: Untätigkeit) der Weimarer Republik, indem für die 1955 gegründete Bundeswehr auf Truppenfahnen verzichtet wurde. Aber auch diesmal hatten die politisch Verantwortlichen die 'militärische Kultur' offenbar unterschätzt.16 Obwohl der Bruch zwischen der Wehrmacht und der neuen Armee zweifellos viel tiefer war als der zwischen dem Heer des Kaiserreichs und der Reichswehr der Republik, verlangten doch nicht nur die noch "kriegsgedienten" Führungskader nach altvertrauten militärischen Formen und Symbolen.

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Erst als zunehmend inoffizielle Eigeninitiativen mit selbst gestalteten Feldzeichen in den Truppenteilen um sich griffen, entschied man sich im zehnten Jahr des Bestehens der Bundeswehr 1964 zur Verteilung von schwarz-rot-goldenen Truppenfahnen. (Abb. 6) Sie sind alle einheitlich nach dem Vorbild der zivilen Bundesdienstflagge mit dem Bundesadler gestaltet, nur haben sie eine quadratische Form.17 Die Bezeichnung des Truppenteils findet sich nur an der Stange (am Fahnenring) und den Fahnenbändern. Bei dieser äußerst schlichten Gestaltung der Bundeswehrfahnen verwundert umso mehr, dass ein ganz eigentümlicher Fehlgriff in die Traditionskiste unterlief: Die Fahnenspitzen wurden nämlich mit dem Eisernen Kreuz geziert; dies war eine Auszeichnung, die aus der Königlich Preußischen Armee übernommen wurde, dort aber ursprünglich ausschließlich Feldzeichen vorbehalten war, die "im Feuer gestanden hatten", also von der betreffenden Truppe im Krieg bei Kampfhandlungen geführt worden waren.18


Abb. 6: Truppenfahne der Bundeswehr. Aus: Taschenbuch für Wehrausbildung, 26. Auflage Regensburg / München / Wien 1967. Bayerisches Armeemuseum

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Obwohl sich die Bundeswehr offiziell nicht an die Genealogie der früheren deutschen Armeen anknüpfte, wurden in vielfacher Weise von Einheiten und an Standorten die "Traditionen" von Regimentern und Bataillonen der Alten Armee und teilweise auch der Wehrmacht "übernommen". So wurden bis zum Traditionserlass von 1982 auch immer wieder Feldzeichen der Alten Armee aus den Museen ausgeliehen und bei Veranstaltungen geführt.19 Als diese aus museal-konservatorischer Sicht extrem verwerfliche Praxis abgestellt wurde, dürfte sie politisch, 64 Jahre nach dem Ende der Monarchie, längst reichlich unbedenklich geworden sein.

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Bei der Schaffung der Nationalen Volksarmee der DDR wurden 1956 ohne Zögern Truppenfahnen eingeführt. Gestaltet waren die Fahnentücher rechteckig, schwarz-rot-golden gestreift mit dem Staatswappen (Hammer und Zirkel im Ährenkranz) in der Mitte, dieses wiederum eingefasst in einen roten Kreis mit der Aufschrift "Für den Schutz der Arbeiter-und-Bauern-Macht" als Wappen der NVA sowie einen Lorbeerkranz. (Abb. 7) Die Fahnen orientierten sich damit wie in der BRD dicht an der Staatsflagge, hoben aber die besondere Stellung der Armee hervor. Im oberen Drittel befand sich auf schwarzem Untergrund eingestickt die Bezeichnung des Truppenteils, womit an die alte Tradition eines 'Heiligtums' des jeweiligen Regiments angeknüpft wurde.