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D. Fulda, Friedrich als Lehrer der deutschen Nation?

Friedrich300 - Repräsentation und Selbstinszenierung Friedrichs des Großen

Daniel Fulda

Friedrich als Lehrer der deutschen Nation?

Sein Traktat De la littérature allemande 1

Abstract:

Sein Ansehen als Roi philosophe konnte Friedrich durch De la littérature allemande (1780) nicht mehren, im Gegenteil: Die deutsche Bildungsgesellschaft, die auf die eigene 'Literatur' stolz zu sein begonnen hatte, wies die königliche Selbstinszenierung als 'Lehrer der Nation' lebhaft zurück. Der Beitrag untersucht die Gründe für die fundamental auseinandergehenden Perspektiven des Königs und seiner Adressaten auf die damalige deutsche 'Literatur'. Argumentiert wird, dass beide Seiten mit unterschiedlichen Literaturbegriffen operierten: Während Friedrich noch einer Literatur im Sinne von kunstfertigem Umgang mit Sprache verpflichtet war – und damit einem mit höfischer Geselligkeit oder Repräsentation kompatiblen Literaturbegriff –, bildete sich in den kritischen Antworten auf seine Schrift der moderne Literaturbegriff heraus, der sich auf ein ausdifferenziertes Funktionssystem bezieht.

Eine Selbstinszenierung, die das Publikum zurückwies

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De la littérature allemande war wohl der größte Misserfolg, den Friedrichs II. Selbstinszenierung und 'Öffentlichkeitsarbeit' je hatte. Wie kam es dazu? Hätte der König die von diesem Traktrat erzielte Resonanz nicht besser kalkulieren können? Gilt auch in diesem Fall, was Jürgen Luh unlängst lakonisch konstatiert hat: "Friedrichs Tun war selten frei von Berechnung"? 2 Und wenn ja: wie konnte er sich dermaßen verrechnen?

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Selbstinszenierungen lassen sich nicht ohne Berücksichtigung des jeweils adressierten Publikums untersuchen 3 und ebenso wenig, ohne nach dem jeweils erreichten Publikum zu fragen. Der König schickte seinen Traktat an d'Alembert und über diesen an Melchior Grimm, die sich beide sehr beifällig äußerten. 4 Doch wendet sich De la littérature allemande nicht primär an die französischen Intellektuellen, die er seit seiner Kronprinzenzeit als Autoritäten des geistigen und künstlerischen Lebens anerkannte. Adressiert ist der Text vielmehr an einen nicht näher bezeichneten "Monsieur", der Deutschland – "notre commune Patrie" – liebe, was auch Friedrich für sich beansprucht (3). 5 Entsprechend offensiv wurde der königliche Traktat in Deutschland bekannt gemacht. Um das einheimische Publikum neugierig zu machen, versorgte der Hof die Berliner Zeitungen bereits vorweg mit Informationen über den Inhalt. Zudem erschien die vom preußischen Kriegs- und Archivrat Christian Wilhelm Dohm angefertigte, quasi offizielle deutsche Übersetzung so rasch wie möglich und ebenso beim Hofbuchdrucker Decker wie das französische Original.

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Tatsächlich fand De la l ittérature allemande große Resonanz in Deutschland, genauer: in der gesamtdeutschsprachigen Öffentlichkeit der Dichter und Zeitschriftenbeiträger. 6 Binnen Jahresfrist erschienen neun Erwiderungsschriften, die sich direkt auf Friedrich bezogen; hinzu kamen zahlreiche Besprechungen sowohl von Friedrichs Schrift (22 hat Erich Kästner gezählt) als auch der Erwiderungen (23 bei Kästner), erneute Stellungnahmen einiger Autoren sowie indirekte Bezugnahmen. In den Briefwechseln der wichtigen Autoren ist überdies dokumentiert, dass Friedrichs Schrift auch viele bewegte, die sich an der öffentlichen Debatte nicht beteiligten. Auf die eine oder andere Weise haben nahezu alle Großen und viele weniger Berühmte der deutschen Literaturszene Stellung genommen: Klopstock, Lichtenberg, Wieland, Herder, Goethe…; als Ausnahme ist eigentlich nur Lessing zu nennen, der am 15. Februar 1781 starb. Entsprechend gut verkaufte sich Friedrichs Schrift; im Erscheinungsmonat Dezember 1780 erschien gleich noch eine zweite Ausgabe in einem anderen Berliner Verlag; 1781 folgten weitere Drucke in Amsterdam und Hamburg. Außer der Dohm'schen Übersetzung erschienen 1781 noch drei weitere.

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So rasch die skizzierte Resonanz erfolgte und so stark sie in quantitativer Hinsicht war, so wenig Beifall trug sie Friedrich ein. Als einen Kenner der 'deutschen Literatur' und damit als kompetenten Beurteiler des gewählten Gegenstands nahm fast niemand den König wahr. Das gilt selbst für manche Autoren, die seinen Angriff auf den Götz von Berlichingen und die ganze "shakespearisch wütende Rotte" 7 guthießen. Wer sich prinzipiell, d. h. in Fragen des 'Geschmacks' an der Seite des Königs sah, widersprach ihm gleichwohl, indem er viele Namen und Werke deutscher Autoren anführte, die durchaus einen allgemeinen Aufschwung der deutschen Literatur seit Gottsched bezeugten. Andere Autoren stellten darüber hinaus die ästhetischen Prämissen des Königs in Frage: seine Fixierung auf die klassische französische Literatur von Corneille bis Voltaire und seinen – nicht widerspruchsfrei damit verbundenen – Glauben an angeblich überhistorische Normen und Regeln guter Literatur. Denn beide Prämissen machten es unmöglich, den eigenen Weg, den die deutsche Literatur zu ihrer Zeit und in ihrem Land gehen müsse, zu erkennen und anzuerkennen. 8

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Für Friedrichs kommunikativen Misserfolg ist es wichtig, dass nicht bloß den Urteilen und Ansichten des Königs ganz überwiegend widersprochen wurde. Vielmehr erschien er vielen – und gerade den künftig maßgeblichen – Kommentatoren gar nicht mehr als ernstzunehmender Diskussionsteilnehmer, oder genauer: als jemand, der sich durch seine Wortmeldung selbst aus dem Kreis der zu Hörenden hinauskatapultiert hat. Es klingt nur vordergründig bescheiden, wenn Goethe seine insultierende Beurteilung durch Friedrich wie folgt kommentiert: "Wenn der König meines Stücks in Unehren erwähnt, ist es mir nicht Befremdendes. Ein Vielgewaltiger, der Menschen zu Tausenden mit dem eisernen Szepter führt, muß die Produktion eines freien und ungezogenen Knaben unerträglich finden." 9 Das ist keine positive Charakterisierung, vor allem nicht im ästhetischen Feld, wie das weitere klarstellt: "Überdies möchte ein billiger und toleranter Geschmack wohl keine auszeichnende Eigenschaft eines Königs sein, so wenig sie ihm, wenn er sie auch hätte, einen großen Namen erwerben würde". Wie sehr Friedrich II. sein Ansehen beschädigte, wird am deutlichsten in nicht-öffentlichen Äußerungen, etwa in einem Brief des Prinzen August von Gotha an Herder:

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Soll man den[n] hintreten, und ausrufen: "Großer Mann, schweige! Du weist nicht, wovon du redest; du machst dich vor den Augen deiner Mitbürger und Zeitgenossen lächerlich; putze an deiner kriegerischen Rüstung, daß sie nicht verroste, und lasse den Staub auf den Büchern lieber liegen, die du hättest lesen sollen; gehe hin und schäme dich!" 10

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Nicht so ungeschminkt und ohne Häme, aber doch unmissverständlich verwies die bedeutendste deutsche Kulturzeitschrift, Wielands Teutscher Merkur , auf die Inkompetenz des Königs: Offensichtlich sei, "daß Er sie [unsre Literatur] in den neuern Zeiten Seiner königlichen Aufmerksamkeit […] nicht gewürdigt habe. Vieles Gutes, das sich bei uns hervorgetan, manche Mängel, die man uns noch vorwerfen kann, manche Fehler, in die wir gefallen sind, scheinen Ihm alle gleich unbekannt." 11

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Für uns heute mag klar sein, dass ästhetische Debatten keine Angelegenheit für Monarchen sind. Friedrich II. jedoch kannte noch nicht die moderne Ausdifferenzierung der Funktionssysteme Kunst und Politik. Sein Anspruch war es, als Monarch auch in der Philosophie und den 'schönen Wissenschaften' die Stimme zu erheben, und zwar als Monarch. Seinen Traktrat De la l ittérature allemande leitet er zwar ein, indem er sich als Glied der "République des lettres" präsentiert, das seine Meinung ebenso zur Diskussion stelle, wie es andere anerkenne (4). (Genau genommen erschien die Schrift anonym, doch wurde sie selbst von der Regierung als Friedrichs Werk 'promotet'.) Unterstellt er sich zunächst einem egalitären Prinzip, so wird im Fortgang des Textes deutlich, dass hier einer spricht, der üblicherweise Anweisungen gibt. Beide Aspekte fasst der Rollentitel Roi philosophe zusammen, den sich Friedrich im Grunde schon vor seinem Regierungsantritt von Voltaire hatte verleihen lassen.

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Für einen Monarchen war der Eintritt in die Gelehrtenrepublik einerseits mit Bescheidung verbunden, nämlich mit dem zeitweiligen Verzicht auf herrscherliche Machtsprüche. Andererseits bedeutete er einen intellektuellen Anspruch der erst einmal erfüllt werden musste. Im Verkehr mit Voltaire und Holbach, in der Berliner Akademie und als Historiograph war es Friedrich gelungen, diesen Anspruch einzulösen. 12 Entsprechend nennt ihn eine Kommentarschrift den "gekrönten Philosophen". 13 Anspielungen auf Friedrichs topisches Ideal, den Philosophenkaiser Mark Aurel, finden sich in den Reaktionen ebenfalls. De la l ittérature allemande verdunkelte dieses Bild. Man geht nicht zu weit, wenn man sagt, Friedrich habe sein Ansehen in der deutschen literarischen Öffentlichkeit damit ruiniert. Imagepolitisch war die Schrift ein " Fiasko". 14

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Man fragt sich: Wie konnte Friedrich eine so leicht angreifbare Kritik an der 'deutschen Literatur' veröffentlichen? Scherte er sich nicht um die Meinung der deutschen Bildungsschicht, oder schätzte er die Rezeptionsvoraussetzungen völlig falsch ein? Dass er seine Schrift planmäßig an die deutsche Öffentlichkeit adressierte – also nicht vornehmlich an die philosophes in Frankreich –, ist aus den Publikationsumständen sicher zu erschließen. Und er machte dieser Öffentlichkeit durchaus ein 'Angebot'. Trotz scharfer Polemik gegen die zeitgenössische deutsche 'Literatur' schließt De la littérature allemande versöhnlich, nämlich mit einer verheißungsvollen Zukunftsvision:

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Nous aurons nos auteurs classiques; chacun, pour en profiter, voudra les lire; nos voisins apprendront l'allemand; les Cours le parleront avec délice; & il pourra arriver que notre langue polie & perfectionnée s'étende en faveur de nos bons Ecrivains d'un bout de l'Europe à l'autre. Ces beaux jours de notre Littérature ne sont pas encore venus; mais ils s'approchent. Je vous les annonce, ils vont paroître; je ne les verrai pas, mon âge m'en interdit l'espérance. Je suis comme Moïse; je vois de loin la Terre promise, mais je n'y entrerai pas. (79f.)

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War das kein 'Angebot', das die deutsche Öffentlichkeit hätte annehmen können?

Verschiedene Literaturbegriffe

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Der Schlüssel zu all diesen Fragen liegt, so meine These, in einem historisch angemessenen Verständnis des Titelbegriffs l ittérature/Literatur . Merkwürdigerweise hat sich die Forschung darum nie gekümmert, obwohl der Begriff im 18. Jahrhundert fundamentale semantische Verschiebungen erfuhr. Wie ich zeigen möchte, arbeitet Friedrich in seiner Schrift mit einem deutlich anderen Begriffsgerüst als seine Leser, so dass man weitgehend aneinander vorbeiredete. Entgegen einer naheliegenden Vermutung spielte die Sprachdifferenz – die meisten Gegenschriften erschienen auf Deutsch – dabei keine entscheidende Rolle.

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Mit Literatur meinen wir meist sprachkünstlerische Texte im fiktionalen Aussagemodus. 'Literatur' sind Romane und Erzählungen, Gedichte, Dramen, u. U. auch Autobiographien, Reiseberichte, Tagebücher, Essays, wenn sie von 'literarischen', d. h. ästhetisch ambitionierten Autoren verfasst sind. Weil wir an solche Texte denken, wenn von 'Literatur' die Rede ist, wird aus Friedrichs Literatur -Traktat vorzugsweise die Stelle über Goethe und Shakespeare zitiert ("ces farces ridicules & dignes des Sauvages du Canada", 46), obwohl es sich keineswegs um die einzige und auch nicht um die längste Polemik handelt. Und man misst Friedrichs Kenntnis der seinerzeitigen 'Literatur' daran, welche Autoren von Dramen, Gedichten usw. er nennt. Das sind Gellert (1715–69), der Freiherr von Canitz (1654–99), Salomon Geßner (1730–88) und sowie der österreichische Generalmajor Cornelius Hermann von Ayrenhoff (1733–1819).

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Diese Auswahl ist nicht ganz so bizarr, wie es gerne dargestellt wird. Canitz galt im frühen 18. Jahrhundert tatsächlich als 'klassischer Autor'; Ayrenhoffs Postzug von 1769 war in Berlin bis 1781 das meistgespielte Drama überhaupt. Gellert war mit seinen Fabeln und Erzählungen von 1746/48 ebenso wie Geßner mit seinen Idyllen von 1756 ein vielgerühmter Autor mit großer Leserschaft und europäischer Resonanz. Dem Geschmack der meisten Leser, egal ob im Bürgertum oder im Adel, haben Gellert und Geßner auch um 1780 noch weit eher entsprochen als Lessing mit seinen deutlich anspruchsvolleren Texten oder gar die rebellischen Dramen des Sturm und Drang. 30 Jahre nach ihren Erfolgswerken waren Gellert und Geßner etwa so unzeitgemäß oder eben doch repräsentativ für ein verbreitetes Bild von der 'deutschen Literatur', wie wenn man als heutige Spitzenautoren Christa Wolf (1929–2011) und Günter Grass (*1927) anführen würde.

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Verstörender als jene Auswahl wirkt heute und wirkte schon damals, dass Friedrich lediglich sechs deutsche Dichter nennt (einschließlich des ungenannten Autors des Götz ), obwohl er Über die deutsche Literatur schreibt. Daran nahmen die Antworten auf Friedrich auch dann Anstoß, wenn sie seine ästhetischen Prämissen teilen. In welchem Sinne aber schreibt Friedrich über 'die deutsche Literatur'? Auf den 80 Seiten des französischen Originals kommt das Wort l ittérature lediglich sieben Mal vor: einmal im Titel; einmal im ersten Satz, der das Thema im Grunde noch einmal formuliert; ein weiteres Mal vier Sätze weiter ("mes idées sur la Littérature ancienne & moderne", 4); zwei Mal in identischem Formulierungskontext im letzten Absatz (die schon zitierten "beaux jours de notre Littérature", die noch nicht gekommen, aber zu erwarten seien, 80); dazwischen nur zwei Mal mit Bezug auf "la littérature & le bon goût", in denen Frankreich seit Ludwig XIV. führend sei (73f.), sowie "les trésors de la Littérature", die es auch für Deutschland durch Selbsterkenntnis und konzentrierte Arbeit nach den besten Vorbildern zu gewinnen gelte, um die "gloire nationale" vollkommen zu machen (39). 15

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Meist verwendet Friedrich andere Begriffe – und zwar um dieselbe Sache zu bezeichnen. Die Förderung, die Ludwig XIV. der 'Literatur' angedeihen ließ, sollten, so Friedrich, endlich auch die deutschen Regenten den "Lettres" zuwenden (79). "Les ouvrages Classiques anciens et modernes" sollten ins Deutsche übersetzt werden, damit sie in die Breite wirken können, "en rendant communes les sciences qui étoient si rares autrefois" (77, Hervorh. von mir). Wohlgemerkt macht Friedrich zwischen lettres und sciences keinen Unterschied. Beides sind Bezeichnungen für jene geistige Tätigkeit im Medium der Sprache, die es zu kultivieren gilt. Und auf nichts anderes bezieht sich auch Friedrichs Begriff l ittérature .

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Es wäre ein anachronistisches Missverständnis, in das Nebeneinander der drei Begriffe denotative Unterschiede hineinzulesen: also zwischen a) 'harten' Wissenschaften auf logischer oder experimenteller Basis ( sciences ), b) Wissensformen ohne Gewissheit, die aber durch ansprechenden Sprachgebrauch für sich einnehmen können ( lettres ), und c) einer Sprachkunst in dominant fiktionalem Aussagemodus ( littérature ). Friedrichs Schrift macht diese Unterschiede nicht. Das ist der fast immer übersehene, aber entscheidende Punkt. Es geht in De la l ittérature allemande gar nicht speziell um das, was wir als Literatur bezeichnen, sondern um Schriftkultur in einem breiten Spektrum, das von der akademischen Gelehrsamkeit über 'Sachliteratur' für ein breiteres Publikum bis hin zur Dichtung reicht.

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Deshalb handelt Friedrich breit vom Zustand des Unterrichts in den Schulen und besonders den Universitäten und legt seine Vorstellungen dar, wie methodisch richtige und effektive Lehre auszusehen hat. Deshalb spricht er um einiges ausführlicher über Philosophie und Historie als über die 'schöne Literatur'. Seine prima vista grotesk lückenhafte Darstellung der 'deutschen Literatur' (in unserem engeren Sinne) muss in diesem weiteren Kontext gesehen werden. Dadurch ändert sich nichts daran, dass Friedrich tatsächlich wenig Kenntnis von ihr hatte. Wenig über die 'schöne Literatur' zu sagen stellt sich in diesem Kontext aber nicht mehr als kapitales Scheitern an einer selbstgestellten Aufgabe dar, sondern als angelegt in einem anderen Literaturverständnis.

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Mehr Raum als die deutsche Literatur im heutigen, engeren Sinne nehmen in Friedrichs Traktat nicht nur die Schriftkultur insgesamt, sondern auch die Deutlichkeit, die Eleganz und der Klang der deutschen Sprache ein. Es geht dabei nicht um die Eignung des Deutschen speziell zur Poesie, sondern ganz allgemein um seine Ausdrucksmöglichkeiten. Auf "clarté" und "netteté" kommt es ebenso in den "sciences" an (48). Ist die Sprache "ni formée, ni polie" (5), so sind die Anstrengungen aller Autoren vergeblich, weil sie weder einen deutlichen Gedanken zu fassen noch für ihre Gedanken ein Publikum zu gewinnen vermögen. Die Sprache ist für Friedrich das wesentliche Instrument und damit die Bedingung jeglicher geistiger und gesellschaftlicher Kultivierung. In der schönen Literatur ist diese Bedingtheit allenfalls besonders eklatant.

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Von diesem Punkt her können wir die 'Literatur', von der Friedrich handelt, wie folgt genauer bestimmen: Gemeint ist die Schriftkultur, die die Ausdruckmöglichkeiten der Sprache – und das Vergnügen an ihr – nutzt und steigert. Die lateinische Wurzel des Wortes ( littera = Buchstabe) spielt in diesem Begriffsverständnis noch eine wesentliche Rolle. Mit der modernen (Fast-)Gleichsetzung mit 'Dichtung' hat Friedrichs Literaturbegriff noch nichts zu schaffen.

Selektive Wahrnehmung

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In einem Punkt stimmten alle, in einem zweiten Punkt fast alle Respondenten überein: Alle meinten, der König kenne die 'deutsche Literatur', über die er schreibe, nur ganz unzureichend. Für die Autorität, die Friedrich als Gesprächsteilnehmer in der Republique des lettres in Anspruch nahm, war das wenig günstig.

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Fast alle Respondenten stimmten zudem in einem zweiten Punkt überein: Außer in Johann Karl Wezels Abhandlung Über Sprache, Wissenschaften und Geschmack der Teutschen , die auch in ihrem Umfang von über 300 Seiten den üblichen Rahmen sprengt, fasst niemand ein so weites Spektrum der Schriftkultur ins Auge wie Friedrich. 16 Allein Wezel nimmt die königliche Vorgabe auf und äußert sich sowohl über die universitären Wissenschaften als auch über Literatur (im engeren, modernen Sinne) und über die Sprache im Allgemeinen. Die anderen Antwortschriften verengen den Betrachtungsraum, entweder auf die 'schönen Wissenschaften', d. h. Geschichte, Beredsamkeit und Poesie, teilweise ergänzt durch die Philosophie und andere Künste, oder vollends auf die Literatur im engeren Sinne. Argumente gegen Friedrichs Diagnose, die deutsche Sprach- und Schriftkultur sei noch weit zurück, werden fast ausschließlich aus dem Bereich der 'schönen Literatur' geholt. Die wenigen Geschichtsschreiber oder Redner, die man dem König entgegenhält, wirken dagegen wie bloß der Vollständigkeit halber angeführt. Hatte Friedrich das 'gesamte' Spektrum der schriftsprachlichen Kultur im Auge, so konzentrieren sich die ihm Antwortenden auf die Belletristik der fiktionalen Literatur bzw. auf den ästhetischen Bereich.

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In der Regel entspricht dieser sachlichen Verengung eine 'verengte' oder besser spezifizierte Semantik des Literaturbegriffs. Die recht akkurate Besprechung in der Hamburgischen Neuen Zeitung unterscheidet zwischen "ernsthaften" und "schönen Wissenschaften" sowie "schöner Literatur", um in der Folge die Literatur und die Wissenschaften nebeneinander zu gebrauchen, und zwar nicht als Synonyme – wie bei Friedrich –, sondern als distinkte Bezeichnungen, die erst im Ensemble das ganze Spektrum des vom König Behandelten abdecken. 17 Ähnlich das Verständnis von 'Literatur' bei Ayrenhoff: Friedrichs Titel Über die deutsche Literatur sei so zu verstehen, dass der König "uns zuvörderst die Fehler unserer schönen Literatur zeigen" wolle; deshalb habe er so wenige "unserer Belletristen " angeführt, während die höher geschätzte Philosophie besser repräsentiert sei. 18 Friedrichs Wortgebrauch und ebenso die Intention seiner Schrift werden damit sicher nicht zutreffend charakterisiert, doch finden wir in Ayrenhoffs Umdeutung eine semantische Verschiebung dokumentiert, die allgemein kennzeichnend ist für die unterschiedlichen Verständnishorizonte des königlichen Autors und seiner Leser bzw. Respondenten. Für den kommunikativen Misserfolg des Königs war, so meine These, diese semantische Verschiebung wesentlich mitverantwortlich.

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Sie erklärt, dass Friedrichs kritische Einschätzung des schriftkulturellen Niveaus in Deutschland vor allem als Unwerturteil über die 'schöne Literatur' in deutscher Sprache wahrgenommen wurde. Und sie erklärt – nicht vollständig, aber weit mehr als in der bisherigen Forschung bedacht –, warum Friedrich so lebhaft widersprochen wurde, und zwar auch von Autoren, die sich auf seiner Seite sahen. Ein kritisches Urteil über die deutsche Literatur (im engeren Sinne) musste um 1780 weit mehr Gegenstimmen mobilisieren als das gleiche Urteil über die Philosophie, die Historie oder die Rechtswissenschaft. Denn die Literatur (im engeren Sinne) war seit Gottsched zum vorzüglichen Medium aufklärerischer Selbstverständigung und bürgerlicher Selbstbildung aufgestiegen. Sie wurde in den höchsten Titelzahlen verlegt, 19 hatte die meisten Leser und fand die größte Resonanz in der publizistischen Öffentlichkeit. Zudem hatte man um 1780 längst begonnen, auf den qualitativen Aufstieg der deutschen Literatur (ebenfalls seit Gottsched, gesteigert seit Klopstock, Lessing, Wieland u. a.) stolz zu sein. 20

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Ähnliche Stolzzuwächse in der Philosophie oder den Jura hatte es nicht gegeben; hier war seit den anerkannt großen deutschen Autoren (Leibniz, Wolff; Thomasius) einige Zeit vergangen. In der Historie wiederum war es allgemeiner Konsens, dass man in Deutschland weit hinter den anderen Nationen zurückgeblieben sei, weil es die hiesigen Geschichtsschreiber nicht vermöchten, das mit gelehrtem Fleiß zusammengetragene Material zu einer kohärenten und dadurch erklärenden und außerdem anschaulichen und dadurch eindrücklichen Erzählung zusammenzufügen. Deshalb forderten selbst führende Professoren wie der Göttinger Johann Christoph Gatterer, die Deutschen müssten "die guten Muster der Alten zuerst studieren und nachahmen"– also ganz Ähnliches wie Friedrich. 21 Hinsichtlich der Historie hatten die auf Friedrich Antwortenden kaum etwas an seiner Kritik auszusetzen. Wezel, der als einziger näher auf diese Wissenschaft eingeht, untermauert vielmehr die königliche Kritik: "Wir haben viele gute Forscher, Untersucher, Lehrer, Sammler, viele Zusammenträger der Geschichte, wenn mir dieses Wort erlaubt ist, aber keinen einzigen Geschichtschreiber". 22

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Erinnert sei an dieser Stelle noch einmal daran, dass De la l ittérature allemande weit ausführlicher auf die in Deutschland gepflegte Historiographie eingeht als auf die 'schöne Literatur' – und mindestens ebenso despektierlich. Historiographie war für den Autor Friedrich die wichtigste 'literarische' Gattung, und als Leser interessierte sie ihn nach der französischen Poesie am stärksten 23 – sein Lieblingsautor Voltaire brillierte ja auf beiden Feldern. Auch in der zeitgenössischen deutschen Diskussion waren Friedrichs Ansichten zur Historiographie durchaus anschluss- und sogar mehrheitsfähig. Wenn sich das Publikum für diesen Teil seiner Schrift jedoch so gut wie nicht interessierte und sich stattdessen an einer Textgruppe festbiss, die dem König fernlag, dann stellen sich die Horizonte von Autor und Publikum als weitgehend überschneidungsfrei dar. Ermöglicht wurde diese Perspektivendifferenz durch auseinandergehende Begriffe von Literatur : Gestattete ein weiter Literaturbegriff dem König, sich bevorzugt mit der anerkanntermaßen nicht "lesbare[n]" 24 deutschen Historie zu beschäftigen, so lenkte der engere Literaturbegriff den Blick auf ein in der deutschen Öffentlichkeit seit einigen Jahren viel positiver beurteiltes Feld.

Littérature/Litteratur – ein Begriff im historischen Umbruch

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Wie kam es zu so unterschiedlichen Literaturbegriffen? Littérature bezeichnete im 18. Jahrhundert zunächst die allgemeine Fähigkeit, sich schriftkulturell zu betätigen – auf Deutsch hätte man gesagt: Gelehrsamkeit . 25 Schon in der ersten Jahrhunderthälfte weitete sich die Bedeutung aber – und verschob sich zunehmend – hin zu den Produkten dieser Tätigkeit. Teile der so verstandenen littérature , also lettres konnten selbst Physik und Mathematik sein. Eine Untergruppe bildeten die belles-lettres , die aus Philologie, Beredsamkeit, Historie, Poesie und zunächst auch Philosophie bestanden. Die Poesie war demnach ein relativ kleiner Teil der littérature , wenngleich für ihre Anhänger ein besonderer, nämlich "la partie la plus brillante", wie es 1787 bei Marmontel heißt. 26 Dem Wortgebrauch in De la l ittérature allemande liegt dieses Begriffsgefüge zugrunde.

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Den universalen Literaturbegriff benutzen wir noch heute, wenn wir 'Literatur' zu einem Forschungsthema sammeln. Im Vordergrund steht für uns jedoch die Bedeutung 'künstlerisch ambitionierte, meist fiktionale Texte'. Dieser 'enge' Literaturbegriff hat sich seit der Mitte des 18. Jahrhundert herausgebildet. Als entscheidend gilt dabei die Herauslösung der Poesie aus den belles-lettres , ihre Zusammenfassung mit der künstlerischen Prosa unter dem sie tragenden Vermögen der imagination sowie ihre damit vollzogene Abgrenzung von den Wissenschaften und anderen Künsten, die d'Alembert 1751 im Discours préliminaire der Encyclopédie vollzog; der Begriff littérature wurde der neugebildeten Textgruppe dann in der Rezeption dieser Neu-Ordnung übertragen. 27 Friedrichs Text folgt nicht dieser neuen Terminologie, obwohl er deutlich später erschien. Trotzdem kann man den Sprachgebrauch von De la l ittérature allemande nicht als veraltet einstufen, denn der ältere, weite Literaturbegriff wurde noch über Jahrzehnte hinweg verwandt und verschwand erst allmählich. 28

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Im Deutschen bezeichnet Litteratur gleichfalls zunächst die Fähigkeiten oder den 'Habitus' des in der Schriftkultur Bewanderten, des homo litteratus oder Gelehrten . 29 In der Jahrhundertmitte verschiebt sich die Bedeutung, dem französischen littérature analog, zum Objektbegriff: Litteratur als 'Schrifttum'. Teilweise (nicht vollständig) geht damit eine Verengung auf Philologie, Ästhetik, Beredsamkeit, Geschichte und Poesie sowie manchmal auch Philosophie einher. Die von Lessing, Nicolai und Mendelssohn herausgegebenen und meist auch verfassten Briefe, die neueste Litteratur betreffend (1759–65) sind dafür ein berühmtes Beispiel. Häufiger allerdings werden diese Humaniora als schöne Wissenschaften zusammengefasst. 30 In diesem Sinne spricht etwa Justus Möser von den "schönen Wissenschaften", um das von Friedrich behandelte Gebiet begrifflich zu fassen. 31 Schon damit beschneidet er es beträchtlich, nämlich um alle 'ernsten Wissenschaften'. Die weitere, uns geläufige Verengung des deutschen Begriffs auf die 'schöne Literatur' der Poesie und künstlerischen Prosa ist um 1780 noch nicht vollzogen. Noch 1791 expliziert das Nouveau Dictionnaire De La Langue Françoise Et Allemande von Christian Friedrich Schwan das Stichwort littérature im alten bzw. um die Jahrhundertmitte neugebildeten Sinne als "Gelehrsamkeit besonders in Absicht der schönen Wissenschaften" und nennt die Übersetzung Literatur nur "mit Einschränkung" (soll wohl heißen: wegen mangelnder Geläufigkeit). 32

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Friedrichs Französischem wird im Allgemeinen attestiert, dass es auf dem Entwicklungsstand der 1730er Jahre stehengeblieben sei und sogar noch ältere, hugenottische Einflüsse bewahrt habe. Der weite Gebrauch des Literaturbegriffs für die gesamte Schriftkultur stand mit dem Französischen von 1780 aber durchaus im Einklang, auch wenn es seit der Jahrhundertmitte eine Tendenz zur Verengung auf die 'schöne Literatur' im modernen Sinne gab. Im Deutschen lief die prinzipiell ähnliche Begriffsentwicklung sogar noch etwas verzögert ab. Das bedeutet: Die Leser von Friedrichs Schrift waren nicht durch ein im Deutschen bereits etabliertes enges Verständnis von Literatur dazu disponiert, ihre Aufmerksamkeit vorwiegend auf die 'schöne Literatur' zu richten, obwohl der König die gesamte deutsche Schriftkultur und alle vier Fakultäten seiner Prüfung unterzog. Die Diskussion um De la l ittérature allemande ist vielmehr als Katalysator dieser Verengung anzusehen. 33 Erst durch die Art und Weise, wie die deutschen Intellektuellen die königliche Kritik an der deutschen 'Literatur' wahrnahmen und zurückwiesen, verengten sie den Literaturbegriff.

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Effektiv hieß das, dass die deutsche Begriffsentwicklung zur französischen aufschloss. Insofern hatte der königliche Traktat durchaus beträchtliche Wirkung, wenn auch nicht der Absicht des Autors gemäß. Wie ich zeigen wollte, folgte das deutsche Publikum nicht etwa dem Vorbild des französisch schreibenden Königs, denn Friedrich verwandte l ittérature ja im älteren umfassenden Sinne. Verquererweise erfolgte die Begriffsverengung analog zum Französischen l ittérature als Reaktion gegen Friedrichs Frankophilie und als Absetzung von seinem Begriffsgebrauch.

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Welcher kulturelle und soziale Wandel steckt dann aber in der Konzentration auf 'schöne Literatur', die sich mit der Debatte über De la l ittérature allemande vollzog? Zu verstehen ist die hier zu beobachtende Herausbildung des modernen Literaturbegriffs von der außerordentlich hohen Wertigkeit dieser Diskursformation in der deutschen Bildungsgesellschaft her. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts gehörte die Poesie zu einem breitgefächerten Ensemble gelehrter Betätigungen; ihm wurde sie nicht anders zugerechnet als die Philosophie, die Jura, die Historie. Etwa 1730 setzte jedoch ein sich steigernder Emphatisierungsprozess ein, dessen verschiedene Aspekte und Stufen wenigstens stichwortartig benannt seien: zunächst die Bevorzugung der 'schönen Literatur' vor den anderen 'Literaturgenres', weil sie Vergnügen bereite und deshalb besser geeignet sei , zur (moralischen) Belehrung breiterer Rezipientenkreise (Gottsched und Gellert); sodann ihre Höherschätzung, weil sie emotionale Expressionen ebenso wie Weltdeutungen ermögliche, die in anderen Diskursformationen keinen Platz haben (Klopstock); schließlich ihre Autonomisierung zu einem Gegendiskurs, der allein die Aporien der Gesellschaft ebenso wie des – gleichfalls autonomisierten – Individuums zur Sprache zu bringen vermöge ( Die Leiden des jungen Werthers und andere Texte des jungen Goethe).

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Die 'schöne Literatur' setzte sich dadurch schrittweise von den anderen Diskursen der Gesellschaft ab, und zwar auch von anderen Formen kultivierter Sprachverwendung ('Literatur' im älteren, umfassenden Sinne). Die 'Zwischenlösung', die schöne Literatur weiterhin unter die Wissenschaften zu rechnen, aber unter die besondere Gruppe der Schönen Wissenschaften, war seit der zusätzlichen Emphatisierung durch den Sturm und Drang nicht mehr plausibel. Systemtheoretisch kann man von der Ausdifferenzierung eines eigenen Systems sprechen, das eine spezifische Aufgabe hat, die in den anderen Funktionssystemen der Gesellschaft nicht erfüllt wird.

Im Nebeneinander des Ungleichzeitigen: Friedrichs Scheitern als Lehrer der deutschen Nation

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Die 'Literatur', die Friedrich meint, ist von solcher Ausdifferenzierung nicht einmal ansatzweise berührt. Nicht nur, weil er die Poesie lediglich als eine Form unter vielen lettres oder sciences behandelt, deren gemeinsames Kennzeichen der kultivierte Umgang mit Sprache ist. Sondern auch, weil er sich dieser vormodern umfassenden 'Literatur' viel enger verbunden fühlen konnte, als dies bei der systemisch ausdifferenzierten Literatur möglich gewesen wäre. An der vormodern umfassenden 'Literatur' konnte Friedrich teilhaben : als Kenner, als Autor und sogar als König. Die Teilhabe als König war für ihn bekanntlich nicht weniger als identitätsgebend; nichts anderes meint die von ihm beanspruchte und von seinen Zeitgenossen hochgerühmte Qualität eines roi philosophe .

<36>

Kleine Nebenbemerkung: Ich würde dabei nicht ganz so forsch von einer Inszenierung als bloßer Außendarstellung sprechen wie Andreas Pečar und möchte auch nicht voraussetzen, dass dieser Außendarstellung keine "tiefe Überzeugung und innere Haltung" entspricht. 34 Denn die damit zugrunde gelegte Unterscheidung eines 'eigentlichen' Innen und eines strategisch stilisierten 'Außen' setzt eine Individualität und Gesellschaft gegenüberstellende Anthropologie voraus, die sich jedoch erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts etablierte. Rollen scheinen mir bei Friedrich weniger etwas souverän Gespieltes als allererst identitätsgebend zu sein.

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Die von Friedrich gewählte Rolle könnte man ebenso als die eines 'literarischen Königs' bezeichnen, wenn 'literarisch' dabei vormodern verstanden wird. Ein literarischer König war er in einer ganzen Reihe von Rollen, nämlich als Heer‑ und Staatsführer, der selbst Geschichte schrieb, d. h. der seine Taten beschrieb, als Förderer und Beschützer der Wissenschaften und Künste – erinnert sei an seine aktive Rolle in der Berliner Akademie sowie die Zuflucht, die er Voltaire und anderen bot – und schließlich in der Geselligkeit seines Hofes. 'Literarisch' ist dieser König, weil er des kultivierten Sprachgebrauchs fähig ist und Sinn dafür hat: für Scharfsinn, Zuspitzung, Eleganz, Ironie, esprit . Als literarisch gewandt in diesem Sinne konnte man sich schon im Tischgespräch erweisen, und die genannten Stilideale prägen auch De la littérature allemande , wo sich Friedrich weit weniger an korrekten Details und präziser Begrifflichkeit als an Pointen interessiert zeigt. 35 Es handelt sich um eine Literarität, die eng mit den Lebensformen, den Kommunikationsidealen sowie den kasualen Repräsentationsbedürfnissen der alteuropäischen Oberschichten verwoben ist. Mit dem Rollenideal eines Fürsten ist sie ebenso vereinbar wie mit den Aufgaben eines Geschichtsschreibers oder eines Predigers.

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1780 war diese Literarität noch nicht "veraltet und überholt" 36 und erst recht nicht tot – so wie das ancien régime ja noch bestand. In der neuen Öffentlichkeit der Zeitschriften hatte sich seit einem halben Jahrhundert jedoch ein weit anspruchsvolleres Verständnis von Sprachkunst und ihren Funktionen herausgebildet. Diese Diskrepanz der Verständnishorizonte einerseits des Königs, andererseits des von ihm adressierten Publikums muss gesehen werden, um Friedrichs Schrift und deren massive Zurückweisung verstehen zu können. Im Horizont des von Friedrich gebrauchten Literaturbegriffs – der gerade erst 'im Veralten begriffen' war – war es ein richtiges und Beifall verdienendes Unternehmen, dass der roi philosophe seine Vorstellungen für die Verbesserung der Schulen und Universitäten des Landes sowie zur Sprachpflege in die Öffentlichkeit brachte. Wenn ein Leipziger Professor sich als Lehrer der deutschen Nation hatte betätigen können, 37 so musste ein zwar nicht im Schulsinn gelehrter, aber international als homme de lettres anerkannter König von Preußen erst recht dazu berechtigt sein, ja sogar sich verpflichtet sehen.

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Im Horizont der funktional ausdifferenzierten Literatur – bzw. sobald man mit dem neuen Literaturbegriff operierte – musste Friedrich hingegen als Dilettant wahrgenommen werden, der seine politische und militärische Autorität ebenso irrig wie illegitimerweise auf einem Feld einzusetzen versuchte, für das er in keiner Weise zuständig war. Denn auf dem stark verkleinerten, aber enorm aufgewerteten Feld des eben jetzt sich ausbildenden neuen Literaturbegriffs konnte sich Friedrich weder durch eigene Fähigkeiten ausweisen, noch wurde seine Macht anerkannt. Der moderne Betrachter mag darin eine Zurückweisung sehen, die für einen König nicht viel bedeutet haben kann. Für den roi philosophe sah das anders aus.

Autor:

Prof. Dr. Daniel Fulda
Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung
Universität Halle-Wittenberg
06099 Halle an der Saale
Daniel.Fulda@germanistik.uni-halle.de

1 Der hier publizierte Text entspricht weitgehend dem in Potsdam gehaltenen Vortrag. Eine thematisch verschobene und erheblich ausgeweitete Fassung mit Schwerpunkt auf dem Wandel des Literaturbegriffs im 18. Jahrhundert und dessen zwischen Friedrich und seinen Respondenten auseinandergehender Verwendung erschien 2013 in der Germanisch-Romanischen Monatsschrift ( N. F., Bd. 63, S. 225–243) unter dem Titel " De la littérature allemande . Friedrich II. von Preußen, das deutsche Publikum und die Herausbildung des modernen Literaturbegriffs". Ebendort finden sich gründlichere Quellennachweise und Forschungsbezüge.

2 Jürgen Luh: Der Große. Friedrich II. von Preußen. Berlin 2011, 222.

3 Vgl. Andreas Pečar: Friedrich der Große als Autor. Plädoyer für eine adressantenorientierte Lektüre seiner Schriften, in: Michael Kaiser / Jürgen Luh (Hg.): Friedrich der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme. Beiträge des ersten Colloquiums in der Reihe "Friedrich300"vom 28./29. September 2007 (= Friedrich300-Colloquien 1), http://www.perspectivia.net/content/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-bestandsaufnahme/pecar_autor <05.02.2014>, <49>

4 Vgl. die Zusammenstellung der einschlägigen Briefstellen bei Hans Droysen: Beiträge zu einer Bibliographie der prosaischen Schriften Friedrich des Großen, Berlin 1904, Bd. 1, 19 , http://www.friedrich.uni-trier.de/droysen/1/19/text/ <05.02.2014>.

5 Seitenangaben im Haupttext beziehen sich auf [Frederic II, roi de Prusse]: De la litterature allemande; des defauts qu'on peut lui reprocher; quelles en sont les causes; et par quels moyens on peut les corriger, Berlin 1780.

6 Vgl. Erich Kästner: Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Die Erwiderungen auf seine Schrift "De la littérature allemande"(= Studien zur Poetik und Geschichte der Literatur 21), Stuttgart [u.a.] 1972 [ersch. zuerst als Phil. Diss. Leipzig, 1925]; einen knappen Überblick gibt Christoph Gutknecht/Peter Kerner (Hg.): Friedrich der Große: De la littérature allemande. Franz.-deutsch. Mit d. Möserschen Gegenschrift. Krit. Ausg. (= Hamburger philologische Studien 4), Hamburg 1969, 11–30.

7 So Johannes Müller – dessen Geschichte der Schweizer soeben erschienen war – in einem Brief an Gleim vom 28.11.1780, zit. bei Gutknecht / Kerner (Hg.): Friedrich der Große: De la Littérature allemande (wie Anm. 5), 12.

8 Diese Position formulierte die berühmteste Gegenschrift, [Justus Möser:] Über die deutsche Sprache und Litteratur. An einen Freund, Hamburg 1781.

9 Brief an Jenny von Voigts vom 21.06.1781, in: Horst Steinmetz (Hg.): Friedrich II. und die deutsche Literatur. Texte und Dokumente (= RUB 2211). Stuttgart 1985, 144.

10 Brief vom 21.03.1781, zit. nach Bernhard Suphan: Friedrichs des Großen Schrift über die Deutsche Litteratur, Berlin 1888, 38.

11 Vgl. Steinmetz: Friedrich II. und die deutsche Literatur (wie Anm. 9), 154 .

12 Andreas Pečar: Friedrich der Große als Roi Philosophe. Rom und Paris als Bezugspunkte für das königliche Herrscherbild, in: Michael Kaiser / Jürgen Luh (Hg.): Friedrich der Große: Politik und Kulturtransfer im europäischen Kontext. Beiträge des vierten Colloquiums in der Reihe "Friedrich300"vom 24./25. September 2010 (= Friedrich300-Colloquien 4), http://www.perspectivia.net/content/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-kulturtransfer/pecar_roi-philosophe <05.02.2014> ; vgl. Ulrich Sachse: Caesar und Cicero sind seine Lehrer, in: Friederisiko. Friedrich der Große. Die Ausstellung. Unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Joachim Gauck. [Hg. von der Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.] München 2012, 162–167.

13 Cornelius Hermann von Ayrenhoff: Schreiben an den Herrn Grafen Max von Lamberg über das Werk "De la littérature allemande"von Friedrich II., in: Steinmetz (Hg.): Friedrich II. und die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts (wie Anm. 9), 100–122, hier 100.

14 So Iwan-Michelangelo D'Aprile: Aufklärung, Toleranz und Wissenschaft in Preußen, in: Friederisiko (wie Anm. 12), 88–107, hier 90.

15 Zur französischen Tradition nationalliterarischer Verbesserungsprogramme vgl. jetzt Jürgen von Stackelberg: Überlegungen zu Friedrichs des Großen "De la littérature allemande", in: Germanisch-Romanische Monatsschrift N. F. 62 (2012), 471–477.

16 Johann Karl Wezel: Über Sprache, Wissenschaften und Geschmack der Teutschen [1781], in: ders.: Gesamtausgabe in acht Bänden. Jenaer Ausgabe, hg. von Klaus Manger in Zus ammena rbeit mit Bernd Auerochs [u. a.], Bd. 6. hg. von Hans-Peter Nowitzki, Heidelberg 2006, 49–198.

17 Erschienen im 1. Stück 1781 der Beiträge von gelehrten Sachen zu der Hamburgischen Neuen Zeitung , 1–4, in: Steinmetz (Hg.), Friedrich II. und die deutsche Literatur (wie Anm. 9), 146–153, hier 146, 146f. u. 153 .

18 Ayrenhoff], Schreiben an den Herrn Grafen Max von Lamberg (wie Anm. 13), 111.

19 In der von Johann Christoph Gatterer erstellten "Allgemeinen Uebersicht der ganzen teutschen Litteratur in den lezten 3 Jahren" (in: Historisches Journal 1 [1772], 266–301) machen "Romanen" (275 Bände in den Jahren 1769–1771), "Gedichte" (198 Bände) und "Schauspiele"(195 Bände) die größten Einzelposten aus (ebd., 298), übertroffen nur von den 295 Neuerscheinungen der "Homiletik"(ebd., 290).

20 Gottfried Willems: "Ihr habt jetzt eigentlich keine Norm, die müßt ihr euch selbst geben". Zur Geschichte der Kanonisierung Goethes als "klassischer deutscher Nationalautor " , in: Gerhard Kaiser / Heinrich Macher (Hg.): Schönheit, welche nach Wahrheit dürstet. Beiträge zur deutschen Literatur von der Aufklärung bis zur Gegenwart (= Jenaer germanistische Forschungen. N. F. 16), Heidelberg 2003, 103–134.

21 J[ohann] C[hristoph] Gatterer: Vom historischen Plan, und der darauf sich gründenden Zusammenfügung der Erzählungen, in: Allgemeine historische Bibliothek 1 (1767), 15–89, hier 15.

22 Wezel: Über Sprache, Wissenschaften und Geschmack der Teutschen (wie Anm. 15), 163.

23 Dokumentiert sind diese Vorlieben u. a. im Bestandsverzeichnis von Friedrichs Bibliotheken, vgl. Bogdan Krieger: Friedrich der Große und seine Bücher, Berlin/Leipzig 1914.

24 So Wezel: Über Sprache, Wissenschaften und Geschmack der Teutschen (wie Anm. 15), 167.

25 Vgl. Rainer Rosenberg: Literarisch/Literatur, in: Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, hg. von Karlheinz Barck [u. a.], Stuttgart/Weimar 2000–2005, Bd. 3, 665–693, hier 668.

26 Vgl. Rosenberg: Literarisch/Literatur (wie Anm. 25) .

27 Vgl. Rosenberg: Literarisch/Literatur (wie Anm. 25) , 669.

28 Vgl. Ulrich Ricken: Zur Bezeichnungsgeschichte des Literaturbegriffs im 18. Jahrhundert, in: Sitzungsbericht der Akademie der Wissenschaften der DDR, Gesellschaftswissenschaften 1982, Nr. 2/G, 173–182, hier 180.

29 Vgl. Rosenberg: Literarisch/Literatur (wie Anm. 25), 671.

30 Vgl. Rosenberg: Literarisch/Literatur (wie Anm. 25), 672.

31 [Justus Möser]: Über die deutsche Sprache und Litteratur (wie Anm. 8) , 125 u. 127.

32 Chrétien Frédéric Schwan: Nouveau dictionnaire de la langue Françoise et Allemande. Composé sur le dictionnaire de l'Académie François et sur celui de M. Adelung. Enrichi des termes propres des sciences et des arts [...]. Vol. 1–4 et suppl., Mannheim 1787–1798, Bd. 3, 222.

33 So die These von Klaus Weimar: Literatur, Literaturgeschichte, Literaturwissenschaft. Zur Geschichte der Bezeichnungen für eine Wissenschaft und ihren Gegenstand, in: Christian Wagenknecht (Hg.): Zur Terminologie der Literaturwissenschaft. Akten des IX. Germanistischen Symposions der DFG, Würzburg 1986, Stuttgart 1988, 9–23, hier 14.

34 Pečar: Friedrich der Große als Roi Philosophe (wie Anm. 12), Anm. 4.

35 "Je ne peux plus rien changer à ces bagatelles", wies er daher die Berichtigungsversuche des Ministers Hertzberg zurück, vgl. Ferdinand Frensdorff : Friedrich des Großen Schrift über die deutsche Literatur und die deutsche Rechts- und Geschichtswissenschaft, in: Preußische Jahrbücher 125 (1906), 1–28, hier 25–27. Zum Kontext des Zitats vgl. Œuvres de Frédéric le Grand - Werke Friedrichs des Großen, hg. von Johann David Erdmann Preuß, 30 Bde., Berlin 1846–1856, hier Bd. 24 (1746–1783): u.a. Correspondance de Frédéric avec M. de Hertzberg, 384 , http://friedrich.uni-trier.de/de/oeuvres/24/384/text/ <05.02.2014> .

36 So das Urteil von Riccardo Morello: Der Feind der deutschen Sprache. Über Friedrichs Essay "De la littérature allemande", in: Bernd Sösemann (Hg.): Friedrich der Große in Europa: Geschichte einer wechselvollen Beziehung, Bd. 1, Stuttgart 2012, 152–158, hier 154.

37 Vgl. Daniel Fulda: Die Erschaffung der Nation als Literaturgesellschaft. Zu einer meist übergangenen Leistung des Publizisten Gottsched, in: Denkströme 4 (2010), 12–29.

PSJ Metadata
Daniel Fulda
Friedrich als Lehrer der deutschen Nation?
Sein Traktat De la littérature allemande
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000000433
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Preußen bis 1947
Kultur- und Mentalitätsgeschichte
18. Jh.
4047194-9 118535749 4113292-0 4343856-8 4035964-5 4045791-6 4203481-4
1700-1800
Preußen (4047194-9), Friedrich II., Preußen, König (118535749), Deutsch (4113292-0), Imagepolitik (4343856-8), Literatur (4035964-5), Philosophie (4045791-6), Traktat (4203481-4)
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D. Fulda, Friedrich als Lehrer der deutschen Nation?
In: Öffentliche Tagung des Interdisziplinären Zentrums zur Erforschung der Europäischen Aufklärung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg im Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte vom 28. - 29. September 2012, hg. von Jürgen Luh und Andreas Pečar (Friedrich300 - Colloquien, 8)
URL: https://www.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich_repraesentation/fulda_lehrer
Veröffentlicht am: 31.03.2014 15:20
Zugriff vom: 19.07.2018 13:35
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