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F. Greiner, Wege nach Europa (Anna Gvelesiani)

Francia-Recensio 2017/1 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

Florian Greiner, Wege nach Europa. Deutungen eines imaginierten Kontinents in deutschen, britischen und amerikanischen Printmedien, 1914–1945, Göttingen (Wallstein) 2014, 520 S. (Medien und Gesellschaftswandel im 20. Jahrhundert, 1), ISBN 978-3-8353-1502-0, EUR 49,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Anna Gvelesiani, Bonn

Populäre Vorstellungen einer europäischen Integration sind an die unmittelbare Nachkriegszeit und die 1950er Jahre, transnationale Kooperationen und kulturelle, von Westeuropa ausgehende, Annährungen geknüpft und im Rahmen eines auf kontinentaler Friedenssicherung beruhenden Erwartungshorizontes durch politische Handlungen konstruiert. Der Entstehung des für diese Handlungen günstigen Nährbodens, den die betroffenen – zunächst westeuropäischen – Gesellschaften boten, geht Florian Greiner in dieser Studie auf den Grund.

Auf der Suche nach einer Antwort auf seine zentrale Ausgangsfrage, was eigentlich Europa sei, analysiert Greiner Artikel aus der Frankfurter, der Kölnischen sowie der Berliner »Vossischen Zeitung« aus Deutschland, für Großbritannien greift er auf die »Times« und den »Manchester Guardian« zurück, die USA kommen durch den »Chicago Daily Tribune« und die »New York Times« zu Wort. Das vielfältige Korpus, eine umfangreiche Zahl von Artikeln, in denen im genannten Zeitraum über Europa geschrieben wird, repräsentiert alltägliche Schreib- und Sprechweisen über Europa und illustriert mithin, wie der Autor herausstellt, ein »Europe vécue«1 im Gegensatz zum von Intellektuellen und Politikern auf eine Zukunftskonstruktion hin erdachte und bisher von der Historiografie eher beachtete »Europe pensée«. Ausgehend von der Annahme, dass Europa keine teleologische Geschichte, sondern ein kommunikativ konstruierter Raum sei, untersucht Greiner die Europawahrnehmungen und printmedialen Darstellungen des Europäischen bewusst vor Beginn der politischen Integration in der Nachkriegszeit. Zentral sind die öffentlichen Europadiskurse in Tageszeitungen, die Repräsentationen und Wahrnehmungen von Europa artikulierten und damit einerseits gesellschaftliche und gelebte Realitäten spiegelten und andererseits teilhatten an der Konstruktion von thematisch vielfältigen Europanarrativen.

In drei Kapiteln, die jeweils ein Zwischenfazit gut abrundet, widmet sich die Studie einem vielfältigen Europadiskurs anhand einer taxonomischen Medienanalyse: Im ersten Kapitel spürt Greiner dem Zeitraum von 1914–1945 im Sinn einer zusammenhängenden Epoche des »Zweiten Dreißigjährigen Krieges« nach. Mit dem Ersten Weltkrieg als einer zivilisatorischen Urkatastrophe ist diese Epoche geprägt von einer Krisenhaftigkeit, die bis 1945 andauert, zwar auch Frieden und wirtschaftlichen Aufschwung kennt, jedoch durch die Weltwirtschaftskrise 1929, aufstrebenden Nationalismus und radikale politische Ideologien geformt ist. Unter diesen Vorzeichen entdeckt Greiner im Zuge seiner Untersuchung ein trotz gesamteuropäischem Krisenempfinden positives Europaverständnis in der printmedialen Darstellung, die einer zunehmenden Europäisierung hoffnungsvoll entgegensieht. Er beleuchtet verschiedene politische Einigungsbewegungen und ihre Entwicklung, darunter die von Richard Coudenhove-Kalergi in Österreich gegründete und stark beworbene aber schließlich wenig folgenreiche Paneuropa-Union, den gescheiterten Briand-Plan sowie das durch die Nationalsozialisten verfolgte nationalhegemoniale Integrationsmodell des »Neuen Europas«. Besonders spannend liest sich an dieser Stelle die Rezeption der deutschen Entwürfe durch die britische und US-amerikanische Tagespresse, die Parallelen zu heutigen Europanarrativen und damit eine große Aktualität aufweist, wenn sie unter dem Stichwort »Festung Europa« auf die defensiv ausgerichtete Propaganda der deutschen Führung bezugnimmt.

Die Frage nach der Aktualität stellt sich bei der Lektüre ebenfalls im folgenden Kapitel zu Identitäts- und Alteritätsdiskursen aus unterschiedlicher Perspektive. In drei Unterkapiteln behandelt Greiner zunächst die transatlantische Wahrnehmung der »Alten Welt« durch die US-Presse sowie die Eigenwahrnehmung Europas in Bezug zur »Neuen Welt«, dann das europäische Selbstverständnis im Blick auf kolonisierte Gebiete und schließlich spürt er Merkmalen der globalen Europäisierung und somit europäischen Charakteristika nach. Hervorzuheben ist die im von Greiner behandelten Zeitraum zentrale Frage nach der Rolle der Vereinigten Staaten im Hinblick auf Europa, auf die ein Rückgriff aus aktueller Perspektive geboten ist. Die Frage, ob Amerika eine interventionalistische oder eine isolationistische Politik anstreben sollte, ist nunmehr so aktuell, dass sich daraus eine anregende Untersuchung der Dynamiken und Strukturen dieses Diskurskontextes ergeben könnte. Das Sprechen über die Aktualität des europäischen Bedrohungsnarrativs, welches Greiner im Unterkapitel zum Imperialismus ausmacht, erübrigt sich im Angesicht tagesaktueller Debatten.

Die Schilderung sozialer und kultureller Eigenschaften, die die Europäisierung einer Gesellschaft kennzeichnen, ist ebenfalls hochspannend. Eine äußerst marginale Rolle spielt darin jedoch die Religion; wie das folgende Beispiel, welches durch eine exzellente historische Kontextualisierung, auf die Greiner andernorts größtenteils verzichtet, besonders eindrücklich illustriert: Die von Mustafa Kemal Atatürk angeordneten gesellschaftlichen Reformen, die unter anderem europäische Kleidung in der 1923 ausgerufenen türkischen Republik vorschrieben, zivilisierten und modernisierten die Türkei und machten sie, als Osmanisches Reich noch ein Feindbild, in den Augen der untersuchten Tagespresse zu einem Teil der mentalen Landkarte Europas. Diese Landkarte wuchs im Zuge der technischen Modernisierung zusammen, was maßgeblich zum Europadiskurs beitrug. Als zentrale Konnotation von Europa macht Greiner somit den Modernitätsbegriff aus und widmet diesem Zusammenhang das dritte Kapitel seiner Studie. Populärer Tourismus und die Teilhabe an internationalen Ereignissen wurden durch Eisenbahn, zivile Luftfahrt und motorisierten Verkehr sowie Massenmedien, Telefon und Hörfunk ermöglicht, sodass eine neue Raumerfahrung entstand, die die europäische Identifikation vereinfachte. Grundlegende Strukturen eines europäischen Kommunikationsraums wurden geschaffen und es können – zumindest thematisch begrenzt – die Ansätze einer europäischen Öffentlichkeit für die heutige Historiografie ausgemacht werden.

Die Fluidität und Dynamik Europas ist es schließlich auch, die Greiner zu dem Schluss kommen lässt, dass es auf die eingangs gestellte Frage, was Europa sei, keine Antwort geben könne. Nichtsdestotrotz ist herauszustellen, welche Präsenz Europa auf einer zivilgesellschaftlichen Ebene hatte. Diese als »Europa von unten« bezeichnete Dynamik strebt, ohne politische Agenda, einer europäischen Kooperation entgegen, sei es auf Basis gemeinsamer Krisenerfahrung oder der Einheitlichkeit in Folge von Modernisierungsprozessen. Kontinuitäten dieses Bewusstseins sind die zur Realisierung eingeschlagenen politischen und wirtschaftlichen Wege nach 1945, welche versuchen, »Europe vécue« und »Europe pensée« zusammenzubringen. Konsequenterweise bleibt zu betonen, wie Florian Greiner im Schlusssatz andeutet, welches Potenzial zeitgeschichtliche Untersuchungen europäischer Aktualität im Rückgriff auf die in der Studie aufgeworfenen Fragen, beispielsweise zur Rolle der Vereinigten Staaten, der Zugehörigkeit und des europäischen Selbstverständnisses bieten.

1 René Girault, Das Europa der Historiker in: Rainer Hudemann (Hg.), Europa im Blick der Historiker. Europäische Integration im 20. Jahrhundert: Bewusstsein und Institutionen. München 1995 (Historische Zeitschrift. Beihefte. Neue Folge, 21), S. 55–90, zitiert nach Florian Greiner, S. 8.

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PSJ Metadata
Anna Gvelesiani
Wege nach Europa
Deutungen eines imaginierten Kontinents in deutschen, britischen und amerikanischen Printmedien, 1914–1945
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
Europa, USA, Großbritannien, Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Geschichte des Journalismus (Zeitungen etc. und Personen), der Medien und der Kommunikation
20. Jh.
1914–1945
Europabild (4015704-0), Druckmedien (4193179-8), Deutschland (4011882-4), Großbritannien (4022153-2), USA (4078704-7)
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F. Greiner, Wege nach Europa (Anna Gvelesiani)
In: Francia-Recensio 2017/1 | 19.-21. Jahrhundert - Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/zg/greiner_gvelesiani
Veröffentlicht am: 16.03.2017 12:22
Zugriff vom: 24.09.2018 00:16
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