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    P. Pombeni, La transizione come problema storiografico (Magnus Ressel)

    Francia-Recensio 2015/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Paolo Pombeni, Heinz-Gerhard Haupt (a cura di.), La transizione come problema storiografico. Le fasi critiche dello sviluppo della modernità (1494–1973), Bologna (Società editrice il Mulino) 2013, 446 p. (Annali dell’Istituto storico italo-germanico in Trento. Quaderni, 89), ISBN 978-88-15-24633-2, EUR 34,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Magnus Ressel, Frankfurt am Main

    Seit Oktober 2010 reflektiert im Italienisch-Deutschen Historischen Institut in Trient eine Gruppe von Historikern über ein zentrales Problem der Geschichtswissenschaften, demjenigen der Epochen und der »Transitionen« zwischen diesen. Vom 11.–14. September 2012 veranstaltete das Institut hierzu eine Tagung, auf der erste Ergebnisse und Gedanken vorgestellt wurden. Der Sammelband versammelt die meisten der damaligen Vorträge.

    Das Paradox, das es zu bewältigen gilt, wird direkt angesprochen. Wie kann es sein, dass die heutige Geschichtswissenschaft weiterhin am Epochenbegriff festhält, wenn doch zugleich der Teleologie eine Absage erteilt und die Kontingenz historischer Abläufe betont wird? Epochen sind im Sinne der Herausgeber weiterhin relativ markant abgrenzbare Zeitabschnitte in einer nicht-teleologisch verstandenen Geschichte. Im Band werden insbesondere die Übergangsphasen zwischen den Epochen analysiert. In diesen Transitionszeiten bündeln sich verschiede Entwicklungen und erzeugen auf vielen gesellschaftlichen Ebenen einen fundamentalen Wandel. Drei Phasen von Transition werden identifiziert: Die erste zieht sich vom späten 15. Jahrhundert bis Erlass des Trienter Dekrets im Jahr 1564. Die nächste läuft von 1770–1848, mit häufigem Bezug auf die Kosellecksche »Sattelzeit«. Die letzte dauert von 1945–1973, hierbei findet eine Stabilisierung mit Tendenz zur Auflösung alter Strukturen statt. Der Titel zeigt, dass der Band die Entwicklung der »Moderne« in Scharnierzeiten herausarbeiten will, man kann somit den Band als Versuch interpretieren, ein klassisches Schema der Geschichtswissenschaft zu diskutieren ohne es aufgeben zu wollen. Der Band ist locker chronologisch gegliedert, er läuft vom Beginn der Frühen Neuzeit bis zu den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Deutlich unterscheiden kann man thematisch-exemplarische oder weitgehend theoretische Beiträge.

    Nach einer anspruchsvollen Einleitung durch Paolo Pombeni, in der Problemstellung und Forschungsaufriss erläutert werden, folgt ein Aufsatz von Marcello Verga über Transitionen und die Geschichte Italiens. Die »anomalia« der italienischen Geschichte scheint hier besonders deutlich auf, gekennzeichnet durch eine seit dem 16. Jahrhundert konstatierbare verzögerte Modernisierung und ihre Diskussion in der teilweise stark marxistisch geprägten Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit. Carlo Taviani bietet einen interessanten Beitrag zum Zusammenhang der Finanzprojekte des Schotten John Law in Frankreich um 1720 und der Staatsbank Genuas seit dem späten Mittelalter. Der Zusammenhang mit dem Leitthema wirkt jedoch etwas erzwungen, hierzu muss die »Financial Revolution« als wichtige Transition herhalten. Es folgt ein ausgezeichneter Beitrag von Katia Occhi zu den Wirtschaftskreisläufen im Trentino und ihrem Wandel im Lauf der Frühen Neuzeit. Sie bietet eine Darstellung der jüngeren Debatten der Wirtschafts- und Sozialgeschichte zur Protoindustrialisierung um dann zum besonderen Fall des Trentino überzuleiten. Hier konstatiert sie für das späte 18. Jahrhundert eine eher misslungene Transition, die Wirtschaft blieb statisch und in älteren Strukturen verhaftet, der Transitverkehr schrumpfte und die lokalen Strukturen waren eher modernisierungsfeindlich. Reinhard Stauber beschäftigt sich mit der Epochenschwelle von 1500, hier wartet er mit sehr grundsätzlichen Überlegungen auf und erfasst auf hohem Niveau die jüngere Debatte. Luciano Pezzolo widerlegt die Dichotomie von einem süd- und nordeuropäischen Familienmodell im frühneuzeitlichen Europa und zweifelt auch die weitergehenden Schlussfolgerungen in der Historiographie an. Stefan Bauer beschäftigt sich mit Onofrio Panvinio, einem Augustinermönch des 16. Jahrhunderts, dessen kirchenhistorisches Oeuvre ältere aber auch recht moderne Züge in sich vereint. Massimo Rospocher fragt nach der epochalen Wirkung der Druckerpresse im 16. Jahrhundert und relativiert diese im Falle Italiens. Christof Dipper beleuchtet die Epochenschwelle um 1800 und kann diese ganz im Sinne von Kosellecks Sattelzeit-Paradigma bestätigen. Claudio Ferlan und Fernanda Alfieri beschäftigen sich in den nächsten zwei Artikeln mit den ersten Jesuiten in Österreich als Vorboten der Rekatholisierung im 16. Jahrhundert und dem 1814 nach vierzig Jahren des Verbots wieder zugelassenen Orden; beide Beiträge werden von Pierre Antoine Fabre kommentiert. Die Perspektive des Epochenwandels aus der Ordens- und Kirchengeschichte erweist sich als fruchtbar und komplementiert die diesbezüglich üblichen Metanarrative. Émilie Delivré widmet sich den Rügegerichten als einer in der späten Sattelzeit verschwindenden Form von Judikatur. Diese sieht sie nicht als unterlegen gegenüber einem Justizwesen, in dem der »popolo« immer mehr verschwindet, jedoch steht das Faktum deutlich für einen Epochenwandel. Paolo Macry beleuchtet die Grundfragestellung des Sammelwerkes zu Transition als historischem Problem mit gewisser Kritik und Distanz. Unter Verweis auf die chaotische politische Lage Italiens ausgerechnet in den 1960er und 1970er Jahren mit ihrem hohen Wirtschaftswachstum verweist er auf die Inhomogenität von Epochen. Giovanni Bernardini folgt mit einem Beitrag zu den sozialdemokratischen Parteien in Italien und Deutschland seit 1945. Die Stabilität der Nachkriegszeit führte zur Krise der Sozialdemokratie in einer Gegenwart, in der sich die klaren Kontrastpositionen auflösen. Cecilia Nubola befasst sich mit der Amnestiegesetzgebung in Italien nach 1945. Durch die weitgehende Gewährung von Amnestie wurde zwar der Übergang in die Demokratie mittels des kollektiven Vergessens der Verbrechen aus der Ära des Faschismus erleichtert, jedoch hat dies auch als Konsequenz eine Verdrängung der Opfer aus dem öffentlichen Bewusstsein mit sich gebracht. Axel Schildt relativiert in seinem Beitrag den Bruch des Jahres 1945 und zeigt Kontinuitäten der deutschen Nachkriegsgesellschaft auf materieller sowie kultureller Ebene zum Dritten Reich auf; ein deutlicher Bruch sei erst in den 1960er Jahren zu bemerken. Relativiert wird dieser Beitrag in gewisser Weise von Maurizio Cau, der in seinem Beitrag zu den Verfassungskulturen einen schärferen Wandel in Deutschland als in Italien nach 1945 konstatiert. In einem ähnlichen Kontext und mit einem ähnlichen Ergebnis argumentiert Marco Mondini zur Demobilisierung und Heimkehr von Soldaten nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg; im ersten Fall führte dies zu politischer Unruhe, im zweiten gelang deren Integration um manchen politischen Preis besser. Gabriele d’Ottavio diskutiert die Entwicklung des Faches der Politikwissenschaft in Italien und Deutschland in der Nachkriegszeit und stellt hier eine »stabilizazione dissolutiva« fest; das Fach musste sich in vielerlei Weise erst neu (er)finden um dann in den späten 1960er Jahren eine neue Herausforderung von Seiten der Studenten zu erfahren. Abgeschlossen wird der Band durch eine vielschichtige Diskussion des Begriffes der »Transition« durch Heinz-Gerhard Haupt, er sieht in dessen Polysemantik ein großes Potential für die fruchtbare Anwendung dieser Heuristik in der Forschung und benennt weitere Felder für künftige Recherchen.

    Im Band wird ein schwieriger Begriff aus vielerlei Perspektiven beleuchtet und kontrovers diskutiert. Dem Historiker, der sich für die Auseinandersetzung mit Grundproblemen und die theoretischen Prämissen des eigenen Faches auf Basis des jüngsten Diskussionsstandes und mit weiterführenden Ansatzpunkten interessiert, kann die Lektüre nur empfohlen werden.

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    PSJ Metadata
    Magnus Ressel
    Deutsches Historisches Institut Paris
    La transizione come problema storiografico
    Le fasi critiche dello sviluppo della modernità (1494–1973)
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Europa, Italien
    Geschichte allgemein
    Neuzeit bis 1900, 20. Jh.
    1494-1973
    Sozialer Wandel (4077587-2), Politischer Wandel (4175047-0), Geschichtsschreibung (4020531-9)
    PDF document pombeni_ressel.doc.pdf — PDF document, 333 KB
    P. Pombeni, La transizione come problema storiografico (Magnus Ressel)
    In: Francia-Recensio 2015/4 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/fn/pombeni_ressel
    Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:51
    Zugriff vom: 23.06.2018 23:40
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