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    M. Stucky-Schürer, Eine immerwährende Krönung (Sabine Witt)

    Francia-Recensio 2014/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Monica Stucky-Schürer, Eine immerwährende Krönung. Charles VII (1403–1461) und die Throntapisserie im Louvre, Basel (Schwabe Verlag) 2013, 107 S., 56 Abb., ISBN 978-3-7965-3305-1, EUR 33,50.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Sabine Witt, Berlin

    2010 konnte das Musée du Louvre aus Mitteln der Sociéte des Amis du Louvre eine großformatige, bis dato völlig unbekannte Tapisserie aus Privatbesitz erwerben, die seither eines der Hauptwerke des Département des Objets d’art darstellt. Beeindruckt schon allein der exzellente textile Erhaltungszustand, so macht die Ikonografie es vollends zu einem einzigartigen Werk: Die Tapisserie zeigt auf karmesinrotem Grund zwei fast lebensgroße heranschwebende Engel, die eine Lilienkrone tragen und diese gewissermaßen einem imaginären Herrscher aufs Haupt setzen. Die Gewandung der beiden Engel mit ihren königsblauen, mit goldenen fleurs de lys übersäten Gewändern identifiziert das Werk eindeutig als Krönungstapisserie für einen französischen Herrscher. Ein weiteres Motiv lässt eine nähere Eingrenzung zu: Der rote Hintergrund zeigt mittig über den Engeln eine große Sonne mit zwölf züngelnden Flammenstrahlen ( soleil d’or raiant ) sowie entlang der von dieser ausgehenden Strahlen eine Vielzahl goldener achtstrahlige Sterne. Beide Motive waren seit Karl VI. (reg. 1380–1422) für das französische Königshaus in Gebrauch. Stilistische Vergleiche aber legen eine spätere Entstehungszeit unter dessen Sohn Karl VII. (1422–1461) nahe. Er wurde 1429 mit Hilfe Johannas von Orléans in Reims gekrönt, konnte aber aufgrund des Hundertjährigen Krieges erst 1437 die Hauptstadt Paris in Besitz nehmen. Es sollte nochmals zwölf Jahre dauern, bis auch die Normandie von den Engländern zurückerobert war und Karl 1449 in Rouen feierlich Einzug halten konnte. Spätestens zu diesem Anlass erschien der soleil d’or auf der königlichen Standarte und anderen Herrschaftszeichen.

    Zeit seiner Regentschaft musste Karl VII. um die Durchsetzung seines Thronanspruchs kämpfen. Mit der Throntapisserie besitzen wir erstmals ein Zeugnis, das seinen Herrschaftsanspruch und seine Legitimität im Medium der Kunst verkörpert. Für Monika Stucky-Schürer lag es daher nahe, die Tapisserie nicht allein werkimmanent zu analysieren, sondern sich in einem zweiten Schritt der Person Karls VII., seiner Politik, seinem Legitimations- und Repräsentationsanspruch zu widmen. Auch Charakter und Mentalität dieses »allerchristlichen Königs« ( roi Très-Chrétien ) will sie erörtern, um Karls Kunstverstand und Motivation als Auftraggeber zu erfassen.

    Der erste, die Tapisserie ausführlich beschreibende Teil der Monografie überzeugt vollauf. Durch genaue Analyse der textilen Wirktechniken vermag die Autorin die hervorragende Qualität des Entwurfs und der Ausführung herauszuarbeiten. Dabei geht sie auch auf den Erhaltungstand, eine vermutlich in napoleonischer Zeit erfolgte politisch motivierte Umarbeitung und die Restaurierungsgeschichte ein. Ebenso schlüssig sind ihre Überlegungen zur Funktion und Sichtbarkeit der Tapisserie. Demnach handele es sich nicht um den Himmel eines Thronbaldachins ( dais ), sondern um die vertikal als Thronrückwand angebrachte Tapisserie ( dorsale ), sodass jeder vor dem Herrscherthron Kniende die Krönung Karls durch die beiden Engel – und damit explizit als »von Gottes Gnaden« – klar vor Augen hatte. Nur zu gern wüsste man mehr zur Überlieferungsgeschichte der immerwährenden Throntapisserie Karls VII., doch bleibt ihre Provenienz bleibt völlig im Dunkeln, da die Vorbesitzer absolute Anonymität wahren.

    Kompositions- und Stilvergleiche führen Stucky-Schürer zu der abschließenden These, die »Immerwährende Krönung« mit aller gebotenen Vorsicht dem unmittelbaren Werkstattumkreis Jean Fouquets zuzuschreiben, von dessen Hand auch das berühmte Porträt des »tresvictorieux ruoy de France Charles septiesme de ce nom« stammt (ebenfalls Paris, Musée du Louvre). Diese Vorsicht ist verständlich, nicht nur, weil jegliche schriftlichen Quellen fehlen, sondern weil bei Textilwerken immer auch zwischen Künstlern bzw. Entwerfern und den Ausführenden unterschieden werden muss. Als Hauptreferenzwerke nennt Stucky-Schürer die ebenfalls Jean Fouquet zugeschriebene Tapisserie »Les cerfs volants 1 «, zwei Teile einer sechsteiligen Tapisseriefolge einer »Geschichte des Königs Clovis 2 «, eine Tapisserie mit einem Reigen höfischer Paare vor Rosenranken 3 sowie eine Himmelfahrtsszene aus der Tapisserie zu den »Taten Alexanders des Großen 4 «. Der virtuose Stil der Engelsfiguren auf der Immerwährenden Throntapisserie, ihre räumliche Komposition, vor allem aber die stets betonte »hohe Qualität« der Ausführung sind die zentralen Argumente Stucky-Schürers. Eine Zuschreibung an Jacob de Littemont (erwähnt ab 1451–1471), der als peintre du roi am königlichen Hof in Bourges tätig war, wie sie die Konservatorin Elisabeth Antoine in einem Aufsatz in Feld geführt hat 5 , weist Stucky-Schürer hingegen zurück. Dass weder das Musée du Louvre noch die Société des Amis du Louvre, die den Ankauf ermöglicht hat, in der Danksagung Stucky-Schürers Erwähnung finden, sei hier am Rande bemerkt.

    In dem historischen Teil ihrer Monografie schildert Stucky-Schürer die Umstände der Regentschaft Karls VII. Dabei geht sie auch auf den Gebrauch von Tapisserien im höfisch-repräsentativen Kontext im ausgehenden 14. und 15. Jahrhundert sowie auf das Zeremoniell der Krönung, der joyeuse entrée und des lit de justice ein. Aus heutiger, zumal museologisch-konservatorischer Sicht mutet es geradezu abenteuerlich an, welche Strapazen und Veränderungen Tapisserien dabei über sich ergehen lassen mussten. Stucky-Schürer beschreibt eindrücklich, wie sie für Zeremonien, feierliche Einzüge oder andere Anlässe quer durch Europa transportiert und neuarrangiert wurden. Oft genug wurden die Textilien für neue Nutzungen umgearbeitet, gekürzt oder gar zerschnitten.

    Ebenso gelingt es Stucky-Schürer im abschließenden Teil, die engsten Berater des Königs – Étienne Chevalier, Jacques Cœur, Jean und Guillaume Jouvenel des Ursins, Arthur de Richemont sowie Laurent Girard – in ihrem politischen Wirken vorzustellen und ihre Rolle als Kunstförderer zu skizzieren. Die Vergleiche, welche die Autorin zwischen der Immerwährenden Krönung Karls VII. und den von seiner Entourage in Auftrag gegebenen Handschriften und Tapisserien zieht, können aber nicht wirklich überzeugen, und das nicht nur, weil die postulierten stilistischen oder motivischen Ähnlichkeiten wegen fehlender Detailabbildungen kaum nachvollziehbar sind.

    Eine Aussage zur Datierung der Tapisserie schließlich zögert Stucky-Schürer bis zuletzt hinaus. Sie plädiert für eine Entstehung zwischen 1453 und Karls Tod im Jahr 1461. In ihrer vorletzten Anmerkung weist sie damit die Frühdatierung des Berliner Emeritus Eberhard König zurück. Veröffentlichungen dieses Fouquet-Experten jedoch sucht man in Stucky-Schürers Bibliografie vergeblich.

    Auch wenn man der Autorin bei manchen ihrer Vergleiche und der nicht wirklich ausreichend begründeten Datierung nicht folgen mag: Mit dieser Monografie werden ein herausragendes Zeugnis des französischen Krönungszeremoniells umfassend gewürdigt und wichtige Aspekte der Selbstdarstellung und des Herrschaftsanspruchs Karls VII. erstmals diskutiert.

    1 Entstanden um 1453/1461 in Rouen, heute im Musée départemental des antiquités de la Seine-Maritime in Rouen.

    2 Entstanden um 1460/1465 in Tournai, heute im Palais du Tau in Reims.

    3 Entstanden um 1450/1460 in Tournai, heute im Metropolitan Museum of Art in New York.

    4 Entstanden um 1450/1460 in Tournai, heute im Genueser Palazzo del Principe, ehemals Rom, Palazzo/Sammlung Doria Pamphilj

    5 Élisabeth Antoine, Le dais de Charles VII. Une acquisition exceptionelle pour le Louvre, Dijon 2010 (Dossier d’art, n o hors-série).

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    PSJ Metadata
    Sabine Witt
    M. Stucky-Schürer, Eine immerwährende Krönung (Sabine Witt)
    CC-BY 3.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Frankreich und Monaco
    Geschichte allgemein
    15. Jh.
    4075873-4 100736416 4006648-4 4448492-6
    1403-1461
    Louvre Paris (4075873-4), Karl VII., Frankreich, König (100736416), Bildteppich (4006648-4), Krönung Motiv (4448492-6)
    PDF document stucky-schuerer_witt.doc.pdf — PDF document, 112 KB
    M. Stucky-Schürer, Eine immerwährende Krönung (Sabine Witt)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/MA/stucky-schuerer_witt
    Veröffentlicht am: 03.12.2014 12:25
    Zugriff vom: 18.10.2018 07:42
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