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    N. Bade, B. Freudenberg (Hg.), Von Sarazenen und Juden, Heiden und Häretikern (Ekkehart Rotter)

    Francia-Recensio 2014/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Norman Bade, Bele Freudenberg (Hg.), Von Sarazenen und Juden, Heiden und Häretikern. Die christlich-abendländischen Vorstellungen von Andersgläubigen im Früh- und Hochmittelalter in vergleichender Perspektive, Bochum (Verlag Dr. Dieter Winkler) 2013, 191 S., ISBN 978-3-89911-202-3, EUR 33,60.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ekkehart Rotter, Bad Vilbel

    Das Buch ergänzt die unüberschaubar angewachsenen (und aufgrund der nicht vermehrbaren einschlägigen Quellen wiederholungsanfälligen) Bemühungen abendländischen Forscherfleißes, Fremde und Andere aus der Perspektive des Lateineuropäers in den Blick zu nehmen. Es versammelt die sechs Beiträge eines Projekts des European Research Council, das sich, 2009–2012 in Hamburg angesiedelt, »The Perception of other Religions in the Early and High Middle Ages« darzulegen vorgenommen hatte, hier ausgerichtet auf Heiden, Juden, Muslime, griechisch-orthodoxe Christen und Häretiker. Den zeitlichen Rahmen bilden, mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen, das 10.–12. Jahrhundert.

    Norman Bade (S. 13–53: Stereotype Vorstellungen? Die christlich-abendländische Wahrnehmung der Sarazenen im Spiegel der französischen Historiographie zu Beginn des 11. Jahrhunderts) konzentriert sich mit dem Vorabdruck eines »Teilausschnitts« aus seiner Dissertation auf die Zerstörung der Jerusalemer Grabeskirche durch Muslime 1009 in den Darstellungen der französischen Mönche Ademar von Chabannes und Rodulfus Glaber, die unabhängig voneinander zirka 20 Jahre nach dem Ereignis schrieben, und überprüft, inwieweit die beiden Vorreiter des Kreuzzugsgedankens das über den Islam tatsächlich vorhandene Wissen aufgriffen und weitergaben.

    Claudia Valenzuela (S. 55–85: Die Sarazenen als religiöse Feinde? Vielstimmigkeit und ambivalente Vorstellungen am Beispiel ausgewählter Schriften aus dem Norden der Iberischen Halbinsel aus dem 12. Jahrhundert) befragt vornehmlich die Ende des 11./Anfang des 12. Jahrhunderts im nördlichen Asturien entstandenen hagio- und historiographischen Werke nach »konkreten Aussagen über den Glauben der ›Anderen‹«. Die Antworten, die sie unter Zugrundelegung bekannter Forschungsergebnisse den Quellen der frühen Kreuzzugsbewegung und Reconquista abgewinnt, zeugen von einer bemerkenswert ambivalenten Einstellung der Christen zu den benachbarten Muslimen. Möglicherweise war es diese Beobachtung, die Valenzuela den derzeit beliebten Schulterschluss mit dem Islamwissenschaftler Thomas Bauer (und seinem bezüglich historisch-methodischer Standards kritikwürdigen Buch »Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islam«) suchen und »eine gewisse Ambiguitätstoleranz« auch »in den christlichen Reichen« Spaniens erkennen ließ.

    Anna Aurast (S. 87–108: ... ex Iudaeo conversus, sed praecordialiter fidelis erat. Wie wurden Juden und ihre Religion im 12. Jahrhundert wahrgenommen? Eine Betrachtung der Werke Guiberts von Nogent und einiger seiner abendländischen Zeitgenossen) fand in Guibert einen Zeugen für persönliche Begegnungen und Erfahrungen mit Juden und in dessen Schriften (»Dei gesta per Francos«; »Contra iudaizantem et Iudeos«;»Monodiae«) den historischen Beleg dafür, dass größere Nähe zu Andersgläubigen und intimere Kenntnisse ihrer Religion und Lebensgestaltung keineswegs zu einem größeren Entgegenkommen und Verständnis führen müssen. Sie kann vielmehr – wie bei Guibert – die Abneigung vor den jüdischen »Dieben und Wucherern« verschärfen und einen Zwang zur Integration – hier die Zwangstaufe der Juden – befürworten lassen. Doch in der Regel fanden, wie Aurast darlegt, Zwangstaufen von Juden wohl kaum christliche Fürsprecher, indes nicht unbedingt weil das Kirchenrecht gewaltsame Konversionen verbot (so z. B. Albert von Aachen und Bischof Cosmas von Prag), sondern weil man an der Seriosität des von Juden zum Christentum vorgenommenen Glaubenswechsels stark zweifelte (z. B. Cosmas von Prag und Frutolf von Michelsberg). In ihrer zeitbedingt schlechten Meinung von den Juden waren sich freilich alle einig.

    Hans-Werner Goetz (S. 109–129: Die Wahrnehmung der Heiden in den Viten Ottos von Bamberg) folgt den Missionsreisen, die der Bamberger Bischof 1124/1125 und 1128 zu den heidnischen Pommern unternahm und bis 1159 in vier Viten, von denen drei erhalten sind, ihren Niederschlag fanden. Otto ist darin der gefeierte Held, der die Heiden predigend christlich unterwies, aber auch durch eigenhändige Zerstörungen heidnischer Heiligtümer (in Stettin, Wollin) und Götzenbilder (Triglaw-Statue) wirkte. Andererseits wird nicht verhehlt, dass die Heiden Otto Widerstand entgegenbrachten bzw. eben nach seiner Abreise wieder dem Heidentum verfielen. So wie die Viten sich darin einig sind, so konsistent ist das Bild, das sie stereotyp von den unterschiedslos pagani, gentiles und infideles genannten, in Heiligtümern der Vielgötterei ergebenen Heiden zeichnen. Ganz anders als gegen Juden und Muslime wird aber gegen sie selten scharf polemisiert, was Goetz schlüssig damit begründet, dass für die Autoren der Viten das in ihren Augen irrige und teuflische Heidentum bereits als erfolgreich überwunden gelten durfte .

    Ferner widmet sich Hans-Werner Goetz (S. 131–152: Wandel des Häresiebegriffs im Zeitalter der Kirchenreform? Eine Betrachtung der Streitschriften Humberts von Silva Candida und Gottfrieds von Vendôme) der bislang bestenfalls peripher untersuchten »Wahrnehmung der Häresie als solcher (und nicht bestimmter Häresien) seitens katholischer Autoren« und, noch konkreter, »der Frage, was man im Mittelalter eigentlich unter Häresie verstanden und wie man sich von häretischen Lehren abgegrenzt hat«. Die Autoren, die darauf antworten sollen, sind von Goetz gut gewählt; beide glänzten im Kampf gegen die Simonie, beide erklärten sie zur pravitas und Häresie, dazu Gottfried noch die Laieninvestitur, die er als Abart der Simonie verstand. So wurde während der großen Kirchenreform das seit Augustinus tradierte Häresiekonzept, wie Goetz stringent ausführt, dahingehend intensiviert, ausgeweitet und umgeformt, dass Simonie und Laieninvestitur nicht mehr als Verstöße gegen das Kirchenrecht, sondern »gegen die Grundfesten des Glaubens«, gegen »Christi Gebote« behandelt und die Gegner dieser Reform zu Häretikern bzw. Ketzern erklärt wurden.

    Ähnlich wie Goetz sucht Bele Freudenberg (S. 153–189: Trennende und verbindende Elemente in der Wahrnehmung der griechischen Religion in der Mitte des 12. Jahrhunderts. Das Beispiel des Anselm von Havelberg) nicht nach dem faktischen Verhalten gegenüber Devianzen, sondern nach den Vorstellungen, die lateineuropäische Autoren sich von den Gehalten andersartiger religiöser Konzepte und Ausdrucksformen machten. Sie beruft sich auf Anselms »Anticimenon«, einen, wie der Verfasser beteuerte, auf Befehl des Papstes über »die Lehre und den Ritus der Griechen« erstellten Bericht in Dialogform, der auf echten Gesprächen mit dem (als historische Person allerdings nicht nachweisbaren) Erzbischof Niketas von Nikomedien fußen soll. Ungeachtet der eingangs bekundeten Bereitschaft zum streitfreien Disput, werden von Anselm die bekannten Vorwürfe erhoben: die Griechen verfälschten die Evangelien, irrten bei der Schriftauslegung, zeigten sich immer wieder für Häresien anfällig und zögen den »Sündenpfuhl« Konstantinopel Rom, dem »Hort der Rechtgläubigkeit«, vor, von dem sie sich schuldhaft entfernt hätten. Inhaltlich werden in dem Dialog vornehmlich die filioque -Frage, d. h. der Ausgang des Heiligen Geistes aus dem Vater und dem Sohn, die Verwendung gesäuerten Brotes und der Zeitpunkt der Beimischung von Wasser in den Wein im griechischen Ritus behandelt – mit dem zu erwartenden, überlegenen Ende für die katholische Seite, die sich, wie Niketas einräumen muss, »im Besitz der Wahrheit« befindet. Dennoch sei, so Freudenbergs überraschende (und gewiss zu hinterfragende) Schlussfolgerung, Anselms Ansinnen aufgegangen: den Lateinern mittels der dem Niketas in den Mund gelegten Äußerungen einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie gesehen hätten, mit welch schlichter »Wald-und-Wiesen-Meinung« sie ihre ungerechtfertigten Verdächtigungen und Vorwürfe gegen die Griechen vertraten.

    Auch solche Thesen lassen das Buch zur anregenden Lektüre empfehlen. Andere Feststellungen (z. B. S. 105: »Der Mönch Guibert von Nogent nahm Juden und ihre Religion als andersartig wahr«) dürften ihre mitteilenswerten Besonderheiten nicht jedermann vermitteln. Aber angesichts des ausgetretenen Weges der Forschungen über Fremde als Andere (und umgekehrt) werden neue (ideologiefreie) Erkenntnisse immer schwieriger zu erzielen sein. Insofern ist der hier gewonnene Ertrag beachtlich. Zudem erweitert die Beschränkung auf nur wenige ausgewählte Werke unser Wissen über die Persönlichkeiten und Arbeitsweisen ihrer Verfasser.

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    PSJ Metadata
    Ekkehart Rotter
    N. Bade, B. Freudenberg (Hg.), Von Sarazenen und Juden, Heiden und Häretikern (Ekkehart Rotter)
    CC-BY 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    Mittelalter
    4015701-5 4010074-1 4127240-7 4022838-1 4049396-9
    500-1250
    Europa (4015701-5), Christentum (4010074-1), Fremdbild (4127240-7), Häresie (4022838-1), Religion (4049396-9)
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    N. Bade, B. Freudenberg (Hg.), Von Sarazenen und Juden, Heiden und Häretikern (Ekkehart Rotter)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/MA/bade_rotter
    Veröffentlicht am: 12.12.2014 11:50
    Zugriff vom: 18.10.2018 07:32
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