Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    G. Alfani / V. Gourdon, Spiritual Kinship in Europe, 1500–1900 (Karl Vocelka)

    Francia-Recensio 2013/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Guido Alfani, Vincent Gourdon (ed.), Spiritual Kinship in Europe, 1500‑1900, Basingstoke (Palgrave Macmillan) 2012, XII‑324 p., ISBN 978-0-230-36221-5, GBP 65,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Karl Vocelka, Wien

    Neben der Verwandtschaft im Sinne von Familienbindungen, Blutsverwandtschaften und den angeheirateten Familienmitgliedern spielten und spielen geistliche Verwandtschaften eine große Rolle in der europäischen Gesellschaft. Auch heute noch sind in kleinen Dörfern die Taufpaten und Taufpatinnen ein wesentlicher Teil des Beziehungsgeflechtes einer Person.

    Von der wissenschaftlichen Forschung wurde diese zwischenmenschliche Beziehung lange Zeit vernachlässigt, erst in den letzten Jahren hat man sich diesem Thema verstärkt zugewandt. Die beiden Herausgeber dieses Bandes, der italienische Professor Guido Alfani und der französische Demograph und Familienhistoriker Vincent Gourdon sind die großen Spezialisten dieses Themenbereiches und haben diesen Band mit sehr verzweigten Fallstudien vorgelegt. Die Einleitung, die von den beiden Herausgebern verfasst wurde »Spiritual Kinship and Godparenthood: an Introduction« gibt einen hervorragenden, für jeden Interessierten lesenswerten Überblick zum Forschungs- und Wissensstand zum Thema.

    Der Fokus der Forschung über die Taufpaten war bisher das frühe Mittelalter, entgegen der lange gehegten Vermutung haben aber diese Beziehungen nach dem Ende des Mittelalters keineswegs an Relevanz verloren. Das System der Taufpatenschaft entwickelte sich mit dem Zunehmen von Kindertaufen, weil dadurch eine Person notwendig war, die – vor allem nach dem Tod der Eltern – für die christliche Erziehung des Kindes zuständig war. Ein wesentlicher Einschnitt war das Konzil von Rom im Jahre 721, in der die Ehe mit »geistlichen Verwandten« verboten wurde, was einen Einschnitt in den Rechtsverhältnissen der Gesellschaft darstellte. Zunächst war ein Pate des gleichen Geschlechtes die Regel. Allerdings gab es bald Tendenzen die Zahl zu erhöhen, oft finden sich drei bis vier Paten, in extremen Ausnahmefällen auch 20 bis 30 Paten. Mehrere Modelle lassen sich unterscheiden, ein Multi-Paten-System und ein Single-Paten-System, aber auch symmetrische Modelle (ein Mann und eine Frau) und asymmetrische Modelle (Paten nur von einem Geschlecht).

    Wichtig an dem Band und der gesamten Forschung ist die Beachtung der Unterschiede zwischen den kirchengesetzlichen Regelungen und der Praxis, denn diese Gewohnheiten sind Teil des komplexen Systems sozialer Interaktionen. Ein ganzes Kapitel »Church Rules and Actual Practice« der Einleitung ist diesem Themenbereich gewidmet. Dabei wird besonders die symbolische Funktion des Paten aus der Sicht der Anthropologie hervorgehoben.

    Der Band hat nicht nur das katholische Europa im Visier, sondern auch die Orthodoxie, die an einer leicht modifizierten byzantinischen Praxis orientiert ist. Eine wesentliche Veränderung hätte die Reformation mit sich bringen können. Luther stellte zwar fest, dass die Taufpaten nicht in der Heiligen Schrift verankert seien, sie sollten aber dennoch als Zeugen und Unterweiser des Kindes ihren Stellenwert bei der christlichen Erziehung behalten. Calvin versuchte die Patenschaft ganz abzuschaffen, scheiterte aber am Widerstand der Bevölkerung, die diese Institution beibehalten wollte. So wurde in der Reformation zwar die geistliche Verwandtschaft abgeschafft, die Paten jedoch beibehalten.

    Auch die katholische Kirche beschäftigte sich nach der Reformation erneut mit Fragen der Taufe und der Patenschaft und drängte im Konzil von Trient die weltlichen Aspekte der Taufe zurück. Man versuchte auch die Paten auf eine Person einzuschränken, was in der Praxis dazu führte, das vor allem die unteren Schichten der Bevölkerung den Paten nach seinem sozialen Prestige auswählten.

    Weitere wichtige Aspekte der Forschung sind auch die Vorstellungen der Menschen zu diesem Phänomen, etwa die Anschauung, dass das Patenkind die Tugenden und moralischen Schwächen des Paten »erbt« oder die ganze Frage der Namengebung. Fragen der Wahl von Geistlichen als Paten gegenüber der von Laien, die Orientierung der niedrigen Schichten in der Patenwahl an der Oberschicht und die dadurch entstehenden Klientelsysteme sind ebenfalls zu berücksichtigende Forschungsaspekte.

    Die letzten Jahrhunderte brachten eine Horizontalisierung des Patensystems (man wählte Freunde gleichen Standes) und einen starken Anteil von Familienmitgliedern bei der Patenwahl. In weiten Teilen Europas kam das System der Paten auch in die Krise, einerseits durch politische Verhältnisse (Kommunismus), andererseits durch die Säkularisierung der Welt.

    Die Stärke des Bandes liegt einerseits in der breiten Zeitschiene, die erfasst wurde: vom Beginn der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert und andererseits in der großen regionalen Breite, die Italien, Spanien, Frankreich, die Schweiz, Schweden, Finnland, Russland und Amerika einschließt. Verbunden werden die Fragestellungen auch mit der Migrationsforschung, da das Verhalten von Zuwanderern ebenfalls thematisiert wird.

    Guido Alfani beschäftigt sich mit einer Fallstudie zur piemontesischen Stadt Ivrea in Norditalien in der Frühen Neuzeit und dann nochmals gemeinsam mit Cristina Munno mit der ländlichen Gemeinde Nonantola. Für die Frühe Neuzeit sind auch noch die Beiträge von Antonio Irigoyen López über Murcia in Spanien und Étienne Couriol über Lyons im Band enthalten, die ebenfalls einen mikrohistorischen Zugang haben.

    Ein weiterer Abschnitt ist der späten Neuzeit gewidmet mit einem Beitrag des Herausgebers Vincent Gourdon über die Wahl von Paten in Paris im 19. Jahrhundert und dem Artikel des Schweizers Sandro Guzzi-Heeb über politische Mobilisierung und soziale Zusammenarbeit im Val de Bagnes im Schweizer Kanton Wallis (Valais).

    Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem Phänomen der Patenschaft bei den Anhängern der Reformation, ein Beitrag von Kari-Matti Piilahtti wählt dazu die ländliche Gemeinde Valkeala in Finnland in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und ein anderer Artikel von Tom Ericson handelt über die Paten in einer lutherischen Gemeinde im Paris in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

    Die letzten beiden Aufsätze des Sammelbandes beschäftigen sich mit der russisch-orthodoxen Tradition der Patenschaft (Marianna G. Muravyeva) und den Franzosen während des Goldrausches ( gold rush ) in San Francisco (Annick Foucrier).

    Alles in allem ein Band, der ein Standardwerk zu diesem Thema, dessen Relevanz dadurch auch deutlich betont wird, darstellt und überaus lesenswert ist.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Karl Vocelka
    G. Alfani / V. Gourdon, Spiritual Kinship in Europe, 1500–1900 (Karl Vocelka)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4044873-3
    1500-1900
    Europa (4015701-5), Patenschaft (4044873-3)
    PDF document alfani-gourdon_vocelka.doc.pdf — PDF document, 96 KB
    G. Alfani / V. Gourdon, Spiritual Kinship in Europe, 1500–1900 (Karl Vocelka)
    In: Francia-Recensio 2013/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-2/FN/alfani_vocelka
    Veröffentlicht am: 21.06.2013 11:35
    Zugriff vom: 21.07.2018 04:14
    abgelegt unter: