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    C. Armenteros, R. A. Lebrun, Joseph de Maistre and his European Readers (Günther Kronenbitter)

    Francia-Recensio 2012/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Carolina Armenteros, Richard A. Lebrun (ed.), Joseph de Maistre and his European Readers. From Friedrich von Gentz to Isaiah Berlin, Leiden (Brill) 2011, XII–303 p. (Studies in the History of Political Thought, 5), ISBN 978-90-04-19394-9, EUR 99,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Günther Kronenbitter, Augsburg

    Spätestens seit Isaiah Berlin ihn als intellektuellen Wegbereiter des Faschismus charakterisiert hat, wird Joseph de Maistre nicht zuletzt im Kontext der Entwicklung rechtsextremen Denkens untersucht. Der vorliegende Tagungsband, der auf ein internationales Kolloquium im Dezember 2008 zurückgeht, will diese Sicht einer kritischen Überprüfung unterziehen. De Maistres Gedanken zum Verhältnis von Religion und den politischen wie gesellschaftlichen Umbrüchen der beginnenden Moderne sind dabei von besonderem Interesse. Richard A. Lebrun, einer der beiden Herausgeber, beschäftigt sich seit mehr als einem halben Jahrhundert mit de Maistre. Nicht zuletzt als Übersetzer hat Lebrun viel dazu beigetragen, die Werke de Maistres im englischsprachigen Raum bekannt zu machen. Carolina Renata Armenteros, Mitherausgeberin des Bandes, hat sich in ihrer ersten 2011 erschienenen Monographie sowie in einer Reihe anderer Publikationen mit de Maistre auseinandergesetzt. Der vorliegende Band ist von dem Bestreben geprägt, Widerspruch gegen die geläufige Einordung de Maistres als Vorläufer des Faschismus oder als reaktionärer politischer Schriftsteller der Restaurationszeit einzulegen.

    Die bewusst persönlich gehaltenen Bemerkungen Jean-Louis Darcels gewähren einen Einblick in die heftigen, auch politisch konnotierten Deutungskonflikte, die für die de Maistre-Forschung der 1960er und 1970er Jahre kennzeichnend waren. Der Eindruck, de Maistre gegen die vorschnelle Aburteilung als Reaktionär oder Proto-Faschist in Schutz nehmen zu müssen, gehörte ganz offensichtlich zu den prägenden Erfahrungen Darcels, aber wohl auch anderer de Maistre-Experten. Dass Isaiah Berlin in seiner Einschätzung de Maistres weder seinem Gegenstand noch den Charakteristika des Faschismus gerecht wurde, wie Cyprian Blamires nachvollziehbar darlegt, bildet den Ausgangspunkt einer Neuentdeckung de Maistres, die in den übrigen Beiträgen des Bandes angestrebt wird. Während Kevin Michael Erwin in de Maistre das Rollenvorbild von Jules Amédée Barbey d’Aurevilly erkennt, wendet sich Tonatiuh Useche Sandoval den Spuren der Lektüre von de Maistres »Du pape« in den Schriften von Auguste Comte zu. Gleichfalls mit der Rezeption von »Du pape« befasst sich Raphaël Cahens Beitrag über Friedrich Gentz und dessen Beschäftigung mit de Maistre. Adrian Daub sucht nach Verbindungslinien zwischen de Maistre und der deutschen Spätromantik und Ryohei Kageura bemüht sich darum, die Ähnlichkeiten zwischen de Maistres Konzeption der Vorsehung und Walter Benjamins gesellschaftstheoretischer Begründung seiner Deutung des Detektivromans aufzuweisen. Den Stellenwert de Maistres in Herbert Marcuses Analyse der Konterrevolution untersucht Michael Kohlhauer. Marco Rivera befasst sich mit der de Maistre-Rezeption in Italien, Caolina Armenteros mit dem Einfluss von de Maistres Gedankengut auf die Erziehungsreformen in Russland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der französischen Rezeption der »Considérations sur la France« ist der Beitrag von José Miguel Nanni Soares gewidmet.

    Die Beiträge des Bandes ergeben zusammen genommen ein facettenreiches Bild der de Maistre-Rezeption. Einen enzyklopädischen Anspruch erhebt das Buch nicht, aber es bietet eine gute Basis für ein breiter fundiertes Verständnis der Wirkung de Maistres auf die intellektuelle Leserschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Insofern ist der Tagungsband eine wichtige Bereicherung unseres Wissens über Wahrnehmung und Verarbeitung von de Maistres Gedankengut. Die vielfältigen rezeptionsgeschichtlichen Perspektiven, die der Band versammelt, entziehen einer simplen Charaktersierung de Maistres als Vordenker des Faschismus den Boden. Die Beiträge stellen zusammen genommen ein überzeugendes Plädoyer dafür dar, die Rolle de Maistres in der Geschichte des europäischen politischen Denkens weitaus differenzierter zu betrachten. Damit zeichnet sich eine Tendenz zur Historisierung de Maistres ab, was aus der Perspektive der Forschung nur zu begrüßen ist. Dass die klare Einordnung de Maistres in eine Ahnenreihe intellektueller ›Schurken‹ des modernen Europa sich bei sorgfältiger Analyse nicht halten lässt, ist kein Schaden, denn erst so lassen sich die Möglichkeiten des Erkenntniszuwachses ausloten. Mit der ideengeschichtlichen Polemik und ihren Schablonen verliert die de Maistre-Forschung allerdings auch ein wesentliches Argument für ihre Relevanz als Mittel, die ideologischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts zu begreifen.

    Wie der vorliegende Band andeutet, könnte die Untersuchung von de Maistres Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Religion und Moderne der de Maistre-Foschung neue Perspektiven eröffnen, die durchaus gegenwartsbezogen sind. Das wird aber letztlich eher angedeutet als entfaltet. Das Bemühen um einen frischen Blick auf de Maistre führt dazu, dass die Bedeutung de Maistres für katholisch-restaurative Kreise in den Jahrzehnten nach dem Wiener Kongress nur gelegentlich gestreift, jedoch nicht systematisch behandelt wird. Die Suche nach Spuren von de Maistres Einfluss führt zwar zu überraschenden Befunden, aber das hat ihren Preis: Nicht nur sind die Argumentationslinien gelegentlich übermäßig verschlungen, sondern die Absicht, die Bedeutung de Maistres für die Geistesgeschichte Europas hervorzuheben, schlägt sich in der Neigung nieder, seinen tatsächlichen Einfluss zu überschätzen. Das Anliegen, de Maistres Werk für neue Fragestellungen fruchtbar zu machen, ist dennoch sehr bedenkenswert. Der vorliegende Band bietet dazu viele Anregungen.

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    PSJ Metadata
    Günther Kronenbitter
    C. Armenteros, R. A. Lebrun, Joseph de Maistre and his European Readers (Günther Kronenbitter)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa, Russland
    Ideen- und Geistesgeschichte
    18. Jh., 19. Jh.
    4015701-5 118576542 4049716-1
    1753-1821
    Europa (4015701-5), Maistre, Joseph Marie de (118576542), Rezeption (4049716-1)
    PDF document armenteros_kronenbitter.doc.pdf — PDF document, 85 KB
    C. Armenteros, R. A. Lebrun, Joseph de Maistre and his European Readers (Günther Kronenbitter)
    In: Francia-Recensio 2012/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-4/FN/armenteros_kronenbitter
    Veröffentlicht am: 05.12.2012 14:05
    Zugriff vom: 23.09.2018 20:49
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