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    M. Desachy, Les Obituaires du chapitre cathédral d'Albi (Franz Neiske)

    Francia-Recensio 2011/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Les obituaires du chapitre cathédral d’Albi, publ. sous la dir. de Jean Favier et de Jean-Loup Lemaitre par Matthieu Desachy, avec la collaboration de Olivier Cabayé, Julien Théry et Céline Vanacker, Paris (Académie des inscriptions et belles-lettres) 2007, LXXVIII–276 p., 8 ill. (Recueil des historiens de la France. Obituaires. Série in–8°, 7), ISBN 2-87754-197-5, EUR 18,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Franz Neiske, Münster

    Da große Teile des mittelalterlichen Archivbestandes der Kathedralkirche Sainte-Cécile in Albi zerstört sind, soll mit der vorliegenden Edition versucht werden, zumindest das Personal des Domkapitels besser kennen zu lernen. Das ist auch weitgehend gelungen. Dennoch bleiben einige wichtige Kritikpunkte, die im Folgenden erläutert werden sollen. Den Nekrologien vorangestellt ist eine Liste der Kapellen der Kathedrale, deren Geschichte und kunsthistorische Besonderheiten gewürdigt werden. Es fehlt aber eine Verknüpfung der namengebenden Patrone mit dem im Band edierten Kalendar (z. B. zu Saint-Clair, Kapelle 12N, Kalendar 1. Juni; zu Sainte-Martiane, Kapelle 14N, Kalendar 2. November). Außerdem vermisst man an dieser Stelle Angaben über die ehemaligen Grablegen in diesen Kapellen, zu denen die spätmittelalterliche Gedenküberlieferung in der Edition eine Fülle von Hinweisen bietet. Dieser Teil des Bandes bleibt also sehr isoliert.

    Ediert werden vier Handschriften mit Gedenkeinträgen der Kathedrale. Ein Kalendar aus der Mitte des 12. Jahrhunderts mit 80 nekrologischen Einträgen, ein Martyrolog des späteren 12. Jahrhunderts mit rund 150 Toteneinträgen sowie zwei als Obituar zu bezeichnende Handschriften aus dem 15. bzw. 17. Jahrhundert mit zusammen rund 1000 Anniversar- und Gedenkstiftungen. Die Edition entstand als gemeinsame Arbeit mehrerer Spezialisten der Lokalgeschichte unter der Gesamtleitung von Matthieu Desachy.

    Das Kalendar wurde vollständig ediert, d. h. mit Heiligenfesten und Toteneinträgen. Aus dem Ado-Martyrolog werden nur die Gedenkeinträge angezeigt. Der Abdruck der beiden jüngeren Handschriften bietet alle Texte vollständig, einschließlich der Bestimmungen zur Finanzierung der Anniversarien und der Aufteilung der Einkünfte. Außerdem ist in zahlreichen Fällen der Begräbnisort angegeben. Alle Gedenkeinträge sind fortlaufend durchnummeriert. Zu rund 150 Personen sind biographische Notizen zusammengestellt, auf die im Editionsteil verwiesen wird. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Prälaten und dem übrigen Personal der Kathedralkirche Sainte-Cécile. Diese Identifizierungsarbeit wird ergänzt durch eine Liste der Bischöfe von Albi ohne biographische Details. Bei den Personen der Bischofsliste und des Kommentarteils kann man – wenn auch nicht immer vollständig – ablesen, in welcher der vier Überlieferungen sie genannt werden. Alle übrigen sind im Register der Personen und Orte zusammengefasst, ohne dass dort noch weitere Identifizierungen geboten werden. Die Einträge beziehen sich fast ausschließlich auf Mitglieder des Domkapitels und die Bischöfe. Die wenigen anderen werden leider nicht identifiziert oder systematisch dargestellt. Es wird zwar pauschal auf 36 familiares im Martyrolog-Nekrolog verwiesen (S. LXVIII), man kann diese Personen aber nicht ohne Probleme ermitteln, auch nicht (vollständig) mit Hilfe des Stichwortes familiaris im Sachregister. Das ist zu bedauern, weil so keine Informationen über die Außenkontakte des Kathedralkapitels geboten werden.

    Einige Beispiele mögen das illustrieren. Die Einleitung nennt ausdrücklich das Gedenken für Simon de Montfort (S. LXVIII), um die im Gefolge der Albigenserkriege teilweise angezweifelte Treue der Stadt zum »wahren« Glauben zu betonen. Die Vermutung, er müsse »une fondation importante [...] en faveur du chapitre d’Albi« geleistet haben, wird leider nicht belegt. Simon hatte wirklich während seines Aufenthalts im Languedoc die Kathedrale von Albi mit Schenkungen bedacht (vgl. A. Molinier, Catalogue des actes de Simon et d’Amauri de Montfort, in: Bibliothèque de l’École des chartes 34 [1873], S. 445–501, Nr. 50, 66). Der Eintrag Simons (Nr. 161) zum 25. Juni im Martyrolog-Nekrolog entspricht seinem Todestag im Jahr 1218. Er wird als noster familiaris bezeichnet, fehlt aber in der Liste der familiares im Register. Mit Philipp de Montfort (Nr. 463, zum 23. Juni) wird ein weiteres Mitglied der Familie genannt, ohne Identifizierung.

    Allein über das Register kann erschlossen werden, dass es außer den Bischöfen von Albi auch Einträge von anderen Bischöfen gibt (Bourges, Poitiers), aber auch diese werden nicht weiter identifiziert. Nur wenn solche Würdenträger ursprünglich aus dem Personal des Kathedralkapitels stammen, wie etwa Aymard Amiel, Bischof von Marseille und ehemals Kanoniker in Albi (Nr. 776) zum 23. Dezember, erhalten sie einen Kommentar (Kommentar Nr. 39). Auch erfährt man nichts über Jakob, König von Ungarn, Jerusalem und Sizilien, der (Nr. 983) zum 24. September im Obituar des 17. Jahrhunderts genannt wird: Anniversarium serenissimi principis Jacobi, regis Ungariae, Jerusalem, Ceciliae, comitis Castrensis, et debet fieri pulsatio solemnis . Es könnte sich hier um Jacques II. de Bourbon handeln, der am 24. September 1438 in Besançon starb und über seine zweite Ehe mit Johanna von Anjou-Durazzo, der Königin von Neapel, Titularkönigin von Jerusalem und Titularkönigin von Ungarn, zu diesen Titeln gekommen sein konnte.

    Einige Besonderheiten der Gedenküberlieferung aus Albi verdienen erwähnt zu werden. Im Martyrolog-Nekrolog stehen die Einträge zum Teil in reich dekorierten Vignetten (oder Schilden), wie sie auch aus dem Nekrolog von Saint-Pons-de-Thomières bekannt sind. Leider wird das in der Edition nicht angezeigt, obwohl die Einleitung darauf verweist (S. LXVI). Das ist zu bedauern, denn dass der Eintrag des Simon de Montfort die am aufwändigsten ausgestattete Vignette der ganzen Handschrift erhalten hat, ist ein wichtiges Merkmal für die Art seines Gedenkens in Albi. Auch liturgische Angaben werden nicht ausreichend gewürdigt. Randbemerkungen in maiori, in minori im Obituar des 16. Jahrhunderts legen fest, an welchem der Altäre das Gedenken gefeiert werden sollte. Obwohl diese Besonderheit in der Einleitung erwähnt wird (S. LXXVI), fehlen die Angaben in der Edition. Viele Personen erhielten mehrmals im Jahr ein Anniversargedenken. Das konnten z. T. mehr als zehn einzelne Gedenktage sein, wie etwa bei dem wiederholten pauschalen Gedenken (elf Anniversarien) für die Erzbischöfe von Auch (Dép. Gers). Im Register der Begriffe würde man sich eine Liste solcher Mehrfach-Anniversarien wünschen.

    In vielen Fällen werden innerhalb der Edition auf parallele Einträge der Personen in einem der anderen Nekrologien der Kathedrale hingewiesen. So kann sichtbar werden, dass das Gedenken an eine Person mehrmals überliefert ist; ein wichtiges Argument für die Dauerhaftigkeit der Memoria und die Bedeutung des Verstorbenen. Doch solche Querverweise fehlen in der Edition an einigen Stellen: Amelius presbyter (Nr. 67, 203) in Kalendar und Martyrolog zum 24. bzw. 23. September; Guillelmus Amelii (Nr. 59, 191), in Kalendar und Martyrolog jeweils zum 28. August. Andere Parallelen können nur über das Register erreicht werden. Da die beiden Obituare in ihren Einträgen weitgehend übereinstimmen, werden solche Gedenknotizen in der Edition nicht wiederholt, sondern es wird nur auf den anderen Eintrag verwiesen. Die Verkürzung ist jedoch nicht immer sinnvoll, da bei den jüngeren Texten oft eine andere Finanzierung des Anniversars genannt wird.

    Neben der präzisen Handschriftenbeschreibung bieten acht Tafeln eine Vorstellung von der besonderen Form der Gedenküberlieferung Albis. Dieser Service hat allerdings für die Herausgeber den Nachteil, dass man die Edition direkt überprüfen kann. Leider werden damit die folgenden Fehler offenbar. Auf den Tafeln 3, 4, 5, 6 sind die Folio-Nummern falsch. Tafel 1: Beim Eintrag Gauzbertus iuuenis (11. April) fehlt in der Edition der Zusatz p(resbyter). Tafel 2: Martyrologeintrag zum 8. August, lies Ciriaci martyris statt Cirici martyris . Tafel 5: Eintrag Nr. 743 zum 3. Dezember, lies Alziacius statt Alzacius ; anniversario steht nicht in der Handschrift, also besser [ anniversario ]. Tafel 6: Es fehlt der Rest des Eintrages Nr. 711 zum 11. November. Tafel 7: Es fehlen die Einträge zum 2. und 3. Januar ( Johannes Joffredi, Johannes de Fermeneto ) oder zumindest die Verweise auf ihre parallelen Einträge in der älteren Überlieferung. Tafel 8: Verwirrend ist der Druckfehler Petri de la Porte, episcopi Albiensis (statt: Albensis ), da der Bischof nicht auf Albi, sondern auf Alba (Piemont) zu beziehen sei, wie in Kommentar 51 ausgeführt wird. Das Problem der Schreibweise des Ortsnamens Albiensis/Albensis wird an keiner Stelle diskutiert, nur die ältere Literatur hat im Zusammenhang mit einem Epitaph für Petrus de Porta, episcopus Albenis , darauf verwiesen (R. Crozet, Monographie de la cathédrale de Sainte-Cécile d'Albi, Paris 1873, S. 308) und eine Identifizierung des Petrus als Bischof von Alba vorgeschlagen. Die Bischofsliste von Alba kennt aber einen Bischof dieses Namens in der fraglichen Zeit nicht. Auch diese Schwierigkeit wird nicht angesprochen. Vielleicht ist hier also doch ein Bischof von Albi zu vermuten, denn die Archives départementales du Tarn bewahren unter der Signatur 11 J 12/1–2 ein (von den Herausgebern nicht zitiertes) Dokument, das Pierre de la Porte als Bischof von Albi nennt.

    Zu diesem Pierre de la Porte findet man in der Gedenküberlieferung der Kathedrale elf Anniversarien. Nur bei einem dieser Einträge gibt es einen Verweis auf den Kommentar, der die Identifizierung enthält. Auch im Kommentar selbst findet man keinen Hinweis auf die vielen Anniversarien. Dieser gravierende Nachteil für die Benutzung der Edition gilt für alle Kommentare! Nur über das Register lassen sich diese Einträge zum Teil finden. Anders als bei den Kommentaren werden in der Bischofsliste jeweils mehrere Belege aus der Gedenküberlieferung aufgeführt. Leider sind diese Aufzählungen nicht vollständig. Bei Bischof Guillelmus VI. de Vouta fehlen die Nr. 583, 646, 725. Bei Bischof Dominicus de Florencia sind falsch Nr. 354 statt 359, Nr. 667 statt 677; es fehlen die Hinweise auf die Nr. 456, 620 und 769. Bei Bischof Johannes II. Joffredi fehlen in der Bischofsliste sieben weitere Belege zu Anniversarien, die man nur über das Namenregister finden kann. Doch auch das Register zeigt Schwächen. Dazu nur einige Stichproben: Bei Hugo episc . fehlt im Register der Verweis auf Nr. 185. Bei Jacobus Robertet fehlt die Nr. 895. Unsicherheiten finden sich auch bei der Anordnung der Namen im Register. Da der Gebrauch eines Beinamens in Südfrankreich früher als in anderen Regionen verbreitet war, haben die Herausgeber auch das Register entsprechend eingerichtet. Das verleitet zu einer anderen Sichtweise auf ältere Nekrologeinträge, sodass dann bei der Gedenknotiz aus dem ältesten Nekrolog: domnus Amatus presbyter (Nr. 62) der Ehrentitel domnus im Register zum Vornamen und Amatus zum Beinamen wird: Amatus (Domnus), presbyter .

    Abgesehen von solchen Fehlern und Unsicherheiten ist die Edition ohne Zweifel eine Bereicherung für prosopographische Fragen aus dem engen Umkreis des Kathedralkapitels von Albi. Sie dient vor allem dazu, schon in Literatur und Archiven nachweisbare Personen auch in der Gedenküberlieferung zu finden. Aber es werden keine Perspektiven darüber hinaus entwickelt. Die Personenkommentare äußern sich nicht dazu, warum in den Obituaren eine Person Anniversarien in bestimmtem Umfang erhält. Bemerkungen zu Stiftungen findet man nur in den Fällen, in denen eine Urkunde im Archiv oder in der Literatur die Einrichtung eines Anniversars bestätigt. Hier steht also die Rechtsgeschichte im Vordergrund. Für weitere prosopographische Forschungen würde man sich z. B. eine Liste der nicht identifizierten Kanoniker, geordnet nach Zeitschichten – entsprechend der Überlieferung – wünschen, um auch diese unbekannten Personen sichtbar zu machen. Allgemein bleiben die spezifischen Arbeitsmethoden der Gedenküberlieferung ungenutzt, ja sie werden teils unmöglich gemacht, weil die entsprechenden Hinweise in den Handschriften nicht ediert sind. Solche Arbeiten, die vor allem unser Wissen über das spätmittelalterliche Gedenkwesen erweitern würden, können nur mit einer erneuten Benutzung der Handschriften geleistet werden.


    PSJ Metadata
    Franz Neiske
    M. Desachy, Les Obituaires du chapitre cathédral d'Albi (Franz Neiske)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    Mittelalter, Neuzeit bis 1900
    4068523-8 4018145-5 7610077-7 4012699-7 4130790-2
    1000-1700
    Kathedrale Albi Albi (4068523-8), Frankreich (4018145-5), Diözese Albi / Domkapitel (7610077-7), Domkapitel (4012699-7), Nekrologium (4130790-2)
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    M. Desachy, Les Obituaires du chapitre cathédral d'Albi (Franz Neiske)
    In: Francia-Recensio 2011/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-4/MA/desachy_neiske
    Veröffentlicht am: 13.01.2012 17:30
    Zugriff vom: 18.10.2018 07:14
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