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F. L. Müller: "Frau Deines Mannes, Tochter Deiner Mutter"

KultGeP - Colloquien 2 (2016)

Frank Lorenz Müller

"Frau Deines Mannes, Tochter Deiner Mutter":

Victoria und das Scheitern einer Mission

Abstract:

Dieser Beitrag schildert und untersucht die politische Mission, zu deren Erfüllung die Prinzessin Victoria mit dem preußischen Thronfolger vermählt wurde. Das entscheidend von Prinz Albert geprägte Vorhaben einer liberalen Reform Preußens und Deutschlands als Ergebnis einer Beeinflussung des künftigen Monarchen durch seine energische, wohlvorbereitete Frau sollte jedoch scheitern. Dafür gab es zum einen persönliche Gründe, wie das wenig diplomatische Auftreten der Prinzessin und die geringe Durchsetzungskraft sowie den frühen Tod ihres Gatten. Aber auch ein mangelndes Verständnis für die Unterschiedlichkeit der politischen Umstände in Preußen/Deutschland und Großbritannien spielte eine Rolle. Für das persönliche Lebensschicksal Victorias war ihre Mission eine schwere Belastung, die ihr Verhältnis zu ihr nahe stehenden Personen (u.a. zu ihren Schwiegereltern, ihrem Erstgeborenen, ihrem Beraterkreis) vergiftete und sie politisch und gesellschaftlich isolierte.

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Dass die Ehe zwischen der Prinzessin Victoria von Großbritannien (1840-1901) und dem preußischen Prinzen und späteren deutschen Kaiser Friedrich III. (1831-1888) in menschlich-emotionaler Hinsicht glücklich und liebevoll war, kann man als eine gnädige Überraschung werten. Für beide Ehepartner war die tiefe gegenseitige Zuneigung, die sie ineinander fanden, eine Zuflucht und ein privater Trost – vor allem angesichts der Widrigkeiten und Enttäuschungen, die sie im politischen und öffentlichen Leben erlitten. Dass ihnen dieses zwischenmenschliche Glück beschert war, mag umso mehr verblüffen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Ehe der beiden ein sorgfältig eingefädeltes dynastisches Projekt war. Im Rahmen dieses Plans wurden der junge Prinz und seine kaum dem Kindesalter entwachsene Braut wie Figuren auf einem transnationalen Schachbrett mit Bedacht und zahlreichen Hintergedanken in die richtigen Positionen geschoben. Dieses britisch-coburgisch-preußische Damengambit wurde von zahlreichen Personen auf beiden Seiten des Ärmelkanals in die Wege geleitet und unterstützt. Dabei kam allerdings dem Brautvater, dem Prinzgemahl Albert (1819-1861), eine besondere Bedeutung zu. Wie kein zweiter prägte der Coburger Gatte der britischen Königin Victoria die Mission, der er das Leben seiner erstgeborenen Tochter weihen und deren Scheitern ihre Tragik ausmachen sollte.

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Der Verlust ihres geliebten Gatten nach einem qualvollen und monatelangen Siechtum war für die deutsche Kaiserin und preußische Königin Victoria – die sich schon bald darauf "Kaiserin Friedrich" nennen sollte – ein existenzieller Schock. Er war für sie umso unerträglicher, als das Ableben Kaiser Friedrichs im Juni 1888 auch das Misslingen einer Lebensaufgabe bedeutete, die Victoria – auch beinahe drei Jahrzehnte nach dem Tod des Vaters – noch immer instinktiv mit Prinz Albert verknüpfte. "Wir hatten eine Mission, wir fühlten und wir wussten es", schrieb sie nur wenige Tage nach Friedrichs Tod an ihre Mutter. "Wir waren Papas und Deine Kinder! Wir blieben dem treu, woran wir glaubten und was wir für richtig hielten. Wir liebten Deutschland – wir wollten es stark und groß sehen, nicht nur mit dem Schwert, sondern in allem, was rechtschaffen war, in der Kultur, im Fortschritt und in der Freiheit."1 Auch aus diesen verzweifelten Worten ist noch leicht zu ersehen, dass Victorias Mission im Kern eminent politisch und progressiv war. Da das Vorhaben zudem von einflussreichen Personen vorbereitet und befördert wurde und in der englischen Prinzessin eine energische, zähe und intelligente Protagonistin hatte, kann man in dem Plan, der auf der Ehe Victorias mit dem künftigen preußischen Monarchen aufbaute, ein bemerkenswertes Veränderungspotential für den Hohenzollernstaat erkennen. Nicht zuletzt deswegen, wurden die "Mission" und ihre Zentralfigur von den Gegnern einer solchen Entwicklung mitunter so rabiat und rücksichtslos bekämpft.

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Prinz Alberts sorgsam geplante Strategie, die der von seiner Tochter angehimmelte Vater dem geliebten Kind mit auf den Lebensweg gab, spielte bei Victorias Scheitern eine wichtige Rolle. "Dein Platz ist Frau Deines Mannes, Tochter Deiner Mutter, Du wirst nichts anderes verlangen, aber auch nichts von dem aufgeben, was Du Mann und Mutter schuldig bist", hatte er ihr am 17. Februar 1858 aufgetragen, kurz nachdem die frischvermählte Vicky nach Berlin abgereist war. Wie die Prinzessin den hier geforderten Spagat – gleichermaßen ein Kind der britischen Krone und die Gemahlin des künftigen preußischen Monarchen zu sein – ausführen sollte, verriet ihr Prinz Albert leider nicht. Nur der Zweck einer solchen politisch-biographischen Verrenkung war klar. Durch Vicky "wird Fritz all den Rat, den es nötig ist zu erfahren, in einer Form gereicht erhalten, die sein Herz nicht gegen denselben zuschließt", erklärte Albert nur wenige Wochen später in einem Brief an Vickys Schwiegermutter, die Prinzessin Augusta von Preußen. Und er fügte hinzu: "Soweit über die Methode; doch in der Materie selbst möchte ich Dich recht bitten, die liberalsten Grundsätze festzuhalten."2

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Die Vorbereitung der jungen Frau auf diese Aufgabe hatte Jahre in Anspruch genommen. Bereits 1855 hatte Prinz Albert seinem künftigen Schwiegersohn berichtet, dass er seine – damals kaum vierzehnjährige! – Tochter allabendlich einer "Art allgemeiner Katechisierung" in politischen Dingen unterziehe. Als die junge Ehefrau schließlich das elterliche Nest verlassen hatte, wurde das väterliche brain washing aus der Ferne weitergeführt. Während der vier Jahre zwischen Victorias Übersiedlung nach Preußen und Alberts Tod schickten sich Vater und Tochter Hunderte von Briefen. Der Prinzgemahl sorgte dafür, dass es zu jedem politischen Thema einen entsprechenden Kommentar oder Ratschlag gab: und immer hielt er an jenen "liberalsten Grundsätzen" fest, die er schon Augusta ins Stammbuch geschrieben hatte. Diese ständigen Anweisungen waren, so glaubte er, von Erfolg gekrönt. "Mit Fritz bin ich sehr zufrieden", teilte Albert seinem Bruder im Juli 1861 mit. "Es ist nicht möglich, sich von einem politischen Standpunkt aus beständiger und besser zu entwickeln, als er es in der letzten Zeit, oder besser gesagt, seit seiner Hochzeit getan hat. Vicky ist so klug wie immer."3

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Damit ist der Wirkungskern der Mission erfasst: Es ging darum, über die Prinzessin Victoria und ihren Einfluss auf ihren Gatten, den künftigen Monarchen, eine Umorientierung der preußischen Krone hin zu liberalen, konstitutionell-parlamentarischen Grundsätzen herbeizuführen, das Land also von oben her zu reformieren. Als Ergebnis von Victorias Einfluss sollte sich Preußen dem britischen Verfassungs-Leitbild annähern. Prinz Albert war es gelungen, seine Tochter zu einer zutiefst überzeugten und unerschrocken auftretenden Missionarin in Sachen Liberalisierung auszubilden. So reagierte die junge Prinzessin zum Beispiel mit einer an Geringschätzung grenzenden Fassungslosigkeit auf die Weigerung ihres Schwiegervaters, eine parlamentarische Kontrolle der preußischen Regierung zuzulassen: "Für jeden, der das Privileg hatte (für das man nicht dankbar genug sein kann), in England geboren zu werden, ist es unmöglich, anderer Meinung zu sein", schrieb sie ihrem Vater im Dezember 1860, "aber selbst wenn man nicht dort geboren ist, denke ich, sagt einem der gesunde Menschenverstand, welche Seite man in dieser Frage zu ergreifen hat."4

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Auch der Tod ihres Vaters im Dezember 1861 änderte nichts an Vicky Entschlossenheit, Preußen und Deutschland in seinem Sinne zu verändern. "Möge es der Himmel verhindern", schrieb sie anfangs 1862 an ihre Mutter, dass "Papas mehr als zwanzigjährige Arbeit vergeblich gewesen sein sollte."5 Im März 1862, inmitten des Konflikts zwischen der preußischen Krone und der Landtagsmehrheit, beschwor sie ihren Gatten, standhaft und liberal zu bleiben. Dies sollte der Grundton aller Ratschläge bleiben, die sie – wie auch ihre Mutter – dem Kronprinzen im darauffolgenden Vierteljahrhundert ohne Unterlass erteilten. Als König Wilhelm I. im September 1862 erwog, zugunsten seines Sohnes abzudanken, ermutigte die Kronprinzessin ihren Mann, die Zügel zu übernehmen. Im folgenden Jahr drängte sie ihn, sich öffentlich gegen Bismarcks reaktionären Kurs auszusprechen. Stets tat sie ihr Bestes, Fritz mit einem geeigneten Beraterkreis zu versehen. "Willst Du nicht ab und zu ein kleines tête-à-tête mit irgend einem netten und interessanten Mann arrangieren?", regte die Kronprinzessin im Dezember 1879 an und spulte sogleich eine Liste führender Linksliberaler herunter: Eduard Lasker, Max von Forckenbeck, Georg von Bunsen, Franz Schenk von Stauffenberg und Karl Schrader. "Die Garantie für Deutschlands innere Kraft u. Gesundheit für die Entwickelung seiner Prosperität wie seiner Cultur liegt allein in den gesunden liberalen Prinzipien wie wir sie vertreten finden bei den Männern der deutschen freisinnigen Parthei!", erinnerte Victoria den Kronprinzen im Oktober 1884.6

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Dieses die Jahrzehnte überdauernde Geflecht politischer Beeinflussung blieb unverkennbar mit jenen Fäden durchwirkt, die Prinz Albert zu Beginn der Mission gesponnen hatte; und die Auswirkungen, die diese Bemühungen auf den preußischen Thronfolger hatten, wurden schon von den Zeitgenossen bemerkt. So notierte der Botschafter Lothar von Schweinitz nach einer Unterhaltung mit Friedrich Wilhelm im April 1870 offensichtlich verärgert, dass der "siegreiche Feldherr auf den böhmischen Schlachtfeldern noch immer Anhänger der gothaischen Politik und der Ideen des verstorbenen Prinzgemahls" sei. Die Proklamationen, die Victorias Gatte kurz nach seiner Thronbesteigung im März 1888 veröffentlichen ließ, erweckten bei Theodor Fontane sogar den Eindruck, der "Prinz Consort Redivivus" habe nunmehr die Regierung übernommen. Über dieselben Dokumente urteilte die liberale "Berliner Zeitung" begeistert, dass sie genau "denjenigen Erwartungen" entsprächen, "die wir bei dem geistigen Erben des Prinzen Albert von Koburg […] zu erhoffen ein Recht hatten".7

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Eine solche Wahrnehmung der politischen Konsequenzen der Hochzeit zwischen Victoria und Friedrich Wilhelm entsprach den Befürchtungen, die konservative Beobachter schon während der Anbahnung dieser Verbindung geäußert hatten. So prophezeite etwa Bismarck, als er 1856 von der Verlobung Vickys mit dem preußischen Thronfolger hörte, dass diese Ehe nur dann ein Segen für das Land werden könne, wenn es der Prinzessin gelänge, "die Engländerin zu Hause zu lassen und Preußin zu werden". Andernfalls wäre die Einheirat einer Ausländerin problematisch, weil dies stets der Brautfamilie zu Einfluss verhälfe – zumal wenn die Prinzessin einer Dynastie entstamme, die mächtiger ist als der ihres Gemahls.8 Im Widerspruch zwischen dieser Vorgabe – die "Engländerin zu Hause zu lassen" – und der Anweisung Prinz Alberts, stets "Tochter Deiner Mutter" zu bleiben, offenbart sich die Unlösbarkeit der politischen Aufgabe, mit der die junge Prinzessin Victoria 1858 nach Berlin aufbrach.

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Aus der Skepsis Bismarcks, wie auch aus der Beobachtung Theodor von Bernhardis, dass die öffentlichen Feiern anlässlich des Einzugs des Brautpaares in Berlin eine "politische Demonstration" war, die das "königliche Haus auch wohl verstanden" habe, wird deutlich, als wie kontrovers diese Hochzeit von Beginn an galt. Vicky nahm diese Herausforderung mit einer für eine Siebzehnjährige geradezu erstaunlichen Selbstsicherheit an: "Wir sehen die große Begeisterung, die man aus Anlass unserer Heirat und unserer Ankunft hier zeigt, als Ausdruck der Gefühle des Volks, die momentan die der Hoffnung sind", schrieb sie ihrem Vater am 5. März 1858. "Die Menschen glauben, dass sie jetzt eine Chance haben, die Sympathien für Russland schwinden zu sehen, die eine Quelle so großen Übels sind."9 In diesen Worten spiegelten sich bereits einige der zentralen politischen Absichten wider, welche die Befürworter der Verbindung zwischen Victoria und Friedrich Wilhelm verfolgten. Das preußische Elternpaar – Prinz Wilhelm, der jüngere Bruder Königs Friedrich Wilhelm IV., und seine Frau Augusta von Sachsen-Weimar – waren nicht nur persönlich gut mit Königin Victoria und Prinz Albert bekannt, in den 1850er Jahren teilten sie auch politische Ansichten. Mit seinen Kontakten zur moderat liberalen "Wochenblatt-Partei" galt der Hof Wilhelms und Augustas in Koblenz als Gegenpol zur erzkonservativen Politik der Manteuffel-Regierung im königlichen Berlin.

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In dieser Haltung wurden sie von Victorias Eltern unterstützt, die sich ein Preußen wünschten, das stärker westlich-britisch orientiert, deutlicher von Russland distanziert und im Deutschen Bund durch liberale Reformen führend war. Ein solches Preußen als Vehikel eines liberal-föderalen deutschen Einigungsprozesses und Partner Großbritanniens zu schaffen, war für den Coburger Herzogssohn und britischen Prinzgemahl Albert ein Herzensanliegen. Darin wurde er von Beratern wie seinem Onkel Leopold, dem König der Belgier, und Baron Stockmar bekräftigt. Trotz all seiner Bewunderung für Vicky, so fasste es A. N. Wilson kürzlich zusammen, war Prinz Albert bereit, seine Lieblingstochter zu verlieren und nach Deutschland zu schicken, "um seine von Stockmar inspirierte, Coburg-föderalistische Vision eines Europas zu befördern, in dem Deutschland eine zentrale Rolle spielen sollte".10

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Allen Widrigkeiten zum Trotz – das britisch-preußische Verhältnis war während des Krimkriegs so schlecht, dass weder der preußische Hof noch die britische Öffentlichkeit zunächst von dieser Verbindung begeistert waren – verlief die Anbahnung der Ehe zwischen Vicky und Fritz insgesamt sehr glatt. Bei einem Besuch in London machte der neunzehnjährige Prinz Friedrich Wilhelm 1851 zum ersten Mal die Bekanntschaft der Prinzessin. Da sie damals noch nicht einmal elf Jahre alt war, wird sie ihm kaum als künftige Lebensgefährtin aufgefallen sein, aber Königin Victoria dachte schon damals weiter. Sie informierte König Leopold am 27. Mai 1851, dass ihre Tochter "eine erstaunliche Freundschaft" mit dem preußischen Prinzen geschlossen habe und fügte an: "Möge dies eines Tages zu einer Verbindung führen!"11 Das nächste, sorgfältig und geheim geplante Treffen fand vier Jahre später statt und führte den Hohenzollern ins schottische Hochland nach Balmoral. Dort verliebten sich Friedrich Wilhelm und Vicky, versprachen einander die Ehe und erhielten sofort den Segen der Brauteltern.

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Die Versuche, diese Absprache zunächst einmal geheim zu halten, missglückten allerdings, und schon wenig später hagelte es Kritik. Die Londoner "Times" warnte im Oktober 1855 vor einer Verbindung mit einer "bankrotten Dynastie", die "beim Volk mit Vorstellungen von fremder Unterjochung, nationaler Erniedrigung und der systematischen Aufgabe preußischer Interessen gegenüber russischen Einflüssen" verbunden sei. Bismarck zahlte es den Briten wenige Wochen später mit gleicher Münze heim. Die politische Folge der Hochzeit könne nur sein, "englischen Einfluß und Anglomanie bei uns einzubürgern", bemängelte er. Dies sei nicht zu begrüßen, schrieb er, denn "die Erbweisheit ist den Leuten seit der Reformbill verloren gegangen; der rohe und leidenschaftliche Egoismus, die Unwissenheit über continentale Verhältnisse sind ihnen geblieben".12 Der Prozess war jedoch nicht mehr zu stoppen, und im Januar 1858 fand in London die Trauung statt – bezeichnenderweise und entgegen der üblichen Konvention am Wohnort der Braut!

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Wenige Tage darauf, nach einem tränenreichen Abschied von ihrem Vater, begann die Mission der jungen Prinzessin, die drei Jahrzehnte später mit dem Tod ihres Mannes nach nur 99 Tagen auf dem Thron enden würde. In dieser Zeit sollte sich weder die rein menschlich-private Ebene ihres dynastischen Familiengeflechts noch die politische Dimension ihres Auftrags als unproblematisch erweisen. Wie bereits eingangs erwähnt, ergab es sich, dass die politisch-dynastisch motivierte Ehe sehr glücklich ausfiel. Fritz und Vicky waren und blieben einander innig und zärtlich zugetan. "Dreißig Jahre des Glücks verstrichen", hielt er an ihrem Hochzeitstag im Januar 1888 in seinem Tagebuch fest. Diese tiefe, gegenseitige und offen gezeigte Zuneigung war ein konstantes Merkmal ihrer Ehe. Die Kronprinzessin lobte das "freundliche, großzügige Herz" ihres Gatten und sein "mildes, liebenswertes Wesen". Sie berichtete ihrer Mutter, welch ein Segen es sei, "wenn man außer seiner aufrichtigen Liebe einander völliges Vertrauen und Hochachtung schenken" könne. An Victorias vierundzwanzigstem Geburtstag schrieb Friedrich Wilhelm in sein Tagebuch: "Gott segne mein liebes Frauchen, mein einziges wahres Lebensglück, mein anderes Ich." An ihrem zweiundzwanzigsten Hochzeitstag versicherte der Kronprinz Victoria, dass er sie, sein "theures, innig geliebtes Frauchen", nicht besser lieben könnte. Wenn Gott sie beide nur zusammenbleiben ließe, dann könne "das Leben auch in seiner trüben Gestalt ertragen werden, und mit dieser Zuversicht im Herzen umarme" er sie mit der ganzen Fülle und Kraft seiner Liebe.13

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Schon der Hinweis des Kronprinzen auf die "trübe Gestalt" des Lebens verrät jedoch, dass nicht alles eitel Sonnenschein war – noch nicht einmal in rein familiären Dingen. Gerade für die Prinzessin war es schwierig, sich als junge Frau und Mutter aus der doppelten Bevormundung durch ihre eigene Mutter und die Familie ihres Mannes zu befreien. Aus der Feder Königin Victorias hagelten zahllose Briefe auf die Tochter herab, die sie zu einer haargenauen Berichterstattung über jedes Detail ihres Lebens aufforderten und ihr gleichzeitig bis aufs kleinste vorschrieben, wie sie ihr Leben zu gestalten hatte: "Ich hatte Dir mehrere Fragen … zu Deinem Befinden gestellt", schrieb die Königin zum Beispiel im Januar 1858: "über kalte Schwammbäder – die Temperatur Deiner Räume etc. & Du hast nicht eine beantwortet! … Mein gutes, liebes Kind ist noch ein wenig unsystematisch & unpünktlich." Die Nachricht von der Schwangerschaft ihrer Tochter eröffnete der Mutter ein weiteres Feld für endlose Ermahnungen: "Du weißt wie verschieden Deine Pflichten sind, & da mein teures Kind ein wenig unordentlich in der Aufteilung seiner Zeit ist, fürchte ich, dass Du viel davon verlieren könntest, wenn Du es mit der Leidenschaft für das Kinderzimmer übertreibst", erklärte sie im November 1858. "Keine Dame, und weniger noch eine Prinzessin, kann ihrem Mann oder ihrer Position gerecht werden, wenn sie das tut …" Die Situation wurde so belastend für Vicky, dass sich schließlich der alte Baron Stockmar ihrer erbarmte und dem ehemaligen britischen Außenminister Clarendon, der sich auf der Durchreise befand, eine Nachricht an Prinz Albert auftrug. Es müsse etwas getan werden für "dieses arme Kind hier", begann Stockmar und kritisierte dann, dass die Königin "dieselbe Autorität und Kontrolle über sie auszuüben wünsche, die sie vor ihrer Hochzeit hatte: und sie schreibe ihr ständig Briefe voller Ärger und Vorwürfe, mit Forderungen, dass alles Mögliche getan werde, was weder richtig noch wünschenswert sei."14

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Wenn sich auch das Problem der exzessiven Fernsteuerung und Überwachung von Vickys Familienleben durch Königin Victoria im Laufe der Jahre abschwächen sollte, so blieb die Bevormundung des Kronprinzen und seiner Frau durch das preußische Monarchenpaar ein dauerhafter Stein des Anstoßes. "Wie soll ich das alles meinem armen Frauchen mitteilen?", fragte sich der Kronprinz im Oktober 1864 in seinem Tagebuch. Er hatte einen Brief erhalten, in dem sein Vater eine Höchstdauer für einen geplanten Familienurlaub in der Schweiz festlegte, verbot, dass das Ehepaar mit seinen Kindern reiste, und anordnete, dass das neugeborene Baby einer Amme zu übergeben sei. Im Oktober 1870 beklagte sich Prinzessin Victoria bei ihrer Mutter über einen "sehr unfreundlichen Brief", den der König ihr geschickt hatte: "Er sagt, ich solle nach Berlin zurückgehen – und dass er nicht seine Zustimmung dazu gebe, dass ich die Kinder [nach Darmstadt] mitnähme, das Reisen sei schlecht für ihre Gesundheit und ihre Erziehung, und dass ich meine Pflichten nicht verstände etc." Derart engmaschig war die Überwachung des Kronprinzen, dass Friedrich Wilhelm es 1873 sogar für nötig hielt, die Erlaubnis seines Vaters für die Änderung einer Rückreiseroute einzuholen, damit seine Frau die italienischen Seen kennenlernen konnte. "Wir haben im Moment sehr große Schwierigkeiten mit dem Kaiser wegen der Kinder und unschöne Szenen", klagte Victoria ihrer Mutter 1876. "Er ist leider sehr autokratisch und tyrannisch und sehr dickköpfig in diesen Angelegenheiten, und Fritz nimmt es sich schrecklich zu Herzen und es macht ihn sehr verbittert und verzweifelt und regt ihn sehr auf."15

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Die griesgrämige und unnachgiebige Gängelung des Kronprinzenpaares durch Kaiser Wilhelm hatte verschiedene Gründe. Gewiss wird das Alter des Monarchen und eine gewisse Hartleibigkeit dabei eine Rolle gespielt haben. Kronprinz Friedrich Wilhelm sprach 1886 ganz unverblümt über seine Eltern: "denn Jedermann wird begreifen, daß angesichts des hohen Alters beider, die Greiseneigenthümlichkeiten immer schroffer hervortreten, unter denen herkömmlicherweise die Kinder u. Nachstehende immer am Meisten zu leiden haben."16 Dazu kam ein angespanntes persönliches Verhältnis des Kaisers zu Vicky, die sich am preußischen Hof durch ihre forsche, kompromisslose und stets die Überlegenheit Großbritanniens hervorkehrende Art wenig Freunde machte. Häufig entzündeten sich Konflikte an den lästigen Unterschieden, die die Prinzessin zwischen dem Leben in Großbritannien und der Situation in Preußen ausmachte. Das preußische Silbergeschirr sei dünn, bemerkte sie, und das Porzellan im Palast bescheiden. Die Rubens- und Van-Dyck-Gemälde in der königlichen Sammlung seien allesamt Fälschungen. Einige Hofdamen seien schlecht gekleidet und unattraktiv. Die Hofkultur sei philisterhaft und bar jeder intellektuellen und künstlerischen Dynamik. Deutsche Federbetten seien "so erschlaffend und ungesund", dass ihre Kinder stattdessen unter "feinen, weichen, schönen englischen wollenen Decken" schlafen sollten. Fast überall, wohin sie blickte, erinnerte sie etwas schmerzhaft an die Überlegenheit ihrer Heimat, des Landes "der weißen Zähne und rosigen Kinder", wie sie England 1865 nannte.17

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Mit seinem missbilligenden Kommentar hinsichtlich des "Abscheus der Kronprinzeß in Berlin sein zu müssen" und der sarkastischen Beobachtung, dass sie, "die immer friert außer in England", kürzlich beschlossen habe, einen Schweizer Berg zu besteigen, befand sich der alte Kaiser aber noch am milden Ende des Spektrums der Kommentare, die Vicky provozierte.18 Andere urteilten deutlich schärfer, und die Ablehnung der Kronprinzessin wurde umso kategorischer, je mehr die politische Dimension ihrer Rolle berücksichtigt wurde. So warnte der ehemalige Marine-Minister Albrecht von Stosch, ein Vertrauter des Kronprinzenpaares, vor "der unbedingten Herrschaft der Frau" und nannte sie "eine sehr drohende Gefahr". Der Freiherr von Roggenbach, ein lebenslanger Berater und vertrauter Freund der Familie, hielt es sogar für nötig, sie nach dem Thronwechsel umgehend für einige Monate vom Hof zu entfernen.19 Victorias dogmatisches und energisches Engagement zugunsten des Prinzips einer liberalen, parlamentarischen Regierungsform – also des verfassungspolitischen Herzstücks ihrer Mission – hatte demnach in Berlin zu einem Prozess gegenseitiger Entfremdung geführt. Die Entschlossenheit vieler Preußen, an einem anderen, stärker monarchisch und autoritär ausgerichteten System festzuhalten, konsternierte Victoria und stieß sie ab. Viele Preußen verurteilten ihrerseits die Ansichten der Kronprinzessin als gefährlich linksgerichtet und unpatriotisch.

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Die negative Wirkung ihrer Ansichten wurde noch durch den Eindruck gesteigert, dass die Kronprinzessin nicht nur britische Vorlieben, sondern auch britische Loyalitäten hegte: "Tochter Deiner Mutter". "Aber sie fühlt als Engländerin", notierte Friedrich von Holstein im Januar 1884, und "steht auch bei jedem Widerstreit englischer und deutscher Interessen auf englischer Seite". Im November des darauf folgenden Jahres stellte ein deutscher Diplomat bei einem Diner verblüfft fest, dass Victoria sich auf Großbritannien bezog, wenn sie von "uns" oder "unseren Interessen" sprach. "Ich wundere mich nicht, dass unsere Kolonien wütend sind ob dieses lächerlichen Hissens der deutschen Flagge an allen Orten", schrieb die Kronprinzessin an ihre Mutter im Dezember 1884, nachdem Deutschland damit begonnen hatte, Kolonien zu erwerben. "Wenn Bismarck beginnt, Weltreich zu spielen, denke ich, ist es Zeit für uns, ihn wissen zu lassen, wer wir sind."20 Es ist nicht zu bestreiten, dass Victorias Verhalten und ihr Ruf die politische Position ihres Mannes nachhaltig beschädigten – und dadurch das Fundament untergruben, das ihre Mission stützen sollte.

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Insbesondere schien sie immer wieder die Behauptung zu bestätigen, der Kronprinz sei ein feiger Schwächling, der duckmäuserisch nach der Pfeife seiner dominanten ausländischen Frau tanze und daher von jeglicher politischen Einflussnahme ferngehalten werden sollte. Die sozialistische Wochenzeitung "Der Sozialdemokrat", die illegal war und daher kein Blatt vor den Mund nehmen musste, verhöhnte den Kronprinzen als "unter dem Pantoffel seiner englischen Frau stehend, die ihm den in England üblichen liberal-konservativ-parlamentarischen Firnis aufgestrichen hat". General Waldersee glaubte, Friedrich Wilhelm seien nur die Ansichten seiner Frau erlaubt. Friedrich Wilhelms Privatsekretär Gustav von Sommerfeld kam zu demselben Schluss: "Man muß nur sehen, was sie aus ihm gemacht hat", ließ er Holstein im Mai 1885 wissen; "er hat keine Gedanken, wenn sie ihm dieselben nicht erlaubt. Er ist gar nichts. 'Fragen Sie meine Frau' oder 'Haben Sie schon mit der Kronprinzeß gesprochen?' – damit ist alles gesagt." Für Stosch war der "künftige Herrscher […] ein steuerloses Schiff im Schlepptau der Gattin und ihrer Laune".21 Vicky, die in einem System aufgewachsen war, wo ihre Mutter die ranghöchste und letztlich entscheidende Person war, gelang es nicht, die Andersartigkeit der Sensibilitäten in Preußen zu akzeptieren. So beschädigte sie durch die von ihrem Gatten weitestgehend klaglos akzeptierte Dominanz dessen politische Statur.

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Kaiser Wilhelm I., der seinem Sohn seit dessen vorsichtig regierungskritischer Intervention während des preußischen Verfassungskonflikts nicht mehr vertraute, handelte dementsprechend. Er hielt ihn – bis zuletzt und in Zusammenarbeit mit Reichskanzler Bismarck – von jeglicher politischen Mitbestimmung fern. Mit einem, vor allem im Rückblick, geradezu makabren Humor machte der alte Monarch dies noch 1887 bei seinem 90. Geburtstag deutlich. Dem König von Sachsen soll er damals scherzend gesagt haben: "Er sterbe nicht, da der Kronprinz noch lebe."22 Die Krebserkrankung, die den Kronprinzen binnen 18 Monaten dahinraffen sollte, wurde nur wenige Wochen später diagnostiziert.

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Im März 1888 bestieg Kaiser Friedrich III. den Thron daher als ein sterbender Mann. Die Gegner des politischen Kurses, der mit Kaiserin Victoria und den ihr nahestehenden Politikern (wie etwa den freisinnigen Abgeordneten Ludwig Bamberger und Karl Schrader) verbunden wurde, hatten daher sehr gute Karten. Sie konnten auf Zeit spielen und die Macht der parlamentarischen Mehrheit des konservativ-nationalliberalen Parteien-Kartells sowie seiner Presse unbesorgt ausnutzen. Bismarck, dem es bereits in den Jahren zuvor gelungen war, den politischen Ambitionen des Kronprinzen die Flügel zu stutzen, behandelte das neue Herrscherpaar mit offensichtlicher Geringschätzung. Im April 1888, inmitten der kurzen Herrschaft des Kaisers Friedrich, kam er im Gespräch mit der Freifrau von Spitzemberg auf Friedrich und Victoria. Bald redete er sich in Rage. Der todkranke Kaiser sei von seiner Gemahlin "in einer Weise abhängig und unterwürfig, die nicht zu glauben ist, wie ein Hund." Gegenüber seiner "wilden Frau" verhalte sich der neue Herrscher "wie alte schnauzbärtige Unteroffiziere, die ich habe ins Mausloch kriechen sehen vor ihren Frauen", höhnte der Kanzler.23 Vor dem Hintergrund einer beinahe zügellosen, gegen Victoria gerichteten Medienkampagne – die "Dresdener Nachrichten" titelten zum Beispiel: "Keine Frauenzimmerpolitik! Auch keine englische Politik in Deutschland!"24 – konnte es sich Bismarck daher erlauben, die Wünsche Kaiser Friedrichs und seiner Frau zu ignorieren.

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Die Kaiserin war darüber verbittert, aber sie wusste, dass es wenig gab, was sie oder Friedrich dagegen tun konnten. "Die Leute betrachten uns im Allgemeinen nur als vorüberhuschende Schatten, die bald durch die Realität in der Gestalt Wilhelms ersetzt werden", hatte sie bereits in den ersten Tagen nach ihrer Rückkehr nach Berlin geschrieben.25 In diesem Satz offenbarte sich das zweite große Scheitern ihrer Mission. Das erste war ihr Versuch, ihren Gatten auf eine dezidiert liberale Führungsposition und die Zusammenarbeit mit linksliberalen Politikern einzuschwören. Die auf diesem Weg angestrebte Systemveränderung kam nicht zustande, und zwar nicht nur, weil ihr Mann sich als weniger liberal erwies, als es Victoria erhofft und ihre Gegner befürchtet hatten. Auch die Schwächung seines Prestiges durch ihr Verhalten und – natürlich – die unglückliche Kombination aus der Langlebigkeit seines Vaters und seinem eigenen frühen Tod trugen entscheidend dazu bei. Das zweite Scheitern bestand in der politischen und persönlichen Entwicklung ihres Erstgeborenen, eben jenes Wilhelms, dessen Realität das Schattendasein des Kaiserpaares Friedrich und Victoria schon bald ersetzen sollte.

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Das hochproblematische Verhältnis zwischen Vicky und ihrem ältesten Sohn, dem späteren Kaiser Wilhelm II., ist in der beinahe schon überreich vorhandenen biographischen Literatur über den letzten deutschen Kaiser bereits ausführlich untersucht worden.26 Es ist daher nicht notwendig, hier auf die Auswirkungen der Behinderung des jungen Prinzen (und der verschiedenen, mitunter mittelalterlich anmutenden Behandlungsmethoden) auf das Mutter-Sohn-Verhältnis einzugehen. Auch die Frage, ob die emotionale Zerrüttung zwischen Victoria und Wilhelm ein Ergebnis der Verweigerung mütterlicher Zuneigung, eines Übermaßes an Aufmerksamkeit oder der vom Sohn als verletzend wahrgenommenen Dominanz der Mutter über den Vater war, kann hier hintanstehen. Wichtig ist jedoch, dass Victorias Absicht scheiterte, ihren Sohn als Ebenbild ihres vergötterten Vaters zu erziehen – und zwar mit gravierenden persönlichen und politischen Folgen. Wie in so vielen Dingen orientierte sich die Prinzessin auch bei der Erziehung ihres Erstgeborenen am Vorbild ihrer Eltern. Sie unterzog Wilhelm einem rigorosen, weitestgehend freudlosen Ausbildungsprogramm – und ignorierte die unerquicklichen Ergebnisse, die Prinz Alberts Ansatz bereits bei ihrem Bruder Bertie gezeitigt hatte. Wilhelms Unfähigkeit, den hochgesteckten Erwartungen seiner Mutter zu entsprechen, und die andauernden Anweisungen und Vorwürfe, die dies zur Folge hatte, entfremdeten Mutter und Sohn. Der Antagonismus zwischen den beiden steigerte sich je mehr der Prinz der elterlichen Obhut entwuchs und geriet während der Krankheit des Kronprinzen gänzlich außer Kontrolle. Im Februar 1888, so konstatierte Friedrich von Holstein, bestand zwischen Prinz Wilhelm und der Kronprinzessin nichts mehr als "wilder Haß".27

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Diese familiäre Krise hatte politische Folgen. Der junge Prinz rebellierte gegen den von seiner Mutter im schulmeisterlichen Ton vorgebrachten Versuch, sein politisches Weltbild britisch-liberal zu prägen, indem er sich von den Eltern abwandte. Anerkennung und Bestätigung fand er stattdessen in konservativ-preußischen Kreisen: bei seinem Großvater, dessen Macht als Chef des Hauses Prinz Wilhelm geschickt verwandte, um seine Eltern auszumanövrieren; bei Otto und Herbert von Bismarck, die ihren engen Kontakt zum ihm zur Isolierung und Schwächung des Kronprinzenpaares benutzten; im Kreis seiner Potsdamer Regimentsbekanntschaften, deren schnoddrig-schnarrender Ton zu einem bedauerlichen Wahrzeichen des späteren Kaisers werden sollte; und zuletzt sogar bei ultra-reaktionären Kräften wie dem Zirkel um General von Waldersee und den antisemitisch-populistischen Hofprediger Adolf Stoecker. Dieses Umfeld prägte den jungen Prinzen, der schon vor dem Ableben seines Vaters begierig nach politischer Macht griff. "Wilhelm hält sich schon jetzt völlig für den Kaiser und einen absoluten und autokratischen", klagte Victoria ihrer Mutter im Mai 1888.28

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Als Kaiser Friedrich III. am 15. Juni 1888 starb, wurde der Grad der Feindseligkeit zwischen Mutter und Sohn für alle Welt sichtbar. Um einen angeblich geplanten Verrat von Staatsgeheimnissen nach England zu verhindern, ließ der neue Kaiser den Sterbeort seines Vaters, das Neue Palais in Potsdam, sofort militärisch umzingeln und inhaftierte zeitweilig sogar seine Mutter. Wenig später veröffentlichte er gegen ihren Wunsch den Obduktionsbericht seines Vaters und forderte sie auf, das Neue Palais dauerhaft zu verlassen. Binnen Wochen kam es – nach weiteren Provokationen und erbitterten Briefen – zum Abbruch der Beziehungen zwischen der Kaiserin-Witwe Friedrich und ihrem Sohn.29 Die verbleibenden dreizehn Jahre bis zu ihrem Krebstod im August 1901 – nur wenige Monate nach dem Ableben ihrer Mutter – verlebte Victoria hauptsächlich auf ihrem neuerbauten Schloss "Friedrichshof" im hessischen Kronberg: politisch isoliert und voller Sorge hinsichtlich der Entwicklung des Deutschen Reiches unter der Führung ihres Sohnes.

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Nach ihrem Tod wurde sie an der Seite ihres Mannes im Mausoleum der Potsdamer Friedenskirche beigesetzt. Seinerzeit kursierten Gerüchte, die Kaiserin hätte gewünscht, eingehüllt in die britische Flagge und in einem in London angefertigten Sarg zur Ruhe gebettet zu werden.30 Wenn auch solche Behauptungen wohl eher dem Wunsch nach gehässiger Nachrede als der Wahrheit entsprachen, so versinnbildlichen sie doch das Dilemma, das zum tragischen Scheitern der Mission Victorias führte: "Tochter Deiner Mutter, Frau Deines Mannes."

Autor:

Prof. Dr. Frank Lorenz Müller
School of History
University of St Andrews
St Andrews, Fife, KY16 9BA
Großbritannien
frank.muller@st-andrews.ac.uk

1 Frederick Ponsonby (Hg.): Letters of the Empress Frederick, London 1928, 320.

2 Kurt Jagow (Hg.): Prinzgemahl Albert. Ein Leben am Throne. Eigenhändige Briefe und Aufzeichnungen 1831-1861, Berlin 1937, 376f., 382.

3 Hector Bolitho (Hg.): The Prince Consort and His Brother, London 1933, 214.

4 Frank Lorenz Müller: Der 99-Tage Kaiser. Friedrich III. von Preußen: Prinz, Monarch, Mythos, München 2013, 66.

5 A. N. Wilson: Victoria: A Life, London 2014, 267.

6 Victoria an Friedrich Wilhelm, 8. Dezember 1879 (Archiv der Hessischen Hausstiftung [= AHH], 7/2, XVI); Victoria an Friedrich Wilhelm, 7. November 1884 (AHH, 7/2, XXV). – Patricia Kollander: Frederick III. Germany's Liberal Emperor, Westport 1995, 28; Hannah Pakula: An Uncommon Woman. The Empress Frederick, London 1996, 168; Roger Fulford (Hg.): Dearest Mama. Letters between Queen Victoria and the Crown Princess of Prussia, 1861-1864, London 1968, 227.

7 Hans Lothar von Schweinitz: Denkwürdigkeiten des Botschafters General v. Schweinitz, Bd. 2, Berlin 1927, 256; Theodor Fontane: Briefe an seine Familie, Bd. 2, 3. Aufl., Berlin 1905, 169; Berliner Zeitung vom 14. März 1888.

8 Gustav Adolf Rein (Hg.): Otto von Bismarck. Werke in Auswahl, Bd. 2, Darmstadt 1963, 96-98.

9 Theodor von Bernhardi: Aus dem Leben Theodor von Bernhardis, Bd. 3: Die Anfänge der neuen Ära, Leipzig 1894, 5; Roger Fulford (Hg.): Dearest Child. The Correspondence of Queen Victoria and the Princess Royal 1858-1863, London 1964, 74.

10 A. N. Wilson: Victoria (wie Anm. 5), 206. – Vgl. auch Daniel Schönpflug: Die Heiraten der Hohenzollern. Verwandtschaft, Politik und Ritual in Europa 1640-1918, Göttingen 2013, 198-206.

11 Hannah Pakula: Uncommon Woman (wie Anm. 6), 30f.

12 The Times (London), vom 3. Oktober 1855; Rein: Werke (wie Anm. 8), 96.

13 Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz [GStA PK], BPH, Rep. 52, Nr. 3 (25. Januar 1888); Fulford: Dearest Mama (wie Anm. 6), 81; Heinrich Otto Meisner (Hg.): Friedrich III. Tagebücher von 1848-1866, Leipzig 1929, 379 (21. November 1864); Friedrich Wilhelm an Victoria, 22. Januar 1880 (AHH, 7.1/1, XIX).

14 Pakula: Uncommon Woman (wie Anm. 6), 101, 105; Wilson: Victoria (wie Anm. 5), 229.

15 Meisner: Tagebücher (wie Anm. 13), 376 (8. Oktober 1864); Roger Fulford (Hg.): Your Dear Letter. Private Correspondence of Queen Victoria and the German Crown Princess 1865-1871, London 1971, 303; GStA PK, BPH, Rep. 52J Preußen, Nr. 320, Bl.60r, Friedrich Wilhelm an Wilhelm I., 7. Mai 1873; Roger Fulford (Hg.): Darling Child. Private Correspondence of Queen Victoria and the German Crown Princess, 1871-1878, London 1976, 232.

16 Friedrich Wilhelm an Vicky, 4.5.1886 (AHH, 7.1/1 XXVII).

17 Lamar Cecil: Wilhelm II: Prince and Emperor, 1859-1900, Bd. 1, Chapel Hill / London 1989, 3ff., 14; Ponsonby: Letters (wie Anm. 1), 16; John C. G. Röhl: Wilhelm II.: Die Jugend des Kaisers 1859-1888, München 1993, 91; Thomas W. Gaethgens / Barbara Paul (Hg.): Wilhelm von Bode: Mein Leben, Bd. 1, Berlin 1997, 56.

18 Wilhelm I. an Pauline Scherff, 11. Oktober 1883, zit. in: Axel T. G. Riehl: Der "Tanz um den Äquator". Bismarcks antienglische Kolonialpolitik und die Erwartung des Thronwechsels in Deutschland 1883-1885, Berlin 1993, 79.

19 Norman Rich / M[ax] H[enry] Fischer (Hg.): Die Geheimen Papiere Friedrich von Holsteins, deutsche Ausg. von Werner Frauendienst, Bd. 2, Göttingen 1957, 74 (27. Januar 1884); Winfried Baumgart (Hg.): General Albrecht von Stosch: Politische Korrespondenz 1871-1896, München 2014, 317, 413 (Roggenbachs Kommentar).

20 Rich / Fischer: Die Geheimen Papiere (wie Anm. 19), 74 (27. Januar 1884), 288 (3. November 1885); Egon Caesar Conte Corti: Wenn… Sendung und Schicksal einer Kaiserin, Graz / Wien / Köln 1954, 372f.

21 Der Sozialdemokrat, 2. August 1883; Alfred Graf von Waldersee: Denkwürdigkeiten des Generalfeldmarschalls Alfred Grafen von Waldersee. Hg. von Heinrich Otto Meisner, Bd. 1: 1832-1888, Stuttgart/Berlin 1922, 255 (Tagebucheintrag vom 6. April 1885); Rich / Fischer: Die Geheimen Papiere (wie Anm. 19), 211 (6. Mai 1885); Baumgart: Stosch (wie Anm. 19), 314.

22 Robert Freiherr Lucius von Ballhausen: Bismarck-Erinnerungen des Staatsministers Freiherr Lucius von Ballhausen, 4. Aufl., Stuttgart / Berlin 1921, 390.

23 Rudolf Vierhaus (Hg.): Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg: Aufzeichnungen aus der Hofgesellschaft des Hohenzollernreiches, Göttingen 1960, 248-249.

24 Karl Wippermann: Deutscher Geschichtskalender für 1888, Bd. 1, Leipzig 1889, 164.

25 Ponsonby: Letters (wie Anm. 1), 293.

26 Vgl. Röhl: Jugend (wie Anm. 17); Cecil: Wilhelm (wie Anm. 17); Thomas Kohut: Wilhelm II and the Germans. A Study in Leadership, Oxford 1991; Emil Ludwig: Wilhelm der Zweite, Berlin 1926.

27 Norman Rich / M[ax] H[enry] Fischer: Die Geheimen Papiere Friedrich von Holsteins, deutsche Ausg. von Werner Frauendienst, Bd. 3, Göttingen 1961, 193; siehe auch Röhl: Jugend (wie Anm. 17), 707, 778-782.

28 Agatha Ramm (Hg.): Beloved & Darling Child: Last Letters Between Queen Victoria & Her Eldest Daughter 1886-1901, Stroud 1990, 70.

29 Vgl. John C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888-1900, München 2001, 73-96.

30 Vgl. Pakula: Uncommon Woman (wie Anm. 6), 668.

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PSJ Metadata
Frank Lorenz Müller
"Frau Deines Mannes, Tochter Deiner Mutter"
Victoria und das Scheitern einer Mission
de
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Preußen bis 1947
Politikgeschichte
19. Jh.
Kaiserin Victoria (1840-1901) Kaiser Friedrich III. (1831-1888) Prinz Albert (1819-1861) Deutsches Reich Hohenzollern-Dynastie
Viktoria Deutsches Reich, Kaiserin (118626868), Friedrich Deutsches Reich, Kaiser (118535668), Albert Großbritannien, Prinzgemahl (11864758X), Politik (4046514-7), Preußen (4047194-9), Großbritannien (4022153-2), Deutschland (4011882-4)
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F. L. Müller: "Frau Deines Mannes, Tochter Deiner Mutter"
In: Perspektivweitung – Frauen und Männer machen Geschichte. Beiträge des zweiten Colloquiums in der Reihe „Kulturgeschichte Preußens - Colloquien“ vom 10. und 11. Oktober 2014, hg. von Jürgen Luh und Julia Klein (KultGeP - Colloquien, 2)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/kultgep-colloquien/2/mueller_scheitern
Veröffentlicht am: 15.02.2016 16:37
Zugriff vom: 25.06.2017 09:09
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