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A. P. Hagemann: Königin Elisabeth Christine

Friedrich300 - Studien und Vorträge

Alfred P. Hagemann

Königin Elisabeth Christine

Festvortrag anlässlich ihres 300. Geburtstages am 8. November 2015

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Noch im Jahr 1997, anlässlich des 200. Todestages von Elisabeth Christine, war das Gedenken an diese Königin heimatlos.1 Es gab keinen Ort, an dem man sich versammeln konnte, um sich ihrer zu erinnern. Umso höher ist das Engagement einiger Menschen zu schätzen, die sich damals gegen das Vergessen stemmten. Da ist zum einen Ruthild Deus zu nennen, die im Eigenverlag eine Publikation auf die Beine stellte, die wichtige Quellen zu Elisabeth Christine versammelte und so allgemein zugänglich machte.2 Und zum anderen muss hier dem Freundeskreis der Chronik Pankow e.V. gedankt werden, der sich seit 1997 mit so viel Engagement um das Schicksal von Schloss Schönhausen bemühte. Es wäre ohne die unermüdliche Arbeit des Vereins undenkbar gewesen, dass Elisabeth Christines Schloss 2005 in die Obhut der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg gelangte und nach sechzig Jahren wieder ein öffentlich zugängliches Haus wurde.

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Wie schön ist es daher, dass wir uns heute hier in Schloss Schönhausen versammeln können. Wie schön ist es, dass sich eine Festgemeinde eingefunden hat, um den 300. Geburtstag der Königin zu feiern. Unter uns im Erdgeschoss gibt es seit 2009 erstmals eine Ausstellung, die dauerhaft an Elisabeth Christine erinnert und ihr Leben beleuchtet. Das Erinnern an diese Frau hat einen festen Ort gefunden, und die heutige Veranstaltung sowie die in den letzten Jahren erschienen Publikationen zeigen, dass es mit Schloss Schönhausen gelungen ist, dem Vergessen, das ihr 1997 noch drohte, etwas entgegenzusetzen.

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Elisabeth Christine hätte sich gefreut, dass wir heute in ihrem Schönhausen zusammengekommen sind. Dieses Schloss ist der Ort, an dem wir ihr recht nahe kommen können. Fast 60 Jahre lang hat sie sich nach und nach hier ein Refugium geschaffen, das ihren Vorstellungen entsprach. Einen Ort, der bei aller räumlichen Enge und trotz aller finanziellen Beschränkungen ein persönliches Zeugnis ihres Lebens wurde.

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Besonders deutlich wird das in ihrem letzten Lebensabschnitt, als Witwe. In größerer Unabhängigkeit von den zeremoniellen Erfordernissen, die ihre Aufgaben als Königin an das Schloss gestellt hatten, konnte sie in den 1790er Jahren noch einmal umfangreiche Umgestaltungen vornehmen. Aus dieser Zeit stammt der besondere Schatz von drei seltenen Papiertapeten in den Wohnräumen Elisabeth Christines im Erdgeschoss. Sie sind Ausdruck eines sehr bezeichnenden und sympathischen Zuges des Königin: Sie blieb bis zum Ende ihres langen Lebens offen für Neues. Sie interessierte sich dafür, was der jüngeren Generation gefiel; und sie hat diese neuen Strömungen gut geheißen und sich ihnen angeschlossen.

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Papiertapeten waren am preußischen Hof erst in den 1780er Jahren im Wortsinne salonfähig geworden: Zuvor nur in untergeordneten Nebenräume verwendet, wurden sie erst zu diesem Zeitpunkt auch in den Wohnräumen des hohen Adels angebracht. Prinz Heinrich war in dieser Hinsicht in Rheinsberg ein Vorreiter der Entwicklung, aber auch König Friedrich Wilhelm II. griff den Trend nach 1786 auf. Dass sich die Mitglieder der königlichen Familie über die Einrichtung ihrer Schlösser austauschten, zeigt das konkrete Beispiel Schönhausen sehr eindrücklich: 1788 erwarb Friedrich Wilhelm II. drei sogenannte Printroom-Tapeten in Amsterdam. Es handelt sich um in China bemalte Papierbahnen, auf die – für den Export nach Europa – chinesische Holzdrucke aufgeklebt wurden. Eine dieser Tapeten ließ der König in seiner eigenen Sommerwohnung im Neuen Flügel von Schloss Charlottenburg anbringen; eine weitere ging als Präsent an seinen Onkel Prinz Heinrich nach Rheinsberg. Das dritte Exemplar aber schenkte Friedrich Wilhelm seiner Tante für Schloss Schönhausen.

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Der König scheint sich in beiden Fällen sicher gewesen zu sein, dass die Beschenkten die neue Mode guthießen und sich über ein solches Geschenk freuen würden. Somit gehörte Elisabeth Christine in diesen Jahren zum kleinen Kreis der Förderer dieser neuen Entwicklung der Innenraumgestaltung. Ihre heute in Fragmenten erhaltene Tapete gehört nach dem Verlust der beiden anderen Exemplare zu den großen Kostbarkeiten unter den historischen Papiertapeten in den Schlössern der SPSG und die anstehende Restaurierung wird ein großer Gewinn für Schönhausen sein.3

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Auch die beiden einige Jahre später in Schönhausen angebrachten und bis heute erhaltenen Papiertapeten waren damals in Berlin sehr avantgardistisch. Mitte der 1790er Jahre ließ die Königin ihre Empfangsräume vom Obergeschoss ins Erdgeschoss verlegen. Dabei wurde in der Audienzkammer nicht zufällig die gleiche Tapete angebracht, die kurz zuvor auch im Schlösschen auf der Pfaueninsel Verwendung gefunden hatte. Denn die Interieurs auf der Pfaueninsel gehörten damals zum Fortschrittlichsten, was es in Preußen gab. Wieder zeigt sich hier Elisabeth Christines Offenheit für das Neue, ihre genaue Kenntnis der Entwicklungen und ihr Wunsch, daran teilzunehmen. Bezeichnenderweise ging die Königin aber sogar noch einen entscheidenden Schritt weiter: Waren Papiertapeten bis dahin nur in privaten Räumen verwendet worden, ließ sie sie jetzt in der Vorkammer und ihrer neu eingerichteten Audienzkammer im Erdgeschoss anbringen, wo sie als Königin-Witwe offiziell ihre Gäste begrüßte.4

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All das unterstreicht die hohe geistigen Flexibilität, die Elisabeth Christine noch als Achtzigjährige auszeichnete, und macht Schönhausen zu einem besonderen Denkmal ihrer Persönlichkeit. Wenn damit ihre Bedeutung für das Schloss zweifelsfrei feststeht, stellt sich im Umkehrschluss aber auch die Frage, was das Schloss für sie bedeutete. Hat Elisabeth Christine, wie es die Legende will, ihr ganzes Leben als Königin hier verbracht, war sie nach Schönhausen "verbannt"?5

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Im Rahmen der Eröffnung von Schönhausen 2009 war es eine wichtige Aufgabe, die Mutmaßungen über die Königin durch Tatsachen zu ersetzen. Doch wie sollte man in Erfahrung bringen, wie viel Zeit sie tatsächlich in Schönhausen verbracht hatte? Eine naheliegende, aber bisher weitgehend vernachlässigte Quelle ist die zeitgenössische Berliner Presse. In der damals wöchentlich mehrmals erscheinenden "Berlinischen Privilegirten Zeitung von Staats und Gelehrten Sachen" bildete die Hofberichterstattung einen wichtigen Bestandteil. Hier erfährt man Ausgabe für Ausgabe prominent auf der Titelseite, wo sich die Mitglieder der königlichen Familie aufhielten.

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So berichtet die Zeitung beispielsweise am 2. Oktober 1749 über Elisabeth Christine:

"Bei der itzo überaus angenehmen Witterung, da statt des Winters sich der Sommer von neuem wieder einzustellen scheinet, thaten vorgestern Ihro Majestät, die Königin, eine Spazierfahrt auf Dero Lustschloss Schönhausen, von wannen Dieselben gegen Abend wieder zurück kamen, und darauf die Abendmahlzeit bei Ihro Majestät, der Königin Frau Mutter, in Monbijou einnahmen."

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Durch die systematische Auswertung der Jahrgänge zwischen 1740 und dem Tod Elisabeth Christines 1797 konnte erstmals genügend statistisches Material gewonnen werden, um eine klare Aussage über den Jahresablauf der Königin zu treffen.6 Demnach verbrachte sie nur drei Monate im Jahr in Schönhausen. In der Regel hielt sie sich von Anfang Juni bis Mitte September in ihrer Sommerresidenz auf, während die anderen Mitglieder der Familie meist viel länger in ihren Sommerschlössern blieben; die restlichen achteinhalb Monate des Jahres residierte die Königin im Berliner Schloss – die Vorstellung, sie sei nach Schönhausen "verbannt" gewesen, entbehrt also jeder Grundlage.

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Auch in den Sommermonaten war die Königin immer wieder in Berlin, wenn es dort größere Veranstaltungen gab. Zum Beispiel verließ sie im Juli 1765 Schönhausen für zehn Tage, um an der Hochzeit des Thronfolgers in Charlottenburg teilzunehmen. Ausnahmen der alljährlichen Routine bilden die Jahre 1760 bis 1763, als Elisabeth Christine und der Hof während des Siebenjährigen Krieges in die Sicherheit der Festung Magdeburg geflohen waren. Auffällig sind auch die Sommer 1741 und 1764, in denen die Königin nur einzelne Ausflüge nach Schönhausen unternahm: Das erklärt sich aus den Bauarbeiten, die damals im Schloss stattfanden. (Vgl. Anhang 1)

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Am 10. November 1785 berichtete die "Berlinische Privilegirte Zeitung" über den Geburtstag der Königin:

"Vorgestern wurden wegen des hohen Geburtsfestes Ihro Majestät der Königin von Preußen, an welchem Allerhöchstdieselben das 71ste Jahr dero Alters antraten, bei Hofe die Glückwünsche abgestattet, und sowohl Mittags als Abends speiseten die hier anwesenden Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses, und viele hohe Standespersonen beiderlei Geschlechts bei Ihro Majestät – Welcher getreue Unterthan wird nicht einstimmen, dass unsere große und gute Königin noch lange das Glück und die Freude eines Volkes seyn möge, von dem sie angebetet wird, und dass Sie noch lange den Thron schmücke, von welchem Sie mit sanfter Milde Ihr getreues Volk beglückt."

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Dieser Bericht über den letzten Geburtstag Elisabeth Christines als regierende Königin macht bei aller floskelhaften Panegyrik deutlich, dass der Königin von der Öffentlichkeit alle ihrem Rang entsprechenden Ehren entgegengebracht wurden. Über die reine Höflichkeit hinaus hatte der Königin insbesondere ihr besonnener und ruhiger Umgang mit der mehrfachen Flucht des Hofes aus Berlin im Siebenjährigen Krieg viele Sympathien aus bürgerlichen Kreisen eingebracht.7 Aufgrund ihres ungeheuchelten Interesses an ihren Untertanen galt sie als besonders "leutselig" – also nahbar und aufgeschlossen.

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Das betonte auch Anton Friedrich Büsching in seinen Erinnerungen an die 1770er Jahre:

"Von der Größe der Leutseligkeit der Königin will ich diese Probe anführen. Sie ließen mich an einem Montag des Vormittags zu Ihrer Tafel gnädigst einladen, ich aber trug keine Bedenken, diese Gnade diesmal zu verbitten, weil ich nachmittags 2 Uhr in dem Gymnasium zu lehren hätte. Am nächsten Mittwoch erfolgte eine neue Einladung, der ich gehorsam war. Als ich mich Dero Majestät Eintritt in das Tafelzimmer ehrerbiettigst entschuldigen wollte […] fielen Allerhöchstdieselbe mir in die Rede, rechtfertigten mich, und versicherten, es habe Ihnen wohlgefallen, dass ich meine Amtspflicht den Vorzug gegeben hätte."8

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Diese von Büsching besonders hervorgehobene Achtung der Königin vor den Pflichten und der Tätigkeit ihrer bürgerlichen Gäste sowie ihr geringer Standesdünkel erklären auch, warum er es wagen konnte, der Königin sehr persönliche Fragen zu stellen, die zum heutigen Anlass besonders gut passt:

"Ich unterstand mich einmal zu fragen, wie weit Ihro Majestät sich in höchst Dero Kindheit zurück erinnern könnten? Und sie antworteten, dass sie dieses genau und sicher angeben könnten. Denn als Ihre Frau Mutter von Ihrem Herrn Bruder Ludwig Ernst, dem nachmaligen Feldmarschall, entbunden worden (also im Jahr 1718), wären Sie drey Jahre alt gewesen, und sie erinnerten sich wohl, dass Ihr Herr Vater kurz vor der Entbindung zu Ihnen und Ihrem Bruder gekommen sey und gesaget habe, Kinder eure Frau Mutter ist sehr krank, betet für sie, dass Gott sie stärken und erhalten wolle, auch mit ihnen niedergekniet sey, und ein kurzes Gebet dieses Inhalts ihnen vorgesprochen habe. Nach ein paar Stunden sey er fröhlich wiedergekommen, und habe sie ermahnet, Gott für die Stärkung und Erhaltung ihrer Frau Mutter, und für den Bruder, den sie ihnen geboren habe, zu danken."9

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Wer war nun dieser Anton Friedrich Büsching, dem wir diesen seltenen und intimen Einblick in die Kindheit der Königin verdanken? Büsching war seit 1766 Direktor des Gymnasiums zum Grauen Kloster in Berlin. Seine "Neue Erdbeschreibung" ist eines der grundlegenden Werke der Geografie des 18. Jahrhunderts und machte ihn europaweit bekannt. Er gehörte zu einem ganzen Kreis von bürgerlichen Gelehrten und Theologen, mit denen Elisabeth Christine in engem Kontakt stand. Dazu zählten neben Büsching auch der Theologe und Propst der Berliner Nikolaikirche, Johann Joachim Spalding und der Theologe und Berliner Hof- und Domprediger August Friedrich Sack.

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Elisabeth Christine kannte die beiden prominenten Geistlichen nicht nur als regelmäßige Kirchgängerin, sondern zudem als die führenden Köpfe einer theologischen Schule, der sich Elisabeth Christine eng verbunden fühlte – der Neologie. Diese Teilströmung der protestantischen Aufklärungsphilosophie strebte an, die christliche Lehre mit den Argumentationsstrukturen der Aufklärung zu verbinden. Ziel des betont religionspädagogischen Ansatzes war es, dem antireligiösen Diskurs der Aufklärung etwas entgegenzusetzen, um christliche Überzeugungen auf "der Höhe der Zeit" neu zu vermitteln.10 Insbesondere Spalding machte Berlin zu einem Zentrum der Neologie – zu deren Umfeld eben auch Büsching gehörte.

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Elisabeth Christines Sympathie kommt dabei nicht von ungefähr. Ihre Heimat Braunschweig war das zweite Zentrum der Neologie. Hier waren sie und ihre Geschwister von dem führenden Neologen Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem erzogen worden.11 So kam die Prinzessin bereits unter dem starken Eindruck dieser theologischen Strömung nach Preußen, und in Berlin muss sich ihr die Bedeutung der Neologie besonders deutlich erschlossen haben, denn die preußische Hauptstadt entwickelte sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem Zentrum der Aufklärung und Religionskritik. Insbesondere Elisabeth Christines direktes Lebensumfeld am preußischen Hof wies eine explizit religionskritische Atmosphäre auf, in der ihre Frömmigkeit als altmodisch galt. Schon 1739 schrieb die Prinzessin über Francesco Algarotti, ein Mitglied des intellektuellen Rheinsberger Kreises: "Algarotti ist zwar sehr amüsant und weiß viel, was mir aber nicht an ihm gefällt, ist, dass er so gar keine Religion hat und sich über alles lustig macht, was Religion betrifft"12

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Wie stark muss deshalb das Bedürfnis Elisabeth Christines gewesen sein, ihre Religion zu verteidigen. Vor diesem Hintergrund ist auch die wichtigste geistige Arbeit der Königin zu sehen: ihre schriftstellerische Tätigkeit. In den späten 1760er Jahren begann sie, religiöse Texte aus dem neologischen Umfeld ins Französische zu übersetzen. Dazu zählte Spaldings Hauptwerk "Über die Bestimmung des Menschen" sowie eine Reihe von Sacks Predigten. Diese Übersetzungen veröffentlichte die Königin ab 1776 bei dem Berliner Verleger Decker. Insgesamt erschienen bis 1789 ein Dutzend Bücher Elisabeth Christines. Zwar wurden diese meist unter Pseudonym veröffentlicht, dennoch war der Öffentlichkeit die Identität der Autorin bekannt. (Vgl. Anhang 2)

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Die Motivation der Königin, deutschsprachige religiöse Literatur ins Französische zu übersetzen, benennt sie in den Vorworten ihrer Publikationen ganz klar: Sie möchte diese Texte, die ihr persönlich viel bedeuten, einer weiteren Leserschaft bekannt machen. Damit meint sie als Mitglied des Hochadels nicht die breite Bevölkerung, sondern ihr höfisches Umfeld und ihre Familie, deren Literatursprache das Französische war. So widmete sie viele ihrer Arbeiten explizit nahen Verwandten, um diese zur Lektüre der Texte anzuregen und sie als Multiplikatoren zu gewinnen.13 Insofern ist Elisabeth Christines Übersetzungstätigkeit weit mehr als ein adeliger Zeitvertreib. Ganz im Sinne der religionspädagogischen Ziele der Neologie, sich der medialen Macht der "Freygeisterey" entgegenzustellen,14 wollte sie deren Hauptwerke gerade dort einführen, wo religionskritische Einstellungen besonders tief verwurzelt sind: an den Höfen und in ihrem familiären Umfeld.

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Es ist sehr aufschlussreich, sich mit den von Elisabeth Christine übersetzten Werken zu befassen. Da ihr diese Bücher so wichtig waren, dass sie sie Wort für Wort übersetzte, darf man sicher vermuten, dass sie einen tiefen Einblick in ihre Weltsicht bieten. Die umfangreichste Übersetzung der Königin betrifft Christoph Christian Sturms "Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahres". Dieses 1772 erschienene Buch, das für jeden Tag des Jahres einen bildenden und erbaulichen Text bietet, umfasst 1.550 Seiten. Elisabeth Christine muss es kurz nach dem Erscheinen gelesen haben; schon fünf Jahre später, 1777, erschien ihre Übersetzung ins Französische. Für den heutigen Anlass bietet sich an, einen Text zur aktuellen Jahreszeit nachzuschlagen. Der Text zum 3. November heißt "Das Bette" – eine tief menschliche Themenwahl für diese Jahreszeit!

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"So lange der Sommer währte, habe ich vielleicht die Wohlthat des Bettes nicht so hoch geschätzt, als sie es verdiente. Aber jetzt, da mit jedem Tage die Kälte zunimmt, sehe ich vielleicht besser ein, dass auch hierinn sich die Güte Gottes an mir offenbart, dass ich in Betten schlafen kann. […] Allein wie geht es zu, dass ich im Bette erwärmet werde? Ich irre mich, wenn ich glaube, dass mich das Bette erwärmt. Das Bette kann mir so wenig Wärme geben, dass es vielmehr selbst alle Wärme von mir erhalten muss. Die Federn hindern nur, dass die warmen Theile, die von meinem Leibe ausdünsten, nicht in die Luft fliegen, sondern beisammen erhalten werden. […] Wie viele Thiere müssen nicht ihre Federn und Haare zu unsern Betten hergeben! Wenn man annimmt, dass ein Bette von mittelmäßiger Güte 36 Pfund Federn enthält, eine Gans aber nur etwa ein halbes Pfund Federn auf ihrem Leibe trägt, so gehören die Federn von 72 Gänsen dazu, um einziges Bette auszufüllen."15 Dieser so Welt zugewandte Text ist in der Verknüpfung einer den Alltag durchdringenden Erkenntnis der Güte Gottes mit einer neugierigen, an naturwissenschaftlicher Erkenntnis interessierten Betrachtung der Welt sehr bezeichnend für den Ansatz der Neologie.

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Am 8. November nun, dem Geburtstag der Königin, geht es um die "Erinnerung der Frühlings- und Sommerfreude":

"Oft, wenn ein milder Hauch der Sommerluft uns kühlte,
Und wenn der Vögelchor sein neues Leben fühlte,
Wenn am saphirnen Himmel sich jedes Wölkchen brach,
Und der Monarch des Tages uns seine Gunst versprach,
Da floh'n wir eilend fort, beflügelt von der Freude,
Verließen gern die Stadt und das Geräusch der Leute.
Wir floh'n in grüne Lauben, gewölbt durch die Natur,
Da stört' uns nie ein Schwätzer, die Weisheit folgt uns nur."16

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Sicherlich wird Elisabeth Christine sich sehr angesprochen gefühlt haben, als sie Sturms Gedicht las. Treffender kann man wohl den Wert von Schönhausen als Rückzugsort für die Königin nicht beschreiben. Passender für den heutigen Tag und diesen Ort könnte Sturms Gedicht kaum sein!

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Aus diesen kurzen Passagen des von der Königin übersetzten Buches wird eines ganz deutlich: es ist keine miesepetrige, Welt verachtende Frömmigkeit. Es ist eine lebensbejahende Weltsicht, voller Neugierde und Wissensdurst. Das steht im Gegensatz zu vielem, was man über Elisabeth Christine lesen kann. Oft, wenn von ihrer Frömmigkeit die Rede ist, schwingt das Bild einer frustrierten, ungeliebten Frau mit, die sich verbittert in die Religion flüchtet. Wie falsch ist diese Vorstellung, wenn man bedenkt, wie intensiv sich Elisabeth Christine mit diesen Texten auseinandergesetzt hat, um sie Wort für Wort zu übersetzen. Im Gegenteil, diese Bücher haben gerade dazu gedient, jeder Verbitterung entgegenzuwirken und eine lebensbejahende Haltung einzunehmen. Elisabeth Christines Glauben war integraler Bestandteil ihrer Herkunft und Identität. Obwohl er am Berliner Hof als Ausdruck ihrer Provinzialität wahrgenommen wurde – nie hat sie sich an ihrer Überzeugungen irre machen lassen und blieb sich treu.

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Die beiden Schwerpunkte meiner Rede sollten dazu dienen, zwei bezeichnende Charakterzüge Elisabeth Christines herauszuarbeiten: ihre Neugier und Offenheit für Neues, die sie sich bis ins hohe Alter bewahrt hat, das beweisen die Interieurs von Schloss Schönhausen. Dies ist ja an sich schon eine sehr ungewöhnliche Tugend. Und ihre Treue zu und Standhaftigkeit in ihren Überzeugungen, die in ihrer schriftstellerischen Tätigkeit unerschütterliche zum Ausdruck kommen, was ihr am Berliner Hof gewiss keine Freunde gemacht hat. In dieser ebenso charakteristischen wie ungewöhnlichen Kombination von Offenheit und Neugier gepaart mit Zielstrebigkeit und Standhaftigkeit wird eine ganz andere Elisabeth Christine sichtbar, als die bis zur Selbstaufgabe angepasste Königin, als die sie in vielen gängigen Publikationen beschrieben wird. Hier tritt eine selbstständig denkende und handelnde Person zu Tage, die weit mehr war, als die "Frau von …", mehr, als ein Opfer ihrer Ehe, als das sie Zeit ihres Lebens und auch heute noch beschrieben und wahrgenommen wird.

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Vielleicht haben Sie es bemerkt: ich habe vermieden, über das Verhältnis Elisabeth Christines zu ihrem Mann zu sprechen. Ja, ich habe ihn nicht einmal erwähnt. Es erschien mir eine schöne Geste zu ihrem Geburtstag zu sein, einmal von ihr zu sprechen, ohne ihn zu meinen. Das ist nämlich sehr wohl möglich! Es gibt genügend Themen, über die man im Zusammenhang mit Elisabeth Christine sprechen kann. Es lohnt sich, über diese Frau nachzudenken – über Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, Königin von Preußen. Herzlichen Glückwunsch zum 300., liebe Elisabeth Christine!

Autor:

Dr. Alfred P. Hagemann
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Am Grünen Gitter 7
14469 Potsdam
a.hagemann@spsg.de


1 Es handelt sich um das um einige Anmerkungen und zwei Anhänge erweiterte Manuskript der Rede, die anlässlich der Feier des 300. Geburtstages Königin Elisabeth Christines von Preußen am 8. November 2015 in Schloss Schönhausen in Berlin gehalten wurde.

2 Ruthild Deus: Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern, Königin von Preußen. Berlin 1996.

3 Vgl. Alfred P. Hagemann: Königin Elisabeth Christine und ihre Sommerresidenz in: SPSG (Hg.): Schönhausen. Rokoko und Kalter Krieg. Die bewegte Geschichte eines Schlosses und seines Gartens, Berlin 2009, 53.

4 Hagemann: Königin (wie Anm. 3), 54.

5 So auch behauptet in Theodor Schieder: Friedrich der Große. Ein Königtum der Widersprüche, Berlin, München 1983, 51.

6 Weitere Ergebnisse der Auswertung unter A.P. Hagemann: Der König, die Königin und der preußische Hof, in: Friedrich der Große und der Hof. Beiträge des zweiten Colloquiums in der Reihe "Friedrich300" vom 10./11. Oktober 2008, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300 - Colloquien, 2), URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-hof/Hagemann_Zeitung, veröffentlicht am: 15.09.2009 16:50 Zugriff vom: 26.11.2015 10:27.

7 Hagemann: Königin (wie Anm. 3), 48.

8 Friedrich Anton Büsching: Beyträge zu der Lebensgeschichte denkwürdiger Personen, insbesonderheit gelehrter Männer, Sechster Teil, Friedrich Anton Büsching, Halle 1789, 577.

9 Büsching: Beyträge (wie Anm. 8), 576.

10 Vgl. Phöbe Annabel Häcker: Geistliche Gestalten – Gestaltete Geistliche. Zur literarischen Funktionalisierung einer religiösen Sprecherposition im Kontext der Neologie, Würzburg 2009, 38, 52-54.

11 Vgl. Häcker: Geistliche Gestalten (wie Anm. 10), 40.

12 Hagemann: Königin (wie Anm. 3), 43.

13 Ihrem Bruder Ferdinand von Braunschweig widmet sie 1776 "Le Chrétien dans la solitude"; ihrer Nichte Wilhelmine von Preußen, Erbstatthalterin der Niederlande, "L'homme ami de Dieu", 1778; ihrer Nichte Friederike von Preußen, Herzogin von York, "Réflexions pour tous les jours de la semaine", 1778; ihrer Schwester Luise Amalie von Braunschweig, Prinzessin von Preußen, "Six Sermons de Monsieur Sack", 1778.

14 Vgl. Häcker: Geistliche Gestalten (wie Anm. 10), 55.

16 Sturm: Betrachtungen (wie Anm. 15), 406

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Alfred P. Hagemann
Königin Elisabeth Christine
Festvortrag anlässlich ihres 300. Geburtstages am 8. November 2015
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A. P. Hagemann: Königin Elisabeth Christine
In: Alfred P. Hagemann: Königin Elisabeth Christine. Festvortrag anlässlich ihres 300. Geburtstages am 8. November 2015
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Veröffentlicht am: 16.12.2015 12:21
Zugriff vom: 18.11.2017 02:02
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