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S. Evers: Berliner Seidengewebe

Friedrich300 - Politik und Kulturtransfer im europäischen Kontext

Berliner Seidengewebe in den Schlössern Friedrichs II.

Susanne Evers


Abstract

Unter Friedrich II. erlebte die preußische Seidenherstellung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung, den sie in erster Linie dem hohen persönlichen Engagement des Königs zu verdanken hatte. Nach eher bescheidenen künstlerischen Anfängen in den 1740er und 1750er Jahren wurde Berlin zu einem Zentrum der Seidenkunst. Im Neuen Palais im Park Sanssouci lässt sich dies in besonders konzentrierter Weise erleben: Entwurf und Ausführung der reichen Ausstattungsstoffe können fast ausschließlich Berliner Manufakturen zugeschrieben werden. Dadurch ist es erstmals möglich, die künstlerische Position der in Berlin um 1765 hergestellten Seidengewebe zwischen Nachahmung der führenden französischen Erzeugnisse und der Ausbildung einer eigenen stilistischen Variante zu bestimmen.

Einleitung

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Die preußische Seidenherstellung unter Friedrich II. ist bereits seit dem späten 19. Jahrhundert Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Eine dreibändige Quellenedition der Verwaltungsakten zur preußischen Seidenindustrie im 18. Jahrhundert, 1892 in der Reihe Acta Borussica erschienen, bietet detaillierte Informationen zur Entwicklung des Gewerbezweiges und zu einzelnen Unternehmen. 1 Zusammen mit den dort ebenfalls publizierten eigenhändigen Randbemerkungen Friedrichs II. belegen diese Akten darüber hinaus Art und Umfang der Einflussnahme durch den König. Im 20. Jahrhundert ist die Seidenherstellung zunächst besonders unter wirtschaftsgeschichtlichen Gesichtspunkten untersucht worden. 2 Die Erzeugnisse dieses Gewerbes, ihre Qualität und Verwendung, rückten durch die kenntnisreichen Äußerungen Heinrich Jakob Schmidts von 1935 und 1958 sowie die Publikationen Karola Paepkes in den Blick der Öffentlichkeit. Paepke stellte 1982 in dem Bildheft "Seiden in Sanssouci" bedeutende Beispiele der in den Potsdamer Schlössern verwendeten Gewebe vor. Die Frage nach der Abhängigkeit bzw. Eigenständigkeit friderizianischer Seidenherstellung und Musterentwürfe und damit nach der kunsthistorischen und stilistischen Einordnung wurde aber bisher nicht erschöpfend beantwortet. 3

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So bleibt bis heute die Einschätzung Otto von Falkes in seiner 1913 erschienenen "Kunstgeschichte der Seidenweberei" unwidersprochen, dass die Muster in Berlin wahrscheinlich nur soweit von den französischen Vorbildern abwichen, als das Können der Zeichner und Weber hinter dem der Franzosen zurückstand. Er räumte allerdings ein, dass noch zu wenig örtlich gesicherte Gewebe bekannt seien, als dass man den Spuren "nationaler Musterbildung" nachgehen könnte. 4 Durch umfangreiche Bestandsuntersuchungen konnte diese Lücke mittlerweile geschlossen werden. Die Herkunft der wichtigsten Ausstattungsgewebe des ab 1763 prachtvoll ausgestatteten Neuen Palais ' im Park von Sanssouci ist nun nachgewiesen. 5 Auf dieser Grundlage ist eine Untersuchung der kunsthistorischen Bedeutung der Gewebe heute möglich. Waren die Entwerfer in Preußen um eine reine Übernahme der vorherrschenden französischen Vorbilder bemüht oder sind Anzeichen einer gewissen Eigenständigkeit erkennbar? Gibt es Abweichungen in der Formensprache oder im Mustercharakter? Sind diese konkret an Raumlösungen im Neuen Palais gebunden oder kann man möglicherweise sogar von der Ausprägung eines friderizianischen Seidenstils sprechen? Im Folgenden sollen zunächst die königlichen Bemühungen um die Seidenproduktion und die textile Ausstattung friderizianischer Schlösser von 1740 bis 1756 skizziert werden, um den beachtlichen Qualitätssprung der Seidengewebe nach 1763 erkennbar werden zu lassen. Den Aufschwung bezeugen dann sieben hochwertige Ausstattungsstoffe in den Räumen des Neuen Palais ' , aus deren Analyse sich eine einordnenden Bewertung der preußischen Seidenkunst aus der friderizianischen Epoche ergeben wird.

Förderung der Seidenproduktion durch Friedrich II.

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Die preußische Seidenweberei und -herstellung erlebte unter Friedrich II. in wirtschaftlicher und künstlerischer Hinsicht ihre Blütezeit. Ein wichtiger Motor für den Aufschwung war das persönliche Engagement des Königs, der die Seidenproduktion von Anfang an systematisch unterstützte. Davon legt eine große Anzahl überlieferter Dokumente Zeugnis ab. So erging zum Beispiel nur drei Monate nach der Thronbesteigung Friedrichs folgende Cabinettsordre an den Minister Samuel von Marschall: "[...] Weil ich gerne die Manufacturen und Fabriken zu Berlin vermehret wissen will, so sollet Ihr Euch umthun, aus Italien mehrere Sammet-Fabricanten, auch Leute, so Satin, Gros de Tours und Seidendamast machen, zu bekommen und solche nach Berlin zu ziehen [...]". 6 In erster Linie sollten aber Spezialisten aus der französischen Seidenmetropole Lyon angeworben werden, notfalls auch über Umwege: Im Oktober 1740 versah der König den Bericht des Kopenhagener Botschaftssekretärs mit der Bitte eines aus Lyon stammenden Seidenfabrikanten, sich in Berlin niederlassen zu dürfen und einen Vorschuss zur Existenzgründung zu erhalten, mit der Randbemerkung: "gut. Soll ihn nur herschicken". 7 1746 lobte der König in einer Cabinettsordre an Marschall dessen Bemühungen um die Ansiedlung von Fabriken und Manufakturen und ergänzte: "[...] dasjenige aber, was Ich Euch darunter vorjetzo am meisten hauptsächlich recommendire, seind die Seidenfabriquen, als deren Etabliren und Vermehrung Ihr Euch mit allem möglichsten Fleiß angelegen sein lassen sollt, weil diese jetzo hierunter Mein Hauptaugenmerk seind [...]". 8

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Als Teil der protektionistischen Maßnahmen möchte man annehmen, dass der König die neuen Seidenmanufakturen durch eigene Aufträge für die Ausgestaltung seiner Schlösser stützte. Erstaunlicherweise liefern die zahlreichen Dokumente aber kaum Informationen über die königlichen Seiden-Käufe der Jahre 1740 bis 1750. Einer der wenigen frühen Hinweise betrifft eine Bestellung von "3 Stück Etoffes" beim Seidenfabrikanten Cuissart im Januar 1745, damit dieser seine Schulden bezahlen konnte. 9 Die königlichen Schatullrechnungen der 1740er Jahre verzeichnen im Verhältnis zu späteren Eintragungen auffallend wenige Zahlungen für Ausstattungsstoffe. Die mit Abstand kostspieligste Erwerbung waren "4 Stücken Etoffes" für 2.000 Reichstaler, erworben im November 1747 von dem Händler Michelet. 10 Zusammen mit seinem Compagnon Girard hatte dieser nur zwei Monate zuvor in Berlin eine "Seidenfabrique" gegründet, die noch bis ins frühe 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Hoflieferanten gehörte. 11 Zweimal erhielt der schon erwähnte Cuissart Zahlungen von jeweils circa 500 Reichstalern für "reiches Zeug" bzw. "1 blömourant Stück Etaf mit Silber". 12 Schließlich sind 1745 und 1750 geringe Summen für Samt und ein Stück grünen Damast verzeichnet. 13

Dekorationsseiden in Schloss Sanssouci, Schloss Charlottenburg und im Berliner Schloss

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Ein Blick auf die textile Ausstattung der frühen friderizianischen Wohnungen bestätigt den anhand der Aktenlage gewonnenen Eindruck, dass der ungewöhnlich hohe persönliche Einsatz des Königs für die Wirtschaftskraft der Seidenmanufakturen in seinem Lande noch nicht zu einer deutlichen Qualitätssteigerung der produzierten Ausstattungsstoffe geführt hatte. Einfache Gewebe herrschten vor, die punktuell durch Tressenbesatz oder Stickereien nobilitiert wurden.

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In den Jahren nach der Regierungsübernahme 1740 ließ Friedrich Appartements im angebauten neuen Flügel von Schloss Charlottenburg, im neu errichteten Sommerschloss Sanssouci, im Berliner Schloss und im Potsdamer Stadtschloss dekorieren und einrichten. Durch die seidenen Wandbespannungen und Möbelbezüge erhielten die Wohnungen jeweils einen spezifischen Charakter: Im Schloss Sanssouci sowie in Charlottenburg sind für einen großen Teil der Räume Ausstattungen mit einfachen Seidengeweben wie Damast, Satin, Taft oder Satinade überliefert, im Berliner Schloss ist hauptsächlich Samt dokumentiert, im Potsdamer Stadtschloss dagegen hat es eine größere Anzahl reicher Gold- und Silbertapeten gegeben.

Abb. 1: Potsdam, Schloss Sanssouci, Audienzzimmer, Raumtextilien aus grauviolettem (gris-de-lin-farbenem) Damast, Foto Daniel Lindner, © SPSG.

Abb. 2: Potsdam, Schloss Sanssouci, Drittes Gästezimmer, Raumtextilien aus rot-weiß gestreifter Satinade, Foto Leo Seidel, © SPSG.

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Die Seidenbespannungen an Wänden, Möbeln und Fenstern des Schlosses Sanssouci sind seit den 1740er Jahren wiederholt erneuert worden. Während Farbe und Stoffqualität der heutigen modernen Gewebe weitgehend mit den Raumtextilien der Erstausstattung übereinstimmen, sind die ursprünglichen Damastmuster nicht sicher zu ermitteln (Abb. 1 und 2). Für das Schloss Charlottenburg können Informationen über die textile Ausstattung zu friderizianischer Zeit wegen der häufigen Veränderungen in Raumnutzung und Ausstattung nur den archivalischen Nachrichten entnommen werden: Wie in Sanssouci herrschten Damaste und Atlas vor. 14

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Die Ausstattung der Wohnung Friedrichs II. im Berliner Schloss ist schon wenige Jahre nach dessen Tod vollständig verändert worden, so dass wieder nur Schriftquellen Auskunft geben: In diesen vom König selten genutzten Räumen hat es kaum seidene Wandbespannungen gegeben. Nur das Arbeits- und das Audienzzimmer waren jeweils mit Samttapeten ausgeschlagen. 15

Die textile Ausstattung des Potsdamer Stadtschlosses

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Ganz anders liegt der Fall beim Potsdamer Stadtschloss. In beiden für Friedrich umgebauten und neu eingerichteten Wohnungen im Ersten Obergeschoss des Corps de logis befanden sich reich mit Textilien ausgestattete Räume. Zum Teil blieben die Stoffe bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges erhalten und sind uns daher nicht nur aus den zeitgenössischen Beschreibungen bekannt, sondern auch in historischen Fotographien überliefert. Das Arbeits- und Schlafzimmer des Königs, 1744 nach Entwürfen von Johann August Nahl geschaffen, war mit einem reich mit Tressen besetzten blaugrundigen Silberstoff tapeziert (Abb. 3).

Abb. 3: Potsdam, Stadtschloss, Arbeits- und Schlafzimmer Friedrichs II., Aufnahme vor 1940, © Bildarchiv Foto Marburg, www.fotomarburg.de . Mit freundlicher Genehmigung.

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Für das dahinter gelegene, nur durch den königlichen Alkoven zugängliche Konfidenztafelzimmer mit einer versenkbaren Tischplatte im Zentrum ist eine Wandbespannung aus rotem Samt dokumentiert, eingefasst von tressenbesetzten Banden (Abb. 4).

Abb. 4: Potsdam, Stadtschloss, Konfidenztafelzimmer, Aufnahme vor 1940, © Bildarchiv Foto Marburg, www.fotomarburg.de . Mit freundlicher Genehmigung.

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Das schon 1801/02 vollständig umgestaltete Audienzzimmer war laut Friedrich Nicolai mit gelbem Samt ausgeschlagen, dieser reich bestickt, wie auch das Gemälde der Aufbahrung Friedrichs des Großen aus dem Jahre 1786 bestätigt (Abb. 5). 16

Abb. 5: Friedrich Wilhelm Bock: Aufbahrung Friedrichs des Großen im Audienzzimmer des Potsdamer Stadtschlosses, Berlin 1786, SPSG GK I 10175, bis 1945 Hohenzollernmuseum, Foto Jörg P. Anders, © SPSG.

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Die textile Ausstattung einiger Räume für fürstliche Gäste in der ursprünglich ebenfalls für den König eingerichteten Westwohnung lässt sich aus schriftlichen Quellen rekonstruieren: Ein Zimmer war mit einem Silberstoff mit goldenen Tressen tapeziert, zwei Schlafkammern hatten grün- bzw. rotgrundigen Goldstoff an den Wänden, außerdem gab es weitere Samtbespannungen. 17 Drei Räume wiesen Tapeten von einfarbigem Atlas auf, die von den Hofgoldstickern Pailly und Mathias Immanuel Heynitschek mit figürlichen Stickereien versehen worden waren. 18 Von den gestickten und bemalten Wandbespannungen des Chinesischen Zimmers haben sich zwei Ornamentzeichnungen erhalten (Abb. 6 und 7), alle anderen Raumtextilien sind nicht bildlich überliefert.

Abb. 6: Mathias Immanuel Heynitschek (zugeschrieben): Potsdam, Stadtschloss, Entwurf für die Dekoration des Chinesischen Zimmers, Berlin 1752, SPSG, Foto Roland Handrick, © SPSG.

Abb. 7: Mathias Immanuel Heynitschek (zugeschrieben): Potsdam, Stadtschloss, Entwurf für die Dekoration des Chinesischen Zimmers, Berlin 1752, SPSG, Foto Roland Handrick, © SPSG.

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Damit ergibt sich folgendes Bild für das Potsdamer Stadtschloss: In den Räumen der friderizianischen Ausstattungsperiode bis 1755 herrschten Wandbespannungen aus Samt oder glattem Atlas vor, zum Teil mit Tressen besetzt oder reich bestickt. Außerdem waren insgesamt vier Räume mit Gold- bzw. Silberstoff tapeziert. Da sich eine dieser reichen Wandbespannungen bis 1945 erhalten hatte, können wir uns heute ein Bild von der Qualität eines solchen Silberstoffes machen (Abb. 8).