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O.H. Schmidt: Mehr als nur Kulisse?

Friedrich300 – Friedrich der Große und der Hof

Mehr als nur Kulisse?

Gedanken zur Nutzung der Potsdamer Schlösser zum Zweck der Repräsentation des demokratischen Deutschland

Oliver Schmidt


Abstract

Die Potsdamer Schlösser der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg werden seitens der Landesregierung Brandenburg häufig für protokollarische Veranstaltungen genutzt. Besonders öffentlichkeitswirksam sind Besuche politischer Repräsentanten ausländischer Staaten. Die Ortsauswahl wird hierbei oft von rein praktischen Erwägungen bestimmt. Dabei stellt sich die Frage, wie weit Bauzeugnisse seiner monarchischen Vergangenheit ein heute demokratisch verfasstes Gemeinwesen repräsentieren und ob dabei die Gebäude nicht nur als sinnleere Kulisse dienen. Bei genauer Betrachtung der veröffentlichten Bilder und ihrer Wirkung verkehrt sich jedoch der Effekt: Die geradezu mythische Kraft der Bauten überstrahlt die handelnden Personen und das Staatswesen, das sie vertreten.

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Potsdam ist heute die Hauptstadt des Landes Brandenburg. Aufgrund dieser Tatsache existiert ein gewisser Nutzungsdruck für die Schlösser der Stadt, der sich aus den repräsentativen Bedürfnissen eines Bundeslandes und seiner Regierung speist. Daneben spielt die räumliche Nähe zur Bundeshauptstadt Berlin eine immer stärkere Rolle, denn die schnelle Erreichbarkeit der Objekte wie auch zum Teil der mit den Häusern assoziierte symbolische Gehalt sorgt für eine hohe Gästefrequenz ausländischer Politiker. Ich möchte im Folgenden kurz meine Gedanken zum Umgang mit dieser Situation darstellen, die im Wesentlichen auf meiner Erfahrung als stellvertretender Protokollchef des Landes Brandenburg basieren. Dabei muss ich jedoch betonen, dass ich hier ausschließlich meine persönliche Meinung artikuliere. Ich bitte auch um Verständnis dafür, dass ich mich bei meinen Überlegungen nicht auf die Schlösser Friedrichs des Großen beschränken werde, sondern die Schlösserlandschaft Potsdams insgesamt in den Blick nehme.

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Meine vielleicht eindrücklichste Erinnerung an die Spannung, die die Nutzung historischer Orte für heutige zeremonielle Zwecke mit sich bringt, stammt aus dem Jahr 2002. Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt zwar schon Mitarbeiter der Staatskanzlei, aber noch nicht im Protokoll, sondern im Presse- und Informationsamt beschäftigt. Der 10. April 2002 war einer jener in Potsdam immer wieder vorkommenden trüben, feuchtkalten Vorfrühlingstage. Es war windig und die erste Ebene unterhalb der Terrasse des Schlosses Sanssouci war damals definitiv kein Platz, an dem man drei Stunden auf der Stelle stehend verbringen möchte. Der Gast, auf dessen Erscheinen die Fotografen mit gespielter Entspanntheit warteten, war der damalige Staatspräsident der Volksrepublik China, Jiang Zemin. Die hohe Sicherheitsstufe des Gastes machte die frühzeitige Anwesenheit der akkreditierten Journalisten erforderlich, da das Schlossumfeld vollständig für die Öffentlichkeit gesperrt werden musste. Wir vertrieben uns die Zeit mit Gesprächen und den auf engem Raum möglichen Bewegungen. Als sich die Terrassentüren des Marmorsaals öffneten und der Gast in Begleitung von Ministerpräsident Manfred Stolpe die Terrasse betrat, wanderte mein Blick, wie der aller anderen auch, in Richtung Schloss. Ich war nicht in den Kampf um das beste Bild eingebunden, sondern hatte vielmehr zu verhindern, dass die entstehenden Rangeleien unter den Kameraleuten ausarteten oder diese dem Gast zu nahe kamen. Es ging an diesem Tage jedoch sehr kollegial zu und ich hatte Zeit, den Blick schweifen zu lassen. Aus dem Augenwinkel meinte ich, auf dem Dach des Schlosses eine Bewegung wahrgenommen zu haben, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Bis zu diesem Zeitpunkt von mir unbemerkt, hatten schwarz gekleidete Präzisionsschützen der Polizei auf dem Dach Stellung bezogen und sicherten in alle Richtungen – so viele, dass ich den Eindruck hatte, jede zweite Vase auf dem Dach lebe. Diese Szene hatte etwas nachhaltig Gespenstisches. Der Gast verließ die Terrasse nach einem kurzen Gang zum Grab Friedrichs keine fünf Minuten später und die Spannung wich einem hektischen Aufbruch, denn für die Fotografen galt es damals überwiegend noch, so schnell wie möglich ihre Redaktionen zu erreichen, um die Bilder entwickeln zu lassen oder zumindest in Rechnernetze übertragen zu können. Die stille Revolution der digitalen Fotografie in Verbindung mit mobiler Kommunikationstechnik hat diese Momente inzwischen radikal verändert. Waren die Bilder des Ereignisses von 2002 frühestens eine Stunde nach der Aufnahme zu erhalten, werden sie heute zehn Minuten nach der Aufnahme noch vor Ort per Laptop übermittelt und sind unmittelbar danach aus den Datenbanken der Bildagenturen weltweit herunterzuladen.

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Im Sommer 2003 wechselte ich die Seiten und wurde stellvertretender Protokollchef der Staatskanzlei. Ich habe seitdem eine Vielzahl von Besuchen von Staats- und Regierungschefs, Parlamentspräsidenten oder Ministern im Land Brandenburg organisiert und begleitet, doch keine Begebenheit hat sich mir so dauerhaft eingeprägt wie jener Aprilvormittag. Dabei illustriert das geschilderte Bild die tatsächlichen Probleme der Nutzung der historischen Schlossanlagen für die Repräsentation des Landes Brandenburg nur unvollkommen, die Brutalität der möglichen Eingriffe ist aber wohl sinnfällig.

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Seit der Gründung des Landes Brandenburg werden für die Staatsrepräsentation auch die Schlossanlagen genutzt, allen voran Cecilienhof, die Neuen Kammern und Sanssouci. Kaum ein hochrangiger Gast verzichtet auf die Möglichkeit, sich vor einer der Anlagen ablichten zu lassen, vielfach finden Empfänge in den Schlossräumen statt. Das ist aus Sicht eines Protokollmitarbeiters in einem demokratisch verfassten, 1990 neugegründeten Land nicht unproblematisch, da vielfach das heutige Brandenburg hinter die Wirkungsmacht des historischen Ortes zurücktritt.

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Hierbei spielt die keineswegs nur juristisch oder philosophisch zu betrachtende Frage, in welche Rechtsnachfolgerschaft sich die Landesregierung stellt, durchaus eine Rolle. Ist das Land Brandenburg nun legitimer Nachkomme der Markgrafschaft, wie es die Feierlichkeiten aus Anlass des 850. Jahrestages der Eroberung Brandenburgs durch Albrecht den Bären 2007 implizieren könnten? Steht der Ministerpräsident in der Nachfolge Friedrichs des Großen? Oder ist durch die Landesgründung 1990 etwas Neues geschaffen worden, das die Traditionen vergangener Staatsorganisationen nicht kommentarlos an gleicher Stelle vereinnahmen sollte?

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Andererseits sind gerade im Protokoll, hier definiert als zwischenstaatliches Zeremoniell sowie als regelhafte Repräsentation eines Bundeslandes, tradierte Regeln und Standards, die sonst antiquiert wirken, bruchlos weiter gültig. Gegenüber Gästen aus anderen Staaten wird nicht allein das Land Brandenburg, sondern immer auch stellvertretend die föderale Struktur der Bundesrepublik Deutschland repräsentiert. So betrachtet ist das Protokoll eines Bundeslandes mit dem gleichen Maß wie jenes eines souveränen Staates zu messen.

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Die oberste Regel ist dabei natürlich eine dem Rang des Gastes angemessene Gastfreundschaft. Diese kann für größere Delegationen in den Räumen der Landesregierung nur begrenzt gewährt werden. Wer die Staatskanzlei in Potsdam im Gebäude der ehemaligen Kadettenanstalt kennt, ahnt wohl, wovon ich rede. Funktionalität hat hier bei den Umbau- und Sanierungsarbeiten, unbestritten sinnvollerweise, den Vorzug vor Repräsentativität erhalten. Gespräche mit insgesamt mehr als 20 Teilnehmern sind ausschließlich in der ehemaligen Turnhalle der Kadettenanstalt, dem heutigen Brandenburg Saal, möglich. Dessen Herrichtung erfordert jedoch wegen der intensiven Nutzung als Multifunktionssaal erheblichen Aufwand. Zudem bestehen begleitend zu den politischen Gesprächen seitens der Gäste üblicherweise auch noch Besichtigungswünsche, möglichst vor Kulissen mit hohem Wiedererkennungswert. Bei den immer sehr engen Zeitplänen gilt es, die Anfahrtswege so gering wie möglich zu halten. Was liegt also näher, als das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und die repräsentativen Funktionen gleich ganz nach außen zu verlagern? Das ist in der erhaltenen Schlösserlandschaft jedoch auch nicht immer einfach. Der Verlust des Potsdamer Stadtschlosses als repräsentativem Mittelpunkt der Stadt ist protokollarisch aus rein praktischen Gesichtspunkten sehr zu bedauern. Ob sich im Zuge des Wiederaufbaus als Landtagsgebäude hier neue Möglichkeiten eröffnen werden, ist mir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt. Es wäre aber zu hoffen.

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Die in Potsdam noch vorhandene Schlösserlandschaft bietet kaum ein nutzbares Raumprogramm, das die Verbindung von Gespräch und anschließendem Essen in benachbarten (beheizbaren) Räumen ermöglicht. Dies ist einer der Gründe dafür, warum so viele Veranstaltungen der Landesregierung im Schloss Cecilienhof stattfinden. Die Verbindung aus Schloss, historischem Ort der Potsdamer Konferenz mit Blick auf die ehemalige Grenzlinie zwischen zwei deutschen Staaten und Hotelbetrieb erlaubt außerdem eine sachgerechte und zweckdienliche Darstellung des Landes Brandenburg, wie sie sonst nirgendwo möglich wäre. Das Schloss ist ganzjährig nutzbar und der Gast kann mit dem Auto bis vor den Eingang gefahren werden. Zudem sind der Park und das Schlossumfeld sicherheitstechnisch gut zu isolieren, ohne dabei allzu sehr in das städtische Leben eingreifen zu müssen. Unter anderem sind hier König Abdullah II. von Jordanien (2002), Königin Elisabeth II. (2004) sowie die Außenminister der G8-Staaten (2007) zu Gast gewesen, letztere haben auf Einladung des Bundesaußenministers sogar im historischen Konferenzsaal getagt.

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Zu den mannigfaltigen Vorzügen, welche Cecilienhof in jener Funktion dem Land Brandenburg bietet, gesellen sich die Wünsche der auswärtigen Gäste, die häufig gerade diesem Ort einen Besuch abstatten möchten. Ist dies für die Teilnehmernationen der Potsdamer Konferenz sowie für die betroffenen Völker Osteuropas evident, so ist die Bedeutung für das Selbstverständnis der Volksrepublik China weniger bekannt: Der Cecilienhof gilt als zentraler Ort der chinesischen Geschichte. Bereits in der am 1. Dezember 1943 veröffentlichten "Kairoer Deklaration" haben China, Großbritannien und die USA die bedingungslose Kapitulation Japans und die Rückgabe der von japanischen Truppen besetzten chinesischen Gebiete, darunter Taiwan, an China gefordert. Während der Potsdamer Konferenz wurde im Cecilienhof am 26. Juli 1945 die sogenannte "Potsdamer Deklaration" herausgegeben, die auch die Sowjetunion unterstützte und in der die Kairoer Forderungen erneuert wurden. Auf der Basis der Statuten der Potsdamer Deklaration hat Japan am 15. August 1945 kapituliert. Die chinesische Regierung betrachtet die Potsdamer Deklaration bis heute als wesentliche internationale Basis ihrer "Ein-China-Politik". Ein Besuch der Gedenkstätte ist daher für chinesische Politiker bei einem Deutschland-Besuch ein häufiger Programmpunkt.

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Wie gestaltet sich üblicherweise der Ablauf eines solchen Besuchs? Er beginnt mit der Vorfahrt des Gastes durch den Neuen Garten und der Begrüßung durch den Ministerpräsidenten am Wagen. Die versammelte Presse hat hier eine erste Möglichkeit, zu fotografieren. Dann geht man gemeinsam in den Hof, wo eventuell ein zweiter Fototermin mit der Bepflanzung und der Fassade im Hintergrund stattfindet. Während die Gäste nun zu einer Führung durch die Räume der Gedenkstätte aufbrechen, wird die Presse in den Konferenzsaal geführt, wo sich eine dritte Bildgelegenheit bietet, die häufig auch die Unterschrift des Gastes im Gästebuch des Landes Brandenburg umfasst. Damit ist der presseöffentliche Teil beendet, die Führung wird fortgesetzt, anschließend geht man in das Hotel, wo sich entweder sofort ein vom Ministerpräsidenten gegebenes Essen anschließt oder vorher noch Gespräche im kleineren Kreis stattfinden. Die Dauer eines solchen Aufenthalts beträgt circa zwei Stunden, wovon für die Führung rund 30 Minuten vorgesehen sind.

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Ein kleines Beispiel möge den Wandel im Umgang mit der Substanz auch auf Seiten des Protokolls illustrieren: Bis etwa 2003 war es üblich, dass bei Besuchen in Cecilienhof Staatsgäste ihre Unterschrift im Gästebuch des Landes Brandenburg am Konferenztisch sitzend (zumeist auf dem Stuhl Churchills, der Blickrichtung der Presse wegen) geleistet haben. Nachdem uns gegenüber Bedenken des Kustos' bezüglich einer möglichen Schädigung des historischen Mobiliars artikuliert worden sind, sind wir dazu übergegangen, im gleichen Raum einen der Schreibtische der Protokollanten zu nutzen, an den dann ein nicht zwingend historischer Stuhl gestellt wird. Da über dem Standort ein großformatiges Foto von Stalin, Truman und Churchill im Konferenzsaal hängt, die dem Unterzeichnenden gleichsam über die Schulter zu schauen scheinen, ist die Bildaussage eher noch symbolträchtiger als zuvor. Wir haben mit dieser Form bisher nur gute Erfahrungen gemacht.

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Schwieriger stellt sich die Nutzung der Schlossanlagen im Bereich Sanssouci dar. Das Schloss auf dem Weinberg eignet sich schon aufgrund seines Raumprogramms nicht für repräsentative Veranstaltungen – wohl zum Glück für Bausubstanz und Inventar. Als Besichtigungsort jedoch ist es praktisch ein Muss für jeden Gast, der Potsdam erstmals besucht. Der Mythos des Königs ist weltweit so stark verbreitet, dass Potsdam und Sanssouci in vielen Köpfen eine untrennbare Einheit bilden und man in ihren Augen nur in Potsdam war, wenn man Sanssouci besucht hat. Diesen Wünschen kann und will sich das Landesprotokoll nicht entziehen, wobei hier die aktuelle Repräsentation des Landes hinter der Darstellung seiner Geschichte zurücksteht. Problematisch wird es jedoch immer dann, wenn Besuchswünsche und zur Verfügung stehende Zeit in keiner angemessenen Relation mehr stehen, und wenn darüber hinaus die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen Einschränkungen bis hin zur Schließung und Sperrung von Teilbereichen mit sich bringen, die mit teils erheblichen Einnahmeverlusten für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten verbunden sind. Hier ist es die Aufgabe des Landesprotokolls, zwischen Gastinteressen und Stiftungsinteressen so zu vermitteln, dass am Ende eine für alle befriedigende Lösung steht. Schnelldurchgänge durch das Schloss von weniger als 30 Minuten Dauer (für Schloss und Terrasse) sind glücklicherweise inzwischen die Ausnahme.

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Eine kleine Anekdote sei mir noch gestattet: Bei großen Besuchen bzw. besonders hochrangigen Gästen ist es üblich, dass im Zuge der Vorbereitung eine Vorausdelegation den Besuchsort besichtigt und Vorschläge für das Programm unterbreitet. Eine dieser Vorausdelegationen betrachtete das Grabmal Friedrichs auf der Terrasse und wollte einen kurzen Aufenthalt dort mit in das Programm aufnehmen. An jenem Tag lagen wieder einmal neben Blumen auch einige Kartoffeln auf der Grabplatte. Mit einiger Überraschung mussten wir erleben, dass die Frage gestellt wurde, ob es eine gewünschte Geste sei, dass der Gast ebenfalls eine Kartoffel niederlegen würde. Die stiftungsseitig sehr deutlich vorgetragene und begründete Bitte, von dieser Idee Abstand zu nehmen, wurde mit einem gewissen Erstaunen aufgenommen.

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Für repräsentative Veranstaltungen nutzt die Landesregierung im Sommerhalbjahr immer wieder einmal die Neuen Kammern, Friedrichs Gästeschloss unterhalb der historischen Mühle. Kleine Konzerte, gesetzte Essen und Stehempfänge für bis zu knapp 300 Personen werden hier veranstaltet. Die historische Substanz begeistert die Gäste hier jedes Mal aufs Neue. Die Nutzung ist jedoch stets mit erheblichem Aufwand verbunden, weswegen, nicht zuletzt auch aufgrund geringerer Mittel auf unserer Seite, die Nutzungsfrequenz in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen ist. Es muss nicht nur ein Cateringunternehmen verpflichtet werden, das die gesamte erforderliche Infrastruktur eigens liefern und die Einschränkungen im Nahrungsmittelspektrum berücksichtigen kann (keine stark färbenden Speisen wie Petersilie oder Curry, um dauerhaften Schäden bei einem Unglück vorzubeugen), auch das Aufstellen eines Flügels erfordert bereits generalstabsmäßige Planung, um den historischen Fußbodenbelag nicht zu beschädigen. Ohne Lastverteilung geht hier nichts. Bei den Damen erfreut sich der Ort eines besonderen Rufes, da die Bitte um flaches Schuhwerk ohne spitze Absätze sich mit den sonstigen Garderobenanforderungen nicht recht zu vertragen scheint. Der Hinweis auf das sonst erforderliche Tragen von Filzlatschen sorgt dann aber doch meistens (allerdings nicht immer) für Einsicht. Auch der Umstand naturbeheizter Räume kann bei Veranstaltungen im Mai oder Anfang Oktober die Kleidungswahl schwierig machen. Und doch hinterlassen jene Räume augenscheinlich einen so starken Eindruck, dass diese Abende den Gästen oft noch lange in lebhafter und guter Erinnerung bleiben, wie wir aus vielen Rückmeldungen wissen.

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Mit großen Wünschen und gespannten Erwartungen blicken Protokollverantwortliche und Veranstaltungsorganisatoren auf die Sanierung des Neuen Palais'. Hier finden sich Raumprogramme, die auch größere Veranstaltungen ermöglichen könnten. Es läge also im Eigeninteresse von Bund und Land, die Stiftung finanziell in die Lage zu versetzen, das Haus so herzurichten, dass eine Nutzung auch verkraftbar wäre. Bislang wird hier für die wenigen geeigneten Veranstaltungsformate vorrangig das Schlosstheater genutzt, wobei der angrenzende Hofbereich oder die Wohnung des Marquis d ' Argens für vorangehende oder anschließende Empfänge genutzt werden. Auch hier gilt, dass die Veranstaltungen stets einen bleibenden Eindruck bei den Gästen hinterlassen.

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Damit sind die wesentlichen für protokollarische Zwecke der Landesregierung genutzten Orte bereits aufgezählt. Das Schloss Lindstedt spielt nur eine untergeordnete Rolle, alle weiteren Häuser sind in der Vergangenheit, wenn überhaupt, nur in Einzelfällen genutzt worden. Für die Zukunft hoffen wir, neben dem Neuen Palais, vor allem auf das Schloss Babelsberg, da hier eine repräsentative Raumfolge mit einem Grad an Substanzverlust existiert, der uns nach Abschluss der erforderlichen Sanierung auf eine höhere Nutzungstoleranz hoffen lässt.

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Mit der Aufzählung der Zukunftswünsche einher geht das ungute Gefühl, den eingeschlagenen Weg einer gewissen Auslieferung an die historische Substanz nicht verlassen zu können. Ist Brandenburg nicht mehr als seine Geschichte? Wie repräsentiert man Staatlichkeit ohne eigene Räume? Entstehen dabei nicht immer Bilder, die geradezu dazu auffordern, missverstanden zu werden? Eine ergebnisoffene Diskussion dieser Sachverhalte hat, soweit mir bekannt ist, bislang nicht stattgefunden.

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Ich darf wohl feststellen, dass Potsdam einen Nimbus besitzt, dem sich heutige politische Repräsentanten bei Besuchen weder entziehen können noch wollen. Zweck der Besuche ist fast immer die öffentlichkeitswirksame Aussage "Ich bin dort gewesen" und die Bekanntheit der Schlossanlagen ist geeignet, den fotografischen Beweis dafür zu liefern. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen wirkliches persönliches Interesse den Gast an die historischen Orte treibt. Dies ist in der Außenwahrnehmung aber üblicherweise ohne Belang. Das heutige Brandenburg und seine Repräsentanten werden jedoch in den entstehenden Bildern fast immer Opfer einer wirkmächtigeren Geschichte. Friedrichs Schatten reicht weit bis in unsere Zeit und über die Orte seiner tatsächlichen Präsenz hinaus. Potsdams Schlösser sind nicht etwa beliebige Kulisse für Politikerportraits, nein, sie degradieren in ihrer Aussagemacht eher die abgebildeten Personen zu austauschbaren Statisten. Es ist eben in der Bildaussage ein Unterschied, ob die Dargestellten vor dem Schloss Friedrichs des Großen, am Tisch der Konferenz von 1945 oder am Schreibtisch des Ministerpräsidenten gezeigt werden. Eine eigenständige und selbstbewusste Repräsentationssprache, die der historischen Schlösserlandschaft einen definierten Platz im Rahmen eines umfassenderen Kanons an Darstellungsformen zuweist, hat das Land Brandenburg bislang nicht entwickelt. Ich hoffe darauf, dass die Rekonstruktion eines Landtagsgebäudes im historischen Gewand des alten Stadtschlosses Gegenwart und Vergangenheit in eine neue Beziehung setzt und dabei ein bildmächtiger Repräsentationsraum entsteht, der die Schlösserlandschaft nicht ersetzen, wohl aber in der Aussage ergänzen kann.

Autor:

Oliver H. Schmidt M.A.
Staatskanzlei des Landes Brandenburg
Referat 34 – Protokoll, Veranstaltungen
Heinrich-Mann-Allee 107
14473 Potsdam
oliver.schmidt@stk.brandenburg.de

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Oliver H. Schmidt
Mehr als nur Kulisse?
Gedanken zur Nutzung der Potsdamer Schlösser zum Zweck der Repräsentation des demokratischen Deutschland
Die Potsdamer Schlösser der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg werden seitens der Landesregierung Brandenburg häufig für protokollarische Veranstaltungen genutzt. Besonders öffentlichkeitswirksam sind Besuche politischer Repräsentanten ausländischer Staaten. Die Ortsauswahl wird hierbei oft von rein praktischen Erwägungen bestimmt. Dabei stellt sich die Frage, wie weit Bauzeugnisse seiner monarchischen Vergangenheit ein heute demokratisch verfasstes Gemeinwesen repräsentieren und ob dabei die Gebäude nicht nur als sinnleere Kulisse dienen. Bei genauer Betrachtung der veröffentlichten Bilder und ihrer Wirkung verkehrt sich jedoch der Effekt: Die geradezu mythische Kraft der Bauten überstrahlt die handelnden Personen und das Staatswesen, das sie vertreten.
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Denkmal Außenpolitik Schloss Sanssouci Staatsrepräsentation Tradition Schlösserlandschaft Nutzung
PDF document Schmidt_Repraesentation.doc.pdf — PDF document, 108 KB
O.H. Schmidt: Mehr als nur Kulisse?
In: Friedrich der Große und der Hof. Beiträge des zweiten Colloquiums in der Reihe „Friedrich300“ vom 10./11. Oktober 2008, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300 - Colloquien, 2)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-hof/Schmidt_Repraesentation
Veröffentlicht am: 15.09.2009 17:10
Zugriff vom: 29.03.2017 19:04
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