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    A. Schick: Johann Friedrich und Heinrich Wilhelm Spindler

    Friedrich300 – Friedrich der Große und der Hof

    Johann Friedrich und Heinrich Wilhelm Spindler.

    Die Möbelaufträge Friedrichs des Großen für das Neue Palais

    Afra Schick


    Abstract

    Für die Ausstattung des Neuen Palais ließ Friedrich II. in Bayreuth Künstler anwerben, darunter die Brüder Spindler. Am Potsdamer Hof wurde das überragende Talent des jüngeren, Heinrich Wilhelm Spindler, rasch erkannt. Er erhielt 1767-1769 die Möbel in besonders kostbaren Furniermaterialien in Auftrag, die den Haupträumen vorbehalten waren. Der Ältere, Johann Friedrich Spindler, führte im gleichen Zeitraum etwa ebenso viele Bestellungen aus. In seiner Auftragspraxis folgte Friedrich II. dem für das Ancien Régime typischen Modell der Förderung einer kleinen Gruppe von Hofkünstlern. Die angefertigten Möbel dienten jedoch nicht mehr primär der höfischen Repräsentation, sondern dem persönlichen Geschmack des Monarchen. Da die Potsdamer Schlösser nur eingeschränkt gesellschaftlichen Anlässen dienten, blieb ihre geschmacksbildende Wirkung gering.

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    In der Geschichte des deutschen Rokoko gab es drei Möbelschreiner, deren Marketerien Berühmtheit erlangten. Dies sind David Roentgen mit seiner Manufaktur in Neuwied sowie die Werkstätten von Johann Friedrich und Heinrich Wilhelm Spindler. Als König Friedrich II. das neu erbaute Neue Palais in Potsdam ausstatten ließ, wurde er bei allen dreien Kunde. Doch während er von Roentgen nur einen einzigen kleinen Tisch erwarb, ließ er bei den Gebrüdern Spindler eine ganze Reihe von luxuriösen Möbeln fertigen. Im Folgenden soll die These aufgestellt werden, dass diese fulminanten Meisterwerke der Ebenistenkunst ihre Entstehung einer tradierten höfischen Auftragspraxis verdanken, die im Königreich Preußen kaum wirtschaftspolitische Impulse zu geben vermochte. Sie ist, wenn auch nicht anachronistisch, so doch wenig zukunftsweisend zu nennen.

    Die Anwerbung in Bayreuth im Jahr 1765

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    Johann Friedrich und Heinrich Wilhelm Spindler waren Stiefbrüder. Sie entstammten einer Bayreuther Schreinerfamilie. Als Friedrich II. in der fränkischen Residenzstadt 1763 Künstler für den Bau des Neuen Palais anwerben ließ, folgten sie seinem Ruf und übersiedelten nach Potsdam. In den 1740er und 1750er Jahren waren furnierte Möbel für Friedrich II. von dem Schweizer Melchior Kambly sowie von dem Potsdamer Tischler Johann Heinrich Hülsmann geliefert worden; 1 Hülsmann ist nach 1750 nicht mehr nachweisbar. Kambly war mit zahlreichen großen Aufträgen am Neuen Palais beteiligt. Seine Möbelwerkstatt war aber wohl nicht groß genug, um genügend Möbel zu fertigen. Immerhin erhielt das neue Schloss rund 400 Räume, darunter Appartements für den König, seinen Bruder Heinrich sowie für zwei Neffen des Königs, Friedrich Wilhelm, Prinz von Preußen, und Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig. Die begrenzte Produktionskapazität der Kambly-Werkstatt war sicherlich nicht der einzige Grund, warum die Spindler-Brüder angeworben wurden. In Frankreich waren seit der Mitte des 18. Jahrhunderts Möbel mit Marketerien, das heißt reich eingelegten Furnieren, in Mode gekommen. Am preußischen Hof gab es solche Möbel praktisch noch nicht. Die Möbel, die Hülsmann und Kambly bis dahin gefertigt hatten, besaßen typischerweise ein glattes helles Furnier.

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    Johann Friedrich Spindler, der Ältere der beiden Brüder, führte unmittelbar vor seiner Übersiedlung einen Großauftrag mit Marketerien aus: 1764-1765 schuf er für eine Tochter der 1758 verstorbenen Bayreuther Markgräfin Wilhelmine Friederike Sophie, der Schwester Friedrichs des Großen, eine ganze Raumvertäfelung mit eingelegten Landschaften und Schäferszenen. Für Schloss Fantaisie in Donndorf bei Bayreuth gefertigt, befindet sie sich heute in der Sammlung des Bayerischen Nationalmuseums in München. 2 Als die Verhandlungen im Spätsommer 1763 aufgenommen wurden, kann das Marketerie-Kabinett noch nicht als Referenz gedient haben; die erste Anzahlung nach Kontraktschluss wurde Anfang 1764 geleistet. Es ist die einzige bekannt gewordene Arbeit von Friedrich Wilhelm Spindler aus der Zeit vor seiner Übersiedlung nach Potsdam. Über die Bayreuther Zeit seines jüngeren Bruders weiß man nichts.

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    Der Oberhofbaurat Heinrich Ludwig Manger berichtete, dass "die Kabinetstischler oder sogenannten Ebenisten Gebrüdere Spindler" zusammen mit anderen Künstlern und Werksleuten aus Bayreuth 1764 in Potsdam Arbeit erhielten. Viele einheimische Meister hätten, so schrieb er, "darüber scheel [misstrauisch, neidisch, A.S.]" ausgesehen. Man habe auch von der "Zeit der Bayreuther" gesprochen. 3 Wahrscheinlich ist die Jahresangabe ungenau und die beiden Schreiner kamen erst gegen Ende des Jahres 1765 in die preußische Residenzstadt. Im November 1765 wurden "dem Tischler aus Anspach Reisekosten" erstattet. 4 Bayreuth fiel zwar erst 1769 an die Markgrafschaft Ansbach, aber die Quelle lässt sich vermutlich dennoch auf einen der beiden Brüder Spindler beziehen. Wie Sigrid Sangl nachgewiesen hat, erhielt Johann Friedrich erst am 21. Dezember 1765 die Abschlusszahlung für die Vertäfelung im Schloss Fantaisie. 5

    Bestellungen für das Neue Palais, 1766-1769

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    Im August des folgenden Jahres quittierten beide Brüder in Potsdam gemeinsam die Zahlung für einen Schreibtisch. 6 Unter den insgesamt 13 belegten Möbeln und Standuhrgehäusen, die die Brüder für das Neue Palais schufen, ist es die früheste Arbeit. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnis der beiden Werkstätten zueinander, dass dieser 1766 gefertigte Schreibtisch die einzige archivalisch belegte gemeinsame Arbeit im Zuge der Ausstattung des Neuen Palais blieb. Man darf vermuten, dass die Möbel-Aufträge an die beiden Spindler-Werkstätten nicht nur raumweise erfolgten, sondern überdies ganz oder überwiegend nach vollständigen Appartements. Sie entsprechen dem Bauablauf von Süden nach Norden. Diese Praxis unterschied sich von der Vergabe von Raumaufträgen an Bildhauer, Stuckateure und Vergolder, die jeweils zwei direkt übereinanderliegende Räume der beiden Hauptgeschosse zur Ausführung erhielten. Um 1768 entstanden zwei Marketerie-Vertäfelungen für die Prinz-Heinrich-Wohnung im Erdgeschoss (Räume 145 und 152), die aus stilistischen Gründen Johann Friedrich und bzw. oder Heinrich Wilhelm Spindler zuzuschreiben sind. 7 Hier ist denkbar, dass beide Werkstätten sie jeweils gemeinsam gefertigt haben, so wie es bei den Neuen Kammern gehandhabt wurde. 8 Beide Spindler-Werkstätten wurden sowohl für die Ausstattung der gartenseitig gelegenen Gesellschaftsräume als auch für die dem Ehrenhof zugewandten Gästezimmer herangezogen (Abb. 12).

    Die Arbeiten von Johann Friedrich Spindler d.Ä.

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    Der ältere der Brüder schuf 1767 für die Schlafzimmer der beiden Appartements der Unteren Roten Kammern (Räume 184 und 186) jeweils einen Schreibtisch sowie eine Kommode. Es handelt sich um die Wohnungen des Erbprinzen Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig und seiner Frau Augusta. Am 22. März 1767 quittierte er die Zahlung für einen "Großen Schreibtisch von roth Rosenholz furniert, auf dem Blatt in der mittleren Füllung Architektur Perspective [...] alles stückweise eingelegt und nichts graviert, auch sogar an den daran befindlichen Figuren die Gesichter eingelegt, dann die beiden Nebenfüllungen mit Blumen und Landschaften, woran 2 Schubkasten die von selbst aufgehen" (Abb. 1). 9 Der Entwurf der Einlegearbeiten ist von der zuvor in Bayreuth geschaffenen marketierten Vertäfelung für Schloss Fantaisie beeinflusst. Die große Mittelkartusche der dreigeteilten Platte erhielt eine Architekturlandschaft, wie sie auch die Hauptfelder der Bayreuther Vertäfelung zeigen. Die schmalen Zargenfelder des Schreibtischs sind an der Front und den Seiten mit Schäfer- und Ruinendarstellungen dekoriert. Das Pendant zeigt auf der Platte eine Mittelkartusche mit einem Blumenbukett, das hier von Architekturlandschaften gerahmt wird. Es ist seit 2004 im Kunstgewerbemuseum Schloss Köpenick als Leihgabe ausgestellt. 10 Es war nicht ungewöhnlich, dass die Schlafzimmer Schreibtische erhielten. Friedrich der Große besaß in seinen Schlafzimmern im Schloss Potsdam sowie in seiner Sommerresidenz Sanssouci ebenfalls einen großen Schreibtisch; im Neuen Palais hingegen wählte er für seine eigene Wohnung die aufwendigere Lösung eines eigenen Kabinetts mit Schreibtisch, zusätzlich zu einem eigentlichen Schreibkabinett.

    Abb. 1 Schreibtisch, Ausführung J.F. Spindler d.Ä., 1767, Inv. Nr. IV 60, Foto: SPSG, Wolfgang Pfauder

    Abb. 2 Kommode, Ausführung J.F. Spindler d.Ä., 1767, Inv. Nr. IV 389, Foto: SPSG, Roland Handrick

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    Zudem schuf der ältere Spindler für jedes der Schlafzimmer je eine Kommode nach demselben Entwurf (Abb. 2). Sie trugen ursprünglich jeweils ein "grün schwedisch[...] Marmorblatt", wie es im Inventar des Jahres 1799 heißt. Eine dieser Platten ist erhalten geblieben. Es handelt sich um Kolmårdener Marmor. 11 Der Entwurf dieser Kommoden fällt aus der Gruppe der von den Gebrüdern Spindler für das Neue Palais geschaffenen Behältnismöbel heraus. Er deutet auf französische Vorbilder hin. Abgesehen von dem dreiecksförmigen Tablier und den Bronzebeschlägen, weist sein Gesamtentwurf keinen typisch friderizianischen Möbelstil auf und erscheint somit vergleichsweise konventionell. 12

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    Ebenfalls 1767 entstand eine Standuhr in einem etwas plakativen Stil des Klassizismus. 13 1769 lieferte Johann Friedrich Spindler eine ungleich elegantere Uhr, die stilistisch dem Rokoko verpflichtet ist. 14 Beiden gemeinsam sind die typisch friderizianischen vergoldeten Puttengruppen, die hier als Bekrönung dienen. Für welche Räume des Neuen Palais diese beiden Uhren geschaffen wurden, ist bislang nicht bekannt.

    Abb. 3 Chinesen-Schreibtisch, Ausführung wohl J.F. Spindler d.Ä., um 1768, Inv. Nr. IV 391, Fotografie, um 1930, SPSG, Fotothek

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    Neben diesen belegten Werken lassen sich weitere Arbeiten zuschreiben. Der Chinesen-Schreibtisch, der um 1768 für das nördliche Schreibkabinett der Heinrich-Wohnung im Erdgeschoss entstand, dürfte dem Stil der Marketerie zufolge von dem älteren Spindler gefertigt worden sein (Abb. 3). 15 Sein Entwurf gehört zu den bedeutendsten der Möbel im Neuen Palais. Von besonderer Qualität war ehemals sein Bronzedekor, bestehend aus vier vollplastischen Sitzfiguren – zwei Chinesen, zwei Chinesinnen – die seit 1958/1959 verschollen sind. Besondere Erwähnung verdienen auch die Eckbeschläge der Platteneinfassung aus vergoldeter Bronze. Sie zeigen in Flachreliefs Putten, die in einem Wolkenbett sitzen. Auch der Spieltisch mit Blumenmarketerie und versilberten Bronze-Espagnoletten, der zur Erstausstattung des Unteren Fürstenquartiers gehört, stammt wahrscheinlich aus der Werkstatt von Johann Friedrich Spindler. 16 Das gewürfelte Spielfeld der Platte wird von Rosenbuketts eingefasst. Das Möbel gehört zu einer Gruppe von ehemals acht im Entwurf unterschiedlichen Spieltischen im Zweiten Vorzimmer und dem angrenzenden Speisezimmer des Unteren Fürstenquartiers (Raum 164 und 163). Im Neuen Palais befinden sich heute, den eben genannten Tisch eingerechnet, nur noch drei von ihnen. Ein vierter Spieltisch ist als Leihgabe des Hauses Hohenzollern im Schloss Charlottenburg ausgestellt. Zwei weitere werden im Haus Doorn in Holland aufbewahrt. 17 Falls die Annahme einer Auftragsvergabe nach Raumfolgen richtig ist, lässt sich auch der marketierte Fußboden des Ovalen Kabinetts oder "Tassenkopf-Zimmer" (Raum 162), ebenfalls zum gartenseitigen Unteren Fürstenquartier gehörend, mit gebotener Vorsicht Johann Friedrich Spindler dem Älteren zuschreiben. Friedrich Nicolai führte ihn 1786 in seiner "Beschreibung der königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam" auf: "18) Das ovale Kabinet [...] Der Fußboden ist von Holz mit Blumen ausgelegt, von Spindler."

    Zu den Biographien der Brüder Spindler

    <10>

    Über das Leben beider Brüder liegen nur wenige gesicherte Erkenntnisse vor. Johann Friedrich wurde 1726 geboren. Es ist anzunehmen, dass er in der Werkstatt seines Vaters, des Hofbauschreiners Johann Spindler, in die Lehre ging und auf der Kunstakademie in Bayreuth Zeichenunterricht nahm. 18 Als 1762 ein preußischer Beauftragter in Bayreuth über die Anwerbung von Künstlern und Kunsthandwerkern verhandelte, wurde ihm ein "Tischlergeselle" vorgeschlagen, der in Bayreuth "Fußboden und Tafelwerk" gefertigt habe. Charles Friedrich Foerster vermutete 1937, dass damit vielleicht die Vertäfelung des Zedern-Zimmers im Neuen Schloss in Bayreuth gemeint war. 19 Johann Friedrich war Ende dreißig, als er für den preußischen König zu arbeiten begann. Wie groß seine Werkstatt wurde, lässt sich nur schätzen. An dem oben genannten Schreibtisch Inv. Nr. IV 60 wurde "zu 3 Personen 7 Monate gearbeitet".

    <11>

    Der 1738 geborene Stiefbruder Heinrich Wilhelm kam mit Ende zwanzig in die preußische Residenzstadt. 1756 hatte er als Geselle auf Wanderschaft bei Pierre II Migeon in Paris gearbeitet und wurde als "Spintler" in den Werkstattlisten geführt. 20 Dort lernte er die damalige französische Blumenmarketerie kennen; auch wenn sich die flächig geführten, häufig stilisierten Ranken Migeons wesentlich von Spindlers späteren Blumenmarketerien für das Neue Palais unterscheiden, dürfte in der französischen Schulung doch der Grundstein für den Erfolg des jüngeren Spindler in Potsdam zu sehen sein. Friedrich Nicolai sprach auch dann nur von "Spindler", wenn er, wie über das Register nachzuvollziehen, den jüngeren Spindler meinte. Die Betrachtung der für Heinrich Wilhelm Spindler belegten Werke macht erklärlich, warum Nicolai seine Werkstatt hervorhob.

    <12>

    1772–1773 führten beide Schreinerbetriebe gemeinsam zwei Vertäfelungen mit Marketerien für die Neuen Kammern aus. Dabei gab es Misshelligkeiten, als Heinrich Wilhelm 1772 seinen Stiefbruder beschuldigte, statt Ebenholz gebeiztes Birnbaumholz verwendet zu haben. 21 Anscheinend erhielten die Brüder Spindler nach vollendeter Einrichtung der Neuen Kammern keine entsprechenden Aufträge mehr von Friedrich II. Wohl 1775 bittet ein Tischler "Spindler" – wahrscheinlich Heinrich Wilhelm – um "Concession auf Berlin, Frankfurth an der Oder und Stettin", da er "seit drey Jahren für allerhöchst S. königl. Majestät keine Bestellungen mehr erhalten" habe. 22 Der ältere Spindler blieb in Potsdam. Dort erwähnt ihn Friedrich Nicolai 1786 in einer Übersicht der wichtigsten Kunsthandwerker der preußischen Residenzstadt: "Kunsttischler. Es giebt hier sehr vortreffliche Künstler dieser Art: als Spindler (am Brandenburgerthore) sehr geschickt im Holzauslegen. " 23

    <13>

    Der jüngere, offenbar agilere, verlegte seine Werkstatt nach Berlin. Nicolai nennt ihn 1786 im Anhang "Jetztlebende Künstler, Maler, Bildhauer, [...]": "Hr. Spindler, der jüngere, Kunsttischler [...]. Im neuen Schlosse sind von seiner Arbeit Kommoden von Schildkröten und Perlenmutter, reich mit Silber ausgelegt, die eine schöne Zeichnung haben; desgleichen im Kavalierhause bey Sanssouci zwey ganz mit Figuren von Vögeln, Fruchtgehängen, etc. mit verschiedenen Hölzern nach einem guten Kolorit und Zeichnung ausgelegte Zimmer. Er wohnt in der Wilhelmsstraße [sic]." 24 An anderer Stelle berichtet er über die "Kunsttischler oder Kabinettischler [...] Z.B. Spindler (an der Markgrafen- und Jerusalemerstraßen Ecke)". Die genannten Adressen befinden sich im Zentrum Berlins in der Friedrichstadt; sie liegen nur wenige Straßen auseinander. 1799 wird im Berliner Adressbuch ein Tischler mit dem Namen Spindler aufgeführt. Charles Friedrich Foerster schloss daraus, dass die Werkstatt damals noch bestand. Heinrich Wilhelm hatte 1768 geheiratet und wurde noch in Potsdam Vater von zwei Töchtern (1768 und 1772). 25 Da er offenbar keinen Sohn hatte, könnte hier also Heinrich Wilhelm gemeint sein. Überzeugender ist jedoch eine andere Annahme. Ein Quellenfund von Walter Stengel legt den Schluss nahe, dass Heinrich Wilhelm Spindler 1788 im Alter von fünfzig Jahren starb: 26 Am 29. Mai dieses Jahres wurde eine Versteigerung der Hinterlassenschaften eines Tischlers namens Spindler angekündigt.

    Die Arbeiten von Heinrich Wilhelm Spindler d.J.

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    Für das hofseitig gelegene Untere Fürstenquartier schuf der jüngere Spindler zwei Möbel mit reicher Blumenmarketerie auf dunklem Ebenholzgrund. 1767 lieferte er einen Schreibtisch für das nördliche Schreibkabinett (Raum 160). 27 Er war nach dem Zweiten Weltkrieg verschollen und wurde 2008 von der Stadt Gera an die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg zurückgegeben (Abb. 4). Das Möbel wird derzeit restauriert. Im angrenzenden Schlafzimmer kam im Jahr darauf ein Eckschrank zur Aufstellung (Abb. 5). Er gehört zu den bedeutendsten der spätfriderizianischen Prunkmöbel. Alle sechs Blumenbuketts des Aufsatzes sowie der Blumenkorb des Kommodenteils sind individuell entworfen.

    Abb. 4 Schreibtisch, Ausführung H.W. Spindler d.J., 1767, Inv. Nr. IV 2796, Ausschnitt aus Raumfotografie Ovales Kabinett, 1908, SPSG, Fotothek

    Abb. 5 Eckschrank, Ausführung H.W. Spindler d.J., 1768, Inv. Nr. IV 399, Foto: SPSG, Wolfgang Pfauder

    <15>

    Das Obere Fürstenquartier erhielt auf der Gartenseite im zweiten Vorzimmer (Raum 258) ein weiteres Möbel mit Furniergrund aus Ebenholz: 1767 lieferte der jüngere Spindler eine Kommode mit kleinen bronzenen Urnen in den Einziehungen der Ecken (Abb. 6). Die Deckplatte war ursprünglich aus grünem Kolmårdener Marmor. Die Marketerie der Urnen-Kommode zeigt sich von barocken holländischen Möbeln, wie sie Jan van Mekeren zugeschrieben werden, beeinflusst. Als Beispiel sei ein Aufsatzschrank im Metropolitan Museum of Art genannt, dessen Felder ebenfalls reiche, naturalistisch gebildete Blumenbuketts vor dunklem Grund zeigen. 28 Blumenstrauß und Vase auf der Front stellen ebenfalls einen Historismus dar. Die Vase mit spielenden Putten steht dem Stil des Manierismus um 1600 nahe. Der Blumenstrauß mit seinen schwer herabhängenden großen Blumen ist von niederländischen Vorbildern derselben Epoche inspiriert. Als Beispiel sei eine um 1620 entstandene Gouache von Jan Baptist van Fornenburgh im Westfälischen Landesmuseum in Münster genannt, die ein Blumenstilleben zeigt. 29 Somit ließ der königliche Auftraggeber wie bereits beim ziegelsichtigen Außenbau und bei der Gartengestaltung "holländischen Geschmack" demonstrieren, wie Manger schrieb. Friedrich der Große hatte die Niederlande 1755 besucht. Manger kritisierte bissig die niedrigen grünen Kabinette und Bogengänge: "Indessen weil der König in Holland an dergleichen Geschmack gefunden hatte, so gefielen sie auch Ihm, und allen Andern, die solche in Seiner Begleitung sahen. Denn wer sollte wohl leicht etwas tadeln, was einem großen Herrn gefällt?". 30

    Abb. 6 Urnen-Kommode, Ausführung H.W. Spindler d.J., 1767, Inv. Nr. IV 623, Foto: SPSG, Wolfgang Pfauder

    <16>

    Die Rückgriffe auf barocke Möbelvorbilder bewegten sich auf der Höhe der Zeit. Nur wenig später sollten in Paris die Möbel von André-Charles Boulle als Vorbilder in Mode kommen. Auch die Teilung der Front in drei mit Blumenbuketts gefüllte Felder ist stilistisch modern; sie wurde im Klassizismus weitergeführt, wie an zahlreichen französischen Kommoden der 1770er Jahre zu sehen ist. Roger Vandercruse genannt Lacroix hat 1771 eine solche Kommode geschaffen; sie befand sich ehemals im Kunsthandel. 31 Am deutlichsten tritt der Einfluss des Klassizismus an den kleinen Urnen aus vergoldeter Bronze hervor, die in den Eckstollen der Spindler-Kommode sitzen.

    Abb. 7 Drei-Grazien-Kommode, Ausführung H.W. Spindler d.J., 1769, Inv. Nr. IV 621, Foto: SPSG, Wolfgang Pfauder

    Abb. 8 Drei-Grazien-Kommode geöffnet, Foto: SPSG, Wolfgang Pfauder

    <17>

    Zwei Räume weiter, im Oberen Konzertzimmer (Raum 260), wurde Heinrich Wilhelm Spindler ebenfalls bei der Ausstattung hinzugezogen. Er fertigte für diesen Raum 1769 die Drei-Grazien-Kommode mit einem Furnier aus Perlmutt, Horn und Elfenbein in Schildpatt (Abb. 7 und 8). 32 Aufgeklappt gibt die prächtige Front zwei aufwendig dekorierte Schubladen zu erkennen. Ihre filigrane Parketterie zeigt erneut einen ausgeprägten Klassizismus. Die Kommodenfront schmücken "Drei Grazien" unter einer Blumengirlande. Das Motiv taucht am Kamin ein zweites Mal auf. Schon der Inspektor der Königlichen Bildergalerie Matthias Oesterreich wies 1773 darauf hin: "Der Camin ist von einem schönen schwarzen Marmor, in dessen Mitte Seine Majestät einen orientalischen Agath, auf dem die drey Grazien in erhabener Arbeit vorgestellet sind, haben anbringen lassen. " 33 Die Figuren der "Drei Grazien" auf der Kommodenfront wirken in dem ansonsten glänzenden Entwurf der Kommode formal unglücklich. Sie passen in den Größenproportionen nicht zur Girlande. Es steht zu vermuten, dass das Motiv auf Wunsch des Königs eingefügt wurde.

    Abb. 9 Papageien-Kommode, Ausführung H.W. Spindler d.J., vielleicht 1769, Inv. Nr. IV 327, Foto: Verfasserin

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    Ebenfalls eindeutig für den jüngeren Spindler belegt ist die berühmte Papageien-Kommode im Kabinett vor dem Schlafzimmer in der Wohnung Friedrichs II. (Raum 212, Abb. 9). 34 Oesterreich hob 1773 ihren Entwurf hervor: "Eine schöne Commode von Schildkröte und Perlmutter, mit Silber ausgelegt, von einer sehr schönen Zeichnung. Es ist selbige die Arbeit des jüngern Spindlers, der von Bayreuth nach Potsdam gekommen ist." 35 Neben der Drei-Grazien-Kommode ist dies die einzige Arbeit Heinrich Wilhelm Spindlers in diesen sehr kostbaren, exotischen Furniermaterien. Ihr Gesamtentwurf zeigt noch nicht den Übergang zum Klassizismus, sondern ist dem Rokoko verpflichtet. Die Dekoration der Front folgt hingegen exakt dem gleichen Aufbau: ein zentrales Schmuckmotiv, hier eine Musiktrophäe, unter einer in der Mitte befestigten, dichtgefügten Blumengirlande. Beide zeigen auf der Oberseite anstelle einer Marmorplatte reiche Marketerie. In der Kommode der Königswohnung ist es ein Papagei, der in einem ovalen Reif sitzt. Das Motiv findet sich auch an der von Johann Christian Hoppenhaupt 1752 entworfenen und ausgeführten Vertäfelung des Voltaire-Zimmers im Schloss Sanssouci. Mit der Musik-Trophäe wurde ein zentrales Schmuckmotiv gewählt, das sich stilistisch nicht vom zeitgenössichen Klassizismus in Paris unterschied. Der französische Architekt und Entwerfer Charles Delafosse hat in seiner 1768 erstmals erschienenen Ornamentstichfolge "Nouvelle Iconologie Historique" eine große Zahl von Trophäen vorgestellt. Musiktrophäen gehörten zum gängigen Dekorationsrepertoire des 18. Jahrhunderts. In der Wohnung des Königs erhielt dieser Marketerieschmuck persönlichen Bezug, da er auf die leidenschaftliche Musikpraxis des Monarchen und das angrenzende Konzertzimmer anspielt.

    Abb. 10 Eichhörnchen-Schreibtisch, Ausführung wohl H.W. Spindler d.J., um 1765/1770, Inv. Nr. IV 326, Foto: SPSG, Wolfgang Pfauder

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    Hans Huth gab 1958 das Entstehungsjahr der Papageien-Kommode mit 1769 an. Ein Zahlungsbeleg hierfür ist nicht bekannt geworden, ebenso wenig zu dem für den gleichen Raum geschaffenen Eichhörnchen-Schreibtisch (Abb. 10). 36 Er trägt eine marketierte Jagdszene auf der Rückseite und vollplastische versilberte Bronze-Eichhörnchen in den Eckstollen. Mithilfe der frühen Inventare aus den Jahren 1784, 1799, 1811 und 1828 lässt sich nachweisen, dass auch der Schreibtisch zur Erstausstattung des Kabinetts gehört. Das prominente Tiermotiv erinnert an die Hundeköpfe an den Sitzmöbeln der Jagdkammer im Oberen Fürstenquartier (Raum 259). Tiermotive sind in der angewandten Kunst des Rokoko nicht ungewöhnlich. Berühmt ist etwa das Cabinet des Singes im Palais de Rohan in Paris, dessen um 1750 entstandene Wanddekoration gemalte Affen zeigt. Bei den Möbeln im Neuen Palais verraten sie jedoch über ihren dekorativen Charakter hinaus einen persönlichen Bezug zum Auftraggeber, dessen enge Beziehung zu seinen Hunden bezeugt ist. Das hohe, glattkantige Metallprofil der Platte und der Bronzeschmuck der Beine in Form einer Guilloche lassen einmal mehr die Elemente des Klassizismus in der spätfriderizianischen Möbelkunst erkennen. Er ist möglicherweise Heinrich Wilhelm Spindler zuzuschreiben.

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    Zudem quittierte der jüngere Spindler am 15. Mai 1767 die Zahlung für einen "Schreibtisch von Königsholz u. ausgelegt mit Blumen u. mit Bronze Arbeit garnirt, das Blatt mit rothem Sammt bezogen." Charles Friedrich Foerster identifizierte diese Arbeit zögernd als einen Schreibtisch, der für eines der beiden Schreibkabinette des hofseitig gelegenen Oberen Fürstenquartiers entstand (Abb. 11). 37 Eine überzeugende Werkstattzuweisung ist bislang nicht möglich. Mit den übergroßen Bronzeköpfen und den schweren Beinen gehört der Gesamtentwurf zu den schwächeren in der Gruppe der Marketerie-Möbel im Neuen Palais.

    Abb. 11 Schreibtisch, Ausführung J.F. oder H.W. Spindler, um 1765/1770, Inv. Nr. IV 622, Foto: SPSG, Wolfgang Pfauder

    <21>

    Als nicht exakt gesicherte Arbeit ist das besonders kostbare Marketerie-Parkett am nördlichen Ende des gartenseitigen Oberen Fürstenquartiers zu nennen (Raum 261). Friedrich Nicolai schrieb 1786: "47) Eckkammer [...] Der Fußboden von Spindler ausgelegt." Seine Dekoration in Form eines zentralen Blumenbuketts samt Blumenvasen ist in einen Fond aus dunklem Ebenholz eingefügt. Da die anderen beiden Marketeriemöbel dieser Raumflucht für Heinrich Wilhelm Spindler belegt sind und dies auch für alle drei Marketerie-Möbel im Neuen Palais mit Ebenholzgrund gilt, ist das Parkett dieser Werkstatt zuzuschreiben. Die künstlerische Qualität des Entwurfs, die sich trotz starker Abnutzungsspuren heute noch vermittelt, spricht ebenfalls für diese Annahme.

    Die Möbelentwürfe

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    Die Entwürfe für die furnierten Möbel im Neuen Palais stammten nicht von den Kunstschreinern selbst, sondern von Entwerfern. Dies lässt sich aus dem Umstand schließen, dass die Schränke, Kommoden, Schreibtische und übrigen Möbel von den Spindler-Brüdern und von Melchior Kambly eine im Gesamtentwurf zusammengehörige Gruppe bilden. Es bestehen stilistische Unterschiede, spürbar auch in der künstlerischen Qualität der Entwürfe, die jedoch keinen klaren Zusammenhang zu der jeweiligen ausführenden Werkstatt erkennen lassen. Die Zeichnungen der bedeutendsten Arbeiten, darunter die beiden Schildpatt-Kommoden von Heinrich Wilhelm Spindler, sind dem Bildhauer und Entwerfer Johann Christian Hoppenhaupt dem Jüngeren zuzuschreiben. Auf ihn geht die Innenarchitektur zu den wichtigsten Räumen des Neuen Palais zurück. Er griff teilweise auf Entwürfe seines älteren Bruders Johann Michael Hoppenhaupt zurück, die dieser in den 1750er Jahren in radierten Folgen publiziert hatte. Dies geschah etwa beim Wandaufriss des Oberen Konzertzimmers (Raum 260).

    <23>

    Wie präzise die Gestalt sowohl der Behältnis- als auch der Sitzmöbel in den Entwurf der Innendekoration einbezogen wurde, lässt sich an einer Federzeichnung von Johann Christian Hoppenhaupt für die Südwand des Unteren Konzertzimmers (Raum 161) ablesen. 38 Sie zeigt eine zweischübige Kommode, ein Kanapee und einen Armlehnstuhl. Die Innenarchitektur des Neuen Palais steht dem Stil der ein Jahrzehnt zuvor entstandenen Ornamentblätter Johann Michael Hoppenhaupts für Wandaufrisse, Möbel und anderes überraschend nahe. Manche dieser Radierungen wirken experimentell und unorganisch. Die Entwurfsleistung der 1760er Jahre, wie sie auch in den bedeutenden Stuckdecken des Neuen Palais zum Ausdruck kommt, reicht über diese Blätter hinaus. Vor diesem Hintergrund muss man zu dem Schluss kommen, dass die künstlerische Leistung Johann Christian Hoppenhaupts als Möbelentwerfer bislang noch nicht ausreichend gewürdigt wurde. 39

    <24>

    Die zweite künstlerische Kraft bei den Interieurs des Neuen Palais war nicht Hoppenhaupt der Ältere, sondern der Bauherr selbst. Friedrich Nicolai bemerkte 1789 über den "Bau des neuen Schlosses bey Sans-Souci [...], dass die Anordnung und Auszierung aller Zimmer bis auf die geringsten Kleinigkeiten, von dem Könige entweder angegeben, oder doch überlegt und approbirt worden ist. Man sieht also allenthalben seine Ideen." 40 Die prägende Rolle des Monarchen für die Entstehung der spätfriderizianischen Raumschöpfungen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es war nicht das erste Mal, dass Johann Christian Hoppenhaupt die Vorgaben des Königs umsetzte. Eine schlecht gezeichnete Ideenskizze Friedrichs des Großen auf einem Baubeleg von 1752 zeigt zwei Wandfelder des Voltaire-Zimmers im Schloss Sanssouci. 41 Hoppenhaupt hat die Sockelfelder neu entworfen, setzte die summarische Angabe des großen Feldes jedoch ebenso brillant wie getreu an der nördlichen Westwand um. Diese Arbeitsweise bedeutet nicht, dass die Spindler-Werkstätten keinen künstlerischen Anteil am Entwurf gehabt hätten. Die Detaillierung der Marketerie, etwa der üppigen Blumenbuketts, entstand in den Schreinerwerkstätten. In Bezug auf die Bronzen ist zu vermuten, dass sie in der Bronzewerkstatt von Melchior Kambly ausgeführt wurden – wo demnach die Detaillierung des Entwurfs der Beschläge vorgenommen wurde. Abgerechnet wurden sie durch die Spindler-Werkstätten. Die Bronzen an den belegten wie auch den zugeschriebenen Spindler-Möbeln unterscheiden sich in zumeist prächtige, sorgfältig entworfene figürliche Appliken und sparsame, konventionelle Beschläge, etwa in der Form von kleinen Satyrn an den Eckstollen. Möglicherweise wurden die Bronzen der letztgenannten Gruppe von einer Gürtlerei bezogen.

    Spezialisierung der beiden Werkstätten

    <25>

    Offenbar fiel das besondere Talent des jüngeren Bayreuther Schreiners dem König und seinem Innenarchitekten schon bald auf. Sieht man vom Chinesen-Schreibtisch (Inv. Nr. IV 391) und wohl auch vom Schreibtisch mit den Bronzeköpfen (Inv. Nr. IV 622) ab, erhielt Heinrich Wilhelm Spindler 1767–1769 die gestalterisch, materialtechnisch und ikonographisch anspruchvollsten Entwürfe zur Ausführung. Ausnahmslos alle Möbel mit den kostbaren Importmaterialien Ebenholz und Schildpatt als Furniergrund wurden in seiner Werkstatt bestellt. Der ältere Spindler erhielt 1767 Aufträge über große Schreibtische mit reichen Marketerie-Bildern auf den Platten. Typologisch sind diese Möbel aus dem Bureau plat abgeleitet, wie es in Frankreich bis in die Jahrhundertmitte in Mode war. Friedrich der Große besaß selbst zwei Exemplare in seinen Schlafzimmern in Sanssouci und im Potsdamer Stadtschloss, die er 1746 und 1750 erworben hatte. 42 Als das Neue Palais 1763–1769 erbaut wurde, war dieser Schreibtischmöbeltyp aufgrund seiner Größe bereits altmodisch geworden. Er erlebte zwar im Klassizismus eine Wiederbelebung, dann jedoch mit einer anderen Formensprache. Für seine eigene Wohnung im Neuen Palais wählte der König schmale, zierlichere Schreibtische. Ihre Platten sind nicht furniert, sondern mit Samt bespannt. Man gewinnt den Eindruck, als habe Johann Friedrich Spindler den Auftrag über jene großen Schreibmöbel erhalten, um seine "Spezialität", große, reich furnierte Landschaftsbilder, anbringen zu können. Sie wurden in den Unteren Roten Kammern aufgestellt, die einfacher ausgestattet sind als die hofseitigen Appartements des unteren Gästequartiers. Zudem wurden beide Standuhrgehäuse in seiner Werkstatt bestellt.

    Abb. 12 Darstellung der Verteilung der belegten Aufträge an die beiden Spindler-Werkstätten, Grundriss des Neuen Palais' von Carl von Gontard, um 1766/1767, SPSG, Planslg. 155, Grafik: Verfasserin

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    Der jüngere Spindler führte bei der Drei-Grazien-Kommode ebenfalls ein Landschaftsbild aus – die Deckplatte. Sie ist wie die Landschaftsbilder des älteren Spindler technologisch und stilistisch souverän, fügt sich dem Gesamtentwurf des Möbels wie auch des Raumes jedoch nicht überzeugend ein. Wonach der königliche Auftraggeber in den 1760er Jahren verlangte, waren nicht Landschaften, sondern Blumenbuketts. Die besondere Leistung des jüngeren Spindler liegt nicht nur in der Beherrschung der Marketerietechnik in exotischen Materialien, sondern auch in der reichen Eleganz des Detailentwurfs der Blumenmarketerie. Die Forschung ging lange Zeit davon aus, dass eine stilistische Unterscheidung der archivalisch nicht belegten Möbel beider Werkstätten nicht möglich ist. 43 In der Qualität der Blumenmarketerie lassen sie sich jedoch unterscheiden.

    Friedrich der Große und David Roentgen

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    Blumen schmückten auch den kleinen ovalen Tisch, den der König 1770 bei David Roentgen in Neuwied erwarb (Abb. 13 und 14). 44 Das Möbelstück befand sich 1895 im nördlichen Schreibkabinett des Oberen Fürstenquartiers (Raum 269) im Neuen Palais. Es stand zuletzt in der "Cammer couleur de rose" zwischen Konzertzimmer und Schlafzimmer der Königswohnung. 45 Seit 1945 ist es verschollen. Dieser Tisch sollte die einzige Bestellung bleiben, die die berühmte Möbelmanufaktur in Neuwied von Friedrich dem Großen erhielt. Darin mag man zweierlei Gründe sehen: zum einen hatte Roentgen zum Zeitpunkt der Erbauung des Neuen Palais noch nicht jene Meisterschaft in der Marketerie erreicht, die seine Hauptwerke aus den 1770er Jahren auszeichnen. Zum anderen scheint es, dass der preußische Regent keinen selbstständig agierenden Manufakturunternehmer fördern wollte, der nicht nur ihn, sondern auch andere europäische Regenten beliefern würde. Roentgen gewann 1771 Leopold III. Friedrich Franz Fürst von Anhalt-Dessau, 1779 Ludwig XVI. von Frankreich und 1783 Katharina II. von Russland als Kunden. Der Unternehmer aus Neuwied hätte seine Manufaktur gerne nach Berlin oder Potsdam verlegt, um von dort aus die Küstenstädte Danzig und Riga zu beliefern. Unter dem Hinweis, es fehle Roentgen an "Debit" [das heißt Absatz, A.S.], schlug der König stattdessen eine Verlegung nach Breslau vor. Roentgen schlug seinerseits daraufhin Neusalz an der Oder vor, da er Mitglied der evangelischen Brüdergemeinde sei (in Neusalz gab es eine Niederlassung der Herrnhuter Brüdergemeine [sic]). Der Plan scheiterte daran, dass Friedrich der Große nicht bereit war, ihm finanziell entgegenzukommen.

    Abb. 13 "Cammer couleur de rose" (Raum 210), Neues Palais, Fotografie, um 1930, Foto aus: Burkhard Meier, Potsdam, 4., erweiterte Aufl., Berlin 1935, Tafel 48

    Abb. 14 David Roentgen, Tisch, 1770, ehemals Neues Palais, seit 1945 verschollen, Foto aus: Hans Huth, Abraham und David Roentgen und ihre Neuwieder Möbelwerkstatt, Berlin 1928, Tafel 55

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    Mit der Anwerbung der Brüder Spindler 1765 hatte der König die Entstehung von Hofwerkstätten gefördert. Diese waren nicht nur wirtschaftlich von seinen Aufträgen abhängig, auch ihre künstlerische Entwicklung wurde wesentlich von den von ihm beschäftigten Entwerfern bestimmt. Im Zuge der Ausstattung der Neuen Kammern wurden die Brüder Spindler erneut mit Aufträgen bedacht – sie führten 1772-1773 für zwei Gästezimmer Raumvertäfelungen mit reichen Marketerien aus. 46 Das Neue Palais, das Belvedere auf dem Klausberg (1770–1772) und der Umbau der Neuen Kammern (1771–1775) waren die letzten Schlossbauunternehmungen in der friderizianischen Zeit. Die Umbrüche in der höfischen Auftragspraxis der 1770er und 1780er Jahre vollzog Friedrich der Große nicht mehr nach.

    Friedrich der Große als Auftraggeber der Brüder Spindler

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    Die finanziellen Bedingungen spielten nicht nur bei der Verhandlung mit Roentgen eine Rolle, sondern auch bei den Anwerbungen in Bayreuth. Nachdem Markgraf Friedrich von Bayreuth am 26. Februar 1763 ohne männlichen Nachkommen gestorben war, war die Auftragslage dort schwierig geworden. In der Folge waren die Künstler der fränkischen Stadt "zur Veränderung alle willig", wie der Gesandte Buchholtz in einer Depesche am 7. September 1763 anmerkte, und fuhr fort: "ondaher ich wünsche dass S.K.M. [Seine Königliche Majestät, A.S.] denen Leuten die Conditiones so sie verlangen allergnädigst [...] möchten, denn sie stehen so zu sagen auf dem Sprung theils nach Dresden, wo vieles gebauet und in altem Gelde bezahlet wird, theils nach Stuttgard und Braunschweig zu gehen, denn der [... v. Wilfortt] gibt sich auch Mühe sie zu engagieren. Sie haben aber alle eine praecondition vor des Königl. Dienst, weil S.K.M. ein Kenner sind und promt bezahlet wird." Buchholtz verwendete die Aussicht auf künstlerisch anspruchsvolle Aufträge als wesentliches Argument, für den preußischen Hof zu arbeiten: "Der Goût welchen ich besonders recomandiret, bestärkt die Leute sehr in diesen Gedanken." 47

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    In Bezug auf den Geschmack des Auftraggebers hatte der preußische Gesandte nicht zuviel versprochen. Innerhalb weniger Jahre entstand im Park von Sanssouci eine Gästeresidenz, die an Größe, Pracht und stilistischer Eigenständigkeit ihresgleichen suchte. Die reiche Möblierung steht in der Tradition des absolutistischen Schlossbaus. Nach der Staatslehre des 18. Jahrhunderts brachte die Pracht der höfischen Innenarchitektur die Stellung des Herrschers vor seinen Untertanen und vor den anderen Souveränen zum Ausdruck. Der Philosoph und Gelehrte Christian Wolff (1679–1754) erläuterte dies mit den vielzitierten Worten: "Der gemeine Mann, welcher bloß an den Sinnen hanget, und die Vernunfft wenig gebrauchen kan, vermag auch nicht zu begreiffen, was die Majestät des Königs ist: aber durch die Dinge, so in die Augen fallen und seine übrigen Sinne rühren, bekommet er einen obzwar undeutlichen, doch klaren Begriff von seiner Majestät, oder Macht und Gewalt." 48