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F. Göse: Der "unpolitische Hof"?

Friedrich300 – Friedrich der Große und der Hof

Der "unpolitische Hof"?

Zum Verhältnis von Hof und Zentralbehörden in friderizianischer Zeit

Frank Göse


Abstract

Die Forschung hat, in den wenigen Fällen, in denen sie sich diesem Thema überhaupt zuwandte, dem friderizianischen Hof nur eine sehr untergeordnete Bedeutung im politischen System des altpreußischen Staates zugewiesen und ihm daher eine weitgehend "unpolitische" Funktion attestiert. Trotz des offenkundigen Auseinandertretens von Hof und Zentralbehörden in institutioneller und mentaler Sicht bestanden aber durchaus Interferenzen fort. Zudem kommt man der komplexen Funktion dieses Hofes näher und wird seiner zeitgenössischen Wahrnehmung eher gerecht, wenn man ihn aus einer erweiterten, stärker seine "kommunikative Struktur" fokussierenden Perspektive untersucht. Dann zeigt sich, dass auch der friderizianische Hof in ein filigranes Netz eingebunden war, das ihn sowohl mit der in den Zentralbehörden wirkenden höheren Amtsträgerschaft als auch mit den in den kleinräumigen Adelsgesellschaften verankerten regionalen Eliten verband.

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Eigentlich könnten die Ausführungen zu dem hier ausgewiesenen Thema recht knapp ausfallen, denn folgt man dem bis heute gängigen Interpretament, hätte in Preußen der allenthalben für die Monarchien des Ancien Régime zu beobachtende Prozess des Auseinandertretens von Hof und Zentralverwaltung während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen zu einem besonders ausgereiften Resultat geführt. Da ist in markigen Worten vom "Sieg des Fachbeamten über den Höfling" die Rede, oder es wurde – sich hierbei auf Max Weber berufend – "die tendenzielle Trennung von politischem Betrieb und adlig-höfischer Interaktion" hervorgehoben. Aus Hofverwaltungen gingen demnach "moderne Staatsverwaltungen, aus fürstlichen Beratungsgremien moderne Regierungsinstitutionen hervor". 1

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Dieses Muster fügte sich auch in das tradierte borussische Geschichtsbild mit seinem betont antihöfischen Impetus bestens ein. Schließlich hatten die Protagonisten dieser historiographischen Richtung das Verdikt des Aufklärungszeitalters über den Fürstenhof als Hort von Intrigen, Sittenlosigkeit und Verschwendungssucht dankbar aufgegriffen, und die die herannahende Zeit verkörpernden bürgerlichen Tugenden Ehre, Fleiß und Sparsamkeit schienen in dem neuen Herrschaftsstil der beiden genannten preußischen Könige, der durch eine zunehmende Marginalisierung des Hofes und die Zurückdrängung der als so negativ ge- (zutreffender wohl: ver-)zeichneten Praxis geprägt wurde, bestens repräsentiert worden zu sein. Wenn sich selbst ein so prominenter Kronzeuge wie Voltaire, der sich bekanntlich drei Jahre am preußischen Hof aufhielt, so dezidiert über die angebliche Funktionslosigkeit der traditionellen Hofchargen geäußert hatte, musste dieses Argumentationsmuster schließlich eine gewisse Plausibilität besitzen. 2 Auch in dem Register der verdienstvollen Edition der "Acta Borussica" sucht man vergebens das Stichwort "Hof", was insofern nicht verwundert, als diese ja das Werden des Machtstaates Preußen aus verwaltungshistorischer Perspektive dokumentieren sollte. 3 Natürlich wurde die Existenz höfischen Lebens im friderizianischen Preußen auch in der älteren Forschungsliteratur nicht völlig ignoriert. Vor allem unter traditionell "kulturgeschichtlichem" Aspekt fand das Thema noch Beachtung; in den wenigen Versuchen, eine Verbindung des Hofthemas mit der politischen bzw. Sozialgeschichte vorzunehmen, lagen diese Analysen dann zumeist auf der Linie der bekannten Elias ' schen Interpretation über die Funktion des Hofes zur "Domestizierung" des Adels. 4

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Einige Tatsachen mögen nun durchaus für eine solche Sichtweise sprechen: So wird auch in modernen Überblicksdarstellungen zur preußischen Geschichte des 18. Jahrhunderts einhellig darauf verwiesen, dass sich das politische Entscheidungszentrum und der Hof immer mehr auseinanderentwickelt hatten, so dass man das "Ende des höfischen Absolutismus" heraufscheinen sah. 5 Aus generalisierend-komparativer Perspektive wurde in einer jüngeren Studie gar der "unhöfische Zuschnitt" des friderizianischen Hofes hervorgehoben. 6
Für diese durch verschiedene historische Schulen und Forschergenerationen vorgetragenen Interpretationen sprachen und sprechen also durchaus gewisse Argumente, sonst hätten sie wohl bis heute kaum auf fast uneingeschränkte Zustimmung stoßen können. Und in der Tat lassen sich auch die zunächst ins Auge fallenden rein institutionellen Bindungen zwischen dem Hof und den Zentralbehörden für die friderizianische Zeit auf nur wenige Stränge reduzieren. Vorrangig bestanden geschäftsmäßige Kontakte zwischen der Spitzenbehörde des friderizianischen Staates, dem Generaldirektorium, und dem Hofstaat. Dies ergab sich zunächst schon aus dem einfachen Grund der Finanzierung des Hoflebens, der "Hof-Ökonomie" – ein Aspekt, der im Übrigen aufgrund der überlieferten jährlichen Abrechnungen des Hof-Staats- und Fourage-Etats recht gut zu rekonstruieren ist, hier aber nicht weiter verfolgt werden soll. Man würde sich damit zugleich auf ein Feld begeben, das bekanntlich zu den bestgehütetsten Geheimnissen des altpreußischen Staates gehörte. Schon ältere Forscher hatten auf die kaum zu überwindenden Schwierigkeiten verwiesen, die verschlungenen Wege der Finanzpolitik Friedrichs des Großen zu rekonstruieren. 7 Zwar bestand seit der Regierungszeit des Großen Kurfürsten eine speziell zur Finanzierung der Hofhaltung eingerichtete Hofstaatskasse, jedoch erscheint das Finanzgebaren in friderizianischer Zeit vor allem in Gestalt der sogenannten "Dispositionsgelder" schon für die Zeitgenossen kaum mehr überschaubar gewesen zu sein. In den "Ordren" an den Hofrentmeister wurden alle Beteiligten zur höchsten Verschwiegenheit und Geheimhaltung verpflichtet. 8 Auffällig erscheint, dass aus der Hof-Staatskasse durchgängig und in nicht geringem Maße auch Personen besoldet worden sind, die nicht zum Hofstaat gehörten. 9

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Nicht zuletzt galten die Auslassungen des Königs über das Hofleben selbst als wichtiger Beleg für die marginale Stellung des preußischen Hofes, für den keine Forschungskapazität verschwendet werden sollte. Das Spektrum reichte dabei von schärfstem Sarkasmus 10 über die Artikulation seiner Vorliebe des "Landlebens" gegenüber dem "Hofleben" 11 bis hin zu einer in späteren Lebensjahren zu Tage tretenden gewissen Resignation: "Wenn ich nach Berlin gehe, so gebe ich Prunkmahle, ich lade sechzig Personen ein, ich rede mit jedem nach seinem Geschmack, und sie gehen zufrieden fort". 12 Jedoch sollte man auch bei der Lektüre solcher Statements des Königs zum Thema Hof genauer hinsehen: So äußerte er nicht über den Hof per se seinen Unmut, sondern seine Kritik entzündete sich – um hier nur eine Passage aus dem "Politischen Testament" von 1752 herauszugreifen – daran, dass in der preußischen Residenz ein "zu zahlreicher und schlecht gewählter Hofstaat" bestanden hätte. 13 Und schwingt nicht andererseits in der gegenüber seinem Vorleser de Catt gemachten Äußerung, "er passe nicht mehr für die große Welt", aber "wenn er sich Mühe gebe, finde er sich mit den Aufgaben des Hofes noch leidlich ab", nicht sowohl Resignation als auch das Sich-Fügen in die Pflichten und Zwänge eines Monarchen mit, denen auch er sich nicht entziehen konnte? 14

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Die jüngere Forschung – vor allem die Arbeiten von Wolfgang Neugebauer wären hier zu nennen – hat nun durchaus an diese Interpretationslinie angeknüpft. Sie versuchte, und zwar durchaus auch im Hinblick auf komparative Aspekte, 15 diese nicht nur für den Staatsbildungsprozess wichtigen Entwicklungen, die zur Trennung von Hof und Verwaltung geführt hatten, mit verfassungstopographischen Methoden zu erhellen und dem preußischen Fall dadurch schärfere Konturen zu verleihen. Demnach lösten sich die Hohenzollern "ungleich radikaler ... von der älteren Praxis der Ratsregierung als andere Monarchen des 18. Jahrhunderts, zogen sich zurück in ihre privaten Wohngemächer – zunehmend in Potsdam – mit wenigen auserlesenen Mitarbeitern ..., entzogen sich direkter ministerieller Beeinflussung". 16 Der Fokus lag damit vor allem auf der besonders während Friedrichs Herrschaftszeit "gesteigerten Zentralitätsfunktion des Kabinetts" und der Praxis der Kabinettsregierung. 17 Und auch aus sozialgeschichtlicher Perspektive schien sich zunehmend eine unüberbrückbare Barriere zwischen der Hofgesellschaft und der höheren Amtsträgerschaft in den Zentralbehörden aufzutun. Während man noch für die Zeit des Großen Kurfürsten und des ersten preußischen Königs von einer, wenn auch nicht mehr völlig deckungsgleichen, Identität dieser beiden sozialen Gruppen ausgehen konnte, 18 trat diese in der friderizianischen Zeit immer mehr zurück. Die früher – und auch jetzt noch bei anderen europäischen Höfen – bestehende Ämterkumulation von Hofchargen und Positionen in der Zentralverwaltung wären demnach kaum noch anzutreffen gewesen. Schon die quantitative Gegenüberstellung von klassischen Hofämtern 19 und jenen Amtsträgern, die in der in Berlin ansässigen und sich in mehrere Behörden ausdifferenzierenden Zentralverwaltung 20 gewirkt haben, offenbarte ein deutliches Übergewicht der zuletzt genannten Gruppe, wenngleich die mitunter in der Literatur genannten Angaben über die Anzahl der Hofämter zu gering ausfallen dürfte. 21

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Zudem schienen auch das neue Amtsverständnis der Staatsdiener, 22 wenn man etwa den bürgerlichen Habitus eines Kabinettssekretärs vom Schlage eines August Friedrich Eichel oder August Friedrich (von) Boden vor Augen hat, und der Lebensstil eines Hofadligen zwei verschiedenen Welten anzugehören. Dabei hatte es auch während der Regierungszeit Friedrichs des Großen durchaus Interferenzen zwischen Hof- und Staatsämtern gegeben. So bekleidete, um nur einige Beispiele aus den führenden Hofämtern der spätfriderizianischen Zeit herauszugreifen, Heinrich IX. Graf Reuß neben seiner Charge als Oberhofmarschall zugleich das Amt eines "dirigierenden Ministers" im Generaldirektorium und das des "General-Postmeisters". Auch der königliche Oberstallmeister Graf von Schaffgotsch amtierte als Minister im Generaldirektorium. 23 Im letzten Regierungsjahr Friedrichs wurden fast alle führenden Hofämter von hohen staatlichen Amtsträgern bekleidet. Sowohl der Oberkammerherr Carl Graf von der Osten, der Oberstallmeister Friedrich Albrecht Graf von Schwerin als auch der Hofmarschall Gebhard Werner Graf von der Schulenburg sowie der Grand Maitre de Garderobe Johann Eustachius Graf von Görtz gehörten als "Wirkliche Geheime Etat-Minister" der höchsten preußischen Zentralbehörde an. 24 Es bedarf wohl bei der Abwägung der Gewichtung der beiden Ämtergruppen nicht allzu viel Phantasie um zu erkennen, dass die genannten Persönlichkeiten vor allem in ihren Aufgabenbereichen im Generaldirektorium gefordert wurden.

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Dabei spielte es nur eine untergeordnete Rolle, dass sich der zunehmend vereinsamende und an gesundheitlichen Problemen leidende König dem zuvor durchaus noch gepflegten höfischen Leben immer mehr entzog. Dennoch hielt man es für erforderlich, die Hofämter immer wieder neu zu vergeben; und dass diese Chargen in hohem Maße von den Angehörigen der höchsten Verwaltungsbehörde bekleidet wurden, spricht nicht unbedingt für ihre Bedeutungslosigkeit. Bekräftigt wird eine solche Annahme auch aus einer anderen Beobachtung heraus. Wahrscheinlich hat man es, um hier keine Prestigeprobleme heraufzubeschwören, mitunter auch in umgekehrter Weise für erforderlich erachtet, einem herausgehobenen Angehörigen des Hofstaates zugleich ein "staatliches" Amt zu übertragen. So wurde Johann Ernst von Voß im Jahre 1783 zum Oberhofmeister der Königin "mit dem Rang eines Staatsministers" ernannt. 25 Es gab augenscheinlich zwingende Gründe, eine solche Praxis zu fördern und offenbar konnte sich auch der preußische Hof nicht jenen "Spielregeln" entziehen, die auch für die anderen Höfe als Norm galten. Die durch Friedrich vorgenommene Besetzung der oberen Hofämter mit den Inhabern der höchsten Verwaltungsämter knüpfte vielmehr an die Praxis seines Großvaters an, vor allem, wenn man den vergleichsweise großen Anteil von Angehörigen des reichischen Hochadels oder auch – nach der 1740 begonnenen Eingliederung Schlesiens – einiger schlesischer Magnatenfamilien im Blick hat. 26

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Es dürfte sich also schon aufgrund der bislang geschilderten Einblicke gezeigt haben, dass uns ein rein institutionengeschichtlicher Zugang bei der Lösung unserer Fragestellung nicht allzu viel weiterhelfen wird. Vor dem Hintergrund heutiger Fortschritte in der Institutionengeschichte und einer um vielfältige Aspekte erweiterten Disziplin der "Verwaltungsgeschichte", die ihren Untersuchungsgegenstand eben nicht mehr nur auf die Erforschung von Organisationsprinzipien beschränkt, 27 gilt es also unseren Problemhorizont zu erweitern. Dies geschieht nun jedoch nicht, um liebgewordene Interpretationen zu revidieren, sondern ergibt sich schlicht und einfach auch aus dem, was uns die Quellen präsentieren.

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So fällt zunächst einmal ein gewisser Widerspruch zwischen der durch die Forschung ja zu Recht hervorgehobenen, betont adelskonservatorischen Politik Friedrichs – man lese nur seine 1777 verfasste Schrift "Regierungsformen und Herrscherpflichten" – und einem "Hofstil" ins Auge, der so gar nicht mit dieser Haltung zu korrespondieren schien. 28 Es muss schließlich nachdenklich stimmen, wenn man einerseits immer wieder auf den unvermindert großen Anteil von Adligen unter der hohen Amtsträgerschaft verweist, der sich bekanntlich unter Friedrich dem Großen im Vergleich zu seinem Vorgänger wieder erhöht hatte, andererseits aber stillschweigend unterstellt, dass die Ritterschaft der brandenburgisch-preußischen Territorien nicht den in der europäischen Adelsgesellschaft allenthalben wirkenden sozialen Verhaltensweisen, für die ja nun einmal der Hof als "gesellschaftliche Bühne" fungierte, entsprochen haben sollte. Dies erscheint schon deshalb wenig schlüssig, weil sich der Adel – im Übrigen auch noch in der Spätphase des Ancien Régime – stets als eine länder- und territorienübergreifende Korporation verstanden hatte, so dass sich ein Monarch, der von diesen "Normen" abzuweichen gedachte, selbst Nachteile bereiten konnte.

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Es scheint bei den bisherigen Versuchen, die auf den ersten Blick betrachtet exzeptionelle Stellung des friderizianischen Hofes zu erklären, zu wenig bedacht worden zu sein, dass man dem Phänomen "Hof" nur mittels eines komplexen Ansatzes nahekommt. Die jüngere Forschung hat hier bekanntlich Analysekategorien geliefert, die bereits an anderen Fallstudien erfolgreich erprobt worden sind. 29 Der Fokus bei der Untersuchung der preußischen Höfe des 18. Jahrhunderts wurde bislang zu stark auf ihre "Funktion hinsichtlich politischer Entscheidungsfindung und monarchischer Repräsentation" 30 gelegt, also auf einen Faktor, der in der Tat während der Regierungszeit Friedrichs kaum mehr eine Rolle gespielt und letztlich seitens der Forschung zu der bekannten Marginalisierung des Hofes innerhalb des politischen Systems im Preußen des 18. Jahrhunderts geführt hat. Doch untersucht man den friderizianischen Hof unter dem Aspekt seiner "kommunikativen Struktur" und seiner gerade für den Adel so existenziell wichtigen Bedeutung als "Ort gesamtgesellschaftlicher Rangmanifestation", wird man seiner tatsächlichen Funktion und seiner zeitgenössischen Wahrnehmung eher gerecht. 31

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Aus diesen Erwägungen heraus soll im Folgenden die Aufmerksamkeit auf die informellen Beziehungen zwischen "Hof" und Zentralbehörden gelenkt werden, denn nur auf diesem Wege dürften wir eine der damaligen Zeit entsprechende Annäherung an unser Thema erreichen. Ist nicht, so vorerst die Vermutung, davon auszugehen, dass auch am preußischen Hof, wenn auch in geringerem Maße als anderswo, Patronage- und Klientelverbindungen etabliert, "Ämter, Privilegien und ökonomische Chancen aller Art verteilt und erworben [und] Geldgeschäfte getätigt" wurden? 32 Mit anderen Worten also: Erfüllte nicht auch der friderizianische Hof die gemeinhin für einen "Hof" gültigen Funktionen trotz seiner "begrenzten Klientelfähigkeit"? 33 Im Folgenden bleibt allerdings aufgrund der Beschränkung des Themas auf das Verhältnis zwischen Hof und Zentralbehörden eine Komponente außerhalb der Betrachtung, die bei einer systematischen Behandlung des Hofes sehr wohl mit berücksichtigt werden müsste: die militärische Elite. Aufgrund der großen Reputation, die das Offizierskorps genoss, wird man zwangsläufig die höheren Offiziere immer mit im Blick behalten müssen, wenn von der an der Residenz angesiedelten Führungsgruppe die Rede ist. Legt man den Begriff einer "erweiterten Hofgesellschaft" zugrunde, wie dies gelegentlich schon die ältere Forschung getan hat, gehörten natürlich die sich in der Residenz aufhaltenden Offiziere neben den Angehörigen der Dynastie, der höheren Amtsträgerschaft und des diplomatischen Korps dazu. 34

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Dass der friderizianische Hof die oben angesprochenen Funktionen offenbar erfüllte, lassen vor allem die überlieferten Selbstzeugnisse des davon betroffenen Personenkreises erkennen. Der Hof war demnach für Teile der brandenburgisch-preußischen Adelsgesellschaft durchaus attraktiv und förderte den Wunsch, ein Hofamt bekleiden zu können. Diese Aussage, die noch für das frühe 18. Jahrhundert kaum Widerspruch erfahren dürfte, behält ihre Gültigkeit aber auch für die Regierungszeit Friedrichs des Großen. Unschwer lässt sich dies an etlichen überlieferten Aussagen von Angehörigen der Hofgesellschaft belegen. Dabei gilt es zu bedenken, dass sich das Tableau an verfügbaren Chargen, gemessen an der Größe der brandenburg-preußischen Adelsgesellschaft, stets in Grenzen hielt und man demzufolge von einem permanenten Wettbewerb um die zu vergebenden Positionen ausgehen kann. Nicht selten wurde deshalb der Wunsch nach Zugehörigkeit zur Berliner Hofgesellschaft in den relevanten Quellen im negativen Sinne als Verlusterfahrung artikuliert. Der Brandenburger Domherr von Kleist und seine Gattin, eine geborene Frau von Schwerin, "langweilten sich fern vom Hofe" in der genannten Havelstadt, nachdem sie zuvor eine längere Zeit in der Residenz gelebt hatten. 35 Die Gräfin Voß klagte über die 1753 erfolgte Versetzung ihres Mannes als Präsident der Magdeburger Regierung, "für die Karriere meines Mannes wäre sein Bleiben in Berlin besser gewesen; dort würde er nicht so bald vergessen worden sein." 36 Eine solche, offensichtlich nicht zum ersten Mal gemachte Erfahrung, übergangen worden zu sein, sprach wiederum aus folgenden Zeilen: "Der junge Knyphausen wird zum Gesandten in Frankreich ernannt. Wieder ein Anlaß, sich gedemütigt zu fühlen und sich trüben Gedanken hinzugeben." 37

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Die zahllosen Tagebucheintragungen der Mitglieder der Hofgesellschaft dokumentieren überdeutlich die nach wie vor bestehende Funktion des Hofes als "Kontaktbörse" für die politische Elite des Landes. Das in markanten Konturen gezeichnete Bild des in nüchternen Amtsstuben, abseits allen höfischen Gepränges arbeitenden Staatsdieners kann nicht den durch die Quellen zutage tretenden Befund verdecken, wonach auch in friderizianischer Zeit die politische Elite den Hof als Referenz- bzw. als Resonanzraum benötigte. Nur wenige "Kostproben" aus den Tagebüchern des sich mehrere Jahrzehnte am preußischen Hof aufhaltenden Grafen Lehndorff sollen diese Aussage konkretisieren: Am 6. Januar 1752 war der Graf beim Staatsminister und Obergewandkämmerer Ernst Wilhelm von Bredow eingeladen, wo er "ein großes Menschengemisch, unter anderen einen Herrn Katt, 38 der für mich nicht gerade die angenehme Gesellschaft bildet", antraf. Am 16. Februar 1753 weilte er zunächst "bei der Königin mit dem Grafen Finck [gemeint ist der Minister Karl Wilhelm – F.G.] und der Gräfin Podewils", um am gleichen Abend einer Einladung zum Souper beim Staatsminister Danckelman zu folgen. "Ich spreche Maupertuis und gehe dann zu Vernezobre." 39

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Auffällig ist bei diesen Eintragungen die fast alltägliche und deshalb selbstverständlich erscheinende Praxis des gesellschaftlichen Verkehrs zwischen diesen beiden Gruppen der politisch-höfischen Führungsschicht. Zu diesen Begegnungen kam es vor allem in den Palais der Prinzen und Prinzessinnen, 40 der Königin-Mutter – entgegen früherer Auffassungen auch im Schloss der Königin 41 – und der Angehörigen der politisch-höfischen Führungsgruppe. Das, was an Soziabilität im Idealfall an einem zentralen Hof etabliert wurde, verlagerte sich auf mehrere Orte. Nun könnte man natürlich die fehlende Präsenz des Herrschers, als vornehmstem Bezugspunkt der Hofgesellschaft, als entscheidendes Argument für die so betonte Andersartigkeit des preußischen Hofes anführen. "Ein Hof ohne Herrschaft ist nicht denkbar", lautet das oft wiederholte Diktum der Forschung, um jedoch sogleich einzuschränkend hinzuzufügen: "ob dieser nun stets physisch anwesend ist oder nicht". 42 Doch setzte diese zeremonielle Zurückhaltung des Monarchen tatsächlich die Mechanismen der höfischen Verhaltensweisen außer Kraft?

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Eine am Rande seiner Tagebucheintragungen geäußerte Bemerkung des französischen Arztes und Lebemanns Dieudonné Thiebault bietet vielleicht einen Ansatz, dieses Problem erneut zu überdenken: Nachdem er seine Leser darüber informiert hatte, dass sich der Preußenkönig in der Berliner Gesellschaft trotz seines etwa sechswöchigen Aufenthaltes während der Karnevalszeit in der Hauptstadt stets sehr rar gemacht hätte und allenfalls bei seinen sonntäglichen Audienzen "eine Viertelstunde blieb", folge daraus, dass in seinen Ausführungen der König [zwar] "weniger persönlich hervortreten wird; [doch] immerhin beziehen sich die Thatsachen im Grunde fast alle doch auf ihne [sic!], wenn auch indirekt". 43 Thiebault schnitt damit einen Punkt an, der in der Tat für das Grundverständnis der Rolle des friderizianischen Hofes wichtig erscheint: Die Mechanismen des Kampfes um Gunst und Gnadenerweise, um Rang und Prestige wirkten auch an den preußischen Höfen trotz der nur sehr sporadischen Präsenz des Monarchen fort. Im Übrigen sind hier durchaus Parallelen zur Staatsverwaltung zu ziehen, denn auch für die Minister des Generaldirektoriums und erst recht für die in der Hierarchie darunter stehenden Berliner Amtsträger blieb der Herrscher zumeist unsichtbar und schien trotzdem "allgegenwärtig" zu sein. 44

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Ungeachtet dieser modifizierten Interpretation der Beziehung Friedrichs zum höfischen Leben hält auch die sich in nicht wenigen Darstellungen findende Vorstellung, wonach der König sich nur während der sechswöchigen Karnevalszeit in Berlin aufgehalten und dort am "Hofleben" teilgenommen hätte, nicht dem Quellenbefund stand. Zwischendurch kam er auch immer wieder in die Hauptstadt; allein im August 1743 weilte er vier Mal in Berlin, wo er dann auch die Königin mehrfach sah. 45 Neben den Besuchen der anderen Angehörigen der Hohenzollerndynastie, die in der Hauptstadt in repräsentativen Palais lebten, waren es vor allem die Gepflogenheiten des diplomatischen Zeremoniells, die den König immer wieder nach Berlin führten. 46 Diese Vorgänge belegen, dass sich der König – wie schon sein "unhöfischer" Vater und Vorgänger 47 – nicht én passant den Normen des diplomatischen und damit eben auch des höfischen Zeremoniells entziehen konnte. Demzufolge wird man die Veränderungen im Vergleich zu den Verhältnissen während der Regierungszeit seines Großvaters, des ersten preußischen Königs, nicht allzu hoch veranschlagen dürfen. Und tatsächlich heben auch die Gesandtenberichte aus Berlin bis zum Ende von Friedrichs Regierung immer wieder sein Rang- und Prestigestreben hervor, seine "amour de la célébrité", wie es der französische Gesandte Graf d ' Esterno noch im Juli 1786 genannt hatte. 48 Erst nach dem Siebenjährigen Krieg wurden auswärtige Gesandte vermehrt auch in Potsdam empfangen. 49 Dazu mag auch die im Alter zunehmend eingeschränktere Mobilität des Königs beigetragen haben, die in späteren Jahren, wie zum Beispiel im Winter 1775/76, dazu führte, dass der sonst übliche Aufenthalt in Berlin während der Karnevalszeit krankheitsbedingt ausfiel. 50 Darauf mochte man es auch zurückführen, dass der König, von seinen sonstigen Gepflogenheiten abweichend, die Minister des Generaldirektoriums zur Konferenz in das Neue Palais eingeladen hatte. 51

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Doch zurück zu den informellen Verbindungen innerhalb der politisch-höfischen Elite. Die in den Selbstzeugnissen aufscheinenden intimen Kenntnisse über Veränderungen im Hofstaat oder innerhalb der hohen Amtsträgerschaft lassen auf einen recht vertraulichen und längerfristigen Umgang zwischen beiden Gruppen schließen. Dabei ging es offenbar nicht nur um jene Themen, die man gemeinhin als "Hofklatsch" abzuqualifizieren geneigt ist, und es erscheint zweifelhaft, ob sich – so Johannes Kunisch – "die Hofgesellschaft von allem fernhielt, was mit Politik und Militär zu tun hatte". 52 Zwar ist es wohl zutreffend, dass sich der Hof wenig informiert über die politisch brisante Situation im Frühsommer 1756 zeigte – für Wolfgang Neugebauer im Übrigen ein Argument für die "gezielte Entpolitisierung" des friderizianischen Hofes – doch zählte die Diplomatie nicht ohnehin zu den "arcana imperii"? 53 Gerade der preußische Hof galt im europäischen Vergleich als ein Exempel, bei dem einerseits die Informationsbeschaffung und andererseits die Geheimhaltung recht effizient ausgeprägt waren. 54

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Doch abseits der innerhalb der Hofgesellschaft mitunter durchaus um Außenpolitik und Kriegführung kreisenden Themen 55 wurden noch andere recht brisante Fragen bei den zahlreichen Empfängen, Soupers und Assemblées debattiert, denen das erlauchte Publikum seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Im März 1769 diskutierte man anlässlich eines Empfanges etwa darüber, dass der Minister Ludwig Philipp von der Hagen "jetzt in größter Gunst" stehe und deshalb von "seinen Kollegen stark beneidet [werde]. Das Publikum glaubt, er werde zum Intendanten der Finanzen ernannt und der Sully unseres Landes werden." 56

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Und auch das wenige Monate später angeschlagene Thema erinnert doch sehr an allzu Bekanntes und könnte als Lehrstück Norbert Elias' "Höfischer Gesellschaft" entnommen worden sein. Der hohe Eigenwert von Gnade und Gunst, die Teilhabe an den zu gewährenden Machtchancen wurden auch am friderizianischen Hof stets heiß diskutiert. "Der Herr Staatsminister [Joachim Christian] Blumenthal scheint sich", so berichtet Graf Lehndorff nach einem abendlichen Empfang im Juli 1769, "etwas unbehaglich zu fühlen. Zwei Finanzräte, die seine Kreaturen waren, sind entlassen worden, und Herr von Hagen, der dem Alter nach hinter allen anderen Ministern rangiert, hat den Schwarzen Adlerorden bekommen, wodurch die älteren sich sehr zurückgesetzt fühlen, zumal Herr von Hagen und Herr von Derschau allein das Vertrauen des Königs besitzen." 57 Themen also, die eigentlich – folgt man der traditionellen Verwaltungsgeschichtsschreibung – in Preußen aus streng rationalen Erwägungen im Kabinett des Königs diskutiert und entschieden worden wären, bildeten einen beliebten Gegenstand der Hofgespräche. Und es blieb offenbar nicht nur bei diesen Reflexionen. Man nutzte natürlich die vor allem auf den abendlichen Empfängen der Hofgesellschaft geknüpften und gepflegten Netzwerke für das eigene Fortkommen. Protegierungen waren auch in der preußischen Residenz üblich, wenn auch vielleicht in dezenteren Formen. Aber deshalb mussten sie nicht unbedingt wirkungslos sein. Im Herbst 1766 versuchte zum Beispiel der Graf von Schlieben für seinen Sohn, "der auf gesellschaftlichem Gebiet noch ein arger Neuling ist und für den es gut wäre, wenn er etwas in die große Gesellschaft käme", das Entree in die Berliner Hofkreise zu ermöglichen. Aus Angst, dieser (einzige) Sohn könnte zum Militär einberufen werden, suchte er in Begleitung des Grafen Lehndorff den "Herrn von Dorville und den Großkanzler Jariges auf, um sie zu bitten, den jungen Mann als Referendar in Preußen unterzubringen." 58

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In Anbetracht solcher Vorgänge, die natürlich nicht singulär dastehen, eröffnet sich eine weitere Perspektive auf unser Thema. Dahinter verbirgt sich die Frage, wie Angehörige der brandenburgischen Adelsgesellschaft unter den im Verlauf des 18. Jahrhunderts ungünstiger gewordenen Rahmenbedingungen überhaupt Zugang zum Hof erhielten. Dass eine höfische Karriere nach wie vor als attraktiv angesehen wurde, darf angesichts der anhand der Quellen zu belegenden Fälle durchaus unterstellt werden. Dennoch sind die Mittel, derer sich solch ambitionierte Adlige bedienten, nicht immer einfach in Erfahrung zu bringen. Protegierungen durch bereits bei Hofe über Einfluss verfügende Amtsträger und Offiziere sowie eine wohlkalkulierte Heiratspolitik dürften die erfolgversprechendsten Optionen gewesen sein. In diesen Kontext wird man auch das bis zum Ende des altpreußischen Staates nachweisbare Bemühen einiger Adelsfamilien einordnen müssen, über den Erwerb von Standeserhöhungen, die Übertragung von Amtshauptmannschaften oder die Bekleidung von "Erbämtern" aus der Masse des Landadels herausgehoben zu werden. 59 Die innerhalb der Hofgesellschaft bzw. der Amtsträgerschaft der Zentralbehörden zu beobachtenden Rang- und Prestigekonflikte strahlten so auf die kleinräumlichen Adelsgesellschaften aus und wirkten als Vorbilder.

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Die sich auf dem Weg "nach oben" wähnenden Adligen konnten hier an die geläufige Praxis der bereits über eine stabile Stellung verfügenden Mitglieder der Führungsgruppe anknüpfen. Sichtlich pikiert beschrieb der Graf von Lehndorff in seinem Tagebuch zum Beispiel, mit welcher Vehemenz die Bredows 60 und Rederns in den 1750er Jahren versucht hatten, am Hof einflussreiche Stellungen zu erlangen. Gegenüber einem Fräulein von Redern ließ sich der Graf im Frühjahr 1756 zu der galligen Bemerkung herab, jene sei "nicht minder boshaft als die Bredows und außerdem bestrebt, den ganzen Hof mit ihren Verwandten zu besetzen". 61 Dies war kein lediglich subjektiver Eindruck, denn auch aus anderer Quelle verlautet, dass Erasmus von Redern seinen Sohn und mehrere Nichten am Hof unterbringen konnte, was erkennen lässt, "daß er sonst unbekannte Beziehungen zum königlichen Hause gehabt haben muß". 62

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Der zuletzt geschilderte Fall deutet zugleich noch eine weitere Facette an, die bei unserer Thematik im Auge behalten werden sollte: Für die Angehörigen der Hofgesellschaft und der Zentralverwaltung konnte sich zuweilen die Ausweitung der informellen Kontakte in das Umland als vorteilhaft für ihr Fortkommen erweisen. In der vergleichsweise gut überlieferten Korrespondenz des bis 1763 als Justizminister amtierenden Levin Friedrich II. von Bismarck offenbart sich ein ganzes Netzwerk, das den aus der Altmark stammenden Amtsträger sowohl mit Mitgliedern der Berliner Hofgesellschaft (Prinz Ferdinand, Graf von Wartensleben, Etat-Minister von Katte) als auch mit der altmärkischen Adelsgesellschaft verbunden hatte. 63 Und werfen wir einen Blick in die entgegengesetzte geographische Richtung, so finden wir gerade in den östlich an die Residenz angrenzenden Adelslandschaften (Barnim, Lebus) eine vergleichsweise große Zahl von Rittergutsbesitzern, die hohe höfische bzw. staatliche Ämter bekleideten. In den Schlössern und Herrenhäusern dieser Amtsträger scheint ein recht intensives gesellschaftliches Leben pulsiert zu haben, das jene Inhaber höfischer Chargen und hoher Verwaltungsämter dort immer wieder zusammenführte. "Nach Tisch mache ich mit Gronsfeld und der Gräfin Wartensleben einen Spaziergang nach Weißensee, einen sehr hübschen Landsitz, der Herrn von Nüßler gehört", beschreibt Graf Lehndorff am 27. August 1753 einen Ausflug in diese residenznahe Landschaft. 64 Im Juni 1754 hielt er sich gemeinsam mit dem Grafen von Podewils und den Herren von der Schulenburg auf Gusow auf, von dort aus ging es auf das den von Kameke gehörende Gut Prötzel. 65 Im April 1764 berichtet Graf Lehndorff über eine Reise zu dem in der residenzfernen Uckermark gelegenen Landsitz seines Schwagers, Graf Karl Ernst von Schlippenbach, der zu dieser Zeit das Amt des Hofmarschalls beim Prinzen Heinrich wahrnahm. 66
Diese knappe Notiz deutet zumindest an, dass selbst bis in die peripher gelegenen Landschaften der Kurmark etwas von dem höfischen Flair drang. So soll sich das uckermärkische Boitzenburg im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts eines Rufes als Mittelpunkt vornehmer und fröhlicher Geselligkeit in ländlicher Art erfreut haben. Die überlieferten Besucherlisten für die zahlreichen Empfänge und Soupers des auf Schloss Boitzenburg lebenden Ministers Friedrich Wilhelm von Arnim (1767-1812) lesen sich wie das "who is who" der gehobenen Berliner Gesellschaft jener Jahre. 67

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Ist es also angesichts dieser Befunde und trotz eines unbestreitbar selteneren Zusammenfallens von Hofämtern mit Chargen in der Zentralverwaltung wirklich noch angebracht, die Trennung zwischen Hof- und Landesverwaltung so stark wie bislang zu betonen? Mitunter führt uns auch ein Blick auf die Karrierewege der "Höflinge" weiter, obwohl solche stets aufwendigen prosopographischen Recherchen nach wie vor zu den Desiderata der Forschung gehören. 68
Ein Wechsel von der einen zur anderen Gruppe war durchaus nicht selten. Zudem bestanden Möglichkeiten, über solche eher im höfischen Bereich angesiedelte Chargen auch eine Karriere in der Landesverwaltung zu forcieren: Christian David von Sydow vermochte es zum Beispiel über den Weg einer Pagenstelle für längere Zeit am Hof des jungen Friedrich eine Vertrauensposition zu erlangen, die ihm nicht nur Gunsterweise und Geschenke bescherte, sondern auch eine Karriere als Amtsträger ermöglichte. 69 Auch eher zufällige Begegnungen mit Mitgliedern der Königsfamilie konnten der Karriere förderlich sein, so wie im Falle des neumärkischen Kriegs- und Domänenrates Wilhelm von Rohwedel. Dieser neumärkische Adlige war während des Aufenthaltes des Kronprinzen in Küstrin mit diesem in Kontakt getreten und wurde nach der Thronbesteigung Friedrichs II. Geheimer Finanzrat im Generaldirektorium. 70

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Zahlreicher waren indes die umgekehrten Fälle, in denen ehemalige Amtsträger und Militärs eine Hofcharge erhielten. Dass sie beim Antritt ihres Dienstes bei Hofe ihre bisherige, in der Verwaltung gewonnene Prägung und Sozialisation nicht einfach abstreiften, dürfte kaum verwundern. So ist wohl nicht anzunehmen, dass ein Mann wie der ehemalige kursächsische Kabinettsminister der auswärtigen Angelegenheiten, Graf Karl von Osten-Sacken, nachdem er 1777 zum Oberkammerherrn am Berliner Hof berufen worden war, sich in seinem neuen Wirkungsfeld darauf beschränkt hätte, nur über die neueste Hofmode zu debattieren oder sich über die sehr überschaubare Speisenfolge auf den Empfängen der Königin im Schloss Schönhausen zu mokieren. 71

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Und weitet man die prosopographische Analyse noch auf die verwandtschaftlichen Querverbindungen zwischen Hof und Zentralverwaltung aus, verdichten sich die auf ein eng geknüpftes Netzwerk zwischen Angehörigen des Hofstaates und der Zentralbehörden hindeutenden Belege: Vor allem im Hofstaat der Königin Elisabeth Christine befanden sich mehrere Gemahlinnen höherer preußischer Amtsträger. So amtierte die Gattin des Etatministers von Katsch dort als Oberhofmeisterin. 72 Im Jahre 1741 wurde Graf Albrecht Christoph von Dohna-Schlobitten, der Sohn des früheren Ministers (Alexander) zum Oberhofmeister der Königin ernannt. In späteren Jahren übernahm Ernst Johann von Voß diese Charge; sein Neffe Otto Karl Friedrich amtierte als Minister. Und ein Sohn des alten Feldmarschalls und Kabinettsministers von Borck, Graf Heinrich Adrian von Borck, fungierte bis 1764 als Oberhofmeister des Prinzen von Preußen. 73

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Aber auch Töchter von hohen Amtsträgern und Offizieren wurden für den Hofstaat der Prinzen und Prinzessinnen ausgewählt. Der Vorzug wurde dabei durchaus den in Preußen geborenen Damen gegeben, wie der Fall der Hofdame der Kronprinzessin Elisabeth Christine, Anna Elisabeth Auguste von Schock, belegt. Sie verließ Preußen nach dem Thronwechsel von 1740, weil sie sich angesichts der vom jungen König vorgenommenen Neuorganisation des Hofes ungerecht behandelt fühlte. "Als die an Dienstjahren älteste Hofdame beanspruchte sie nämlich damals den Vortritt bei Hofe vor allen ihren Mitschwestern, was sich indessen, gemäß dem an allen europäischen Fürstenhöfen damals herrschenden Brauche, nicht ermöglichen ließ, da sie keine preußische Untertanin geworden, sondern ein braunschweigisches Landeskind geblieben war". 74

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Recht beliebt war die Übernahme von Taufpatenschaften durch Angehörige der Hofgesellschaft. So berichtete die Gräfin Sophie von Voß anlässlich der 1752 erfolgten Geburt ihres Sohnes fast belustigt: "Der ganze Hof wollte in corpore bei meinem Kinde Paten stehen". 75 Doch auch über diesen erlauchten Kreis hinaus war die Gewinnung eines Taufpaten aus Hofkreisen offenbar gern gesehen. Der junge König Friedrich II. erwähnte zum Beispiel in seinem Tagebuch unter dem 16. Juni 1740, dass er in Berlin der Taufe des Sohnes des Rittergutsbesitzers von Hake, Sprössling einer havelländischen Landadelsfamilie, beigewohnt hatte. 76 Selbst die in Berlin arbeitenden bürgerlichen Beamten blieben nicht ausgenommen. Nach den Erhebungen von Rolf Straubel gehörten 24% der Taufpaten von Kindern dieser sozialen Gruppe dem Adel an, 4% direkt dem Hofstaat. 77 An der Taufe der Tochter Graf Lehndorffs am 17. Oktober 1763 nahmen neben einigen Angehörigen des Herrscherhauses und zahlreichen Mitgliedern der "Hofgesellschaft im engeren Sinne" auch hohe Amtsträger, wie die Minister Finck von Finckenstein und von Massow, sowie der Gouverneur Hülsen teil. 78
Fast banal dürfte der Hinweis erscheinen, dass ein "Hofamt" auch in materieller Hinsicht zahlreiche Vorteile bot: Der nicht unvermögende Siegmund Ehrentreich von Redern war als Hofmarschall der Königinmutter tätig. Ihm wurde 1757 die Grafenwürde verliehen. Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges begann er Güter in großem Stil aufzukaufen, so zum Beispiel nach 1769 in Pommern. Kurz darauf erwarb er das alte Gut Golßen mit weiteren Lehnstücken in der Niederlausitz sowie die Herrschaft Königsbrück in der Oberlausitz. 79

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Betrachtet man – um ein knappes Fazit zu ziehen – das Thema aus rein institutionellem Blickwinkel, war gewiss der Prozess des Auseinandertretens von Hof und Landesverwaltung während Friedrichs Regierungszeit beträchtlich vorangeschritten, dennoch belegen mehrere Beobachtungen die nach wie vor bestehenden personellen Verflechtungen zwischen beiden gesellschaftlichen Bereichen. Erst recht dürfte die Berücksichtigung der informellen und weit ins Land reichenden Bindungen zwischen Hof und hoher Amtsträgerschaft unser Bild korrigieren. Damit zeigt sich, dass sich auch der preußische Hof, verstanden als ein hochkomplexes kommunikatives System, nicht jenen Mentalitäten und überindividuellen Zwängen entziehen konnte, die die jüngere Forschung als allgemeine Strukturmerkmale der europäischen Höfe des Ancien Régime qualifiziert hat. Er diente nicht – oder zumindest nicht nur –, um das pointierte Urteil Theodor Schieders zu zitieren, als "Attrappe für die preußische Macht". 80 Gewiss erscheint es unter chronologischem Aspekt richtig, dass sich der preußische Hof nach dem Herrscherwechsel von 1713 nach und nach "entpolitisierte". 81 Es handelte sich dabei aber allenfalls um Einflussmöglichkeiten bei der unmittelbaren Entscheidungsfindung, die sich von jenen der Höfe seiner Vorgänger graduell unterschieden. "Unpolitisch" war der friderizianische Hof jedenfalls nie.

Autor:

Apl. Prof. Dr. Frank Göse
Historisches Institut
Universität Potsdam
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
fgoese@uni-potsdam.de

1 Zitiert nach: Alois Winterling: "Hof". Versuch einer idealtypischen Bestimmung anhand der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte, in: Reinhardt Butz / Jan Hirschbiegel / Dietmar Willoweit (Hg.): Hof und Theorie. Annäherungen an ein historisches Phänomen (= Norm und Struktur. Studien zum sozialen Wandel in Mittelalter und Früher Neuzeit, Bd. 22), Köln / Weimar / Wien 2004, 77-90, hier: 87f.

2 "Er hat einen Kanzler, der niemals spricht, einen Oberjägermeister, der nicht wagen würde, eine Wachtel zu schießen, einen Oberhofmeister, der nichts anordnet, einen Schenk, der nicht weiß, ob Wein im Keller liegt, einen Oberstallmeister, der nicht die Befugnis hat, ein Pferd satteln zu lassen, einen Kammerherrn, der ihm niemals das Hemd gereicht hat, einen Grand-Maître de la garderobe, der seinen Schreiber nicht kennt." Zitiert nach: Reinhold Koser: Vom Berliner Hofe um 1750, in: Hohenzollern-Jahrbuch 7 (1903), 1-37, hier: 3.

3 Vgl.: Acta Borussica. Denkmäler der Preußischen Staatsverwaltung im 18. Jahrhundert. Behördenorganisation und allgemeine Staatsverwaltung im 18. Jahrhundert, 16 Bde., Berlin / Hamburg 1894-1982.

4 Vgl. hier nur die materialreiche, zwar oft als ungenügende Kompilation kritisierte, aber dennoch immer wieder gern als "Steinbruch" genutzte Darstellung von Eduard Vehse: Der Hof Friedrichs des Großen, München o. J. [Neudruck des Bandes: Geschichte des preußischen Hofs und Adels und der preußischen Diplomatie, Hamburg 1851]. Die an Elias angelehnte Interpretation begegnet in der unter dem Stichwort "Hof" verfassten knappen Skizze in: Jürgen Ziechmann (Hg.): Panorama der fridericianischen Zeit. Friedrich der Große und seine Epoche – ein Handbuch, Bremen 1985, 503-507.

5 Wolfgang Neugebauer: Die Hohenzollern, Bd. 1: Anfänge, Landesstaat und monarchische Autokratie bis 1740, Stuttgart 1996, 197.

6 Volker Bauer: Die höfische Gesellschaft in Deutschland von der Mitte des 17. bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, Tübingen 1993, 101. Einige Seiten weiter (106) betont Bauer nochmals den "unhöfischen Charakter".

7 Vgl. hierzu schon das resignative Urteil Adolph Friedrich Riedels in: Der brandenburgisch-preußische Staatshaushalt in den letzten beiden Jahrhunderten, Berlin 1866.

8 Interessant erscheint dabei die auf eine enge Verbindung zwischen "Hof" und Zentralbehörden hindeutende Finanzierungspraxis: Nach dem Hofstaats-Etat von 1741/42 waren zunächst 219.000 Reichstaler aus dem General-Domänen-Etat eingezahlt worden. Diese Gelder wurden demnach sowohl für die Besoldung der Hofchargen als auch zur Bezahlung einzelner Amtsträger der höheren Verwaltung (darunter der Minister und Großkanzler von Cocceji und die drei Kabinettssekretäre Schumacher, Eichel und Lautensack) verwandt. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin-Dahlem [im Folgenden GStAPK] I. HA Rep. 36 Hofverwaltung, Nr. 104, unpaginiert. Eine Schlüsselstellung innerhalb der Hoffinanzierung hatte in den ersten 18 Regierungsjahren Friedrichs sein "grand factotum" Michael Gabriel Fredersdorff eingenommen. Vgl.: Friedrich Backschat: Die Ökonomie am Hofe Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Potsdams, Neue Folge, Bd. 6 (1932), 265-302, hier: 285.

9 Vgl. hier nur die Akte: GStAPK I. HA Rep. 36 Hofverwaltung, Nr. 495 (für 1760/61): 23 Generäle und Offiziere wurden mit Pensionen in Höhe von 10.640 Reichstalern bedacht; vgl. dazu auch die Beobachtungen bei Wolfgang Neugebauer: Hof und politisches System in Brandenburg-Preußen: Das 18. Jahrhundert, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands. Zeitschrift für vergleichende und preußische Landesgeschichte 46 (2000), 139-169, hier: 164, Anm. 96.

10 Für das Jahr 1751 führt Koser jene Begebenheit an, bei der Friedrich während einer Rangstreitigkeit unter einigen Hofdamen geäußert haben soll: "Die Dümmste soll vorangehen." Koser: Vom Berliner Hofe (wie Anm. 2), 4.

11 So schrieb er am 10. August 1737 aus Rheinsberg an seine Schwester Wilhelmine: "Das Landleben sagt mir tausendmal mehr zu als das Stadt- und Hofleben." Briefwechsel mit Wilhelmine, 2003, 143.

12 Zitiert nach Koser: Vom Berliner Hofe (wie Anm. 2), 18.

13 Hier zitiert nach Otto Bardong (Hg.): Friedrich der Große (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte der Neuzeit, Bd. XXII), Darmstadt 1982, 204 .

14 Unterhaltungen mit Friedrich dem Großen. Memoiren und Tagebücher von Heinrich de Catt, hg. von R. Koser (= Publikationen aus den Staatsarchiven XXII), Leipzig 1884, 50 u. 362.

15 Wolfgang Neugebauer: Hof (wie Anm. 9); ders.: Das Preußische Kabinett in Potsdam. Eine verfassungsgeschichtliche Studie zur fürstlichen Zentralsphäre in der Zeit des Absolutismus, in: Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte 44 (1993), 69-115, hier: 75 (Rückzug der Monarchen aus ihren Hauptstädten in Versailles, Schönbrunn, Ludwigsburg und Mannheim).

16 Neugebauer: Kabinett (wie Anm. 15), 75.

17 Ebd., 86.

18 Vgl. hierzu vor allem Peter Bahl: Der Hof des Großen Kurfürsten. Studien zur höheren Amtsträgerschaft Brandenburg-Preußens (= Veröffentlichungen aus den Archiven Preussischer Kulturbesitz, Beiheft 8), Köln / Weimar / Wien 2001.

19 Vgl. dazu die Passagen bei Vehse: Hof (wie Anm. 4), 259ff.

20 Genannt seien an der Spitze das sich bis zum Ende von Friedrichs Regierungszeit auf acht Departements ausweitende Generaldirektorium, das für auswärtige Angelegenheiten zuständige Kabinettsministerium, das Kammergericht, die militärischen Verwaltungsbehörden. Vgl. dazu die Aufstellungen in den Adress-Kalendern.

21 So etwa die Angaben bei Walther Hubatsch: Friedrich der Große und die preußische Verwaltung, Köln / Berlin 1982, 36.

22 Vgl. zu dieser Thematik jüngst Hans-Martin Sieg: Staatsdienst, Staatsdenken und Dienstgesinnung in Brandenburg-Preußen im 18. Jahrhundert (1713-1806). Studien zum Verständnis des Absolutismus (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 103), Berlin / New York 2003, vor allem 75-82.

23 Adres-Calender der Königlich-Preussischen Haupt- und Residentz-Städte Berlin ... auf das Jahr 1772, 3f.; vgl. auch die Angaben bei Vehse: Hof (wie Anm. 4), 261f.

24 Adres-Calender der Königlich-Preussischen Haupt- und Residentz-Städte Berlin ... auf das Jahr 1785, 3. In diese Reihe gehört auch die schillernde Persönlichkeit des königlichen Oberhofmarschalls Graf Gustav Adolf von Gotter, der zugleich auch für diplomatische Missionen verwandt wurde und als Generalpostmeister und Kurator der Akademie der Wissenschaften amtierte. Vgl.: Kurt Krüger: Gustav Adolph Graf von Gotter. Leben in galanter Zeit, Erfurt 1993.

25 Neunundsechzig Jahre am Preußischen Hofe. Aus den Tagebüchern und Aufzeichnungen der Oberhofmeisterin Sophie Wilhelmine von Voß, Berlin 1932, 17.

26 Vgl. Vehse: Hof (wie Anm. 4), 259ff.

27 Vgl. hier zum Beispiel: Joachim Eibach: Verfassungsgeschichte als Verwaltungsgeschichte, in: ders. / Günther Lottes (Hg.): Kompass Geschichtswissenschaft. Ein Handbuch, 2. Aufl., Göttingen 2006, 142-151 u. 174-176.

28 Vgl. dazu schon die Studie der Hintze-Schülerin Elsbeth Schwenke: Friedrich der Große und der Adel, Phil. Diss. Berlin 1911; Gerd Heinrich: Der Adel in Brandenburg-Preußen, in: Hellmuth Rössler (Hg.): Deutscher Adel 1555-1740, Darmstadt 1965, 259-314, hier: 309-311; aus der jüngeren Forschung: Wolfgang Neugebauer: Der Adel in Preußen im 18. Jahrhundert, in: Ronald G. Asch (Hg.): Der europäische Adel im Ancien Régime. Von der Krise der ständischen Monarchie bis zur Revolution (1600-1789), Köln 2001, 49-76.

29 Jüngst etwa zur Mehrdimensionalität des Hof-Begriffs: Derek Beales: Clergy at the Austrian Court in the Eighteenth Century, in: Michael Schaich (Hg.): Monarchy and Religion. The Transformation of Royal Culture in Eighteenth-Century Europe (= Studies of the German Historical Institute London), Oxford 2006, 79-104, hier: 80f.

30 Winterling: "Hof" (wie Anm. 1), 21.

31 Ebd.

32 Peter-Michael Hahn: Neuzeitliche Adelskultur in der Provinz Brandenburg, in: ders. / Hellmut Lorenz (Hg.): Kommentierte Ausgabe der Edition von Alexander Duncker, Berlin 2000, 19-57, hier: 44.

33 Wolfgang Neugebauer: Vom höfischen Absolutismus zum fallweisen Prunk. Kontinuitäten und Quantitäten in der Geschichte des preußischen Hofes im 18. Jahrhundert, in: Klaus Malettke / Chantal Grell (Hg.): Hofgesellschaft und Höflinge an europäischen Fürstenhöfen in der Frühen Neuzeit (15. - 18. Jh.), Münster / Hamburg / London 2002, 113-124, hier: 118.

34 In diesem Sinne schon Koser: Vom Berliner Hofe (wie Anm. 2), 11f. Diese Thematik greift auch ein Dissertationsprojekt von Carmen Winkel auf. Von ihr dazu demnächst ihre Studie: "Getreu wie goldt oder malicieus wie Deuffel?" Der brandenburg-preußische Adel und der Dienst als Offizier, in: Lorenz Beck / Frank Göse (Hg.): Brandenburg und seine Landschaften. Zentrum und Region vom Spätmittelalter bis 1800 [erscheint im Frühsommer 2009].

35 Friedrich der Große und sein Hof. Persönliche Erinnerungen an einen 20jährigen Aufenthalt in Berlin von Dieudonné Thiébault, Stuttgart 1912, Bd. 1, 318. Später ehelichte diese Dame einen Herrn du Troussel.

36 Neunundsechzig Jahre (wie Anm. 25), 19.

37 Karl Eduard Schmidt-Lötzen: Dreißig Jahre am Hofe Friedrichs des Großen, Gotha 1907, 156 (Eintrag vom 30. Mai 1754).

38 Gemeint ist wohl der Staatsminister Heinrich Christoph von Katt (+1760)

39 Schmidt-Lötzen: Dreißig Jahre (wie Anm. 36), Nachträge, I, 6 u. 12. Am 16. März dinierte er "beim Grafen Gotter mit einem französischen Arzt namens Gautier ..., mit einem Mecklenburger Oberst, mit dem affektierten Holtzendorf [Hofkavalier bei Prinzessin Amalie - F.G.] und dem Hahnrei Hagen [gemeint ist der spätere Etat-Minister Ludwig Philipp - F.G.]". Ebd., 90.

40 Vgl. Friedrich Nicolai: Vom königlichen Hofe und den verschiedenen prinzlichen Höfen, in: ders.: Beschreibung der königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, Bd. 1, Berlin 1786, 261-276.

41 Vgl. hierzu Thomas Biskup, der die Bedeutung Elisabeth Christines neu betont: The Hidden Queen. Elisabeth Christine of Prussia and Hohenzollern Queenship in the Eighteenth Century, in: Clarissa Campbell-Orr: Queenship in Europe, 1660-1800, Cambridge 2004, 300-321.

42 Jan Hirschbiegel: Hof als soziales System. Der Beitrag der Systemtheorie nach Niklas Luhmann für eine Theorie des Hofes, in: Hof und Theorie (wie Anm. 1), 43-54, hier: 49.

43 Thiebault (wie Anm. 34), II, 43.

44 Dies natürlich nicht im überzeichneten Sinne der älteren Forschung. Vgl. Frank Göse: Der König und das Land, in: Friedrich300 – Colloquien, Friedrich der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme. URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-bestandsaufnahme/goese_land <18.05. 2009>

45 Karl Heinrich Siegfried Rödenbeck: Tagebuch oder Geschichtskalender aus Friedrichs des Großen Regentenleben (1740-1786), 1. Band (1740-1759), (1840) Neudruck Bad Honnef 1982, 90-92; Familientreffen (mit Bayreuther und hessen-darmstädtischen Verwandten) vom 14. bis 20. August in Charlottenburg (205); besucht mehrmals im Monat seine Mutter in Monbijou; im März/April 1751 mehrmalige Krankenbesuche in Berlin beim General von Rothenburg (214f.); 31. März 1751 Audienz des kaiserlichen Generalwachtmeisters Graf Puebla (214).

46 Auch hierzu Belege in Rödenbeck, I: Im März 1750 kam er zu drei Kurzbesuchen nach Berlin, wo er am 24. März dem neuen französischen Gesandten Marquis de Tyrconel eine erste "Privat-Audienz" gab (201). Am 22. April gab er dem scheidenden französischen Gesandten de Valori die Abschiedsaudienz (202); am 27. Juli 1750 empfing er den Gesandten des Chans der Krimtataren in Berlin (204), am 8. Oktober 1751 erteilt er dem französischen Minister von Guimont (221) und am 4. November 1751 mehreren "fremden Gesandten Audienz" (222).

47 Vgl. die dem ansonsten in der Literatur verbreiteten Bild vom spartanischen Hofleben unter Friedrich Wilhelm I. widersprechenden Belege bei Backschat: Ökonomie (wie Anm. 8), 274f.

48 Thomas Biskup: Höfisches Retablissement. Der Hof Friedrichs des Großen nach dem Siebenjährigen Krieg, in: Friedrich300 – Colloquien, Friedrich der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme. URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-bestandsaufnahme/biskup_retablissement <18.05. 2009> Biskup bringt in diesem Aufsatz mehrere Belege für die penible Beachtung des Zeremoniells am preußischen Hof anlässlich des Besuches britischer Diplomaten und der osmanischen Gesandtschaft. Vgl. zu diesen gleichsam strukturellen Zwängen der Monarchien im Ancien Régime auch Barbara Stollberg-Rilinger: Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Begriffe - Forschungsperspektiven - Thesen, in: ZHF 31 (2004), 489-527; und zum preußischen Fall (hier allerdings für Friedrich I.) dies.: Höfische Öffentlichkeit: Zur zeremoniellen Selbstdarstellung des brandenburgischen Hofes vor dem europäischen Publikum, in: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte 7 (1997), 145-176.

49 So zum Beispiel belegt für den Februar 1771, als er den kaiserlichen Gesandten von Swieten, den polnischen Gesandten, Graf Kmieleky und den englischen Gesandten Harris in Potsdam empfing oder für Ende Mai 1776, als neben einigen auswärtigen Militärs auch der spanische Gesandte von Lascy und der dänische Gesandte von Larrey in

Potsdam zur Audienz weilten. Vgl. Rödenbeck (wie Anm. 45) , III, 57 u. 141.

50 Karl Heinrich Siegfried Rödenbeck: Tagebuch oder Geschichtskalender aus Friedrichs des Großen Regentenleben (1740-1786), 3. Band (1770-1786), (1840) Neudruck Bad Honnef 1982, 132. Auch in späteren Lebensjahren weilte Friedrich außerhalb der Karnevalssaison in Berlin, nicht nur zur Abnahme von Übungen der Berliner Garnison, so zum Beispiel am 19. Oktober 1770: Besuch der Königin, der Prinzen und Betrachtung von Sehenswürdigkeiten in Berlin; 26. April 1771: "Der König aus Potsdam nach Berlin, wo bei ihm große Tafel und Cour ist, welcher der König von Schweden, dessen Bruder und die Prinzen des Königl. Hauses beiwohnen." Ebd., 26 u. 44.

Überhaupt machten etliche Gesandte und hochgestellte Persönlichkeiten in Berlin Station, um anschließend nach Potsdam zum König eingeladen zu werden. Ansonsten kam der König in den letzten beiden Regierungsjahrzehnten vor allem zu den Militärrevuen oder aus familiären Anlässen nach Berlin. Unter dem 21. Mai 1775 vermerkt die Chronik: "Beim Könige Mittags große Cour, wo ihm unter anderem der Herzog Hamilton, der Lord Forbesque und der Dr. Moore ... vorgestellt werden". Ebd., 116.

51 So belegt etwa für den 1. Juni 1770. Rödenbeck: Tagebuch (wie Anm. 50), III, 14.

52 Johannes Kunisch: Friedrich der Große. Der König und seine Zeit, München 2004, 316.

53 Neugebauer: Hof (wie Anm. 9), 159.

54 Der kursächsische Minister von Flemming äußerte einmal: "Der Berliner Hoff erfähret alles, was in einigen Cabinetten passiret, daher Er leicht seiner mesures mit seinen Allierten darnach nehmen kann". Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, Geheimes Kabinett Loc. 3303/2: "Den brandenburg. und preuß. Staat betreffend; aus den Papieren des Grafen von Flemming", unpaginiert.

Vgl. auch die durch Thiebault mitgeteilte, die Praxis des Briefe-Öffnens mit satirischem Unterton kommentierende Anekdote des französischen Gesandten de Guiness. Thiebault (wie Anm. 35), II, 51.

55 So war man durchaus in der Lage seine Schlüsse aus bestimmten Vorgängen für die außenpolitische Situation zu ziehen: Im Dezember 1762 wurde man zum Beispiel gewahr, dass sich die Minister Finck und Hertzberg nach Leipzig begaben, "woraus man schließen kann, daß am Frieden gearbeitet wurde". Schmidt-Lötzen: Dreißig Jahre (wie Anm. 36), Nachträge, I, 365.

Im November 1770 bildete "die Reise des Prinzen Heinrich nach Rußland" ein ständiges Gesprächsthema. "Als er hier abreiste, beabsichtigte er bloß eine Reise nach Schweden. Als er sich aber am dortigen Hof befand, drückte die Kaiserin dem König den Wunsch aus, diesen Prinzen in Petersburg zu sehen". Schmidt-Lötzen: Dreißig Jahre (wie Anm. 36), Nachträge, II, 188.

56 Ebd., 144.

57 Ebd., 156.

58 Ebd., 33.

59 Vgl. dazu mit Einzelbelegen Frank Göse: Rittergut – Garnison – Residenz. Studien zur Sozialstruktur und politischen Wirksamkeit des brandenburgischen Adels 1648-1763, Berlin 2005 (= Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchives, Bd. 51), 355-359.

60 Anlässlich der Hochzeit einer Hofdame von Bredow mit einem von Bonin [Adjutant bei Prinz Heinrich – F.G.] im August 1753 klagte er, dass diese "ganze Familie dazu bestimmt [sei], uns an unserem Hof zu verderben". Schmidt-Lötzen: Dreißig Jahre (wie Anm. 37), 101f.

61 Ebd., Nachträge, II, 267.

62 Hermann von Redern-Wansdorf: Geschichte des Geschlechts von Redern, Bd. 2, Görlitz 1936, 98.

63 Frank Göse: Ein altmärkischer Amtsträger zwischen Staatsdienst und Ständetum. Levin Friedrich von Bismarck auf Briest (1703-1774), in: Jahrbuch für brandenburgische Landesge­schichte 45 (1994), 97-117.

64 Schmidt-Lötzen: Dreißig Jahre (wie Anm. 37), Nachträge I, 34.

65 Schmidt-Lötzen: Dreißig Jahre (wie Anm. 37), 160.

66 Ebd., Nachträge I, 395.

67 Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam Rep. 37 Boitzenburg Nr. 3735. Ähnliche Belege lassen sich auch für andere Schlösser und Herrenhäuser finden, deren Besitzer höhere Ämter am Hof oder in der Verwaltung bekleidet haben.

68 Für die Zeit des Großen Kurfürsten vgl. die Studie von Peter Bahl: Der Hof des Großen Kurfürsten. Studien zur höheren Amtsträgerschaft Brandenburg-Preußens, Berlin 2000. Rolf Straubel arbeitet an einer prosopographischen Studie zur Amtsträgerschaft der spätfriderizianischen Zeit.

69 Vgl. Hermann von Sydow: Beiträge zur Geschichte derer von Sydow, 3. Teil, Groß Lichterfelde 1913, 36f.

70 Vgl. Berliner geschriebene Zeitungen aus dem Jahre 1740. Der Regierungsanfang Friedrichs des Großen, hg. von Richard Wolff (= Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins, Heft 44), Berlin 1912, 52. Allerdings muss W. von Rohwedel seine Ambitionen etwas überzogen haben, so dass er bald beim jungen König in Ungnade fiel und in kursächsische Dienste ging.

71 Vehse: Hof (wie Anm. 4), 259.

72 Anton Balthasar König: Versuch einer Historischen Schilderung der Hauptveränderungen, der Religion, Sitten, Gewohnheiten, Künste, Wissenschaften etc. der Residenzstadt Berlin, 5. Theil, 2. Bd., Berlin 1799, 18. Vgl. zu ihr detaillierter Fritz Arnheim: Geschichte des Preußischen Hofes, Bd. 2: Der Hof Friedrichs des Grossen, Erster Teil, Berlin 1912, 216f.

73 Vehse: Hof (wie Anm. 23), 265 u. 267.

74 Arnheim: Geschichte (wie Anm. 72), 219.

75 Neunundsechzig Jahre (wie Anm. 25), 18.

76 Vgl. Rödenbeck: Tagebuch (wie Anm.45), Bd. 1 [Anhang], Berlin 1836, 12.

77 Rolf Straubel: Beamte und Personalpolitik im altpreußischen Staat. Soziale Rekrutierung, Karriereverläufe, Entscheidungsprozesse (1763/86-1806), Potsdam 1998, 224f.

78 Dreißig Jahre (wie Anm. 37), Nachträge, Bd. 1, 382.

79 Vgl. Hermann von Redern-Wansdorf: Geschichte des Geschlechts von Redern, Görlitz 1936, Bd. 1, 104f.

80 Theodor Schieder: Friedrich der Große. Ein Königtum der Widersprüche, Frankfurt a. M. / Berlin 1986, 50.

81 Neugebauer: Vom höfischen Absolutismus (wie Anm. 32), 120.

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Frank Göse
Der "unpolitische Hof"?
Zum Verhältnis von Hof und Zentralbehörden in friderizianischer Zeit
Die Forschung hat, in den wenigen Fällen, in denen sie sich diesem Thema überhaupt zuwandte, dem friderizianischen Hof nur eine sehr untergeordnete Bedeutung im politischen System des altpreußischen Staates zugewiesen und ihm daher eine weitgehend "unpolitische" Funktion attestiert. Trotz des offenkundigen Auseinandertretens von Hof und Zentralbehörden in institutioneller und mentaler Sicht bestanden aber durchaus Interferenzen fort. Zudem kommt man der komplexen Funktion dieses Hofes näher und wird seiner zeitgenössischen Wahrnehmung eher gerecht, wenn man ihn aus einer erweiterten, stärker seine "kommunikative Struktur" fokussierenden Perspektive untersucht. Dann zeigt sich, dass auch der friderizianische Hof in ein filigranes Netz eingebunden war, das ihn sowohl mit der in den Zentralbehörden wirkenden höheren Amtsträgerschaft als auch mit den in den kleinräumigen Adelsgesellschaften verankerten regionalen Eliten verband.
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Hofämter Regierungsbehörden Staatsdienerschaft Hofgesellschaft Preußischer Adel
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F. Göse: Der "unpolitische Hof"?
In: Friedrich der Große und der Hof. Beiträge des zweiten Colloquiums in der Reihe „Friedrich300“ vom 10./11. Oktober 2008, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300 - Colloquien, 2)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-hof/Goese_Hof
Veröffentlicht am: 15.09.2009 16:55
Zugriff vom: 29.03.2017 19:05
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