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T. Biskup: Preußischer Pomp

Friedrich300 – Hof und Familie

Preußischer Pomp:

Zeremoniellnutzung und Ruhmbegriff Friedrichs des Großen im Berliner "Carousel" von 1750

Thomas Biskup


Abstract

Der Beitrag hinterfragt das Bild Friedrichs II. als eines besonders zeremoniellfeindlichen Monarchen, indem er mit dem Berliner "Carousel" von 1750 das größte höfische Fest in Preußen zwischen der Regierung Friedrichs I. und den romantisierenden Feiern unter Friedrich Wilhelm IV. untersucht. Die hierin deutlich werdende Verbindung von militärischem und höfischem Pomp wird als spezifische Zeremoniellgestaltung Friedrichs II. gelesen. Erstens präsentierte der kinderlose Monarch in der außenpolitischen Krisensituation des Jahres 1750 der höfischen Öffentlichkeit die zahlreichen Nachkommen seiner Dynastie. Zweitens suchte er sich nach der internationalen Anerkennung seiner schlesischen Eroberung in eine Reihe mit den großen, militärisch erfolgreichen wie zivilisationsprägenden Herrschern der Weltgeschichte (voran Ludwig XIV.) zu stellen. Sein durch Voltaire geprägter Begriff historischer Größe zeigt, dass seine Funktionalisierung von Zeremoniell vor allem von seinem über die französische Literatur vermittelten Ruhmbegriff bestimmt war. Friedrichs zeremonielle Selbstdarstellung zielte somit nicht allein auf die zeitgenössische höfische Öffentlichkeit, sondern auch auf die dauerhafte Sicherung seines Ranges in der Geschichte.

Einleitung

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Am Beginn dieses Beitrags soll eine Zitatfolge aus einer Festbeschreibung stehen: "[Das] Schloß [kann] man einen Zauber-Pallast heissen. Das Gold, der Marmor, und die Gemälde kämpfen miteinander in der Schönheit und der Pracht. ....[Alles ist] so wol angelegt und dergestallt ausgeführet, daß es von nichts übertroffen werden kann." Zu einem Diner in Schloss Monbijou, das von 1.000 Lampen beleuchtet wurde, speiste man von einem "goldenen Service ..., das der König bei seiner Gelangung auf den Thron verfertigen ließ und welches wegen der schönen Arbeit, eben so schäzbar ist, als wegen des Werths der Materie." Die am Abend gegebene Oper bestach durch "ausnehmende Stimmen", "reiche Kleidungen und prächtigste Auszierungen". Die Feuerwerke schließlich bestanden aus "einer unendlichen Menge von Raquetten, von Girandolen, von Lancen, von Gerben und von Feux Gregrois; welches eine solche Wirkung that, daß es schien, als ob der Himmel, die Erde und das Wasser ganz in Feuer gerathen wären." Kein Wunder also, dass der Hof "vollkommen vergnügt [war] über das, was er allda gesehen hatte und allerseits mit Bewunderung eingenommen, so wol über die Verschiedenheit der Lustbarkeiten, als auch über die Artigkeit, Ordnung und Pracht, welche dabei auf einmal geherrscht hatten." 1

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Höhepunkt der mehrtägigen Festlichkeiten war ein ritterliches Reitturnier im Berliner Lustgarten, der zu diesem Zweck zu einem verschwenderisch ausgestatteten Festplatz umgebaut worden war und gegen Abend, wie der offizielle Festbericht hervorhebt, im Licht von nicht weniger als 30.000 Lampen erstrahlte: "Der Bau an dem Chore des Königes und der Königinnen war nach Corinthischer Ordnung mit Marmor-Pfeilern und Säulen ausgezieret, deren Füße und Gesimse golden waren. Dieser Bau endigte sich in einem gekrönten Fronton, in welchem man des Königes Namen sahe. Das Chor war austapezirt und der Himmel war von Carmesin-Sammet und eben so mit goldenen Galonen und Franzen besezt, wie die Decke, welche über der Wand der Ballustrage hing." 2 Die Kostüme der Teilnehmer waren an "Glanz", "Pomp" und "Pracht" nicht zu übertreffen: Es gab Purpur und Samt, Tiger- und Marderfell, Silbergaze und Drap d ' Argent, Brokat und Atlas, Diamantenbesatz, Perlen und Rubine, Silberzeug und Silber- und Goldstickereien; selbst die Sporen der Pferde bestanden aus mit Diamanten besetztem Silber.

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All dies klingt nun verdächtig nach dem, was Friedrich "der Große" gern als den "asiatischen Pomp" seines Großvaters, des ersten Preußenkönigs, verspottete. Veranstalter der eben beschriebenen Feiern allerdings war Friedrich II. selbst: Es handelt sich um die Feierlichkeiten vom Juli 1750, die der König in Berlin und Potsdam aus Anlass des mehrmonatigen Besuchs des Markgrafen und der Markgräfin von Bayreuth – also seiner "Lieblingsschwester" Wilhelmine – organisieren ließ. Dies zeigt deutlich, dass die bekannten ironischen Distanzierungen Friedrichs von höfischem Zeremoniell und "Pomp", vom "eitlen Glanz frivoler und unnützer Zeremonien" 3 nicht einfach als Absage an zeremonielles Handeln als solches lesbar sind. Diese Sprechakte dürfen nicht einfach als Ausdruck einer konsistenten, vermeintlich aus jeder Äußerung ablesbaren Programmatik herrscherlichen Handelns gewertet werden, sondern müssen in ihrem jeweiligen, häufig von literarisch-konversationellen Genrekonventionen geprägten, Kontext betrachtet werden.

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Hof und Zeremoniell blieben bei allem Spott, den Friedrich II. über sie ausgoss, auch für den dritten preußischen König unverzichtbar. Friedrichs Abneigung gegen "Zeremoniell" ist zumeist in Gegensatz zu seiner ausgedehnten Bautätigkeit oder zu Festen wie dem eben beschriebenen gesehen worden, als Widerspruch also, wie er ja auch sonst so charakteristisch sei bei diesem Monarchen. 4 Tatsächlich war seine Distanzierung vom Zeremoniell wenigstens zum Teil Ausdruck einer um die Jahrhundertmitte in ganz Europa einsetzenden Bewegung, die geselligeren Formen höfischen Lebens einen Platz einräumte. Abgesehen davon jedoch muss vor allem genauer geklärt werden, was "Zeremoniellkritik" bei Friedrich überhaupt heißt: Friedrich sprach zwar von den "Ketten" des Zeremoniells, meinte damit aber vornehmlich das Gesandtschaftszeremoniell an seinem eigenen Hof, das er tatsächlich weitestgehend ignorierte. Der entscheidende Unterschied zu anderen Höfen (wie auch zur Zeremonielltheorie) bestand hier darin, dass er die Gesandten nicht mehr als unmittelbare Vertreter ihrer Souveräne betrachtete, denen eine deren Rang entsprechende, also etwa eine königsgleiche Behandlung bei Ambassadeurs erster Klasse, zukomme, die es am friderizianischen Hof so nicht gab. Stattdessen versammelte der König die auswärtigen Gesandten je nach Bedarf informell an seiner Tafel, was natürlich immer wieder zeremonielle Probleme schuf.

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Ging es jedoch um seinen eigenen Rang in unmittelbarer, nicht-repräsentierter Relation zu anderen Herrschern, aber auch zu seiner machtpolitisch relevanten Umgebung in Preußen selbst, war Friedrich stets bestrebt, seinen Rang und Vorrang immer wieder aufs Neue zu bestätigen. 5 Sowohl innerhalb der Dynastie wie innerhalb des Militärs wird dies deutlich anhand der periodisch immer wieder erfolgenden zeremoniellen Abwertung seiner Geschwister oder auch herausragender Offiziere, ebenso in der von ihm genau kontrollierten Abfolge und Ausgestaltung der Hoffeste bis hin zu den Sitzordnungen der Hofdamen im Theater. 6 Bei seinen Zusammentreffen mit rangniederen auswärtigen Fürstlichkeiten verfuhr Friedrich bei Handgewährung wie Tischordnung genauso wie von der Zeremoniellliteratur festgesetzt, 7 so etwa auch bei der oben erwähnten Tafel mit dem Markgrafen von Bayreuth. Diesem gegenüber wusste Friedrich den königlichen (Vor-)Rang seines Hauses auch am Bayreuther Hof selbst durchzusetzen, an dem seine Schwester Wilhelmine stets den ranghöchsten Platz vor ihrem Gemahl erhielt. Auch Zeitgenossen wussten Friedrichs Äußerungen entsprechend zu werten: So empfahl der britische Gesandte in Berlin, Sir Andrew Mitchell, im Jahre 1766 seinen Vorgesetzten in London, Friedrichs gelegentliche Ironisierungen von Zeremoniell und Präzedenz nicht für bare Münze zu nehmen, denn sobald es um seine eigene Stellung gehe, nehme er diese Kategorien sehr ernst: "Though upon some occasions he laughs at all formalities, yet no man is more tenacious of them in whatever he thinks touches his rank, dignity, and consideration." 8

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Auch unter Friedrich II. – wie auch bereits unter seinem Vorgänger Friedrich Wilhelm I. – wurde also weiterhin dem Decorum der höfischen Öffentlichkeit Genüge getan. Dies geschah freilich nicht auf dem (Ausgaben- wie Personal-) Niveau der beiden größten europäischen Höfe in Versailles und Wien, sondern – geschuldet dem in Preußen stets notwendigen Spagat zwischen militärischen Großmachtambitionen und begrenzten Ressourcen – eher der mittleren Höfe. 9 Umgekehrt jedoch darf daraus nicht geschlossen werden, Friedrichs Ironie sei gleichsam "nur Scherz" und "nicht so gemeint" gewesen, etwa im Sinne von: "eigentlich" sei Friedrich ein höfischer absolutistischer Herrscher wie andere auch gewesen, er habe sich nur verbal von ihnen absetzen wollen. Das war nun ganz offensichtlich auch nicht der Fall.

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Vielmehr scheint das Verhältnis von Ironie und höfischer Festpraxis bei Friedrich II. komplexer gewesen zu sein, verweist diese ironische Spannung doch auf die sehr spezifische Position, die Friedrich II. im Gefüge der höfischen Öffentlichkeit und der europäischen Gelehrtenrepublik einzunehmen trachtete. 10 Im Folgenden soll eine genauere Bestimmung dieser Position vorgenommen werden, indem exemplarisch vorgehend die Feierlichkeiten von 1750 in jenen diplomatischen, zeremoniellen, medialen und literarischen Kontexten verortet werden, in die sie bewusst hineingestellt wurden. An diesem großen Auftritt auf der zeremoniellen Bühne, diesem éclat , wie es in der zeitgenössischen Zeremoniellliteratur hieß, wird Friedrichs Verständnis von Hof und Familie in nuce sichtbar, zugleich kann es hier aus der Isolation herausgeholt und im Zusammenhang mit anderen Elementen von Friedrichs Herrschaftsverständnis betrachtet werden. Dabei soll beispielhaft die Funktion dynastischer "Verwandtenbesuche" beleuchtet werden, die eine besondere Rolle im friderizianischen Preußen spielten, allerdings bisher von der Forschung weitgehend ignoriert worden sind.

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Der Kontext für jene Feierlichkeiten von 1750 wird erstens von der internationalen Position Preußens nach dem Erwerb Schlesiens (noch vor dem Siebenjährigen Krieg) bestimmt; es geht hier also um die Position Preußens auf der diplomatischen Bühne Europas, die selbstverständlich immer auch eine höfisch und dynastisch determinierte war, und in der Friedrich sich sehr genau in den höfischen Konjunkturen zu positionieren wusste. Zweitens, und untrennbar damit verbunden, ging es Friedrich aber darüber hinaus noch um einen langfristigen persönlichen Aspekt, nämlich um seinen eigenen Platz in der Geschichte: Die Feierlichkeiten von 1750 sind Teil seines Versuchs, sich in die Reihe der großen europäischen Monarchen der Geschichte einzuschreiben. Die von Friedrich immer wieder auch in dieser Koppelung genutzten Begriffe "Ruhm und Reputation" sind dabei sowohl für seine Vorstellung von Preußens Rang auf der europäischen Bühne als auch für sein Verständnis von historischer Größe von zentraler Bedeutung.

Eine blühende Dynastie: "Verwandtenbesuche" beim kinderlosen König

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Am 8. August 1750 traf das Bayreuther Markgrafenpaar in Potsdam ein, wo es vom König, seinen Brüdern, dem Bruder der Königin und anderen hochgestellten Mitgliedern der Hofgesellschaft willkommen geheißen wurde. Bis zur Abreise Friedrichs nach Schlesien am 31. August folgte eine ununterbrochene Suite von Feierlichkeiten, die sich über die gesamte Berlin-Potsdamer Schlösserlandschaft erstreckte. Der König hatte den genauen Ablauf sämtlicher Ereignisse eigenhändig festgelegt, und zwar von der Reihenfolge der Opernaufführungen und Bälle bis hin zum letzten Intermezzo. Die Feierlichkeiten kulminierten nach zweieinhalb Wochen am 24. und 25. August in einem Manöver der Berliner Infanterieregimenter auf dem Tempelhofer Feld und jenem "Carousel" genannten Reitturnier im Berliner Lustgarten.

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Johannes Paulmann hat vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass "Gipfeltreffen" ranggleicher Monarchen im Ancien Régime die Ausnahme darstellten, da sie die Beteiligten vor schwer überbrückbare zeremonielle Probleme stellten. 11 Allerdings täuscht dieser Befund darüber hinweg, dass Zusammentreffen unterhalb der Ebene der wenigen königlichen Souveräne Europas eher die Regel als die Ausnahme waren, und das schließt die Besuche rangniederer Herzöge, Fürsten, Markgrafen et cetera bei ihren königlichen Verwandten ein. Die häufigen Verwandtenbesuche – zwischen 1748 und 1756 waren nahe Verwandte fast jährlich für mehrere Monate in Berlin – waren im lutherisch-calvinistischen Brandenburg-Preußen herausgehobene Ereignisse im höfischen Kalender, denn anders als in katholischen Territorien, in denen das Hofleben von zahlreichen kirchlichen Feiertagen strukturiert wurde, waren hier die Gelegenheiten zu höfischer Prunkentfaltung vor allem auf Hochzeiten und Kindstaufen beschränkt. Die Besuche der braunschweigischen, Bayreuther, Württemberger und auch der schwedischen Verwandten dienten also nicht nur der Anbahnung weiterer dynastischer Verbindungen oder der Ausformulierung militärischer Dienstverhältnisse, sondern brachten die Berliner Hoflandschaft auch in die europäischen Gazetten: Sie erlaubten Friedrich das Vorführen seines rasch ausgebauten Hofes, seiner Oper und seiner neuen Schlossbauten vor der europäischen Öffentlichkeit.

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So bot der Bayreuther Besuch nach Ende des Österreichischen Erbfolgekrieges erstmals die Gelegenheit, die Um- und Neubauten der Schlösser Charlottenburg, Sanssouci und Potsdam sowie ihre Ausstattung (Carrara-Marmor, Gold, Möbel, vor allem das goldene Tafelservice), die neue Oper in Berlin, das neue französische Theater und die Hofkapelle (Graun wird sogar namentlich erwähnt) dem europäischen Publikum ausführlich in den Festbeschreibungen zu präsentieren, um so zu zeigen, dass "dieser Monarch, wenn er der tapferste und weiseste unter den Königen war, zu gleicher Zeit der prächtigste wurde". 12

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Wie die anderen "Familientreffen" Friedrichs war auch der Besuch der Bayreuther eine Demonstration dynastischer Potenz, von der – wie die Probleme der spanischen und österreichischen Habsburger in den zurückliegenden Jahrzehnten drastisch vor Augen geführt hatten – die Existenz auch des mächtigsten Staates abhing, und deren Erweis für den bereits damals als dauerhaft kinderlos geltenden Friedrich besonders wichtig war. Fast die gesamte Familie des Königs war in Berlin versammelt: seine drei Brüder und seine Schwester Amalie, zudem seine Mutter, Schwager Ferdinand von Braunschweig und die Nebenlinie Schwedt. 13 Drei Jahre nach der spektakulären französisch-sächsischen Doppelhochzeit von 1747, mit der sich Sachsen demonstrativ an Bayern und Frankreich gebunden hatte, 14 und wenige Monate nach der Geburt eines weiteren Sohnes von Maria Theresia konnte nun auch der kinderlose Friedrich eine zahlreiche, wohlvernetzte und nachkommenstarke Dynastie präsentieren, in der nicht nur sein nur wenige Jahre jüngerer Bruder August Wilhelm als Thronfolger bereitstand, sondern sogar bereits selbst wieder einen erbberechtigen Sohn vorzuweisen hatte. 15

Anschluss an das Frankeich Ludwigs XIV.: Die spezifische Situierung Friedrichs in der europäischen Carousel-Tradition

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Kern der Feierlichkeiten war das sogenannte Carousel, an dem bis auf den König die prominentesten Mitglieder des Hofes persönlich teilnahmen. Das Carousel, ein öffentliches Ritterspiel, in dem die Teilnehmer Ringrennen, Lanzenbrechen und andere Reitübungen vorführen, ist die aufwändigste Form höfischer Festlichkeit. Benötigt wird eine enorme Anzahl Teilnehmer und Pferde sowie ein hohes Maß an Choreographie – die Berliner Teilnehmer übten einen Monat lang ununterbrochen. Das Carousel ist also ein seltenes Ereignis im höfischen Festkalender, und dies galt 1750 umso mehr, als es zwischen 1730 und 1748, also in der Epoche des Polnischen und des Österreichischen Erbfolgekrieges, in Europa überhaupt keine ressourcenintensiven Carousels mehr gegeben hatte. Die letzte Blütephase des Carousels, die Watanebe-O ' Kelly für die 1720er Jahre konstatiert, lag in eben jenem Friedensjahrzehnt, das von Kongressdiplomatie und nicht von Kriegen gekennzeichnet war. 16 Zusätzlich wurde das Carousel aber von Friedrich noch in einen besonderen ikonographischen Rahmen gesetzt.

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In diesem Fall gab es vier sogenannte Quadrillen, also aus Mitgliedern der Hofgesellschaft bestehende Reitergruppen, die als Römer, Karthager, Griechen und Perser – hier werden die militärisch erfolgreichsten Völker der Antike zitiert – verkleidet waren und in absteigender Seniorität von den Brüdern Friedrichs angeführt wurden, nämlich den Prinzen August Wilhelm, Heinrich und Ferdinand sowie von Markgraf Karl von Brandenburg-Schwedt. Ebenso wichtig wie das Reiten mit der Lanze, dem Wurfspieß und dem Schwert war freilich, wie auch bereits die Zeremoniellliteratur betont, der Einzug der adligen Teilnehmer und Zuschauer, der ja erst die Vorführung der kostbaren Equipagen, Ausstattungen und Musiker erlaubte. Bezeichnenderweise nimmt denn auch die Beschreibung des Einzugs im offiziellen Festbericht über 90 Prozent des Textumfangs ein. Neben Gold und Silber wurden die Kostüme von den Farben rot und blau dominiert, in denen auch die Uniformen der Armee gehalten waren. Der "römische" Adler, den die Reiter der ersten Quadrille tragen (August Wilhelm trägt sogar einen "großen Adler von Diamanten" auf der Brust), wird heraldisch gedoppelt als Wappentier der Brandenburger und Preußen. Er ist zugleich auch auf den Flaggen und Standarten jener Militäreinheiten zu sehen, die einen Kordon um den Festplatz bilden und die am Vortag das Manöver bei Tempelhof abgehalten hatten, und er wird bei der gleichzeitigen Illumination der benachbarten Häuser und Paläste in Kombination mit der Königskrone auch in Feuer vorgestellt. 17

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Das Carousel war das erste dieser Art in Preußen überhaupt und stellt somit eine neue Akzentsetzung Friedrichs dar, der 1728 in Dresden selbst das "Carousel der Sieben Planeten" erlebt hatte. Dieses wiederum hatte wesentliche Elemente des Carousel von 1719 wiederaufgenommen, dem Friedrichs Zeremonienmeister Pöllnitz als junger Mann beigewohnt hatte. 18 Zusammen mit dem Münchner Carousel von 1722 war jenes die letzte echte Carousel-Neuschöpfung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gewesen; diese beiden hatten um 1720 genau jene Hochzeitsverbindungen der beiden Töchter Kaiser Josephs I. (mit dem sächsischen Kurprinzen Friedrich August bzw. dem Bayern Karl Albrecht) eingeläutet, aus denen die Häuser Wettin und Wittelsbach nach 1740 ihre Erbansprüche gegenüber den Habsburgern ableiteten. Sie hatten sie im Österreichischen Erbfolgekrieg durchzusetzen versucht, nach dessen Ende nun Friedrich der Große sein eigenes Carousel veranstaltete. Auffällig ist, dass sich Friedrich 1750 gerade von den im Reich entwickelten Carouseltraditionen, die die Höfe von Dresden, Wien und München bis ins erste Drittel des 18. Jahrhunderts vorangetrieben hatten, absetzt. München und Wien hatten in Anlehnung an italienische Vorbilder das Modell der "Turnieroper" entwickelt, in der der Wettbewerbscharakter ganz hinter der musikalischen Choreographie zurückstand. Der Dresdner Hof Augusts "des Starken" hingegen hatte sich besonders durch seine stets von einem allegorischen Thema gerahmten "Götteraufzüge" einen Namen gemacht, bei denen etwa die Maitresse des Kurfürsten-Königs, Aurora von Königsmarck, auf einem Prunkwagen eben als "Aurora" zur Schau gestellt wurde. Im Vergleich zu diesen streng durchchoreographierten Veranstaltungen war das Berliner Carousel von 1750 "verschlankt", es bestand nur aus den Kernelementen Einzug und Wettkampf.

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Friedrich orientierte sich hier deutlich an den Turnieren Ludwigs XIV., die dieser nach dem erfolgreichen Friedensschluss mit Spanien 1662 und 1664 veranstaltet hatte. Auch Ludwig hatte damals auf die Zurschaustellung von Maitressen und Gemahlinnen verzichtet, ebenso wie auf Maschinenbauten, und sich vielmehr als militärisch erfolgreicher junger König präsentiert, der gerade die Thronfolge sichergestellt hatte – hier bildeten die Regentschaftsregime während seiner eigenen wie der Kindheit seines Vaters die Negativfolie. Die Einteilung der Quadrillen und die Abfolge der Wettbewerbe in Paris wurden in Berlin fast genauso wiederholt, und Perraults Beschreibung des Pariser Carousels wird zum Teil wörtlich in Pöllnitz‘ Journal historique von 1750 wiedergegeben. 19 Friedrich löste sich also in genau jenem Jahr, in dem von den Höfen in Wien und Hannover die Wahl eines neuen Römischen Königs lanciert wurde, ganz aus dem reichischen Turnierkontext und verwies stattdessen auf die Einheit von militärischen Erfolgen und literarisch-architektonischer Patronage, wie sie Ludwig XIV. für ihn verkörperte.

"Militärische Lustbarkeit": Armee und Hof

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Das Ergebnis des Turnier-"Wettkampfs" war bemerkenswert: Den ersten Preis erhielt der Thronfolger August Wilhelm, gefolgt vom zweitältesten Bruder des Königs, Prinz Heinrich, sowie von Herzog Ferdinand von Braunschweig (dem Bruder der Königin Elisabeth Christine und damit Schwager des Königs) und dem Reitergeneral von Zieten – die Preise wurden also strikt nach dynastischer Seniorität vergeben, und alle Preisträger waren Generäle der preußischen Armee. 20 Auch die Preisrichter waren mit Generalfeldmarschall von Keith, Generalleutnant Graf von Hacke, Generalleutnant von Schwerin und Kriegsminister von Arnim allesamt hohe Militärs. Damit war das Berliner Carousel nun eindeutig als "militärisch" gekennzeichnet: Es ging hier um militärische, reiterisch-ritterliche Performanz, freilich in ranggemäß würdiger und prächtiger Gestalt. Die nächste Generation von Hohenzollernprinzen bewies hier ihre individuellen Fertigkeiten sowie die Stärke der Dynastie insgesamt. Frauen, die in Kursachsen noch im 17. und frühen 18. Jahrhundert auch an den Reiterturnieren teilgenommen hatten, wurden von Friedrich ausgeschlossen. Er betonte somit den männlich-ritterlichen Übungscharakter derartiger Reitturniere. Nicht zuletzt die preußische Kavallerie wurde ja unter Friedrich systematisch zu einer schlagkräftigen Waffe entwickelt. Am entscheidenden preußischen Sieg im Österreichischen Erbfolgekrieg bei Hohenfriedberg hatte das Dragonerregiment Ansbach-Bayreuth entscheidenden Anteil. Hierin ließe sich eine doppelte Referenz an die Bayreuther Gäste wie an die Waffengattung als solche sehen. Das Carousel stellt somit die konsequente adlig-chevalereske Fortsetzung militärischer Übungen dar, die am Vortag das "Fußvolk" mit dem Manöver der Infanterieregimenter begonnen hatte. 21

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Dies heißt jedoch nicht einfach, dass das Militär höfischen Prunk ersetzte – vielmehr wurde Militär in den Festablauf integriert, in dem verschiedene Elemente von Fest und Kampf zusammengeführt wurden: Architektur und Tafel, Oper, Theater und Feuerwerk. Friedrich stellte sich hier also nicht einfach als prunkvoll feiernder Fürst, sondern als roi connétable dar, der nun seine Elitereiter inspizierte, so wie er am Tag zuvor das Manöver seiner Truppen begutachtet hatte. Hatte August der Starke um 1730 Fest-Carousel und Militär-Manöver klar unterschieden, so führte sie Friedrich hier in einer unmittelbar verknüpften Folge von "militärischen Lustbarkeiten" zusammen, die in der Apotheose seiner Dynastie gipfelte, welche eben nicht eine allegorische war.

Macht und Pracht oder: Die Grenzen des Zeremoniells

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Mit diesem Fest bewies Friedrich seine spezifischen Qualifikationen in einer außenpolitischen Konstellation, in der die machtpolitische Position Preußens auch nach den jüngsten Friedensschlüssen von 1745 und 1748 ungesichert blieb. Nach den "heroischen" Taten Friedrichs als erfolgreicher Feldherr im Kriege galt es nun, sich auch im Frieden als wahrhaft königlich und groß zu erweisen, wie auch eine offiziöse Festschrift betonte. 22 Denn mit dem Friedensschluss von Dresden 1745 zwischen Preußen und Österreich und dem weit umfassenderen Frieden von Aachen 1748 war der nahezu acht Jahre dauernde österreichische Erbfolgekrieg beendet worden, 23 den bekanntlich Friedrich selbst mit seinem Einmarsch in Schlesien ausgelöst hatte. Der Rang des misstrauisch beäugten Aufsteigers Preußen innerhalb Europas blieb jedoch weiterhin strittig. Zwar hatte allein Preußen mit dem Erwerb Schlesiens einen echten Gewinn aus dem Aussterben der männlichen Linie des Hauses Habsburg ziehen können, der in Aachen auch von allen Mächten anerkannt wurde (obwohl Preußen gar nicht aktiv an den Verhandlungen teilnahm). Aber als den etablierten Großmächten Habsburg, Frankreich und Britannien gleichrangig wurde die neue Macht (noch) nicht betrachtet, und sie stand nun zwischen diesen und den schwächeren Mittelmächten wie Sachsen-Polen und Bayern in einer schwierigen Mittelposition. Zudem hatte sich Friedrich durch seine allianzpolitische Unzuverlässigkeit (er hatte seine französischen und deutschen Verbündeten durch den Abschluss von Separatfrieden zweimal im Stich gelassen) in zunehmende Isolation manövriert. In der Folge sah er sich dem wiedererstarkten Österreich bald nahezu allein gegenüber, dessen Politik ganz auf die Rückgewinnung Schlesiens zielte. Somit war der Aachener Friede kaum mehr als ein Waffenstillstand zwischen den europäischen Mächten, der – wie Friedrich in der Korrespondenz mit seinen Diplomaten bemerkte – allein auf der finanziellen Erschöpfung aller Beteiligten beruhte.

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Pracht und Macht erscheinen bei Friedrich in diesem Kontext untrennbar verbunden, und diese Verbindung bestimmte auch seine Funktionalisierung des Zeremoniells. Von der Zeremoniellliteratur der Zeit grenzte er sich dahingehend ab, dass er jede "sinnvolle" Begründung innerstaatlichen Zeremoniells ablehnte, dem die Zeremonielltheoretiker ja über die "sinnliche" Präsentation der Notwendigkeit des Staates an sich immer wieder eine herrschaftsstabilisierende Funktion zugeschrieben hatten. Außenpolitisch hingegen sah Friedrich das Mächtesystem als Kampf aller gegen alle, in dem die innerhalb eines Staates zu befolgenden Regeln bürgerlichen Rechts nichts galten. Daran vermochte aus Friedrichs Sicht auch das Gesandtschaftszeremoniell nichts zu ändern. Genau deshalb hob seine Kritik an seinem Großvater auch nicht auf dessen Prachtentfaltung an sich ab, sondern auf ihre Entfaltung vor dem Hintergrund nur sehr eingeschränkter militärischer Macht. Der Erwerb der Königskrone durch Friedrich I. und der damit verbundene Aufstieg Preußens in die Liga der souveränen Monarchien war nur durch erhebliche höfische Investitionen möglich gewesen, die notwendigerweise auf Kosten des Militärs gegangen waren. Doch völkerrechtlich unzweifelhafte Souveränität allein garantierte weder monarchisches Ansehen noch verhinderte sie die verstärkte Einmischung durch mächtigere Nachbarn, wie in den zurückliegenden Jahren das Verhalten Russlands gegenüber Polen und Schweden deutlich gezeigt hatte. Auch im Fall Preußens hatte der unbestrittene Königsrang vielfache Demütigungen der Hohenzollern nicht verhindert, die etwa der Wiener Hof Friedrich I. und Friedrich Wilhelm I. mit der Folge von zum Teil erheblichem Ansehensverlust beigebracht hatte. 24

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Friedrich II. konnte wohl klarer als sein Vorvorgänger, der überhaupt erstmal den Königstitel erkämpfen musste, erkennen, dass jenseits der rangregulativen Funktion des Zeremoniells die "Würde" eines Monarchen, auf die er wiederholt rekurrierte, immer auch anhand anderer Aspekte gemessen wurde. Für Friedrich war dies eben jene Verbindung von Macht und Pracht, die Preußen bei seinen Nachbarn "formidable" machte, wie es Pöllnitz in den Historisch-Genealogischen Nachrichten nennt. Damit weist Friedrich aber über die durch zeremonielle Rangordnungen strukturierte höfische Öffentlichkeit hinaus und etabliert auch im Fest einen neuen "Macht"-Begriff, wie er dann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in den quantifizierenden und kommentierenden Analysen der Aufklärung ausformuliert worden ist: Die Statistik, mit deren Hilfe sich die demographischen, ökonomischen und militärischen Ressourcen eines Staates genau feststellen ließen, wurde zu einem zentralen Instrument der Staatswissenschaften und relativierte so auch die zeremoniell regulierte Rangordnung.

"Ruhm und Reputation" oder: Wie lässt sich die Würde eines Königs messen?

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Friedrichs Unwille, sich dem Zeremoniell als System zu unterwerfen, geht einher mit seinem Unwillen, sich dem Völkerrecht zu unterwerfen, denn beide waren ja eng aneinander gekoppelt. Jeder zeremonielle Akt war schließlich ein potenziell rechtsetzender Präzedenzfall. Es ist somit nur ein scheinbares Paradoxon, dass Friedrich für seinen dynastisch-höfischen éclat nach dem Aachener "Waffenstillstand" auf das Carousel verfiel, das in den Randbereichen des Zeremoniells angesiedelt war. Die frühaufklärerischen Zeremonielltheoretiker Lünig und Rohr klassifizierten es als rechtlich irrelevantes "divertissement" und suchten es damit als "unnütz" aus dem Zeremoniell auszusondern. Genau dies machte das Carousel jedoch für Friedrich attraktiv: Er umging somit das verbindliche diplomatische Zeremoniell, um in einem Bereich, in dem keine Präzedenzfälle entstehen konnten, ungestört seinen ganz eigenen Akzent setzen zu können. 25 Gerade als purer éclat war also das Carousel für Friedrich als Herrscher und – in seiner Sicht – damit auch für den preußischen Staat in höchstem Maße nützlich. 26

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"Ruhm und Reputation", die Friedrich in genau dieser Wortkombination (aber auch in Varianten wie "se faire un nom") seit seinem Regierungsantritt in Denkschriften und in seiner Korrespondenz mit Ministern und Generälen immer wieder als zentrales Movens seiner Politik nannte, waren ihm hier entscheidende Kategorien königlicher Würde und unmittelbar mit dem “großen Auftritt“ verknüpft, den er bereits 1740 mit dem Einmarsch in Schlesien gesucht hatte. 27 Dieser Ruhmbegriff war nun an sich kein besonderer in der Adelswelt des 18. Jahrhunderts. Friedrich als sein eigener Hofmarschall, Minister und Feldherr vermochte ihn allerdings mit einzigartiger Konsequenz umzusetzen. Damit stellte er sich gegen die herrschende völkerrechtliche Zeremonielllehre wie auch gegen die zeitgenössische Kriegslehre, die vor allem auf die Schonung der eigenen Streitmacht durch eine Schlachten vermeidende Manöverstrategie ausgerichtet war. So übersetzte er mit spektakulären (wenn auch nicht kriegsentscheidenden) Schlachtensiegen den zeremoniellen éclat -Begriff gleichsam in den militärischen Bereich. 28 Als "Ruhm" definieren jegliche Traktate der Epoche die öffentlich gemachte Ehre einer Person. Ruhmbegierde wird dabei durchaus positiv als "vernünftig" bewertet, da sie Ansporn sei, "Gott und der Welt desto besser zu dienen". Dies unterscheide sie auch vom schädlichen "Ehrgeiz", der darauf gerichtet sei, mehr Ehre zu erwerben als gebührend. 29 Wichtig sei es vor allem, "äusserlichen Glantz und falschen Schimmer" zu vermeiden, denn sonst schlage die Reputation "zu einem Spott und Verachtung" aus. "Eine wohlgegründete Reputation" hingegen habe "einen grossen Nachdruck, bey hohen und geringern, in Kriegs- und Friedens-Geschäfften, dieselben glücklich und wohl auszuführen."

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Genau hier setzt Friedrichs Kritik an Monarchen wie seinem Großvater an, die eben nur auf "äusserlichen Glanz" gesetzt und dessen rechte "Begründung" versäumt hätten – ein Thema, das Friedrich auch in seiner eigenen "Epistel über die Falschheit" thematisierte. Diese – ursprünglich 1740 verfasst und dann noch einmal umgearbeitet – war Anfang des Jahres 1750 in den Oeuvres du philosophe de Sanssouci publiziert worden und pries – ähnlich den ein Jahr später publizierten Denkwürdigkeiten – den Großen Kurfürsten als "groß im Frieden wie im Schoß der Siege". 30

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Das heißt aber auch: Friedrichs Zeremoniellkritik geht nicht von einer protobürgerlichen Nützlichkeitserwägung aus, wie sie sich vor allem in der aufgeklärten Zeremoniellkritik findet, sondern von einer – freilich bereits selbst aufklärerisch angehauchten – Definition der zentralen adeligen Werte "Ruhm und Reputation". So erweist sich gerade Friedrichs Zeremoniellkritik als auf der Grundlage des zeitgenössischen Ruhmbegriffs basierend. Reputation und Ruhm jedoch unterscheiden sich von Rang und Titel grundsätzlich, da sie – wie auch Zedler feststellte – personengebunden sind ("so eine Person ingemein erworben"). 31 Sie werden von einer Person erworben und sind nicht vererbbar. Damit erhebt Friedrich also eine persönliche Kategorie zum zentralen Leitmotiv seines Handelns. Anders als Rang nämlich sind Reputation und Ruhm nicht im Völkerrecht fassbar, ja können diesem, das nur Titel, Rang und Vertrag kennt, sogar zuwiderlaufen. Zuvorderst jedoch sind "Reputation und Ruhm" anders als Vorrang eben nicht messbar. Damit erlegte sich Friedrich auch von dieser Begrifflichkeit her eine letztlich unerfüllbare Pflicht zu stetiger Ruhmesvermehrung auf. Friedrich I. konnte sich zufrieden zurücklehnen, als er gegen Ende seiner Regierung endlich allseits in seinem neuerworbenen Königsrang anerkannt war – Friedrich II. hingegen konnte sich seiner Reputation nie sicher sein, derer er im Gegensatz zu Titel und Rang jederzeit wieder verlustig gehen konnte.

Reputation und Geschichte

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Mit "Ruhm und Reputation" stellt sich Friedrich II. also außerhalb der Maßstäbe des europäischen Zeremoniells und verweist (neben den machtpolitischen Konkurrenten als Adressaten) auch auf einen anderen Bereich: die Geschichte. Um seinen Platz in der "Historie" zu sichern, schrieb er ja gerade in jenen Jahren selbst die Geschichte seines Hauses: Die von Michael Rohrschneider jüngst untersuchten "Mémoires pour servir à l ' histoire de la maison de Brandebourg" wurden 1750 redigiert und erschienen Anfang 1751. 32 Zugleich suchte der König über die Anwerbung des französischen Hofhistorikers Voltaire hinaus für die "richtige" Einordnung seiner Herrschaft in die Weltgeschichte zu sorgen. Voltaire hatte ja bereits seit Friedrichs Kronprinzenzeit mit ihm korrespondiert und ihn 1740 erstmals besucht, gerade als Hofpropagandist des französischen Königs war Voltaire jedoch jüngst wieder hervorgetreten, etwa mit seinem vielfach gepriesenen Gedicht auf den französischen Sieg bei Fontenoy (1745), das er Ludwig XV. gewidmet hatte. 33 Es gelang Friedrich nach längerer Werbephase, Voltaire im Juli 1750 nach Potsdam zu holen und genau während der Berliner Carouseltage um den 25. August mit ihm eine Art "Vertrag" über einen längeren Aufenthalt zu schließen. Der wichtigste Multiplikator für Friedrichs éclat war also nicht sein Zeremonienmeister Pöllnitz, sondern vielmehr Voltaire, dessen Eintreffen und Ernennung er zeitlich mit dem Höhepunkt seiner Feierlichkeiten synchronisierte. Mit der Indienstnahme Voltaires wird zugleich deutlich, dass Friedrich zwar ein zeremonielles Element des Barock aufnahm, bei dessen Medialisierung jedoch den einem steten Wandel unterworfenen medialen Kontext berücksichtigte. Noch wenige Jahrzehnte zuvor waren aufwändige Feste in ebenso aufwändigen Druckwerken dargestellt worden, die die notwendigerweise stets lokale Prachtentfaltung auch anderen Höfen vor Augen führen und die ephemeren Veranstaltungen für die Zukunft festhalten sollten. Klassisch war hier etwa Bessers preußische Krönungsgeschichte mit ihren Illustrationen der zweiten Auflage. Die Zahl derartiger Festdarstellungen nahm im Laufe des 18. Jahrhunderts ab, was aber nicht einfach mit einem Bedeutungsverlust dieser Feste an sich zu gleichzusetzen ist: Vielmehr gewann im Zeitalter der Aufklärung auch für die Festdokumentation das Wort gegenüber dem Bild an Bedeutung.

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Beim Carousel vom 25. August erwies sich Voltaire tatsächlich als eine Hauptattraktion, wie der italienische Beobachter Graf Alessandro Collini berichtete: "Die Versammlung war zahlreich und brilliant. Kurz bevor der König erschien, erhob sich ein bewunderndes Gemurmel, und überall um mich herum hörte ich den Namen 'Voltaire! Voltaire!'" Dessen Gegenwart erhöhte offenbar den "éclat de la cérémonie" ungemein. Hatte bei den Pariser Feierlichkeiten von 1664 Molière als Autor und Schauspieler mitgewirkt, 34 so hieß Friedrichs Molière Voltaire und wurde von den Berliner Medien entsprechend in den Vordergrund gestellt: Auf das Carousel und Prinzessin Amalie, die den Siegern die Preise überreichte, dichtete Voltaire ein kleines Gedicht, das – ohne sein Wissen und sogar zu seinem Ärger – sogleich in den Festberichten sowie in der Zeitung abgedruckt wurde. Bereits drei Tage vor dem Carousel war die Aufmerksamkeit auf den prominenten Gast gelenkt worden, indem in der Vossischen Zeitung "ein sehr artiger, prosaischer und poetischer Brief des großen Dichters unserer Zeiten, Herrn von Voltaire" veröffentlicht wurde, der einen ihm befreundeten Prediger als "Priester Apolls" preist – Apoll als Beschützer der Künste wird in dieser Zeit von Friedrich wie von Voltaire immer wieder thematisiert, und auch der französische Dichter d ' Arnaud, der kurz vor Voltaire ebenfalls in Potsdam angelangt war, nennt den preußischen König einen "Frédéric-Apollon". 35

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Der Bezug zu Apoll betont die Leistungen der Regierung Friedrichs bei der Patronage von Künsten und Literatur. In diesem Sinne sieht Voltaire auch das Carousel als Ausdruck einer weitergehenden zivilisatorischen Leistung des Königs, wie er nach Paris berichtet:

"Es gibt eigentlich keine Mittel, ein Carousel zu beschreiben wie das, was ich eben gesehen habe; es vereinte das Carousel von Ludwig XIV. mit einem chinesischen Laternenfest. Nicht die geringste Verwirrung, kein Lärm, alle saßen bequem, aufmerksam und ruhig, wie in Paris. [...] All dies hat ein einziger Mann zustande gebracht. Seine fünf Siege und der Dresdner Frieden bildeten ein schönes Ornament für dieses Spektakel."

Mit der logischen Verknüpfung von höfischer Lustbarkeit, militärischen Siegen und dem Verweis auf Ludwig XIV. hob Voltaire genau die für Friedrich zentralen Aspekte der Feierlichkeiten hervor. Denn Friedrich wollte eben nicht nur auf eine rein militärische Rolle als roi connétable festgelegt werden; dieser blieb im 18. Jahrhundert stets die Erinnerung an reine Eroberer-Monarchen wie Alexander den Großen oder Karl XII. von Schweden eingelegt, die in der Geschichtsschreibung der Aufklärung zunehmend kritisch gesehen wurden. Gerade der so wichtige Bezug auf Ludwig XIV. wird auch von Voltaire mehrfacht wiederholt ("Friedrich II. ist größer als Ludwig XIV."). 36 Dieser vollendete während der Berlin-Potsdamer Sommermonate von 1750 sein Siècle de Louis XIV , in dem er die kulturellen Höhepunkte der menschlichen Geschichte als Ergebnis einer Wechselwirkung von Volk und aufgeklärtem Monarchen darstellte. Veröffentlicht wurde Voltaires wichtigstes Geschichtswerk 1751 in Berlin, nahezu gleichzeitig mit Friedrichs eigenen – und von Voltaire korrigierten – "Denkwürdigkeiten".

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Angemessener Schauplatz der Größe Friedrichs konnte seiner Meinung nach nur die Geschichte sein. Die Hofforschung der letzten Jahre hat zu Recht betont, dass die deutschen Höfe nicht – wie es noch die hofkritische Historiographie des 19. und 20. Jahrhunderts sah – einseitig auf das Vorbild Ludwigs XIV. fixiert waren, sondern vielmehr eine enorme Pluralität italienischer, nord- und mitteleuropäischer Traditionen aufnahmen und eigenständig weiterentwickelten. Gerade der vermeintlich so prunkfeindliche Friedrich jedoch schloss nun mit seinem Carousel explizit an den Sonnenkönig an. Gerade vor diesem Hintergrund lässt es sich als Versuch lesen, auch zeremoniell aus dem Kreis der deutschen Reichsfürsten herauszutreten und in jene Reihe großer, militärisch erfolgreicher wie zivilisationsprägender Monarchen einzutreten, die Voltaire in der Antike mit Marc Aurel und Trajan beginnen lässt und mit Ludwig XIV. bis an die Schwelle des 18. Jahrhunderts fortführt.

Zeremonielle Spannungen

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Freilich konnte eine derartige Demonstration in der angespannten diplomatischen Lage des Jahres 1750 nicht ganz störungsfrei bleiben. Diese wurde von zwei miteinander verbundenen Problemkreisen bestimmt: Zum einen verfolgten die Höfe von Wien und Hannover-London den Plan, den erst neun Jahre alten Erzherzog Joseph zum Römischen König wählen zu lassen, um so frühzeitig die Nachfolge des erst fünf Jahre zuvor gewählten Kaisers Franz I. Stephan im Sinne des Hauses Habsburg-Lothringen und seiner welfischen Verbündeten zu regeln. Der reichspolitisch höchst aktive Kurfürst-König Georg II. war hier mehr noch als die Habsburger selbst die treibende Kraft. Daneben war der sich zuspitzende Konflikt Preußens mit Russland von großer Brisanz, hatte er doch bereits im Vorjahr beinahe zum Krieg geführt: 37 Vordergründig ging es um das mit Preußen verbündete (und über Friedrichs Schwester Luise Ulrike dynastisch mit den Hohenzollern verbundene) Schweden. Dahinter stand jedoch die Sorge Russlands, dass sich Preußen zu einer Bedrohung für die russische Vormacht in Ostmitteleuropa entwickeln könnte. 1746 bereits hatte es mit Österreich einen Bündnisvertrag geschlossen, der unter anderem russische Hilfe bei der Rückgewinnung Schlesiens vorsah.

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Friedrich unterschied in der Krisenlage des Sommers 1750 zwischen "wohlgesinnten" ("bien intentionnées") und gegnerischen Botschaftern an seinem Hof. Zu ersteren zählten diejenigen seiner Verbündeten Frankreich und Schweden, während die Botschafter Russlands, Österreichs, Großbritanniens und Sachsens meist als Block auf der Gegenseite erschienen. 38 Zu Konflikten war es bereist im Juli gekommen, als eine Note Friedrichs in Petersburg brüsk zurückgewiesen worden war und in Berlin die Ankunft des tatarischen Offiziers Mustafa Aga, der Preußen in verdeckter Mission im Auftrag des Groß-Khans der Krim ein Bündnis anbot, Unruhe stiftete. Friedrichs Botschafter in Petersburg, Warendorff, war Anfang Juli vom russischen Großkanzler Bestuschew "d ' une manière assez impérieuse et peu ménagrée" zurückgewiesen worden, als er wissen wollte, was Russland in Schweden bezwecke. Offenbar suchte der russische Großkanzler Bestuschew Friedrich zu provozieren, Friedrich hatte aber selbst die mit vollem Gesandtschaftszeremoniell durchgeführte Ankunft des tatarischen Gesandten in Berlin genutzt, um die Gesandten Russlands, Österreichs, Großbritanniens und Sachsens in Aufregung zu versetzen. 39 Letztere beschwerten sich über Nichtbeachtung des Gesandtschaftszeremoniells, da der diplomatische Neuankömmling nicht nur einen unklaren Status habe, sondern ihnen zudem seine Ankunft nicht gehörig angezeigt habe, sehr wohl aber den Gesandten Frankreichs und Schwedens (also den "wohlgesinnten").

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Diese "distinction trop préjudicable à leurs maîtres" 40 wiederum ist wohl im Zusammenhang damit zu sehen, dass die Botschafter Russlands und Großbritanniens Friedrichs Carousel boykottierten: Der wie alle anderen Gesandten zu den Feierlichkeiten eingeladene russische Botschafter sagte seine Teilnahme gerade zu den zeremoniellen Höhepunkten Manöver und Carousel "krankheitsbedingt" ab. Auf Nachfrage hin verwies er darauf, vom König nicht seinem Rang entsprechend behandeln worden zu sein – eine direkte Folge von Friedrichs Missachtung des Gesandtenzeremoniells. 41 Auch der britische Botschafter Williams reiste unmittelbar vor dem Eintreffen der Bayreuther Gäste unter dem vagen Vorwand eines Treffens mit dem polnischen König nach Warschau ab, um dort im Rahmen des polnischen Reichstages an einer antipreußischen Allianz mit den Wettinern zu feilen. 42 Die vermeintliche Beleidigung des russischen Botschafters führte also unmittelbar vor den Feierlichkeiten zu einer diplomatischen Krise, die in der Folge symbolisch hochbeladener Empfänge und Feierlichkeiten ausufern musste. Friedrichs Versuche einer Beschwichtigung kamen zu spät, und er musste verärgert zur Kenntnis nehmen, dass die höchsten Repräsentanten seiner Rivalen Russland und Großbritannien die Zurschaustellung seiner militärischen, dynastischen und höfischen Stellung unterliefen. Tatsächlich ließ sich der aus diesem diplomatisch-zeremoniellen Zwischenfall resultierende Konflikt mit Russland trotz rasch anlaufender Eindämmungsversuche zunächst nicht mehr begrenzen und führte in den Folgemonaten zur Abberufung des russischen Botschafters und wiederum an den Rand eines Krieges. 43

Schluss

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Verwandtenbesuche bildeten während der gesamten Regierung des kinderlosen Friedrich ein Format, das die personalen Defizite des eigenen Hofs auszugleichen und immer wieder die Aufmerksamkeit (die von Politologen ja als wichtiges Element heutigen Politikmanagements hervorgehoben wird) auf Berlin-Potsdam zu lenken half. Die Feierlichkeiten von 1750 waren insofern ein besonderer éclat , als sie den ersten Auftritt des noch jungen Königs auf der Bühne der höfischen Öffentlichkeit als Souverän einer "Großmacht im Werden" darstellten, der ihn als ersten Monarchen seiner Zeit ausweisen sollte. Durch eine spezifische Nutzung der Festtradition wie durch eine Instrumentalisierung der philosophes Voltaire und d ' Arnaud stellte Friedrich, der seit einigen Jahren "der Große" genannt wurde, klar, dass er Oberhaupt einer erfolgreichen Dynastie war, vor allem aber als Monarch in einer ganz anderen Liga spielte als seine sächsisch-polnischen, hannoversch-britischen, habsburgischen und russischen Konkurrenten. Schauplatz seiner "Reputation" konnte nicht mehr nur die vom Zeremoniell bestimmte höfische Öffentlichkeit – und schon gar nicht das Alte Reich – sein, sondern nur die Geschichte mit ihrer von Voltaire beschriebenen Reihung der wirklich bedeutenden Monarchen aller Epochen.

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Dies zeigt auch, dass wir mit scheinbar einleuchtenden, in der Forschung lange dominierenden Gegensatzpaaren wie Aufklärung versus Hof, Aufklärung versus Zeremoniell oder gar Öffentlichkeit versus absolute Monarchie, die einen vermeintlich klaren Weg in die Moderne nachzuzeichnen erlauben, vorsichtig sein sollten. Daher ist auch Zurückhaltung dabei angebracht, in der höfisch-dynastischen Praxis Friedrichs des Großen (aber auch des 18. Jahrhunderts überhaupt) "Widersprüche" zu diagnostizieren, die sich ja erst aus diesen Kategorisierungen ergeben. Die Feierlichkeiten von 1750 stellten alles bis dahin in Preußen Gesehene in den Schatten. Sie waren die aufwändigsten höfischen Festlichkeiten zwischen dem Beginn des 18. Jahrhunderts und der im Zeichen der "Romantik" erfolgenden Wiederaufnahme dieser Feste durch Friedrich Wilhelm IV. im 19. Jahrhundert. Gerade deshalb lässt sich vielleicht über das größte Fest im Preußen des 18. Jahrhunderts sagen: Friedrich II. feierte keine Feste, er schrieb Geschichte.

Autor:

Dr. Thomas Biskup
University of Hull
Department of History
GB-Hull HU6 7RX
t.biskup@hull.ac.uk

1 Zitate aus: Historische Nachricht von denen Lustbarkeiten, welche der König, bei Gelegenheit der Ankunft J. Königlichen Hoheit und des Durchlauchtigsten Marggrafens von Brandenburg-Bayreuth, im Monate, August, 1750, zu Potsdam, zu Charlottenburg und zu Berlin angestellet hat, Berlin 1750, 6, 8, 9f.

2 Historische Nachricht (wie Anm. 1), 13.

3 Reinhold Koser / Hans Droysen (Hg.): Briefwechsel Friedrichs des Großen mit Voltaire, Bd. 2, Osnabrück 1965 (Neudruck der Ausgabe 1909), 10.

4 Schieders Friedrichbiographie von 1983 trägt sogar den Untertitel "Ein Königtum der Widersprüche"; ähnlich aber auch durchaus Kunisch in seiner Biographie von 2004. Theodor Schieder: Friedrich der Große: Ein Königtum der Widersprüche, Berlin 1983; Johannes Kunisch: Friedrich der Große. Der König und seine Zeit, München 2004.

5 So wurde nach Kriegsende 1763 auch die Rangordnung nach innen wieder geradezu brutal klargemacht, indem die bedeutenden Generäle Prinz Heinrich und Herzog Ferdinand von Braunschweig, die während des Krieges eigenständig ganze Armeen geführt hatten, wieder auf den Rang bloßer Regimentskommandeure zurückgestuft wurden, denen zudem noch bei Revuen öffentlich Gunstverlust bezeigt wurde. Dadurch verlor der König herausragende fähige militärische Berater, aber das nahm Friedrich offenbar bewusst in Kauf, wenn er dadurch nur die Hierarchie stärken konnte. Vgl. Chester Easum, Prinz Heinrich von Preussen: Bruder Friedrichs des Grossen, Göttingen 1958, 346-348.

6 Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Rep. 36, Nr. 829, C., "Liste". 1754 beispielsweise bestimmte ein königlicher "Special-Befehl", dass im Französischen Komödientheater "in den ersten Rang-Logen keine andere Damen eingelassen werden sollten, als diejenigen, welche beider Königinnen Majestäten präsentirt worden waren, und folglich nach Hofe gingen; die anderen, so viel es der Raum zuließ, fanden ihren Platz in den Logen des zweiten Ranges, wozu von dem kgl. Kammerherrn und Director der Schauspiele, Baron von Sweerts, besonders gestempelte Billets ausgegeben wurden." Friedrich Wilhelm von Hahnke: Elisabeth Christine, Königin von Preußen, Gemahlin Friedrichs des Großen. Eine Biographie, Berlin 1848, 145f. - Selbst der im Festbericht betonte Verzicht auf die "eiteln Beweisen der königlichen Würde" bei der ersten gemeinsamen Tafel in Potsdam - wo vermeintlich "ohne Unterscheid des Ranges Plaz genommen" wurde, Historische Nachricht (wie Anm. 1), 5f. - stellt sich bei näherer Betrachtung als Befolgung eben der genauen Rangordnung heraus, die der Markgräfin Wilhelmine als "Königlicher Hoheit" einen höheren Rang als ihrem Gemahl einräumte: Dementsprechend gewährte der König seiner Schwester die rechte Hand, wohingegen der Markgraf bei Tisch zur Linken platziert wurde.

7 So heißt es bei Lünig: "daß sich der Höhere bey einem Congress mit einem Niedrigern, es sey in seinem eigenen Lande und Residenz, oder auch an einem dritten Orte, stets eines solchen Ceremoniels gegen denselben bedienet, wodurch sein Vorzug vor dem andern kenntlich bleibet, ob er ihm gleich sonsten alle ersinnliche Höflichkeiten beweiset." Johann Christian Lünig: Theatrum Ceremoniale Historico-Politicum, 2 Teile, Leipzig 1719/1720, hier Tl. 1, 145. Diese Bemerkung ist auch aufgegriffen von Julius Bernhard von Rohr: Einleitung zur Ceremoniell-Wissenschafft der grossen Herren, hg. von Monika Schlechte, Weinheim 1990 (zuerst Berlin 1733), 359f.

8 Andrew Bisset (Hg.): Memoirs and papers of Sir Andrew Mitchell, K.B., London 1850, 363f.

9 Wolfgang Neugebauer: Hof und politisches System in Brandenburg-Preußen: Das 18. Jahrhundert, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands: Zeitschrift für vergleichende und preußische Landesgeschichte 46 (2000), 138-169; Thomas Biskup: Höfisches Retablissement: Der Hof Friedrichs des Großen nach dem Siebenjährigen Krieg, in: Friedrich300 – Colloquien, Friedrich der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme. URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-bestandsaufnahme/biskup_retablissement (3.8.2009) .

10 Wenn im Folgenden von Öffentlichkeit die Rede ist, dann nicht automatisch und ausschließlich im Sinne jener häufig als allumfassend dargestellten Öffentlichkeit, die sich über Assoziationen und "das schließlich kaum mehr überschaubare Spektrum periodischer Publikationsformen" konstituierte und die von der Forschung lange als Signum des 18. Jahrhunderts betrachtet worden ist. Vgl. Ursula Goldenbaum: Appell an das Publikum: Die öffentliche Debatte in der deutschen Aufklärung 1687-1796, Berlin 2004. Im Folgenden soll genauer zwischen enger umgrenzten, sich z.T. überschneidenden Kommunikationsräumen differenziert werden, von denen in diesem Zusammenhang zwei als besonders wichtig hervorzuheben sind: Erstens die "höfische Öffentlichkeit", also die Welt des Adels und der Höfe, aber auch der mit ihnen eng verbundenen absolutistischen Verwaltungen, in der im 17. und 18. Jahrhundert politische Entscheidungen getroffen wurden. Und zweitens die europäische République des lettres , die eben nicht auf die Institutionen Universität und Akademie beschränkt war, sondern darüberhinaus auch all jene Individuen umfasste, die sich als der "Wahrheitssuche" verpflichtet betrachteten und die durch Korrespondenz in lateinischer und französischer, zunehmend auch in deutscher und englischer Sprache und durch aktive Teilnahme an philosophischen und theologischen, juristischen oder naturgeschichtlichen Debatten Austausch pflegten. Dazu immer noch Andreas Gestrich: Absolutismus und Öffentlichkeit: Politische Kommunikation in Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts, Göttingen 1994.

11 Johannes Paulmann: Pomp und Politik: Monarchenbegegnungen in Europa zwischen Ancien Régime und Erstem Weltkrieg, Paderborn 2000.

12 Historische Nachricht (wie Anm. 1), 3.

13 Zahl und Rang der bei Festen anwesenden auswärtigen Fürstlichkeiten, aber auch die Zahl der eigenen Hohenzollern-Prinzen und -Prinzessinnen sind hier wichtig: Immer wieder wird betont, dass viele hohe Gäste und Gastgeber anwesend waren, z.B. "zwanzig Prinzen und Prinzessinnen"; Historische Nachricht (wie Anm. 1), 8.

14 Die sächsische Prinzessin Maria Josepha heiratete den Dauphin, während der sächsische Kurprinz eine Ehe mit der Tochter des Wittelsbacher Kaisers Albrecht VII. einging. Zur Visualisierung dieser Allianz in den Künsten: Barock in Dresden: Kunst und Kunstsammlungen unter der Regierung des Kurfürsten Friedrich August I. und Königs August II. von Polen genannt der Starke - 1733 und des Kurfürsten Friedrich August II. von Sachsen und Königs August III. von Polen 1733 - 1763 , Ausstellungskatalog, Leipzig/Essen 1985, Kat.-Nrn. 105f.

15 Die Verheiratungskampagne Friedrichs, die mit den Vermählungen seines ältesten Bruders August Wilhelm und 1744 seiner Schwester Luise Ulrike begonnen hatte, wurde mit den beim Carousel prominent vorgeführten nächstälteren Prinzen Heinrich und Ferdinand 1752 und 1755 fortgesetzt.

16 Das zuletzt veranstaltete Carousel hatte 1748 in Göttingen stattgefunden, war dort jedoch nur ein wenig prominenter Teil des Besuchs der neugegründeten Universität Göttingen durch Friedrichs machtpolitischen Konkurrent Georg II. von Großbritannien-Hannover gewesen. Vgl. dazu: Beschreibung der grossen und denckwürdigen Feyer die bey der allerhöchsten Anwesenheit des allerdurchlauchtigsten, grossmächtigsten Fürsten und Herren, Herren George des Andern, Königes von Grosbritannien, Frankreich und Irrland, Beschützers des Glaubens, Herzoges zu Braunschweig-Lüneberg, des Heil. Röm. Reiches Ertzschatzmeisters und Churfürsten. auf deroselben Georg Augustus hohen Schule in der Stadt Göttingen im Jahr 1748. am ersten Tage des Augustmonates begangen ward, Göttingen 1749.

17 Neue Genealogisch-Historische Nachricht von den Vornehmsten Begebenheiten, welche sich an den Europäischen Höfen zutragen, worinn zugleich Vieler Stands-Personen Lebens-Beschreibungen vorkommen, Leipzig 1750, 753.

18 Helen Watanabe-O ' Kelly: Triumphall Shews: tournaments at German-speaking courts in their European context 1560-1730, Berlin 1992, 135. Zu Dresden 1719 vgl. auch Cornelia Jochner: Planetenfeste, kulturelles Gedächtnis und die Öffnung der Stadt, in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 24 (1997), 249-270.

19 Etwa in der Passage über Graf Schaffgotsch Charles Perrault: Courses de teste et de bague, faitte par le Roy et par les Princes et Seigneurs de sa cour, en l ' année 1662, Paris 1670. Auch die Dekoration des Turnierplatzes (Marmorsäulen mit Goldkapitellen, über denen der Name des Monarchen steht) ist offenbar direkt von Ludwig kopiert, und selbst die Kostüme des Prinzen August Wilhelm – der hier gleichsam die Stelle des Sonnenkönigs einnimmt – und seiner Begleiter gleichen großenteils denen der ersten Quadrille Ludwigs XIV. Lena Rangström: The Berlin Carousel of 1750, Livrustkammaren (1993), 89-120, hier: 106-109.

20 Da die ersten drei Preise kostbarer waren als der letzte (kostbare Brilliantringe vs. brillantene Hemdknöpfe), war das wohl vorher bereits abgesprochen. Louise Johanne Leopoldine von Blumenthal Blumenthal: Lebensbeschreibung Hans Joachims von Zieten, Königlich-Preußischen Generals der Kavallerie, Ritters des schwarzen Adlerordens, Chefs des Regiments der Königlichen Leibhusaren, und Erbherrn auf Wustrau, Berlin 1800, berichtet 194, dass Zietens Familie seinen Preis immer noch "als ein Heiligthum" aufbewahre. Erst bei der Wiederholung des Turniers nach zwei Tagen durften auch Rangniedere gewinnen.

21 Friedrich betont also im Gegensatz hierzu die praktischen, also militärischen Übungselemente. Hierin ist wohl auch eine Spiegelung des Diskurses über die Hofökonomie zu sehen, der die Ausgaben stärker rationalisierte – gerade nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg spielte der allgemeine Geldmangel eine dominierende Rolle. Dazu Volker Bauer: Hofökonomie: Der Diskurs über den Fürstenhof in Zeremonialwissenschaft, Hausväterliteratur und Kameralismus, Wien 1997. Helen Watanabe-O ' Kelly stellt für die sächsischen Carousels zwischen 1695 und 1728 eine Depolitisierungsthese auf, und stellt ihnen militärische Manöver entgegen wie jenes bei Zeithein entgegen, zu dem August der Starke 1730 den preußischen König und Kronprinzen einlud. Watanabe-O ' Kelly: Triumphall Shews (wie Anm. 18), 136.

22 "Die Vergnügungen der Helden gehen die Nachwelt allerdings etwas an. Es ist nicht genug, daß sie dereinst die preiswürdigsten Helden-Thaten Friedrichs, des andern, wisse; daß sie seine Siege überzäle [sic] und daß ihr alles dasienige bekannt sei, was er, zur Wolfart seines Volks, im Frieden unternommen habe. Sie muß auch noch die Freude genüßen, es zu begreifen, daß dieser Monarch, wenn er der tapferste und weiseste unter den Königen war, zu gleicher Zeit der prächtigste wurde." Historische Nachricht (wie Anm. 1), 3. Denn auch im höfischen Europa konnte man den Krieg gewinnen und den Frieden verlieren.

23 Der von der späteren borussischen Historiographie bevorzugte Begriff der "Schlesischen Kriege" verwirrt hier eher, da er aus der Perspektive des Aufstiegs Preußen-Deutschlands und der Geschichte des habsburgisch-hohenzollernschen Dualismus gedacht ist und zu stark die Betonung auf die Auseinandersetzung um Schlesien legt, anstatt die Position Preußens im europäischen Mächtespiel insgesamt in den Blick zu nehmen.

24 Die Königswürde allein garantierte noch keine gleichberechtige Teilnahme am "Machtverteilungskartell" der europäischen Großmächte, wie gerade die Aachener Friedensverhandlungen gezeigt hatten. Hier war zwar auch der König von Spanien zeremoniell ranggleich behandelt worden, aber das hatte nicht verhindert, dass Beobachter und Zeitungsleser deutlich seine Frankreich nachgeordnete Stellung erkannten. Heinz Duchhardt: Balance of Power und Pentarchie: Internationale Beziehungen 1700-1785, Paderborn 1997, 312-318.

25 Dabei ist der durchaus repetitive Charakter der Carousels zu berücksichtigen, der generell typisch für diese sehr aufwändige Veranstaltungsform ist, aber auch für den seriellen Charakter von Zeremoniell überhaupt. In Dresden wurde von 1709 bis 1728 immer wieder auf die gleichen Grundpläne zurückgegriffen (Watanabe-O ' Kelly: Triumphall Shews (wie Anm. 18), 131), und auch der gewiss nicht sparsame Ludwig XIV "recycelte" 1662 die bereits 1612 verwendeten "Römerkostüme" mit ihrer charakteristischen Buchstabenfolge "S.P.Q.R."; Rangström, Carousel (wie Anm. 19), 110. Erst die immer wieder gleiche Abfolge von zeremoniellen Akten bei Einzügen, bei Gratulationen etc. machte ja dies zu einem "System" und garantierte jene Vergleichbarkeit, aus der Rang abgelesen werden konnte. Erst dadurch, dass der Grundlablauf vorgegeben war, im einzelnen aber immer wieder neu ausgehandelt werden musste, konnten jene geringen Abweichungen von früheren Abläufen signifikant werden. Repetition und Präzedenz waren also auch hier eng gekoppelt. Zudem erlaubte dies freilich auch erst, von einer Festtradition am jeweiligen Hof zu sprechen, die man andernorts aufnehmen oder ablehnen konnte.

26 Es war Politik mit anderen Mitteln, so wie der Krieg auch, denn: "Zeremoniell und Krieg sind benachbarte politische Handlungsfelder." Thomas Rahn: Herrschaft der Zeichen: Zum Zeremoniell als Zeichensystem, in: Hans Ottomeyer / Michaela Völkel (Hg.): Die öffentliche Tafel. Tafelzeremoniell in Europa 1300-1900, Ausstellungskatalog, Berlin 2002, 22-31, hier: 23.

27 Kunisch, Friedrich (wie Anm. 4), 167-171, 209 und 219.

28 Diesen Hinweis verdanke ich Dr. Jürgen Luh, Potsdam. Vgl. auch die grundlegende Studie von Jürgen Luh: Kriegskunst in Europa 1650-1800, Köln / Weimar / Wien 2004.

29 Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Halle 1732-1754, Bd. 31, 667, und Bd. 32, Halle 1741, 1594-1596. Vgl. auch Louis de Sacy: Traité de la gloire, Paris 1715.

30 Gustav Berthold Volz (Hg.): Die Werke Friedrichs des Großen. In deutscher Übersetzung, Bd. 10, Berlin 1914, Nr. 33, 96-100: Darin fragt er die Herrscher der Welt: "Entschließt euch denn: wollt ihr die Welt bedrücke,/ wollt ihr durch eure Güte sie entzücken?/ Ein Drittes gibt es nicht! Mit halber Kraft/ Erwies kein Fürst sich noch als tugendhaft! ... Seht jenen Kurfürst, unsres Ruhmes Quell,/ So groß im Frieden wie im Schoß der Siege! Als starker Feind bewies er sich im Kriege,/ Doch zeigt‘ er auch an Edelmut sich groß."

31 Zedler: Universal-Lexicon (wie Anm. 29), Bd. 31, Halle u.a. 1742, 667

32 Michael Rohrschneider: Friedrich der Große als Historiograph des Hauses Brandenburg: Rechtfertigungstendenzen in den Mémoires pour servir à l ' histoire de la maison de Brandebourg, in: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte. Neue Folge17 (2007), 97-121.

33 André Magnan: Dossier Voltaire en Prusse (1750-1753), Oxford 1986, und Christiane Mervaud: Voltaire et Frédéric II. Une dramaturgie des lumieres, Oxford 1985.

34 Watanabe-O ' Kelly: Triumphall Shews (wie Anm. 18), 107 und 109.

35 Mervaud: Voltaire et Frédéric II. (wie Anm. 33), 178.

36 Zitiert in Rangström: Carousel (wie Anm. 19), 93.

37 Dies sollte die Chancen des französischen Hofes hintertreiben, im Falle eines etwaigen Interregnums Einfluss auf das Reich gewinnen zu können. Der Traktat Bayerns und der Seemächte vom 22. August 1750 ist im Zusammenhang mit diesem Zusammengehen von Wien und Hannover-London zu sehen. Preußen widersetzte sich ebenso wie Frankreich, das hier seinen Einfluß auf Kurköln geltend machte, diesem Ansinnen energisch, was zu einem Austausch von Zirkularschreiben führte. Diese höchst aktive Reichspolitik betrieb Georg stets besonders intensiv während seiner langen Sommeraufenthalte von Hannover aus, so auch 1750.

38 Warendorff an Friedrich, 4.7.1750, Politische Correspondenz Friedrichs des Grossen, Bd. 8, Berlin 1882, 19.

39 Friedrich an Warendorff, 21.7.1750, Politische Correspondenz (wie Anm. 38), 21f., sowie Bericht von Podewils an Friedrich, 23.7.1750, ebd., 24.

40 Bericht über den Vorfall in Brief Friedrich an Podewils, 1.8.1750, Politische Correspondenz (wie Anm. 38), 35.

41 Offenbar fühlte sich der russische Botschafter Gross missachtet, als Friedrich während der "fêtes" einige andere auswärtige Gesandte an seinen Tisch zog, nicht aber ihn. Ansonsten, so Friedrich, habe er "expressément ordonné d ' observer une parfaite égalité envers tous les ministres étrangers". Konzept eines Schreibens Friedrichs an den Berliner Botschafter in Warschau Warendorff vom 28.8.1750, Politische Correspondenz (wie Anm. 38), 61, Anm. 1, sowie Kabinettsrat Eichel an Minister Podewils, 28.8.1750, ebd.

42 Gerade erst Anfang Juli 1750 in Berlin angelangt und vom König feierlich in Audienz empfangen, reiste er bereits nach drei Wochen wieder nach Warschau ab und kehrte erst am 15.9. zurück. Zu den Terminen: Vossische Zeitung, 83/11.7.1750, und Haude- und Spenersche Zeitung, Nr. 111, 15.9.1750, also über zwei Wochen nach dem Carousel. Friedrich an den Geheimen Legationsrat Voss, 4.8.1750, und an den französischen Botschafter Tyrconnell, 6.8.1750, Politische Correspondenz (wie Anm. 38), 40f.

43 Friedrich hatte sich vorgenommen, gegenüber dem russischen Botschafter zu schweigen, um ihm nicht unmittelbar vor dem Höhepunkt der Sommerfeierlichkeiten Gelegenheit zur Verschärfung der Krise zu geben; Friedrich an Minister Podewils und Finckenstein, 19.7.1750, Politische Correspondenz (wie Anm. 38), 20. Diese "große Irrung", die in unmittelbarem Zusammenhang mit der schwedischen Krise stand, wurde auch in der zeitgenössischen politischen Literatur kommentiert, etwa in der zwei Jahre später verfassten Kurzbiographie des schwedischen Königs: "Man hatte dem Rußischen Minister Groß zu Berlin nicht also begegnet, wie er es nach seinem Character prätendirte, und da er solches mit verhaßten Umständen an seinen Hof berichtet, wurde dieser bewogen, ihn, ohne Abschied zu nehmemn, zurücke zu berufen. Der Preußische Minister zu Petersburg muste ein gleiches thun, und iederman sahe dieses vor ein Vorspiel von dem Kriegs-Feuer an, das nunmehro in Norden in volle Flammen ausbrechen würde. Denn weil Schweden und Preußen in Allianz und in genauer Freundschaft stunden, kunte man leichte erachten, daß bey erfolgender Ruptur zwischen Rußland und Preußen auch Schweden mit eingeflochten werden würde. Jedoch da zu besorgen stunde, es möchte alsdenn das Kriegs-Feuer allgemein werden, gaben sich viele andere Puissancen große Mühe, diese Irrung beizulegen". Neue Genealogisch-Historische Nachricht von den Vornehmsten Begebenheiten, welche sich an den Europäischen Höfen zutragen, worinn zugleich Vieler Stands-Personen Lebens-Beschreibungen vorkommen, Bd. 19, Leipzig 1752, 773f.


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Thomas Biskup
Preußischer Pomp
Zeremoniellnutzung und Ruhmbegriff Friedrichs des Großen im Berliner "Carousel" von 1750
Der Beitrag hinterfragt das Bild Friedrichs II. als eines besonders zeremoniellfeindlichen Monarchen, indem er mit dem Berliner "Carousel" von 1750 das größte höfische Fest in Preußen zwischen der Regierung Friedrichs I. und den romantisierenden Feiern unter Friedrich Wilhelm IV. untersucht. Die hierin deutlich werdende Verbindung von militärischem und höfischem Pomp wird als spezifische Zeremoniellgestaltung Friedrichs II. gelesen. Erstens präsentierte der kinderlose Monarch in der außenpolitischen Krisensituation des Jahres 1750 der höfischen Öffentlichkeit die zahlreichen Nachkommen seiner Dynastie. Zweitens suchte er sich nach der internationalen Anerkennung seiner schlesischen Eroberung in eine Reihe mit den großen, militärisch erfolgreichen wie zivilisationsprägenden Herrschern der Weltgeschichte (voran Ludwig XIV.) zu stellen. Sein durch Voltaire geprägter Begriff historischer Größe zeigt, dass seine Funktionalisierung von Zeremoniell vor allem von seinem über die französische Literatur vermittelten Ruhmbegriff bestimmt war. Friedrichs zeremonielle Selbstdarstellung zielte somit nicht allein auf die zeitgenössische höfische Öffentlichkeit, sondern auch auf die dauerhafte Sicherung seines Ranges in der Geschichte.
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Zeremoniell Friedrich I. Friedrich Wilhelm IV. Dynastie
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T. Biskup: Preußischer Pomp
In: Friedrich der Große und der Hof. Beiträge des zweiten Colloquiums in der Reihe „Friedrich300“ vom 10./11. Oktober 2008, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300 - Colloquien, 2)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-hof/Biskup_Pomp
Veröffentlicht am: 15.09.2009 16:50
Zugriff vom: 25.03.2017 02:58
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