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M. Stolpe: Geleitwort

Friedrich300 – Friedrich und die historische Größe

Geleitwort

Manfred Stolpe


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Es ist ausgesprochen begrüßenswert, dass die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg zusammen mit der Stiftung Preußische Seehandlung und dem Deutschen Historischen Institut Paris im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte ein wissenschaftliches Colloquium über "Friedrich und die historische Größe" veranstaltet. Dass zu dieser Fragestellung, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Friedrich300" und damit schon mit Blick auf das in Bälde zu begehende Jubiläum Friedrichs des Großen stattfindet, vor allem junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fragen und forschen, freut mich sehr.

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Der Ort der Veranstaltung in Potsdam ist gut gewählt, auch er hat mit Friedrich zu tun. Zwar findet man am Neuen Markt kein Denkmal des Königs. Jedoch trifft man auf seinen Kutscher, dessen Skulptur über dem Eingang des Kutschstalls seinen Platz einnimmt und diesen Ort dominiert. Friedrich selbst hat sich nur sparsam porträtieren lassen, als Kronprinz und als König zuletzt 1763, nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges. Umso zahlreicher sind die Bilder, die von ihm immer wieder entstanden, und noch vielschichtiger die Begriffe, die mit ihm verbunden werden: Aufklärung, Bildung, dazu Kunst und Kultur, weiterhin Toleranz und Rechtssicherheit sowie Integration und Modernität. Doch genannt werden müssen auch Aggression, Kriegstreiberei, Menschenschinderei. Das rief bei den Menschen die letzten drei Jahrhunderte hindurch Zustimmung und Begeisterung, aber auch Ablehnung und Hass hervor.

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Das alles habe ich im 20. Jahrhundert, auch im 21. noch persönlich miterlebt, habe diesen bekanntesten preußischen König im Wandel der Beurteilungen erfahren: In meiner frühesten Jugend, in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs, wurde Friedrich der Große als historische Persönlichkeit von Goebbels und der nationalsozialistischen Propaganda missbraucht. Es war allein der Feldherr, der Schlachtenlenker, der Kriegsheld, dessen Fortune im Siebenjährigen Krieg die Propaganda beschwor und die sie nun für das eigene Regime reklamieren wollte. Neben dem Glauben an Wunderwaffen sollte das militärische Glück, das der König scheinbar erzwungen hatte, die Menschen weiter auf den Sieg des Nazireichs hoffen lassen.

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In der Nachkriegszeit verkehrte sich das Bild Friedrichs ins Gegenteil. Nun wurde er zur Personifikation des preußischen und deutschen Militarismus, der soviel Unheil über Europa und die Welt gebracht hat. Besonders die Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus hat ihn in den Augen vieler zum Feind von Menschenwürde, Demokratie und freiheitlichem Fortschritt gemacht; tyrannisch und rücksichtslos sei er gewesen. In der DDR kam Friedrich – wenn überhaupt – nur mit diesen Charakterzügen und als Friedrich II. vor. Doch wer dort damals für Toleranz und Rechtstaatlichkeit eintrat, hatte in Friedrichs Toleranzedikten und dem noch von ihm initiierten Preußischen Allgemeinen Landrecht gute Argumentationshilfen.

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Erst spät, in den 1980er Jahren, wandelte sich die brüske Ablehnung, ja Verfemung hin zu einer ausgewogeneren Beurteilung. In der DDR deutete dies die Wiederaufstellung seines Reiterdenkmals Unter den Linden 1980 ebenso an wie die große Ausstellung im Neuen Palais im Park von Sanssouci über "Friedrich II. und die Kunst" 1986. In der alten Bundesrepublik entsprachen dieser Tendenz die Preußenausstellung 1981 im Berliner Martin-Gropius-Bau und die Ausstellung "Friedrich der Große" 1986 in der Orangerie des Schlosses Charlottenburg.

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Als ich 1990 in Brandenburg politische Verantwortung übernahm, begriff ich konkret, was Friedrich, vor allem in der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit, für dieses Land geleistet hat, wie er vorbildlich wirkte für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Landesentwicklung. Heute nennt die jüngste Umfrage bei unserer Bevölkerung Friedrich den Großen neben Loriot und Regine Hildebrandt als wichtigsten Brandenburger! Ich spreche aus Überzeugung von "Friedrich dem Großen".

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Die Suche aber, wie Friedrich wirklich war, ist immer noch nicht abgeschlossen, wird es wohl auch nie sein. Zu widersprüchlich erscheinen uns die Elemente seiner Persönlichkeit. Diese ihm zugeschriebene Widersprüchlichkeit – besser vielleicht Vielseitigkeit – führte zu nicht minder vielen widersprüchlichen Urteilen über ihn. Wenn man jedoch seine Eigentümlichkeit genau betrachtet, scheinen Risikobereitschaft und Innovationsfreude eine mögliche Interpretationsfolie für diese große historische Persönlichkeit zu bilden.

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Für seinen Nachruhm hat er viel getan. Der war ihm wichtig und sicher auch Motiv für so manches Risiko. Unverdrossen und mit viel Gespür für die Mechanismen der öffentlichen Wahrnehmung hat er selbst für sein Geschichtsbild gesorgt. Im Zusammenspiel mit Voltaire, aber auch mit vielen anderen Geistesgrößen seiner Zeit, baute Friedrich europaweit sein Denkmal auf. Der Journalist Jens Bisky nennt ihn daher zu Recht "den größten PR-Mann des 18. Jahrhunderts".

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Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mit dieser internationalen Konferenz zu "Friedrich und die historische Größe" ein sachliches, differenziertes, von Vorurteilen und Legenden freies Friedrich-Bild fördern. Wir brauchen die kritische Hinterfragung von Friedrichs Handlungsweisen und Ansichten, auch seiner Neigungen, etwa wenn er Vorgänger wie König Friedrich I. und potenzielle Nachfolger wie die Prinzen August-Wilhelm, Heinrich und den späteren Friedrich Wilhelm II. abschätzig beurteilte. Wir brauchen Ihre Bewertung. Wir brauchen die internationale Begleitung in unserem Verhältnis zu Friedrich. Die Debatte über "Friedrich den Großen" ist auch ein wichtiges Thema im innerdeutschen Disput. Sie ist gut geeignet, um in Deutschland zwischen Nord und Süd, Ost und West vorurteilsfreie Geschichtsarbeit und auch Identitätssuche zu betreiben.

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Deshalb bin ich überzeugt, dass Sie mit dieser Konferenz nicht nur der Wissenschaft dienen, sondern auch einen Beitrag leisten für ein selbstbewusstes, aber auch selbstkritisches deutsches Nationalbewusstsein – und damit auch die deutsche Identität in Europa stärken.

Ich wünsche dem Projekt "Friedrich300" weiterhin gutes Gelingen.

Dr. Manfred Stolpe
Ministerpräsident des Landes Brandenburg a.D.
Potsdam, 25. September 2009

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Manfred Stolpe
Geleitwort
CC-BY-NC-ND 3.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Preußen bis 1947
Politikgeschichte
20. Jh.
4047194-9 118535749 4173916-4
Potsdam Militarismus Propaganda DDR Nationalbewusstsein
1950-1999
Preußen (4047194-9), Friedrich II., Preußen, König (118535749), Personenkult (4173916-4)
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M. Stolpe: Geleitwort
In: Friedrich und die historische Größe. Beiträge des dritten Colloquiums in der Reihe „Friedrich300“ vom 25./26. September 2009, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300 - Colloquien, 3)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-groesse/stolpe_geleitwort
Veröffentlicht am: 21.09.2010 18:30
Zugriff vom: 20.11.2017 18:27
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