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H. Noltze: Geistesgröße

Friedrich300 - Friedrich und die historische Größe

Groß ist, was wir nicht sind

"Geistesgröße": Vorsichtige Umkreisung von Denkmälern

Holger Noltze


Abstract

"Größe" wird, zumal als Namenszusatz "der Große", "die Große" (Friedrich, Katharina), vor allem auf militärisch-politische Machtgrößen bezogen. Die Gabe und Kraft, eine Zeit zu prägen, eine Richtung zu weisen, sollte dazu kommen. Davon ausgehend wird das Konzept der "Größe" in Literatur, Kunst, Musik untersucht. Der Begriff "Geistesgröße" erweist sich allerdings als wenig wirksam. "Größe" in der Kunst entsteht, wenn Außerordentlichkeit im Leben und die Bereitschaft der Mit-, vor allem der Nachwelt zusammentreffen, solche markante Besonderheit als "Größe" zuzuschreiben. "Größe" kann dann als Orientierungsgröße funktionieren. Der Moderne kommen dann die Maßstäbe abhanden; weil die Kriterien fehlen, wird Größe zum historischen, phantasmatischen Fluchtpunkt. Der Zeitgenosse findet Außerordentlichkeit eher in der Kategorie des Neuen; so wird "Umstrittenheit" (als Kennzeichen des Neuen) zur Ersatz-Größe. Dem entspricht, dass Größe, wo sie noch behauptet wird, suspekt erscheint. Der Dichter Robert Walser will gerade "klein sein und bleiben"; und im Medium des Popsongs wird von der Band "Wir sind Helden" zur Zerstörung von Denkmälern aufgerufen, um eben dadurch das "Eigentliche" zu erhalten. So lässt sich "Größe" letztlich nur noch, mit Jacob Burckhardt, ex negativo bestimmen: Groß ist, was wir nicht sind .

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Das Grimmsche Wörterbuch, das es sich meistens nicht leicht macht, macht es sich, wo es um Geistesgröße geht, doch ein wenig leicht. "Geistesgrösze", heißt es unter dem entsprechenden Stichwort, ist eben die "eigenschaft des grossen geistes". 1 Das macht uns nicht viel schlauer. Immerhin werden wir weiter verwiesen auf den Großartikel "Geist", II. Abteilung, 22. Abschnitt, da geht es unter d) um den "grosze[n] geist", so heißt es, so Grimm "von helden, auch geisteshelden". Und wenig später:
"es ist ein zug des 18.jh., den begriff vorzugsweis auf dichten und denken zu beziehen (ein grosser geist bei den büchern gedacht), was denn jetzt noch nachwirkt, so dass uns z.b. groszer mann und groszer geist durchaus nicht zusammenfallen".
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Diese Differenzierung macht uns nun wenigstens ein wenig schlauer. Der "große geist" wird nämlich "bei den büchern gedacht"; großer Geist und großer Mann sind zweierlei, und es bleibt zu fragen, in welcher Weise dieses Zweierlei zu verstehen ist. Auch hier kommen wir noch etwas weiter. Von "der grösze des geistes" handelt, weiß Grimm, Thomas Abbt 3 , der aus seiner Schrift "Vom Verdienste" (1765) so zitiert wird:
"bei dem groszen geiste sieht man weniger auf die ausführung als auf die entwürfe. er kann im kabinete bleiben, niemand erwartet ihn im felde. man ist zufrieden, ihn, wenn ich so sagen darf, denken zu sehen".
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Dies gibt uns einen ersten Hinweis auf eine fundamentale Grundunterscheidung in Bezug auf "Größe": Den großen Mann erwartet man – auch! – "im felde" zu sehen, Größe wird hier zuerst ablesbar an militärischen Erfolgen, und wir haben gehört und werden mehr darüber hören, was im Fall Friedrich noch dazu kommen musste, damit er "der Große" werden konnte.

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Mein Thema ist die Geistesgröße – von der wir nun allerdings diesen Friedrich auch nicht ausschließen wollen. Den Geistesgroßen also sieht man beim Denken, und wir alle wissen, was man da sieht: nicht viel. Der Geistesgroße, immer noch nach Abbt (1765), ist Konzeptualist, um die Ausführung seiner großen Gedanken muss er sich nicht kümmern. Zugespitzt: Der Großgeist ist da ganz groß, wo er konzipiert, darin liegt die Voraussetzung von Freiheit, denn der Gedanke ist ganz frei nur da, wo er auf die Ausführung nicht festgelegt wird, die Wege des großen Gedankens können verschlungen sein, seine Qualität ist nicht an siegreichen Schlachten, an Territorialgewinnen oder der Durchsetzung von Gesundheitsreformen zu messen.

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Woran aber? Schwer zu sagen. Erstens können wir dem Geistesgroßen beim Verfertigen seiner großen Gedanken nur vor den Kopf schauen; zweitens sind die Resultate seines geistigen Heldentums nur höchst vermittelt, im Normalfall "bei den büchern" zu ermessen, aber wer liest die schon, und je mehr Neues sie enthalten, desto mehr "Umstrittenheit" lösen sie bestenfalls aus. Zum Verhältnis von Umstrittenheit und Größe später mehr, wir brauchen als Ausgangspunkt der Überlegungen zu Geistesgröße einen sichereren Grund, und der findet sich bei dem ebenfalls von Grimm beigezogenen schlesischen Barockdichter Paul Fleming:
"so bald ein groszer geist wird in die luft gehaucht / und seines schreibers kiel [Grimm fügt als Erklärung in Klammern hinzu:
(der ihn beschreibt) ] ihm in die dinte daucht, / so bald gebiert sein todt ein leben, das nicht stirbet." 5

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Das ist ein im zweiten Teil des Satzes von Fleming (Tod gebiert Unsterblichkeit) klarer, im ersten etwas ein weniger fassbarer Gedanke: Der große Geist wird in die Luft gehaucht, heißt ja: Der große Geist selbst ist schon Resultat, das Produkt, es west im Ätherischen (in die Luft gehaucht), dem aber eine materielle Seite, des "schreibers kiel" entspricht, oder gegenübersteht. Bemerkenswert ist die relative Unbestimmtheit dieses jedenfalls medialen Vorgangs: Denn wenn des "schreibers kiel" das Werkzeug des großen Geistes ist, der ätherische große Geist auch als Dintenfass erscheint, dann wäre der irdische Schreiber, Dichter, Denker als Instrument des großen Geistes gut verständlich. Es bleiben aber noch (mindestens) zwei Fragen: Wo kommt es her? Wer hat den "groszen geist[…] in die luft gehaucht"? Zweitens: Wie soll man Grimms Anmerkung verstehen ("der ihn beschreibt")? Denn ihr gemäß wäre der große Geist ja selbst nicht allein Auslöser; nicht allein, als sozusagen göttliches Tintenfass, Medium, sondern zugleich die Schreib- oder Projektionsfläche.

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So sind wir zwischen Himmel und Erde geraten, und können dies als die eigentliche Sphäre des Phänomens "Geistesgröße" erkennen. Erstens ist schon bei Fleming ableitbar, dass wir es jedenfalls mit Eigenschaften von Beschreibbarkeit zu tun haben, und mit Beschreibung, auch wenn wir nicht ganz sicher zu sagen vermögen, wer da schreibt und worauf. Zweitens, dass im Umfeld von Phänomenen wie großer Geist/ Geistesgröße mit dem Tod nicht alles aus ist, im Gegenteil: Der "todt […] gebiert ein leben, das nicht stirbet." Das ist nun wie gesagt nichts Überraschendes: Der Tod des großen Geistes ist präzise der Moment, von dem an der gewesene irdische Körper in jenen Geistzustand übergeht, in dem er freie Projektionsfläche werden kann.

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Damit kommt als wesentlicher konstituierender Faktor bei der Herstellung von Geistesgröße die Nachwelt in den Blick. Erst post mortem erreicht der große Mensch die im Prinzip unbegrenzte Beschreibbarkeit, unbegrenzt jedenfalls nicht mehr durch störende Lebens-Realien: Wir können uns die Geistesgröße nach unseren Bedürfnissen zurechtkneten. Dass Mozart in den ewigen Top Ten der Musikgeschichte wohl doch auf Platz eins rangiert, hat mit Musik, aber auch damit zu tun, dass sein Lebensstoff so außerordentlich anpassungsfähig für ganz unterschiedliche Beschreibungen ist: Am Beispiel der Geistesgröße Mozarts können wir uns sehr verschiedene, sich sogar gegenseitig ausschließende exemplarische Geschichten erzählen, Mythen konstituieren vom Wunderkind über den Liebling der Götter, vom "Sauschwanz" 6 und Popstar "Amadeus" 7 bis zur in den matschigen Boden eines Wiener Armengrabs geworfenen sterblichen Hülle jenes Geistes, der eben noch sein Requiem unvollendet hat. Der Tod erst macht den biographischen Stoff so geschmeidig, dass er den wechselnden Bedürfnissen des Publikums entsprechend geknetet werden kann, ganz gleichgültig, wie das Wetter wirklich war und ungeachtet der josephinischen Begräbnisordnung, nach der es sich keineswegs um ein Armenbegräbnis handelte.

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An Mozart, eben weil die Mozartmythen so in sich widersprüchlich erscheinen, ist ein weiterer Mechanismus im Umgang mit Größe zu studieren: Ich nenne das den Vorgang der gleichzeitigen Entrückung und Annäherung. Je näher der große Geist der Sphäre des Göttlichen kommt, je erhabener seine Existenz über alle irdische Niedrigkeit, desto ausgeprägter andererseits unser Bedürfnis, Entrückung wieder in Nähe zu verwandeln, das Große in der Nussschale des Alltäglichen zu entdecken. Erst aus der Nähe des Mitmenschentums ist die ferne Größe zu ermessen. Das ist der Sinn all der Alltagsgeschichten über die Großen, und damit ist die biographische Industrie immer noch gut beschäftigt.

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Erst die Nachwelt macht richtig "groß". Über dem Leichnam des großen Menschen hat sie, fast unbehelligt von historischen Tatbeständen, verhältnismäßig freie Bahn, "Größe" zu gestalten. Deren skulpturale Erscheinungsform ist das Denkmal. Wie aber steht es um die Mitwelt und Zeitgenossenschaft? Interessant sind die Fälle, in denen Größe sich zu Lebzeiten herausbildet. Sie sind seltener. So wie es als Sonderfall zu betrachten ist, dass etwa der große Händel in Londons Vauxhall Gardens ab 1738 seinem eigenen Standbild Guten Tag sagen konnte. Als Größe zu Lebzeiten ist natürlich vor allem Goethe anzusprechen, ein anerkannt großer Mann, nach Sturm- und Drang-Jahren, frühem Bestsellerruhm als Modeautor der "Leiden des jungen Werthers", spätestens als Minister in Weimar, nach der Selbstverwandlung in den Geheimrath . Anhand von Goethe können wir zum einen darüber spekulieren, welche Voraussetzungen denn wohl die Zuschreibung von Größe begünstigen, zweitens den Mann Goethe neben seinem Monument zu Lebzeiten in den Blick nehmen.

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Erstens: Voraussetzung für Größe zu Lebzeiten ist natürlich zunächst die Außerordentlichkeit von Taten und Werken; künstlerische Qualität. Die Fähigkeit, Erscheinungen der Gegenwart auf den Punkt zu bringen, überhaupt, das Tagesgeschehen vor dem Horizont eines Mehr-Wissens zu reflektieren. Das Wesentliche erkennen. Vielseitigkeit von Interessen und Kenntnissen. Netzwerke der Kommunikation und der Entfaltung von Wirksamkeit aufbauen und effektiv betreiben – Nachhaltigkeit, Kontinuität, usw.

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Zweitens: Der große Mann Goethe als irdisches Abbild seines eigenen Denkmals. Am Umgang mit Schiller, vor allem dem komplizierten Zueinanderfinden der beiden, ist zu sehen, wie der Große auf Augenhöhe mit einem anderen Großen agiert: nämlich ängstlich auf die Wahrung des Status eigener Singularität bedacht. Dass die Nachwelt Goethe und Schiller als Paar gemeinsam auf einen Denkmalsockel gestellt hat, streng gleichgroß, was der messbaren Physis nicht entsprach, ist Manifest eines Wunders, das darin bestand, wie zwei Große hier zueinander und zu einem Miteinander gefunden haben. Gegen die Vortrefflichkeit eines anderen helfe nur Liebe, kann irgendwann Schiller schreiben, und kann uns mit dieser sicher nicht leicht errungenen Erkenntnis mehr rühren als mit jener gelegentlich etwas rabaukenhaften Gemeinsamkeit, die sich in der Kooperation der "Xenien" vor allem im gemeinsamen Ressentiment gegen Dritte, oder überhaupt die Restwelt befestigte.

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Es war der Gedanke an ihrer beider Superiorität, der Gemeinschaft stiftete, die größer sein konnte als Rivalität, oder doch meistens. Ernsthaft die Erschütterung Goethes, als der jüngere stirbt, 1805. Und mehr als zwanzig Jahre später stellt sich der Überlebende den Schädel des Freundes auf den Schreibtisch, 1826 schreibt er "Im ernsten Beinhaus", oder "Bei Betrachtung von Schillers Schädel":

Und niemand kann die dürre Schale lieben,
Welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte.
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Das ist, was für alle gilt, für die Durchschnittsschädel. Doch:

Doch mir Adepten war die Schrift geschrieben,
Die heil
'gen Sinn nicht jedem offenbarte,
Als ich inmitten solcher starren Menge
Unschätzbar herrlich ein Gebild gewahrte, […]

Das Gebein des Genies offenbart der Anschauung denn doch das Besondere:

Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte!
Die gottgedachte Spur, die sich erhalten!
Ein Blick, der mich an jenes Meer entrückte,
Das flutend strömt gesteigerte Gestalten.
Geheim Gefäß! Orakelsprüche spendend,
Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten,
Dich höchsten Schatz aus Moder fromm entwendend
Und in die freie Luft, zu freiem Sinnen,
Zum Sonnenlicht andächtig hin mich wendend.

Die gottgedachte Spur, wohl die dem Schillerschen Cranium eingeschriebenen Linien, sie führt den Betrachter aus dem Moderdunkel des Beinhauses zu Sonne und Andacht:
Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten,
freut sich Goethe, und schließt mit einer subscriptio unter das emblematische Bild:
Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare?
Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.

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Das Gedicht ist gleich mehrfach von Interesse. Es spiegelt den Blick der Nachwelt auf den Geistesgroßen, ausnahmsweise direkt auf dessen sterblichen Rest, und dies besonders ungewöhnlich durch einen anderen Großen, dessen Bewegung natürlich viel damit zu tun hat, dass er im Blick auf Schillers Schädel sich vergegenwärtigt, was von ihm selbst bleiben wird: Knochen bloß, was sonst, aber darin der Nachwelt lesbar – den rechtunterwiesenen Adepten jedenfalls – die Spur des Göttlichen, der Gott-Natur. Ist das ein schwacher Trost? Und doch: Die Nachwelt, ist sie dem Großen einmal in den Blick gekommen, weil er sich selbst als Geistesgröße, also geschichtlich, wahrnimmt, übt einen erheblichen Einfluss auf die Lebensgegenwart der Geistesgröße aus. Goethe war in die Rolle des Großen gezwungen, er nahm sie an, er hatte sie ja gewollt, und er spielte sie wohl mit Grandezza; ihre unvermeidliche Maskierung ist das sogenannte "Geheimräthliche" seines Auftretens, im Schreiben der Hang zum zeremoniell Kanzleihaften. Darüber machen sich seine Zeitgenossen gelegentlich lustig, das dürfen sie auch, denn sie haben darunter ja auch zu leiden, wie etwa der Weimar-Reisende Jean Paul. 9

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Goethes Briefwechsel mit Zelter, das große Gespräch der späten Jahre, beginnt 1799 bereits sozusagen mit Vorsatz. Zelter wird regelrecht zum bedeutenden Briefpartner erwählt. Mindestens 875 mal geht die Post zwischen Berlin und Weimar, etwa um 1830 ändern sich Tonfall und Themen, weil jetzt mit Blick auf Veröffentlichung, auf die Nachwelt also, korrespondiert wird. Es ändert sich aber weniger, als man meinen könnte.

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Goethe und Zelter: Das sind nicht Goethe und Schiller (so sehr und so plausibel gerade Norbert Miller in seinem Buch über Goethe und seine Komponisten 10 den Korrespondenten Zelter feiert), es sind aber auch nicht Goethe und Eckermann. Wir müssen dies hier nicht genauer bestimmen, nur festhalten: Zur Konstituierung von Größe gehören nicht nur , wie bisher gesammelt, die Qualität des Werks, die Eignung des Lebens als Projektionsfläche von Mit-und vor allem Nachwelt, das Rollenbewusstsein des "Großen", es bedarf auch der Helfer, der Partner, Stichwortgeber, Souffleure, Reflektoren, der An-Strahler, und weil man ein Denkmal am wirkungsvollsten von unten anstrahlt, ist hier Augenhöhe eben nicht gefragt. Außerdem ist ja gerade in der Begegnung des Großen mit dem Nichtgroßen der Abstand immer wieder neu zu vermessen. Deshalb haben Eckermann – oder auch Beethovens selbsternannter Sekretär und Biograph Anton Schindler – von der Nachwelt immer einige Verachtung erfahren.

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Der Große im Spiegel des Kleinen: Einen Sonderfall dieser Konstellation finden wir in James Boswells Biographie des monumentalen Publizisten und Wörterbuchschreibers Dr. Johnson von 1791. 11 Es ist ein Buch von einiger Komik, weil zum einen der Ruhm und die Geistesgröße von Samuel Johnson ein wenig verweht sind, vor allem aber, weil unter der Oberfläche der Boswellschen Ruhmrederei sich mehr und mehr auch ein Hang zur Rechthaberei Bahn bricht, der der zunächst rein glänzenden Oberfläche des Geistesriesen Doktor Johnson immer mehr und immer gebrochenere Farben hinzufügt. Für 's Rechtbehalten ist die Biographie die ideale Textsorte. Das ist nun köstlich zu lesen, wie Boswell, nachdem er dem großen Mann zunächst quasi auf Knien sich genähert hatte, vor allem nach der gemeinsam unternommenen Reise in Boswells Heimat Schottland, also in aus patriotischen Gründen heikles Terrain, die Macht des Biographen nutzt, um die ihm verqueren "opinions" von Dr. Johnson mit einem ehrfurchtsvoll kritischen letzten Wort abzuschließen. Nicht der Vermessung von Geistesgröße also, sondern ihrer diskreten Demontage wegen lohnt die Lektüre dieses Werks noch.

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Auch wenn es hier ein wenig andersherum läuft und sich die Größenverhältnisse zwischen dem Biographen und seinem Gegenstand auf amüsante Weise verschieben, festzuhalten bleibt natürlich, dass das Genre der Lebensbeschreibung für die Frage, wie Geistesgröße entsteht und woran man sie erkennt, von zentraler Bedeutung ist. Hier kommen wir an Thomas Carlyle nicht vorbei, als Verfasser der sechsbändigen Friedrich-Biographie "History of Frederick the Great" von 1858-1865. Verfasser nicht nur einer frühen Schiller-Biographie und von "Essays on Goethe", sondern auch eines kapitalen Opus, "On heroes, hero worship and the heroic in history" von 1841. 12 Carlyle nimmt also nicht nur die Helden in den Blick, sondern auch unser Bedürfnis, Helden zu verehren, ja sogar die "Notwendigkeit" (Pauls), dies zu tun. Die Sehnsucht nach Größe ist danach in Wahrheit eine nach Tiefe, nämlich, wie Birgit Pauls referiert, die "tiefe[n] Berührung des Menschen 'mit den verborgenen Triebfedern des menschheitlichen Wesens und den wichtigen Lebensfragen in dieser Welt […]'" 13

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"Das Leben eines großen Mannes", so Carlyle, "hat man gesagt, ist gleichsam eine Bibel, ein Evangelium der Freiheit, welches allen Menschen gepredigt wird und wodurch wir unter so vielen ungläubigen Seelen erfahren, daß hoher Sinn noch nicht unmöglich geworden ist; […]. 14 Lassen wir die längst angebrachte Frage, ob das nicht auch für große Frauen gilt, erneut beiseite, ist als weiterer Punkt der Betrachtung zu wiederholen: Nachwelt macht Größe, und hinzuzufügen: Nachwelt braucht Größe, und groß ist, was zum Exempel taugt. Und wie wird der Große groß?

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"Wir werden durch Leiden vollendet." […] "Kein Maientanz ist eines großen Mannes Leben, sondern ein Kampf und ein Marsch, ein Krieg gegen Fürstentümer und Mächte. Es ist kein müßiger Spaziergang durch duftige Orangenhaine und grüne, blumige Wiesen in Begleitung der singenden Musen und der rosigen Horen, sondern eine ernste Pilgerfahrt durch glühende Sandwüsten, durch Regionen von Schnee und Eis. Er wandelt unter den Menschen; er liebt die Menschen mit unaussprechlichem, sanftem Mitleid, wie sie ihn nicht wieder lieben können, aber seine Seele wohnt in Einsamkeit […]." 15

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Das sind nicht nur blumige, sondern natürlich sehr christliche bzw. puritanische Gedanken aus dem viktorianischen England, letztlich folgt Carlyle dabei dem Modell der Heiligenviten: Weltgeschichte manifestiert sich in großen Geistern, die wiederum als Werkzeuge Gottes agieren, und deren Betrachtung uns auf den billigeren Plätzen zur Erbauung und Ermahnung dient. Das muss nicht überraschen. Eher schon die Idee, dass, was das weltliche Heldenwesen angeht, sich als Größter von allen und wahrer Weltherrscher ausgerechnet der Dichter erweist, "welcher die Welt nach seinem Willen formt wie weiches Wachs". Die Welt als Wille und Formstellung, wenn dieser Kalauer gestattet ist.

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Nun spricht Carlyle hier zwar explizit von den Geisteshelden, und dies in der besonders sublimen Erscheinungsform des Dichters. Gerade hier ließe sich aber auch spekulieren – ist es nicht womöglich genau dies, was auch die Größe von Alexander, Karl, Friedrich dem Großen ausmacht? Die Welt ein Stück formen wie Wachs, aber eben nicht nur "im Geiste", sondern realiter? Dann deutet die Ehrenbezeichnung "der/die Große", wenn sie nicht allein militärische Potenz meinen kann, letztlich also auf eine Art künstlerischer Potenz: Es geht um Gestaltung, Welt-Wachs-Knetung oder –Prägung.

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Das Kriterium der Welt-Knetung, Entfaltung prägender Wirksamkeit, gilt ohne Zweifel auch für Richard Wagner, mit dem unser kleines Geistesgrößenkarrussel nun allerdings ein Exemplar von umstrittener Größe vorbeifahren lässt. "Ist Wagner groß, so ist seine Größe jedenfalls eine andere als die seiner sogenannten 'Vorgänger'", schreibt Carl Einstein in "Größe in der Musik". 16 Eine andere heißt eben: eine fragwürdige. "Einwendungen gegen Wagners Größe haben eine andere Grundlage", führt Einstein aus: "den Menschen Wagner". 17 Man weiß, was gemeint ist. Wagner war kein angenehmer Zeitgenosse, die Wagnerkritik als Kritik des Charakters füllt Bände, und selbst Wagnerianer begeistern sich ja nicht am menschlichen Vorbild; der Mensch Wagner wird meist in Schutz genommen, sozusagen als Kollateralschaden bei der notwendigerweise rücksichtslosen Durchsetzung des großen Werks. Einstein bereichert unsere Sammlung von Größe-Paaren übrigens um die unvermeidliche Paarung Wagner-Verdi, und der Vergleich fällt naturgemäß zuungunsten des deutschen Musikdramatikers aus: "Verdis Gestalt ist ins immer Größere gewachsen, je mehr seiner Briefe und Äußerungen bekannt geworden sind; und als Wagners Autobiographie endlich (1911) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, ging ein tiefes Erschrecken durch die Reihen seiner Anhänger […]" 18 Das wollte man vielleicht alles so genau gar nicht wissen, wie dann noch manches aus der in dieser Hinsicht allzu gut dokumentierten Wagner-Familiengeschichte (bis heute).

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Was sein Thema "Größe in der Musik" angeht, kommt Einstein über – meist einleuchtende – rezeptionsästhetische Überlegungen über die Kategorie Nachhaltigkeit in der Musikgeschichte kaum hinaus. Über Größe bei Musikern erfahren wir immerhin: "Große Musiker stammen aus dem Bauern- und Bürgerstand", dazu die Anmerkung, "und es gehört zu den kleinen Schwächen Beethovens, daß er mit dem Gedanken seiner aristokratischen Abkunft spielte". 19 Mit dem Gedanken spielte Wagner auch, bei ihm ist es aber eine der schon vernachlässigbaren kleinen Schwächen, da gab es anderes. Dem kleinen Wagner ist das Große nicht in die Wiege gelegt worden, da hatte ein Patriziersohn wie Goethe schon andere Startbedingungen.

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Peter Wapnewski hat sich mit Richard Wagners Goethebild beschäftigt, nebenbei unter der Überschrift: "Bruchstücke einer großen Beziehung". 20 Allein in Cosimas Tagebüchern kommt der Name Goethe etwa 300 mal vor. Besonders markant unter dem Datum des 15. Februar 1870: "R. träumte von Goethe, daß er mit ihm wandelte, sich mit ihm unterhielt und bei ihm bleiben wollte, da habe ich meine Bestimmung gefunden im Umgange mit einem solchen Menschen'. Gute Laune, er arbeitet, ich bei den Kindern." 21 Schon der Traum vom gleichrangigen Umgang mit einem solchen Menschen macht dem Meister Laune. Goethe war Wagner Größe-Maßstab, und das schon viel früher.

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Dreißig Jahre zuvor, am 3.Mai 1840 heißt es in einem der unter dem Maßstab menschlicher Größe so peinlichen Bettelbriefe Wagners an Meyerbeer: "Goethe ist todt, – er war auch kein Musiker; mir bleibt Niemand als Sie." Warum bleibt ihm niemand anderes? Weil Wagner, der gestrandete deutsche Musiker in Paris die Bitte um Hilfe als Demütigung empfindet, dies aber nur durch einen ganz Großen zu ertragen bereit ist. Da Goethe "todt" ist, bleibt bloß Meyerbeer; Wagner, noch lange nicht der große Mann der Zukunftsmusik , spricht aus einem überraschenden "Gleichrangigkeitsbewußtsein", wie Wapnewski notiert. 22 Meyerbeer, der große Mann der "Grand Opéra", ein Weltstar der Musik, durfte sich bedanken, von einem Siebenundzwanzigjährigen als gleichrangig angesprochen zu werden, der sich vor allem durch eben dieses Gleichrangigkeitsbewusstsein auszeichnete; die Frechheit wird versüßt nur durch den Bezug auf den Fluchtpunkt des fraglos größeren Dritten Goethe. Und damit Meyerbeer über diese feine Frechheit gar nicht erst lang nachdenken kann, kommt Wagner gleich und sehr präzise auf den Punkt: "Ein funf u. zwanzig hundert Franken werden mir in dem nächsten Winter helfen; – wollen Sie mir sie leihen?" 23

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Meyerbeer, generös, hat geliehen und geholfen, wenn auch nicht postwendend. Ihm selbst hat das, in Wagners Augen, nicht geholfen, spätestens als er 1850 in "Das Judenthum in der Musik" den Erfolgreicheren als "berühmten jüdischen Opernkomponisten" 24 der Täuschung und des künstlerischen Betrugs bezichtigte. Was man hier lesen muss, ist alles andere als groß, es ist sogar ziemlich niedrig, aber auch ziemlich bekannt, so dass ich hier auf weitere Beispiele von Niedrigkeit beim großen Mann Wagner verzichten kann und auf den Punkt komme: dass Geistesgröße und menschliche Vortrefflichkeit nicht zusammengehen müssen.

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Wagners Größe, da hat Einstein recht, ist von anderer Art, sein Leben eignet sich nicht als Sammlung guter Beispiele, und modern ist, dass dies seiner Wirksamkeit nicht geschadet hat. Denn wenn wir jetzt das größeselige, ja bisweilen größen-wahnsinnige 19. Jahrhundert Richtung unserer Gegenwart verlassen, finden wir, die wir Probleme im Umgang mit Denkmälern, menschlichen Monumenten usw. haben, ja gerade in der Kategorie "Umstrittenheit" eine Art Ersatzbestimmungseinheit von "Größe" – jedenfalls in der Kultur. Die Müdigkeit am Alten lässt das Neue als Qualitätsmerkmal von Kunst zentral werden. Das Neue aber erscheint barbarisch, gibt nicht artig die Hand und wird auch in der Regel nicht fähnchenschwenkend willkommen geheißen. 25 Der Moderne ist das Maß für "Geistesgröße" abhanden gekommen, nicht ohne Grund, da in allen Kunstgattungen die Kategorien ins Wanken gekommen sind. Das macht der Kunst nichts, es macht Schönbergs Zwölftonmusik nichts aus, dass diese Innovation des frühen 20. Jahrhunderts beim Publikum des 21. immer noch nicht angekommen ist und die selbstbewusste Haltung des Komponisten, der seine Zeit noch kommen sah, immer noch etwas merkwürdig über dem real existierenden Musikbetrieb schwebt.

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Es kann aber dem Publikum durchaus etwas ausmachen, dass es seine Bedürfnisse, "Größe" manifestiert zu sehen, in der Kunst der Moderne auf sozusagen brüchigen Fundamenten bauen muss. "Das kann ich auch", denkt sich der Betrachter vor einem berühmten monochromen Gemälde eines großen Künstlers der Gegenwart. Er denkt es, er sagt es aber nicht, weil er weiß, dass Kunst ja nicht von Können kommt. Wo handwerkliche Maßstäbe versagen, wo der Bezug auf einen "Grundton" nicht mehr funktioniert, tritt der Neuigkeitswert als Ersatzgröße ein, und weil man das Neue oft daran erkennen kann, dass das "Alte" dagegen aufmuckt, wird also Umstrittenheit zu einer Hilfseinheit der Bestimmung von Relevanz, die man einmal "Größe" genannt hätte.

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Man gebe einmal das Suchwort "Geistesgröße" bei Google ein. Gefunden werden nicht nur signifikant weniger Einträge als etwa beim Suchworthit "fremdgehen", wie zu erwarten; selbst in einem online-Wörterbuch wird aber nur ein einziger Anwendungsbeispielsatz gefunden: "Du bist ja eine richtige Geistesgröße." Der Verdacht, das Wort sei nur noch ironisch im Gebrauch, lässt sich durchaus erhärten an folgendem Fundstück: "Postkoloniales Gedöns – Attacke einer sozialdemokratischen Geistesgröße." Das kann ja nur ironisch gemeint sein. Und traurig der Befund auf der Seite "P.M. Besserwissen": "Suchergebnisse in 'geistesgröße': Links in "geistesgröße: nichts gefunden. Mitglieder für 'geistesgröße': nichts gefunden."

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Nichts gefunden , das gibt es im Internet ja eigentlich gar nicht. "Größe", "Geistesgröße" ist uns suspekt. Auch dem journalistischen Gebrauch des Wortes haftet etwas Ironisches an. Wenn in einem Wochenendbeilagenartikel der Süddeutschen Zeitung 26 ein im Grunde sympathischer Romanautor, der wegen nachhaltiger Erfolglosigkeit sein Leben offenbar klaglos als Nachtportier am Bochumer Schauspielhaus fristet, als ein Mann bezeichnet wird, "den manche für den größten lebenden Erzähler des Ruhrgebiets halten", liegt darin ja auch eine Ironie.

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Aber ich möchte es nicht leicht machen und hier mit einer Wortgebrauchsbetrachtung enden, wie es anfing bei Grimm, auch nicht mit einem süffisanten "nichts gefunden", sondern mit einem anderen Schriftsteller, den wir uns an einem Ort vorstellen könnten, der hier dauernd umkreist wurde: vor einem Denkmal stehend. Also es steht ein lyrisches Ich vor einem Podest, darauf steht ein großer Mann:

Warum auch?
Als nun ein solcher klarer
Tag hastig wieder kam,
sprach er voll ruhiger, wahrer
Entschlossenheit langsam:
Nun soll es anders sein,
ich stürze mich in den Kampf hinein;
ich will gleich so vielen andern
aus der Welt tragen helfen das Leid,
will leiden und wandern,
bis das Volk befreit.
Will nie mehr müde mich niederlegen;
es soll etwas
geschehen; da überkam ihn ein Erwägen,
ein Schlummer: ach, laß doch das.

<33>

Auch dies eine Antwort auf den Aufruf zur Größe: Lass' doch das. Das Gedicht stammt von Robert Walser, einem Dichter, der in dem zumindest ein wenig erfolgreichen Roman "Jakob von Gunten" seinem "Helden" folgendes Motto mitgegeben hat: "Klein sein und bleiben." Walser wurde nach allerhand Lebens-Erfolglosigkeit 1929 für den Rest seines Lebens in schweizerische Nervenheilanstalten eingewiesen. Er kann uns, wenn es um Größe geht, interessieren, weil er den graphologischen Gegenweg ging, indem er seine Literatur in einer immer kleiner werdenden Schrift verfasste, so klein, dass, als diese "Mikrogramme" später in einem Schuhkarton gefunden wurden, sie für eine "unentzifferbare Geheimschrift" gehalten wurden. Robert Walser hatte versucht, sich aus der Welt der herrschenden Größenverhältnisse durch Winzig-und Winzigerwerden herauszuschreiben. Bezogen auf Nachwelt und Nachruhm gelang ihm das nicht. Dazu war die Geschichte zu gut. Die Entzifferung der teilweise höchst seltsamen Mikrogramme geriet zu einer Sensation des Literaturbetriebs. Und so wurde auch Robert Walser ein "großer Schriftsteller", einer der größten des 20. Jahrhunderts. Am Ende wird man ihm ein Denkmal errichten. Es wird ihm aber nichts anhaben.

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Anders als dem Liebespaar in "Denkmal", einem Stück der Band mit dem bezeichnenden Namen "Wir sind Helden": "Sie haben uns / ein Denkmal gebaut / Und jeder Vollidiot weiß / Dass das die Liebe versaut." Damit ist die Erkenntnis ins Alltagswissen gesickert, in den Banalitätsstein eines Popsongs gehauen: Wenn es groß ist, das Denkmal, kann es sich nicht um uns handeln. Dass sich unter dem Suchbegriff "Geistesgröße" im allessammelnden Worldwide Web ein signifikantes Loch auftut, hat vielleicht mit solchen Versteinerungsängsten (wie verständlich unter Liebenden!), aber auch mit einem kritischen Reflex zu tun, der jede Größe unter Hohlheitsverdacht stellt. Peter Sloterdijk hat in einem erstaunlichen philosophischen Bestseller mit dem Titel "Du mußt dein Leben ändern" 27 viele hundert Seiten geschrieben, um ein Bewusstsein von etwas neu zu schaffen, was er "Vertikalspannung" 28 nennt, die Ahnung davon, dass es so etwas wie ein "oben" gibt, dem man sich übend, strebend annähern könnte.

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Ein gigantisches Projekt. Der panoramatische Blick auf die zeitgenössischen Choreographien im Umgang mit Größe, als Resultanten von Projektionslust und Vergeblichkeits-Skepsis, ungelenke Tänze im Schatten von Denkmälern, lässt einstweilen nur die Erneuerung eines vorläufigen Bescheids zu, den schon Jakob Burkhardt ergehen ließ: Groß ist, was wir nicht sind. 29

Autor:

Prof. Dr. Holger Noltze
Universität Dortmund
Institut für Musik und Musikwissenschaft
Emil-Figge-Str. 50
44227 Dortmund
holger.noltze@uni-dortmund.de

1 Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Vierten Bandes erste Abtheilung, Zweiter Theil. Bearb. von Rudolf Hildebrand und Hermann Wunderlich, Leipzig 1897, Sp. 2762.

2 Grimm: Wörterbuch (wie Anm. 1), Sp. 2708 f.

3 Thomas Abbt: Vom Verdienste, Berlin / Stettin 1765.

4 Zitiert nach Grimm: Wörterbuch (wie Anm. 1), Sp. 2709.

5 Zitiert nach Grimm: Wörterbuch (wie Anm. 1), Sp. 2708.

6 So zeichnet Mozart etwa in den Briefen an sein "Bäsle". Vgl. Gernot Gruber / Joachim Brügge (Hg.): Das Mozart-Lexikon, Laaber 2005, 462.

7 So etwa in Miloš Formans Verfilmung "Amadeus" (USA 1984).

8 Erich Trunz (Hg.); Goethes Werke, Bd. 1: Gedichte und Epen, 8. Aufl., Hamburg 1966, 366f.

9 Über Goethes und Schillers Spott über Jean Pauls sehr anders geartetes Genie und dessen Reaktion vgl. Holger Noltze: Goethe für die Westentasche, München 2007, 52f.

10 Norbert Miller: Die ungeheure Gewalt der Musik. Goethe und seine Komponisten, München 2009.

11 James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen, hg. und übersetzt von Fritz Güttinger, Zürich 2008.

12 Dt.: Thomas Carlyle: Über Helden, Heldenverehrung und das Heldenmütige in der Geschichte: 6 Vorlesungen. Nach der Übersetzung von J. Neuberg, hg. von Robert von Erdberg, Berlin 1912.

13 Birgit Pauls: Giuseppe Verdi und das Risorgimento: ein politischer Mythos im Prozess der Nationenbildung, Berlin 1996, 278.

14 Carlyle: Helden (wie Anm. 11), 88.

15 Carlyle: Helden (wie Anm. 11), 92.

16 Carl Einstein: Grösse in der Musik, Zürich / Stuttgart 1951.

17 Einstein: Grösse (wie Anm. 16), 93.

18 Einstein: Grösse (wie Anm. 16), 95.

19 Einstein: Grösse (wie Anm. 16), 78.

20 Peter Wapnewski: Rivale Faust. Beobachtungen zu Wagners Goethe-Verständnis, in: Peter Wapnewski: Liebestod und Götternot. Zum 'Tristan' und zum 'Ring des Nibelungen', Berlin 1988, 51ff.

21 Zitiert nach Wapnewski: Liebestod (wie Anm. 20), 56.

22 Wapnewski: Liebestod (wie Anm. 20), 55.

23 Wapnewski: Liebestod (wie Anm. 20), 55.

24 Richard Wagner: Das Judentum in der Musik, in: Wolfgang Golther (Hg.): Richard Wagner, Gesammelte Schriften und Dichtungen, 5. Band, Berlin / Leipzig o.J., 84.

25 Über den Barbaren als Heros des Neuen: Manfred Schneider: Der Barbar: Endzeitstimmung und Kulturrecycling, München 1997.

26 Alexander Runte: Der Typ von der Tür. [Schriftsteller Wolfgang Welt]. Süddeutsche Zeitung vom 7.2.2009.

27 Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt a.M. 2009.

28 Zum Beispiel Sloterdijk: Leben (wie Anm. 27), 47.

29 "Größe ist, was wir nicht sind." Jacob Burkhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen, hrsg. von Albert Oeri und Emil Dürr, Berlin / Leipzig 1929, 160.

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PSJ Metadata
Holger Noltze
Groß ist, was wir nicht sind.
"Geistesgröße": Vorsichtige Umkreisung von Denkmälern
"Größe" wird, zumal als Namenszusatz "der Große", "die Große" (Friedrich, Katharina), vor allem auf militärisch-politische Machtgrößen bezogen. Die Gabe und Kraft, eine Zeit zu prägen, eine Richtung zu weisen, sollte dazu kommen. Davon ausgehend wird das Konzept der "Größe" in Literatur, Kunst, Musik untersucht. Der Begriff "Geistesgröße" erweist sich allerdings als wenig wirksam. "Größe" in der Kunst entsteht, wenn Außerordentlichkeit im Leben und die Bereitschaft der Mit-, vor allem der Nachwelt zusammentreffen, solche markante Besonderheit als "Größe" zuzuschreiben. "Größe" kann dann als Orientierungsgröße funktionieren. Der Moderne kommen dann die Maßstäbe abhanden; weil die Kriterien fehlen, wird Größe zum historischen, phantasmatischen Fluchtpunkt. Der Zeitgenosse findet Außerordentlichkeit eher in der Kategorie des Neuen; so wird "Umstrittenheit" (als Kennzeichen des Neuen) zur Ersatz-Größe. Dem entspricht, dass Größe, wo sie noch behauptet wird, suspekt erscheint. Der Dichter Robert Walser will gerade "klein sein und bleiben"; und im Medium des Popsongs wird von der Band "Wir sind Helden" zur Zerstörung von Denkmälern aufgerufen, um eben dadurch das "Eigentliche" zu erhalten. So lässt sich "Größe" letztlich nur noch, mit Jacob Burckhardt, ex negativo bestimmen: Groß ist, was wir nicht sind.
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Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Europa
Kultur- und Mentalitätsgeschichte
19. Jh.
4015701-5 4161197-4 4026482-8 4161230-9
Thomas Abbt Paul Fleming Amadeus Mozart Johann Wolfgang Goethe Richard Wagner Robert Walser
Europa (4015701-5), Ideal (4161197-4), Identität (4026482-8), Idol (4161230-9)
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H. Noltze: Geistesgröße
In: Friedrich und die historische Größe. Beiträge des dritten Colloquiums in der Reihe „Friedrich300“ vom 25./26. September 2009, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300 - Colloquien, 3)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-groesse/noltze_geistesgroesse
Veröffentlicht am: 21.09.2010 18:30
Zugriff vom: 29.03.2017 19:06
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