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M. Kaiser: Friedrichs Beiname "der Große"

Friedrich300 - Friedrich und die historische Größe

Friedrichs Beiname "der Große"

Ruhmestitel oder historische Kategorie?

Michael Kaiser


Abstract

Wie soll man Friedrich nennen: Friedrich II. oder Friedrich den Großen? Das Problem für den Historiker liegt zum einen darin, sich a priori für oder gegen das Objekt seiner Untersuchung positionieren zu müssen, zum anderen muss er dies tun, ohne die Leistungsfähigkeit des Begriffs der historischen Größe genau einschätzen zu können. Nach einer Bestandsaufnahme von als historisch groß geltenden Persönlichkeiten wird am Beispiel Friedrichs dargelegt, wie er zum Beinamen des "Großen" kam. Doch was macht Friedrichs Größe aus? Die durchaus divergierenden Antworten, die im Laufe der Jahrzehnte abgegeben wurden, lassen verschiedene Konzepte von historischer Größe erkennen. Die Frage schließlich nach dem analytischen Potential des Größe-Begriffs kommt nicht umhin festzustellen, dass historische Größe im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts beständig an Bedeutung eingebüßt hat und sich heute nur als schwer operationalisierbar erweist.

Friedrich II. oder Friedrich der Große?

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Wer sich mit dem Preußenkönig beschäftigt, gerät schon zu Beginn in eine heikle Situation: Er muss Farbe bekennen, er muss sagen, wie er zu der Persönlichkeit steht, die er untersuchen will. Nennt er den König "Friedrich II." oder spricht er von "Friedrich dem Großen"? Unstreitig kann man mit der ersteren Variante nichts falsch machen, da dies die offizielle, staatsrechtliche Namensform darstellt. Die zweite Version ist hingegen zu Lebzeiten Friedrichs nie Teil seiner Titulatur gewesen – ein wichtiger Befund in der Vormoderne, in der sich an den Namen, Titeln und Benennungen immer auch der Rang, verschiedene Rechte und Ansprüche ablesen ließen. Gleichwohl hat die Bezeichnung des Königs als "Friedrich der Große" in der Geschichtsschreibung einen festen Platz. Ihre Verwendung wird als ein eindeutig positives Bekenntnis zum König gedeutet, während in die erste Version zumindest eine distanzierte, wenn nicht sogar kritische Haltung hineingelesen wird. Historiker, die sich mit Friedrich beschäftigt haben, sind deswegen immer wieder auch auf den Beinamen "der Große" eingegangen. 1

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Rasch wird deutlich, dass es an dieser Stelle keineswegs ein nur ästhetischer Streit um Worte ist. Bezeichnungen von historischen Persönlichkeiten und Phänomenen tragen immer besondere Bedeutungsnuancen und meist auch eindeutige Wertungen mit sich – über diese muss sich der Historiker erst einmal Gewissheit verschaffen, und erst nach jeweiliger Prüfung kann er sie tatsächlich in den eigenen Sprachgebrauch übernehmen. So ist der "Winterkönig" keineswegs ein ehrendes Epitheton, sondern ein Spottwort der siegreichen Propaganda, das Friedrich V. von der Pfalz, der nur einen Winter lang König von Böhmen war, 1620 auf seiner Flucht ins Exil noch lange Jahre hinterher hallte. Eindeutig positiv konnotiert ist der Begriff des "Sonnenkönigs" als Beiname für den französischen Monarchen Ludwig XIV. Doch auch in diesem Fall handelte es sich um einen Propagandabegriff, und so wird ein Historiker auch hier sorgfältig abzuwägen haben, in welchem Moment er für den französischen König ein solches Stichwort ludovizianischer Selbstinszenierung gebraucht.

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Allein diese beiden Beispiele machen deutlich, dass die Problematik des Beinamens für den preußischen König weder ein Einzelfall noch in der Handhabung trivial ist. Auch für einen bekenntnisstarken Historiker wird es schwierig, wenn er a priori begrifflich auf ein bestimmtes Bewertungsraster festgelegt wird. Denn eine ergebnisoffene Herangehensweise – und so sollte ja Geschichtswissenschaft betrieben werden – ist durch die wertungsgebundene Begrifflichkeit, die bei den Benennungen "Friedrich II." und "Friedrich der Große" mitschwingt, praktisch nicht möglich. Und genau dies ist im Umgang mit dem preußischen König der Fall.

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Auch kann das Problem nicht umgangen werden, wenn man nach anderen Formulierungen Ausschau hält. Denn die Alternativen erweisen sich als kaum praktikabel. So ist die kumulative Lösung "Friedrich II., der Große" schwerfällig und sperrig: ein typischer Ausdruck der Registersprache, der genau dort auch seinen Platz finden sollte. Wieder andere Bezeichnungen variieren und steigern den Lobpreis auf den König: "Friedrich der Einzige" und "Friedrich der Größte" transportieren in ihrer offenen und schrankenlosen Bewunderung ein wenig zu viel Pathos. Zudem legen sie als Superlative den Verdacht nahe, dass auch der Positiv "Friedrich der Große" zumindest im Ursprung und potenziell der Sphäre höfischen Herrscherlobs entstammt, der vorurteilsfreien historischen Behandlung also eher im Weg stehen mag. Keinen Ausweg aus dem Dilemma bietet auch die Bezeichnung "Alter Fritz". Dieser vor allem Volkstümlichkeit suggerierende Name erscheint doch sehr distanzlos und salopp; will man ihn angemessen verwenden, schränkt sich der Nutzen gleich ein. Zudem passt die Bezeichnung nur auf bestimmte Phasen der Biographie: Niemand wird etwa den Kronprinzen oder den König vor dem Siebenjährigen Krieg als "Alten Fritz" bezeichnen wollen. Und die Frage, für welchen Friedrich welche Bezeichnung jeweils treffend erscheint, pflanzt sich fort. Denn als "Großer" wird kaum ein Monarch geboren, und auch für einen jungen Mann, der noch nicht in Amt und Würden ist, erscheint der Beiname eigenartig. Gerade deswegen vermittelt die Formulierung "Friedrich der Große als Kronprinz" eine inhärente Spannung, 2 eben weil dem Kronprinzen geradezu präsumtiv ein Beiname attestiert wird, den er sich als Monarch erst noch erwerben musste.

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Die in dieser Formulierung aufscheinende teleologische Betrachtungsweise kam nicht ohne Not auf. Vielmehr ist sie Indiz für den früh einsetzenden Kampf um die Deutungshoheit der preußischen Historie, die von maßgeblichen Strömungen als integraler Bestandteil der deutschen Geschichte vorgestellt wurde. Überhaupt berührte die Frage nach der Benennung Friedrichs auch den historischen Kulturkampf vor allem des 19. Jahrhunderts, als die borussische Schule der Geschichtsschreibung sich anschickte, die historische Forschung an deutschen Universitäten zu dominieren und damit auch die Meinungsführerschaft über historische Themen in Deutschland auszuüben. Integraler Bestandteil dieses Narrativs war auch die Figur Friedrichs des Großen. 3 Der Streit um die Benennung des Königs ist damit nicht nur Ausdruck eines gegenwärtigen "Gesinnungsdissenses". 4 Vielmehr hat es die an der Größe des Königs zweifelnden oder überhaupt kritischen Stimmen immer schon gegeben, gerade auch in der Wahrnehmung der deutschen Geschichtswissenschaften.

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Aber wie kann sich ein Historiker, der Friedrich den Großen und seine Zeit erforschen will, zu dieser durchaus verworfenen Situation verhalten – ohne von vornherein als Kritiker oder Verherrlicher Friedrichs zu gelten? An einer Historisierung dieses Phänomens führt kein Weg vorbei. Daher ist im Folgenden zunächst zu skizzieren, welche historischen Figuren im Verlauf der Geschichte überhaupt den Beinamen "der Große" erhalten haben und wie mit dieser Benennung umgegangen wurde. Im Speziellen soll dann nachgezeichnet werden, wie Friedrich zu dieser Bezeichnung kam und wie der Umgang mit seinem Beinamen vom 18. bis ins 20. Jahrhundert hinein verlief.
Dies führt zur Frage nach den Kriterien, anhand derer historische Größe sich womöglich bemessen lässt. Wenn man einen solchen Fragenkatalog entwickeln kann, bleibt zu klären, ob die hier enthaltenen Kriterien für historische Größe jeweils zeitbezogenen Modifikationen und Schwankungen ausgesetzt sind. Verändern sich also die Ingredienzien dessen, was historische Größe ausmacht, oder sind die Indikatoren dafür absolut und überzeitlich? Schließlich bleibt die Frage, was überhaupt damit gewonnen ist, wenn eine historische Persönlichkeit als "groß" tituliert wird: Gibt es einen besonderen Erkenntnisgewinn, wenn jemand erst einmal als "der Große" identifiziert ist? Wenn sich dieser Punkt auch nur näherungsweise klären lässt, öffnet er möglicherweise den Weg zu einer bedächtigeren Haltung (s.o.) gegenüber der Frage, ob wir besser von Friedrich II. oder von Friedrich dem Großen sprechen.

Historisch Große – eine Bestandsaufnahme

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Von Jacob Burckhardt stammt die einprägsame Formel, dass Größe ist, was wir nicht sind. 5 Größe geht demnach einher mit Einzigartigkeit und auch mit Exklusivität. Doch verträgt sich dies nur schwer mit dem Befund, dass die Zahl der Persönlichkeiten, denen das Epitheton "der Große" zugeschrieben wurde, immens ist. Im Laufe der Epochen sind offenbar nicht nur Dutzende, sondern Hunderte von Persönlichkeiten in dieser Form ausgezeichnet wurden. Doch ist historische Größe tatsächlich ein Massenphänomen?

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Historiker haben immer wieder Namen zusammengestellt und versucht, hierfür einen Überblick zu bieten. 6 Am Anfang jeder Liste steht Alexander. Seine Bedeutung als Archetyp eines historisch Großen ist derart gewaltig, dass man ihn als König Alexander III. von Makedonien fast gar nicht kennt; er ist nur noch als Alexander der Große bekannt. Nachahmer gab es bereits unter den Diadochen. Genannt sei an der Stelle der Seleukide Antiochos III. Selbst Herodes, König von Judäa, erhielt diesen Beinamen zugesprochen. Unter den Römern wurde zuerst dem Feldherrn Pompeius dieses Epitheton verliehen. Später war es dann Kaiser Konstantin, der als Großer apostrophiert wurde, in der Spätantike kamen noch Kaiser Theodosius wie auch der ostgotische König Theoderich hinzu. Zur Ikone historischer Größe im Mittelalter wurde der fränkische König Karl. 7 Für das deutsche Geschichtsbewusstsein wichtig war Otto I. In der Frühen Neuzeit und speziell im 18. Jahrhundert ergibt sich eine Häufung mit Peter dem Großen, Katharina der Großen, Friedrich dem Großen. Diese Namen alleine verwässern noch nicht die historische Größe zu einem allgemeinen Phänomen, doch sind all die genannten Namen umgeben von einer großen Zahl weiterer Herrscher, die ebenfalls das Epitheton des Großen trugen.

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Die Dominanz von Herrschergestalten ist eindeutig, auch wenn neben diese noch einige andere Persönlichkeiten hinzutreten. Päpste stehen gerade im vormodernen Sinne Herrschern durchaus nahe, und tatsächlich sind auch einige von ihnen mit dem Epitheton eines "magnus" bedacht worden. Dies gilt für Leo I. und auch für Gregor I., der nicht nur der Große genannt, sondern auch heiliggesprochen wurde. Nicht als Papst, wohl aber als Kirchenlehrer ist mit Albertus Magnus, der eher selten Albert der Große genannt wird, ein Scholastiker des 13. Jahrhunderts einer der "Großen". 8 Es fehlen hingegen Künstler, Dichter und Wissenschaftler. Auch Frauen sind nicht vertreten, was, folgt man Johan Huizinga, keine Überraschung ist, denn "[a]n der Vorstellung Größe, Heroismus, klebt nun einmal ein Stück männlichen Wahns". 9 Die Zarin Katharina, die Huizinga übrigens gar nicht erwähnt, unterstreicht das Fehlen weiblicher Größe somit nur als Ausnahme. 10

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Schließlich fallen bei näherer Betrachtung all die Namen derer ein, die unbestritten als bedeutende Persönlichkeiten der Geschichte gelten, denen aber der Beiname eines Großen vorenthalten wurde. Caesar gehört zu den Nicht-Nominierten, ein schwierig zu erläuterndes Phänomen, das auch schon Burckhardt verwundert und ratlos gemacht hat, zumal er sich bei seinen grundsätzlichen Gedanken über historische Größe vielfach gerade auf den Römer bezieht. 11 Nicht minder merkwürdig ist, dass Napoleon letztlich nicht als "der Große" in die Geschichte eingegangen ist – verwunderlich auch deswegen, weil gerade er, nach eigenem Selbstverständnis und entsprechender Selbststilisierung, sich durchaus in die Nachfolge Karls des Großen und Friedrichs des Großen zu stellen bemüht war. 12 Auch für die Nicht-Herrscher haben viele das Problem der verweigerten Größe gesehen, sei es für Papst Gregor VII. oder für Martin Luther. 13 Schon Burckhardt hat ungeachtet des fehlenden Beinamens nicht nur für Monarchen, sondern auch für Religionsgründer und Künstler, Dichter, Naturforscher, Musiker ihre mögliche Teilhabe an historischer Größe zu bemessen versucht. 14

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Dabei fällt rasch auf, dass es nur wenige eindeutige Fälle zu geben scheint, in denen der Beiname des jeweiligen Großen nicht infrage gestellt wird. Viele "Große" sind offenbar nicht kanonisch geworden, da die Akzeptanz des Beinamens nicht groß genug zu sein scheint. Überhaupt scheint ein Automatismus, dass der zu Lebzeiten gebräuchliche Name auch noch nach dem Ableben Bestand hat, nicht vorhanden zu sein. Theodor Schieder hat von einem "Erosionsprozeß" gesprochen, der historische Größe verkleinert. 15 Gemeint ist damit ein allgemeines Verblassen vergangener Glorie, das auch vor den Beinamen nicht halt macht.

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Dies trifft alle Herrscher, und es zeichnet einen Karl den Großen aus, dass sein Attribut diesem fortschreitenden Verfall immer noch trotzt und nicht infrage gestellt wird. Selbst die Hochschätzung eines Alexander blieb nicht unwidersprochen; der Römer Seneca hielt die Kriegstaten Alexanders nicht für ruhmeswürdig, vielmehr rückte der Stoiker den Makedonenkönig gerade aufgrund seiner ausufernden Feldzüge in die Nähe eines Geisteskranken. 16 Alexanders Ruhm und seinem Beinamen haben diese Anwürfe nicht geschadet; andere Monarchen hat es dagegen schwerer getroffen. Ihre ehrenden Attribute sind dem allgemeinen Bewusstsein längst entfallen. Ein durchaus prominentes Opfer eines solchen verfallenden Ruhms war beispielsweise Ludwig XIV. von Frankreich; Friedrich selbst sprach dem französischen König noch den Beinamen zu und wusste sich damit einer Meinung mit Voltaire – doch ist die Geschichtsschreibung bald darauf schon von dieser Benennung abgekommen. 17

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Die Vorstellung eines langsamen, fast unmerklichen Prozesses der Verwitterung, dem historische Größe anheimfällt, ist nicht ohne Reiz, hat aber ihre Schwächen. Der Ansatz weicht nämlich der Frage aus, wer hier Akteur im historischen Prozess gewesen ist. Wer hat die Auszeichnung eines Herrschers mit einer solchen Ehrenbezeichnung betrieben oder ihr entgegen gearbeitet? Immerhin kennt die Geschichte auch Beispiele, in denen nach dem Tod das Ansehen eines Herrschers nicht von selbst verblasste, sondern dessen Verdunkelung aktiv betrieben wurde. Die bekannteste Form dieser Auslöschung eines Herrschergedenkens kannte die römische Kaiserzeit mit der sogenannten damnatio memoriae , die danach strebte, alle Spuren eines Verstorbenen zu tilgen und damit jedes Andenken an ihn zu unterbinden.

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Der Tod eines Monarchen bedeutete für seinen Nachruhm, der sich nicht zuletzt auch in einem Beinamen wie "der Große" niederschlug, naturgemäß eine kritische Phase. Der Weg von der Herrscherpanegyrik noch zu Lebzeiten des Herrschers zur dauerhaften und dann kaum infrage gestellten Verherrlichung post mortem war schwierig. Es spricht zwar einiges für die Ansicht Huizingas, dass das Attribut der Größe, sollte es dauerhaft sein, an den Tod des Geehrten gebunden war; denn so wie kaum ein Mensch an sich "groß" sein konnte, war dieses Epitheton gewissermaßen Ausdruck einer Apotheose, die erst einem Toten zuteil werden konnte. 18 Doch ob der Beiname erhalten blieb, hing nicht zuletzt von den nachfolgenden Herrschern ab, die auf die Memoria ihrer Vorgänger erheblichen Einfluss nehmen konnten.

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Dieser musste nicht immer nur negativ sein. In manchen Fällen kam der ehrende Titel erst nach dem Ableben der betroffenen Persönlichkeit auf und hat sich dann fest etablierte. Als ein Beispiel gilt Gregor der Große, der als Papst Gregor I. an der Schwelle zum 7. Jahrhundert den Pontifikat innehatte, seinen Beinamen aber offenbar erst im Hochmittelalter erhielt. 19 Offenbar gab es auch noch spätere Generationen, die in ihm einen Großen zu erkennen meinten und dieses Bild mit ebenso großem Nachdruck wie Erfolg durchsetzten. Vielfach erscheint unklar, wann welche Herrscher tatsächlich den Beinamen des Großen dauerhaft erhalten haben. Und dies gilt unabhängig von dem Umstand, ob diese Monarchen bereits zu Lebzeiten das Epitheton "groß" bei ihrem Namen führten.

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Dabei fällt jedoch auf, dass diese Titulierungen vielfach Herrscher adressierten, die als Reichsgründer auftraten oder überhaupt in Nationenbildungsprozessen eine Rolle spielten. Man wird hier an Alfred von Wessex denken, der für das englische Königtum bedeutsam war, an Wladimir I., Fürst von Nowgorod und Großfürst von Kiew, an Knut II. als König von England, Dänemark und Norwegen, an Kasimir III. von Polen oder Ludwig I. von Ungarn – Herrscher, die allesamt als groß bezeichnet wurden. Da diese Perspektive aber oftmals erst in späteren Jahrhunderten, ja womöglich erst im 19. Jahrhundert eine Rolle für die historische Wahrnehmung und auch die Traditionsbildung spielte, wird man erst in deutlich späterer Zeit die Kanonisierung der betreffenden Monarchen als Große annehmen können. 20 Eine national gefärbte Geschichtsschreibung, die ihre nationalen Gründungsheroen suchte und kreieren musste, dürfte in jedem Fall eine gewichtige Rolle gespielt haben – übrigens eine Konstellation, die auch die Debatten um Friedrich den Großen im 19. Jahrhundert geprägt hat. 21

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Doch nicht nur der nationale Diskurs beförderte die Etablierung von historischer Größe. Für die vormoderne Zeit wird man stattdessen ein dynastisches Kalkül vermuten können, demzufolge Herrscherhäuser zur Begründung und Steigerung ihres Renommees einen "Spitzenahn" zu stilisieren und mit entsprechendem Beinamen zu versehen bemüht waren; dabei musste es nicht immer nur das Epitheton der Größe sein, auch andere Beinamen dienten einem solchen Zweck. Zweifelsfrei profitierten die Dynastien davon, wenn einer aus ihrer Ahnenreihe herausgestellt und mit dem Beinamen "der Große" erhöht wurde. Damit wurde der eigenen Familie und der Herrschaft, die diese Dynastie innehatte, neuer Glanz verliehen. Das Streben oder zumindest der Wunsch der Dynastien nach einem "Großen" in ihren Reihen mag auch die große Zahl von "kleineren" Herrschern erklären, die allesamt "groß" sein wollten, ohne jemals über einen regionalen Rang hinauszukommen. Zu nennen ist hier etwa Arnulf I., der im 10. Jahrhundert Graf von Flandern war, aber auch den Beinamen des Großen erhielt, oder der Askanier Waldemar, Markgraf von Brandenburg zu Beginn des 14. Jahrhunderts.

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Wir haben es also mit Herrscherbezeichnungen zu tun, die über einen längeren Zeitraum vergeben wurden, in manchen Fällen noch zu Lebzeiten, vielfach aber erst später. Dadurch verkompliziert sich deutlich die inhaltliche Bestimmung dessen, was unter historischer Größe im Hochmittelalter, in der Frühen Neuzeit oder im 19. und 20. Jahrhundert verstanden und aufgrund welcher Kriterien dieser Beiname angenommen oder verliehen wurde. Die Auffassung von historischer Größe wird nicht einfacher, wenn wir die Perspektive erweitern und den Schlagkreis der europäischen Geschichte verlassen: Auch in anderen – asiatischen und indianischen – Reichen, wurden Herrscher als "groß" bezeichnet und hervorgehoben. Der Mogulherrscher Akbar gilt zwar unbestritten als Großer, doch ist nicht wirklich klar, welche speziellen Herrschaftsvorstellungen mit diesem Namen (oder auch Titulatur) verknüpft waren. Einen Monarchen wie ihn mit Monarchen des europäischen Herrschaftsraumes gleichzusetzen, würde womöglich Besonderheiten in jeweiligen Konzeptionen von Größe verwischen und Titulaturen etwa des orientalischen und indischen Kulturkreises in eine europäische Nomenklatur einzupassen suchen – ein typischer Missgriff einer interpretatio Europaeana . 22

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Doch soll im Weiteren der Blick weder auf die "übersehenen" oder "vergessenen" Großen der Geschichte gelenkt werden, noch auf außereuropäische Kulturkreise. Selbst bei dieser Beschränkung erscheint die Auffassung von historischer Größe komplex genug. Bislang stellt sich der Kreis derjenigen, die den Beinamen "der Große" tragen, als nicht klar abgegrenzt heraus; neben einer Kerngruppe von unbestrittenen Großen – Burckhardt nennt neben Alexander noch Karl, Peter und Friedrich 23 – bleiben viele Zuschreibungen in erstaunlichem Maße unsicher, ja erscheinen mitunter willkürlich. Bevor es um die Konzeption von Größe selbst geht, soll deshalb zunächst der Frage nachgegangen werden, wie eine Persönlichkeit zu diesem Beinamen kam. Denn wer für die Vergabe eines solchen Epithetons eintrat und welche Mechanismen dabei griffen, ist keineswegs eindeutig – und dies nicht nur bei eher unbekannten Fällen, sondern eben auch bei prominenten Großen wie Friedrich.

Die Bestimmung historischer Größe oder: Wer legt historische Größe fest?

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So klar und strahlend das Bild eines großen Herrschers erscheint, so dunkel und geheimnisvoll ist in den meisten Fällen der Ursprung dieser ihm zugeschriebenen Größe: Wer legte fest, dass ein Monarch als "Großer" tituliert wurde? Ein sehr frühes Exempel dafür, wie sehr diese Bezeichnung dem politischen Kalkül einer bestimmten historischen Konstellation entsprang, ist das Beispiel des Pompeius. Diesem wurde von Sulla, damals der starke Mann im Rom der ausgehenden Republik, der Beiname eines "Magnus" zugesprochen. 24 Damit gab der gealterte Diktator aber vor allem der Begeisterung nach, die dem jungen und erfolgreichen Feldherrn entgegengebracht wurde: Die Verleihung des Beinamens entsprach also der politischen Klugheit, indem der Diktator Sulla es vermied, sich der vorherrschenden Hochstimmung entgegenzustemmen, gleichzeitig aber einen Namen verlieh, mit dem weder Ämter noch Befugnisse verbunden waren. Pompeius seinerseits war klug genug, den Bogen nicht zu überspannen, und benutzte in dieser Phase seinen Ehrennamen kaum; erst Jahre später ließ er sich im Rahmen eines Triumphzugs von der Menge in Rom als "Großer" feiern. 25

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Die Episode um Pompeius Magnus lässt schlaglichtartig erkennen, dass historische Größe verordnet, ja geradezu gemacht wurde: Es war eine bewusste und gezielt eingesetzte Maßnahme, zu der die Akteure auch bei gleichzeitiger Abwägung anderer Mittel griffen. So wollte Sulla im Falle des Pompeius vermeiden, dass der beliebte Feldherr einen Triumph feiern konnte und damit eine offizielle Bestätigung seiner militärischen Leistungen erhielt. Dieser Befund steht durchaus im Gegensatz zur Einschätzung, dass historische Größe ein "Mysterium" sei (Burckhardt). Gerade mit Blick auf den preußischen König scheint sich zu bestätigen, dass, wie bei anderen Herrschern auch, im Falle Friedrichs der Titel eines "Großen" "von keiner anderen nachweisbaren Instanz als der anonymen Macht der Geschichte" verliehen wurde. 26

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So vermittelt die biographische Literatur zu Friedrich durchweg den Eindruck, dass der Beiname "der Große" spontan aufgekommen und dem König vom Volk angetragen worden sei. Die Episode spielte sich am 28. Dezember 1745 ab, als Friedrich nach dem Abschluss des Friedens zu Dresden, mit dem der Zweite Schlesische Krieg zugunsten Preußens beendet worden war, als Sieger in seine Hauptstadt Berlin zurückkehrte. Auf die Gestaltung seines Empfangs habe der König selbst keinerlei Einfluss genommen, ebenso wenig auch der preußische Hof. Weiterhin habe Friedrich die Ehrungen entgegen genommen, aber sich nicht weiter dazu geäußert; den neuen Beinamen habe er vielmehr – im Moment der Feierlichkeiten wie auch späterhin – "schweigend akzeptiert". 27

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Die Grundlage für diese Schilderung ist eine Flugschrift mit dem Titel "Beschreibung des Triumphirenden Einzuges welchen Seine Königliche Majestat von Preussen Friedrich der Grosse am 28. Dec. 1745. in Dero Residentz-Stadt Berlin gehalten haben". Bereits im Titel wird der Beiname Friedrichs aufgegriffen, und auf der dritten Seite der unpaginierten "Ausführliche[n] Beschreibung" wird der Vers zitiert, mit dem die Chorschüler den König begrüßten:

"Vivat, Vivat Fridericus Rex, Victor, Augustus, Magnus, Felix, Pater Patriae!"

Nicht nur Schieder hat sie benutzt, sondern bereits viel früher hat sich Preuss in seiner 1832 erschienenen Friedrich-Biographie auf diese Publikation bezogen. 28 Auch wenn die Wirkung dieses Werks als eher begrenzt einzuschätzen ist, 29 kann Preuss für sich in Anspruch nehmen, mit seiner Schilderung das Fundament für die weitere historiographische Darstellung von Friedrichs Einzug im Dezember 1745 in Berlin gelegt zu haben.

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Wenige Jahre später, 1840, erschien die Friedrich-Biographie Franz Kuglers, die dann in erweiterter Auflage 1856 neu herauskam und besonders durch die Illustrationen Adolph Menzels populär wurde. Auch in diesem weitverbreiteten und überaus erfolgreichen Werk wird die Rückkehr des Königs Ende 1745 entsprechend ausführlich dargestellt. Kugler berichtet dabei vom "Enthusiasmus des Volkes", als Festzüge auf den Straßen zu sehen waren, wo Frauen und Mädchen Blumen streuten, die Häuser mit der Inschrift "Vivat Fridericus Magnus" verziert waren und allenthalben Rufe erschollen "Es lebe der König, es lebe Friedrich der Große!", kurzum Feierlichkeiten veranstaltet wurden, die die ganze Nacht hindurch andauerten. 30 Menzel entwarf dazu eine Zeichnung, die Friedrich in offener Kutsche zeigte, umringt von einer ihm zujubelnden Volksmenge. Bei Kugler finden sich keine Einzelnachweise; dass aber die Schilderung von Preuss sehr wohl nachgewirkt hat, zeigt eine andere, einflussreiche Biographie: Thomas Carlyle bezieht sich in seiner Beschreibung ausdrücklich auf die oben angeführte Passage bei Preuss. 31 Desweiteren führt Carlyle noch die Notizen aus dem Geschichtskalender von Rödenbeck an, der von "Vivat Friedrich der Große!"-Rufen zum Empfang des Königs berichtet. 32 Was bei Kugler und Menzel noch sehr anschaulich und auch visualisiert nachzuempfinden war, fällt einige Jahrzehnte später in der Darstellung Reinhold Kosers deutlich knapper aus. Er fasst die Episode in nur einen Satz, der jedoch dramaturgisch effektvoll den ersten Band seines vierbändigen Werks beendet: "So kehrte er [Friedrich; M.K.] in das errettete Vaterland zurück, von den dankbaren Untertanen schon jetzt mit dem Ruhmestitel des Großen begrüßt, den die Nachwelt anerkannt hat." 33 Die Geschehnisse des 28. Dezembers 1745 waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts längst zum festen und unhinterfragten Referenzpunkt geworden, was die erstmalige Ehrung Friedrichs als Großen betraf.

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Allerdings darf man nicht übersehen, dass die von Preuss angeführte Flugschrift nicht das einzige Dokument ist, das über die Geschehnisse bei der Rückkehr des siegreichen Königs aus dem Krieg berichtet. Eine vierseitige Flugschrift unter dem Titel "Beschreibung derer bey Seiner Kön. Majest. in Preussen Ankunft aus Dreßden angestellten Freudens-Bezeugung und Illuminationen" war offenkundig zur selben Zeit erschienen, wenn auch ohne Angabe eines Druckers und Druckorts. Damit fehlte ihr der offiziöse Anstrich, den die andere Publikation für sich in Anspruch nehmen konnte, da jene bei Haude und Spener und damit bei einer alteingeführten Berliner Druckerei verlegt worden war, die vielfach vom Hof und der königlichen Akademie Druckaufträge erhielt. Diese anonyme Schrift war jedoch keineswegs königskritisch; man wird in ihr eine typische Publikation sehen können, mit der eine Druckerei auch ohne offizielle Erlaubnis auf ein aktuelles Ereignis reagierte, um vom öffentlichen Interesse an der Thematik profitieren zu können.

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Der hier vorgestellte Bericht entspricht weitestgehend der Darstellung der Publikation von Haude und Spener. Nur an einer Stelle fällt ein Unterschied auf. Der Gesang des Schülerchorals lautete hier:

"Vivat Vivat Vivat Fridericus Rex Pius Augustus Pater Patriae."

In dieser Überlieferung fehlt also mit dem "Magnus" das entscheidende Epitheton. Liegt ein Druckfehler vor, so dass dieses Wort versehentlich ausgelassen wurde? Auszuschließen ist es nicht, doch erscheint es unwahrscheinlich, dass gerade in dieser Passage und bei diesem Terminus ein solcher Fehler unterlaufen sein soll. Nun geht es nicht darum zu entscheiden, welche Flugschrift recht und welche unrecht hat. Wichtig ist zu sehen, dass der Befund uneindeutig ist, und möglicherweise waren die Rufe, die Friedrich als den Großen apostrophierten, gar nicht so stark und durchgängig zu vernehmen, wie es zunächst den Anschein hatte.

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Einen weiteren Befund in diesem Kontext liefern autobiographische Aufzeichnungen des Berliners Johann Friedrich Heyde. Er war Bäckermeister und fand trotzdem Zeit für Notizen, die mit dem Regierungsantritt Friedrichs einsetzten und sich über die gesamte Regierungszeit des Königs fortsetzten. Dabei trennte er zwischen Aufzeichnungen, die eher das private Lebensumfeld berührten, und einer Chronik von Ereignissen, die sich "allhier in Berlin und sonsten in unsern Lande zugetragen". 34 Sowohl in den Aufzeichnungen als auch in der Chronik verweist Heyde auf die militärischen Auseinandersetzungen und die Schlachten, die dem preußischen König dann den Sieg brachten. Weitere Berichte über die Rückkehr des Königs bietet Heyde jedoch nicht – was sehr verwundert, denn der Bäckermeister war interessiert an den Ereignissen der Politik. Außerdem zeigte er sich meist sehr gut informiert; wenn er beispielsweise vermerkt, dass der Friede mit Österreich und Sachsen im Januar 1746 geschlossen wurde, war dies aus der Sicht der Berliner nicht unbedingt ein Fehler: Tatsächlich wurde der Friedensschluss von Dresden erst am 12. Januar 1746 durch einen Herold "mit vielen Ceremonien" ausgerufen, 35 und damit wurde er auch für den aufmerksamen Bäcker kenntlich. Dass Heyde den großartigen Empfang bei der Rückkehr des Königs im Dezember 1745 auslässt, erstaunt – und erst recht merkwürdig ist, dass sich kein Hinweis auf den neuen Ruhmestitel des Königs findet.

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Diese Befunde lassen die Lesart, dass der Beiname "der Große" Friedrich vom Volk verliehen wurde, wenig plausibel erscheinen. Carlyle selbst insistiert noch einmal darauf, dass der König "von seinem Volke und Anderen ausdrücklich so benannt" worden sei. 36 Doch wird man in Zweifel ziehen müssen, dass der Empfang am 28. Dezember 1745 aus eigenem Antrieb der Berliner Bevölkerung so gestaltet wurde. Nichts spricht dafür, dass der König dieses Ereignis in seiner Choreographie völlig aus der Hand gegeben hat. Dies hätte dem monarchischen Selbstverständnis der Zeit völlig widersprochen. Schieder selbst spricht von einem "triumphalen Adventus" und stellt damit den Bezug her zu einem klassischen Ereignis in der Beziehung zwischen Monarch und Untertanen in vormodernen Zeiten. 37 Beim Einzug des Herrschers spiegelten sich Machtverhältnisse wider, wurden Hierarchien bestätigt oder konnten je nach Machtkonstellation modifiziert werden; das geübte oder veränderte Zeremoniell war dabei ein zuverlässiger Gradmesser für Kontinuitäten oder Neuerungen. Die Einholung des Monarchen in die Stadt war somit auch ein kommunikativer Akt, dessen einzelne Elemente angesichts der hohen Bedeutung dieses Ereignisses weder spontan festgelegt noch dem Zufall überlassen werden konnten – und da der König bei diesen Vorgängen die Hauptperson darstellte, kann man davon ausgehen, dass Friedrich zumindest indirekt an der Inszenierung beteiligt war oder sie in seinem Sinne hat erfolgen lassen. 38

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Ähnliches gilt für die nachfolgenden Festlichkeiten, die bis in die Nacht angehalten haben sollen. Feierlichkeiten dieser Art und dieses Ausmaßes waren in jedem Fall ein Thema der öffentlichen Ordnung. Es ist auszuschließen, dass die preußische Obrigkeit weder von diesbezüglichen Vorbereitungen etwas mitbekommen noch in diese Planungen nicht involviert gewesen ist. Eine Bestätigung dessen findet sich auch in der anonymen Flugschrift, die die Beschreibung in großer Selbstzufriedenheit beschließt: "Von einem so ausserordentlichen Freuden Fest, das hier ohne Exempel ist, verdinet es wohl, wie es würklich an dem ist, noch zum Beschlusse hinzuzufügen, daß es ohne die allermindeste Unordnung vollbracht worden."

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Diese Überlegungen lassen sich durchweg anhand der beiden Flugschriften bestätigen, die den Einzug Friedrichs und den Empfang durch die Berliner beschreiben. Der gesamte Ablauf war viel zu elaboriert, als dass es sich um spontane und nicht gelenkte Aktionen hätte handeln können: Der Aufzug der verschiedenen städtischen Korporationen, die arrangierten Gesänge und Hochrufe, die zahlreichen Ausschmückungen in der Stadt waren kaum in einer spontanen Mobilisierung aufzubieten. Vielmehr steht zu vermuten, dass zumindest gezielte Hinweise der Obrigkeit an die Untertanenschaft die Feierlichkeiten in eine Richtung lenkten, die dem König genehm war.

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So beinhaltete der Empfang, den die Compagnie der jungen Kaufleute zu Pferde dem König auf der Britzer Heide, also noch vor der Stadt, zuteilwerden ließ, auch ein dreifaches "Vivat Friedrich der Grosse". Die Flugschrift vermerkt dazu explizit, dass der König daraufhin seine "Zufriedenheit mündlich zu erkennen zu geben geruheten": Offenbar ließ Friedrich diese Ehrenbekundungen, gerade auch hinsichtlich des neuen Beinamens, nicht an sich abperlen. Überhaupt hat die Flugschrift "Beschreibung des Triumphirenden Einzuges welchen Seine Königliche Majestat von Preussen Friedrich der Grosse am 28. Dec. 1745. in Dero Residentz-Stadt Berlin gehalten haben" einen deutlich offiziöseren Anspruch, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Denn keineswegs handelt es sich dabei um eine propagandistische Publikation, die einfach nur gegenüber der preußischen Öffentlichkeit deutlich sichtbar das "Magnus" zum Namen des Königs stellen will.

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Vielmehr zeigt der Aufbau der Flugschrift, dass es sich um ein Druckwerk handelt, das den Untertanen zur Selbstvergewisserung ihrer Einbindung in Friedrichs Triumphzug dienen sollte. Nach einem knappen einleitenden Vorbericht wird zunächst vom Einzug des Königs und den hier inszenierten Ehrenbezeugungen berichtet; dieser Part endet mit dem Hinweis, dass zum Abend in der ganzen Stadt Illuminationen erstrahlten. Daraufhin habe Friedrich beschlossen, "durch die vornehmsten Strassen zu fahren, um diese merckwürdige Illumination selbst mit anzusehen". Als ob sie dem König auf der Fahrt durch seine Residenzstadt folgen, beschreiben nun die folgenden Seiten, durchnummeriert und nach einzelnen Straßen gegliedert, protokollartig die Inschriften und die Art ihrer Präsentation. Die hier aufgenommenen Beschreibungen der Lobeshymnen veranschaulichen damit nicht nur, wie sehr Berlin (und auch Potsdam, für das eine eigene Beschreibung angefügt wird) seinen siegreichen König feierte, sondern sie dokumentieren vor allem, wer sich auf welche Weise und mit welchem Motto als treuer Untertan des Königs gezeigt habe: Die Flugschrift stellte sicher auch einen Rapport für den Monarchen dar, war aber mehr noch Bestätigung für die Berliner, denen eine königstreue Gesinnung bescheinigt wurde – kein Wunder, dass der Druck auf 88 paginierte Seiten angeschwollen war.

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Gleichwohl stellte sich Friedrich bei diesen Feierlichkeiten eher verhalten dar. Man darf dies nicht als Bescheidenheitsgestus missdeuten. Denn wir müssen davon ausgehen, dass der König diese Inszenierung der Feierlichkeiten im Prinzip so gewollt und damit deren Aufführung auch so gebilligt hat. Anders konnte es auch nicht sein, dass ein Monarch mit dem herrscherlichen Selbstverständnis und Selbstbewusstsein, wie Friedrich es auszeichnete, die Verleihung eines Beinamens von einer Laune der Untertanen abhängig machte. Man mag Müdigkeit nach der Reise und dem Krieg als Erklärung anführen, in jedem Fall ist eine der herrscherlichen Dignität geforderte Distanzierung von den Untertanen einzukalkulieren. Der Monarch wollte gefeiert werden, aber nicht mitfeiern. Er machte sich nicht gemein mit dem Volk, dessen Vivat-Rufe er gleichwohl hören wollte. Aus dieser Distanzwahrung eine Ablehnung der Ehrungen abzulesen, geht deswegen zu weit.

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Wie die Reaktion des Königs auf die Feierlichkeiten zu seinen Ehren ausfiel, ist jedoch durchaus ein Thema in der Friedrich-Historiographie gewesen. So weiß Kugler mit viel Empathie davon zu berichten, in welcher Weise Friedrich beim Einzug auf die jubelnde Volksmenge reagierte: "Der König war ernst und tief bewegt; er grüßte nach allen Seiten, sprach mit Allen, die seinem Wagen nahe kamen, und bemühte sich sorglich, die Zudrängenden vor Schaden zu behüten." 39 Schon hier wird Friedrich ganz die Rolle des sorgenden Landesvaters zugeschrieben. Ein anderer Aspekt taucht später am Abend auf, als Friedrich, wieder nach Kugler, das Schloss verlassen habe und erneut in die Stadt gefahren sei, "um noch einmal den Jubel seines Volkes in Augenschein zu nehmen". 40 Tatsächlich aber ging es ihm nicht ums Feiern, vielmehr eilte Friedrich an das Sterbebett seines alten Lehrers Duhan, um Abschied zu nehmen. Kugler kontrastiert also die Ausgelassenheit des Volkes mit dem Ernst des Monarchen: Während die Berliner die Heimkehr des siegreichen und "großen" Königs die ganze Nacht hindurch feierten, ging es dem König um ein "schmerzlich theures Geschäft": Tatsächlich verlor Friedrich mit Duhan einen Vertrauten, der ihm in der Zeit des Zerwürfnisses mit seinem Vater die Treue gehalten hatte. Nicht Teilnahme am ausgelassenen Treiben, sondern Pflichtbewusstsein, hier in Gestalt der pietas des Eleven gegenüber seinem alten Hauslehrer, tritt als von Kugler in Szene gesetzte Tugend des Königs auf.

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Doch auch die Koinzidenz von Duhans Sterben und dem feierlichen Einzug des Königs in Berlin, wie Kugler sie betont, gibt keinen Anlass zur Annahme, dass Friedrich der Art und Weise seines Einzugs in die Residenzstadt indifferent gegenüber stand. Ganz im Gegenteil: Der Herrscher, der gleich am Beginn seiner Regentschaft zum "Rendezvous des Ruhms" ausgezogen war, 41 konnte gar nicht umhin, den auf dem Schlachtfeld erworbenen und durch den gerade geschlossenen Friedensvertrag bestätigten Ruhm auch mit angemessen orchestrierten Feierlichkeiten zu begehen. Und zu einer Form der Rangerhöhung, wie sie eben auch die Anerkennung des Königs als "Großer" darstellte, gehörten auch die Bekundungen durch das Volk als formelle Bestätigung und Ausweis von Akzeptanz dazu. Friedrich hat sich vielfach der Inszenierung seines Ruhms selbst angenommen. Vieles spricht dafür, dass er auch selbst dafür sorgte, am Ende des erneut siegreichen Waffengangs um Schlesien als "Fridericus Magnus" verherrlicht zu werden.

Das Konzept historischer Größe oder: Was macht Friedrich groß?

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Mit dem Abschluss des Zweiten Schlesischen Kriegs war "der preußische Fridericus Magnus geboren". 42 War damit nun der Name des Königs fest mit dem Beinamen des "Großen" vereinigt? Begann erst jetzt die Debatte, was diese Größe eigentlich ausmachte? Welche Assoziationen und Erwartungen mit diesem Epitheton verbunden wurden, war nirgends fixiert und blieb denen überlassen, die den König als "Großen" apostrophierten. Die relative Freiheit, die historische Größe Friedrichs inhaltlich nach jeweiligem Gutdünken auszufüllen, beruhte nicht zuletzt darauf, dass sich der König selbst an der Definition von historischer Größe nicht beteiligte.

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Dabei hatte Friedrich durchaus konkrete Vorstellungen davon, was einen großen König ausmachte. Bemerkungen dazu hat er immer wieder gemacht, unter anderem in den "Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg". Bei der Würdigung des Großen Kurfürsten grenzte er zunächst Cromwell aus der Betrachtung aus, der ihm zu viele verbrecherische und tyrannische Züge aufwies. Vielmehr galt nach Friedrich: "Le nom de Grand n 'est dû qu 'à des caractères héroïques et vertueux." Diese Feststellung nahm er dann als Auftakt für eine vergleichende Betrachtung seines Urgroßvaters Friedrich Wilhelm und des französischen Königs Ludwig XIV.; beiden billigte er am Ende historische Größe zu. 43 Für sich selbst definierte er den Weg zur Größe durchaus über militärischen Ruhm; bekannt ist das Diktum, mit dem er selbst rückblickend den Entschluss zum Krieg um Schlesien erläutert hat: "Der Ehrgeiz, mein Vorteil, der Wunsch, mir einen Namen zu machen, gaben den Ausschlag, und der Krieg ward beschlossen." 44

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Die Geschichtswissenschaft hat hierin früh eine Grundlegung für die sich entwickelnde Größe gesehen, doch Friedrich selbst verfolgte nach wie vor auch andere Interessen, die er ebenfalls für geeignet hielt, historische Größe zu vermitteln. Dies galt gerade für die Phase des Zweiten Schlesischen Kriegs, wie der Marquis de Valory zu beobachten meinte, der sich in diesen Jahren als französischer Gesandter am preußischen Hof aufhielt. Ihm zufolge entwickelte Friedrich damals seine militärischen Talente, war aber gleichzeitig seinen künstlerischen Neigungen verpflichtet. Der Gesandte konnte nicht umhin, im König vor allem den Schöngeist zu sehen ("bel-esprit"), der ähnlich wie der Vater eigene Marotten zu entwickeln begann. Als Beispiel dafür führt Valory Friedrichs Auffassung von einem großen König an: "le poète, l 'orateur, le musicien, absorbent le grand roi". Gleichwohl sei Friedrich, wie Valory ihn charakterisierte, sehr darum bemüht, seinen Ruf und Ruhm nach außen hin zu manifestieren: "Il court après une réputation universelle." 45 Man wird Friedrich beide Vorstellungen zubilligen müssen, sowohl das heroische nach Ruhm lechzende Konzept als auch das des musisch versierten Philosophen-Königs; beides waren für ihn Wege zur historischen Größe. Die Zeitgenossen sind ihm auf diesen Wegen nicht immer gefolgt, haben stattdessen andere und eigene Vorstellungen entwickelt.

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Von großer Bedeutung für die Charakterisierung von Friedrichs Größe sind moralische Qualitäten gewesen; dies sicher im Einklang mit den üblichen Tugendkategorien, wie sie auch Friedrich selbst an andere Herrscher angelegt hat. 46 Eine Flugschrift aus dem Jahr 1758 führt diesen Ansatz mit großer Konsequenz aus und nimmt dabei niemand geringeren als Alexander den Großen zum Maßstab, um an ihm Friedrichs Größe zu bemessen. Auffällig ist, dass die rein militärischen Begabungen keine Rolle spielen. Vielmehr thematisiert die Flugschrift Eigenschaften wie Offenheit und Ehrlichkeit, Mäßigung im alltäglichen Leben, aber auch in den politisch-militärischen Aktivitäten; schließlich wird Religiosität als unabdingbar erkannt, immerhin moderiert von der Verstandeskraft. Speziell im Krieg zeige er seine "große Menschenliebe", die nicht nur die vielen Toten bedauere, sondern sich konkret in der Sorge um die Blessierten äußere. So wie Friedrich diese Eigenschaften attestiert werden, findet sich Alexander mit dem Vorwurf konfrontiert, "Beispiel eines falschen Helden [zu] seyn, der nur geboren war, um zu verderben, zu rauben, stolz zu seyn, und daher billig verachtet zu werden". Konsequenterweise scheut sich die Flugschrift nicht, den König "Fridericum maximum, oder Friedrich den Grösten" zu nennen. 47 Dass eine Publikation, die mitten aus dem Siebenjährigen Krieg datiert, mit propagandistischer Verve den König zum Helden stilisiert und damit seine Größe erweist, ist eigentlich nicht weiter auffällig. Bemerkenswert ist jedoch, dass nicht aktuelle Kriegsgegner mit dem preußischen König verglichen werden, sondern Alexander als der Prototyp eines großen Königs. In dieser Sphäre allein erscheint Friedrich der Große seinen angemessenen Ort zu finden, nur hier finden sich Persönlichkeiten, die eines Vergleichs wert zu sein scheinen.

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Die schon 1758 angesprochene Religiosität taucht auch andernorts auf, wenn es darum geht, Friedrichs Größe auf den Begriff zu bringen. Sehr konsequent hat dies Johann Friedrich Tiede, der evangelische Pfarrer zu Schweidnitz, in einer Rede einen Monat nach dem Tod Friedrichs umgesetzt. In dieser gab er zunächst der Trauer der Gemeinde und der Untertanen Ausdruck ("Die Krone unsers Haupts ist abgefallen"), um dann ausführlich die Größe Friedrichs zu preisen. 48 Ausgangspunkt für diese Ausführungen war die Bibelstelle aus dem 1.Buch der Chronik 18,8, "Jch habe dir einen Nahmen gemacht, wie die Grossen auf Erden Nahmen haben", so dass Tiede aus der Feststellung von Friedrichs Größe rasch schlussfolgern kann: "Gott hat ihn groß gemacht." Im Weiteren entwickelt er die "Hauptzüge seiner Größe", zu denen er die Liebe der Untertanen, die Furcht der Feinde, seine Geistesgröße im Unglück (gemeint sind die militärischen Katastrophen im Siebenjährigen Krieg) und die Ehrungen der Nachwelt zählt. Anschließend erläutert Tiede, wie sehr göttliche Vorbereitung dieser Größe den Weg geebnet hatte: letztlich eine Melange aus Providenz, die den König in kritischen Situationen rettete, und entsprechender charakterlicher Disposition Friedrichs, die die bekannten Eigenschaften von der Verstandeskraft und Geistesgegenwart bis zur Duldsamkeit und Mäßigung umfasste. Insgesamt geht Tiede nicht soweit, die Größe Friedrichs religiös zu überwölben; die angesprochenen Elemente bleiben die üblichen Tugenden, wie sie von einem Großen erwartet werden. Das religiöse Element besteht vor allem in der Rückbindung von Friedrichs Tun an göttliches Wirken und göttliche Voraussicht.

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In späteren Jahren und erst recht nach dem Tod Friedrichs drängte vor allem eine Idee vor, an der Friedrichs Größe sich messen lassen musste: der Patriotismus, dann schon bald auch ein deutlich formulierter nationaler Gedanke, teils auf Preußen, teils aber auch auf Deutschland insgesamt bezogen. Entsprechende Tendenzen hat es früh gegeben, die überhaupt nicht antimonarchisch ausgerichtet waren, sondern ganz im Einklang mit dem preußischen Königtum standen, ja die gerade Friedrich den Großen in den Fokus patriotischen Strebens stellten. 49

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In den 1780er-Jahren löste dann Friedrichs Fürstenbundpolitik einen weiteren patriotischen Schub aus. Christian Friedrich Schubart verfasste einen Hymnus unter dem Titel "Friderich der Grose", in dem er die Verdienste des Königs besang. Zu Beginn stellt Schubart die Kriegstaten Friedrichs heraus, doch dann führt er unter dem Leitgedanken, dass es Friedrichs Wunsch gewesen sei, "groß und glücklich zu machen sein Volk", die Aufbauarbeit nach dem Siebenjährigen Krieg an, die Bildungsbemühungen und die Blüte der Kultur. Dass diese Kultur vor allem die deutsche sein sollte und der preußische König als Wächter der "Heldensprache" apostrophiert wurde, zeigt den Grad der Vereinnahmung, der dann am Ende im Appell kulminiert: "Sei unser Führer, Friedrich Hermann!". Die Größe des Königs wurde auf einmal zur Verpflichtung, patriotische Aufgaben zu übernehmen. Aber deren auszeichnendes Epitheton wurde von diesem historischen Vermächtnis des Römer-Bezwingers Hermann (Arminius) weggedrückt, der nun als neues Epitheton an die Stelle des Beinamens "der Große" rückte. Was hier in einem Gedicht kurz aufblitzte, verwies auf nationale Regungen, die schon kurze Zeit später auch die Friedrich-Debatte beeinflussen sollten. 50

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Dabei war das Friedrich-Bild kurz nach seinem Tod und in den Jahren des ausgehenden Ancien Régime durchweg positiv, ja es gab Züge kultischer Verehrung für "Friedrich den Einzigen", dessen politische Klugheit, landesväterliche Sorge und kulturelle Förderung über das Maß gelobt wurden. 51 Geradezu eine Anleihe bei antiken Mythen, in denen verstorbene Heroen an den Himmel versetzt wurden, machte der Vorschlag, für Friedrich ein Sternendenkmal zu setzen. Ewiges Andenken galt es zu wahren, wobei die Ausgestaltung mit Schwert, Feder und Ölzweig seine Taten als "Helden, Weisen und Friedensstifter" versinnbildlichen sollten. 52 Die Idee eines Denkmals für Friedrich grassierte auch bei anderen, und auch wenn keines dieser Projekte realisiert wurde, gaben sie dem offenbar weitverbreiteten Wunsch Ausdruck, den großen König angemessen zu verherrlichen. Entwürfe gossen das Andenken an Friedrich in die Form eines Heiligtums, wobei diese Form der Verherrlichung des toten Königs immer auch eine Indienstnahme für Preußen bedeutete. Dass dies letztlich einer Nivellierung des Monarchen Vorschub leistete, indem dieser in der preußischen Staatsidee aufging, fiel weniger auf, da der Grundtenor eindeutig positiv war, Friedrich der Große uneingeschränktes Vorbild und Leitstern Preußens war. 53

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Unabhängig von diesem positiven Friedrich-Bild gab es unverhohlene Kritik am preußischen Staat, dessen stark reglementierende Strukturen als beengend empfunden wurden. Mit der militärischen und politischen Katastrophe gegen das napoleonische Frankreich brachen sich diese Kräfte endgültig Bahn. Das Feindbild für die Reformer in Preußen wurde nun vorbehaltlos der Staat Friedrichs, dessen Scheitern 1806 manifest geworden war. Damit rückte nicht nur das staatliche System des 18. Jahrhunderts ins Visier der Kritiker, sondern auch der Monarch, der diesen Staat nicht nur ein knappes halbes Jahrhundert geführt, sondern ihn auch wie kein anderer geformt und geprägt hatte. Reformgeist und Friedrich-Kritik wurden eins. 54 Von der Größe des Königs war in diesem Moment wenig die Rede. Ein Beispiel, wie schwierig das Friedrich-Gedenken in dieser Phase war, bietet die Rede Johannes von Müllers anlässlich der Geburtstagsfeier für Friedrich im Januar 1807 in der Berliner Akademie der Wissenschaften. In ihr wurde Friedrich nicht mehr als "der Große" angesprochen, sondern nur als "unsterblicher Friedrich", und Müller rückte am Ende Napoleon in die Nachfolge Friedrichs, wenn er feststellte, "daß der Sieg, die Grösse, die Macht immer dem folgt, die dir am ähnlichsten ist". Dies war natürlich der Rücksichtnahme auf Napoleon geschuldet und stellte einen eleganten Versuch dar, "jene Franzosen, die du immer sehr liebtest, mit den Preussen, deren Ruhm du bist", zusammenzuführen. Gleichzeitig zeigte es, dass die Zeit, in der Friedrich als der Große gelten konnte, scheinbar abgelaufen war. 55

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Johannes von Müller hatte zuvor immerhin noch mahnend wie tröstend festgehalten, dass sich ein Volk niemals aufgeben dürfe. Damit adressierte er eine Instanz, die nun stärker als je zuvor als eigentlicher politischer Akteur identifiziert wurde. Dass das Volk oder besser noch die Nation zum eigentlichen Bezugspunkt der historischen Bewertung wurde, ging einher mit dem Ende des Ancien Régime. Auch Monarchen wurden nun danach beurteilt, inwieweit ihr Tun dem Ziel und Zweck der Nation entsprach. Das Ergebnis dieser Beobachtungen fiel selten positiv aus. Auch gegen Friedrich erhoben sich kritische Stimmen, von denen hier mit Adam Heinrich Müller der vielleicht bedeutendste Vertreter der politischen Romantik zu Wort kommen soll. Müller hielt 1810 in Berlin öffentliche Vorlesungen, die unter dem Titel standen: "Ueber König Friedrich II und die Natur, Würde und Bestimmung der preussischen Monarchie" 56 .

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Müllers Diagnose war so einfach wie erschütternd: Es war die Größe eines Monarchen, die kontraproduktiv wirkte, insofern sie die Entfaltung nationaler Kräfte behinderte.

"Nichts steht dem wahren Nationalgeiste so sehr im Wege, als der unfruchtbare Glaube, daß die Begründung, die Befestigung und die Rettung der Staaten nur von sogenannten großen Männern komme, welchen es, von unsichtbarer Hand verliehen sei, mit einer seltenen Wunderkraft die Völker zu ergreifen und zu kneten." (…) "Hätten die großen Europäischen Staaten von Anbeginn an eine ununterbrochene Reihe sogenannter großer Männer zu Beherrschern gehabt, so wüßten wir noch jetzt nicht, und hätten nicht empfunden, was ein Staat, was eine Nation und was Freiheit ist." 57

Im Weiteren geißelt er den Gedanken, dass immer wieder noch der "Wunderglaube an sogenannte große Männer das Aufblühen wahren Nationalgeistes, und also der Nationalkraft" behindert. 58 Und wenig später fragt er mit konkretem Bezug zu Preußen:

"Woher diese nationale Selbstvergessenheit? Weil der Held Preussens und sein glückliches Werk uns zu nahe vor Augen standen und uns das eigentliche Vaterland verdeckten; weil das Gedächtnis unsers weltlichen Ruhmes, der sich an Friedrichs Namen knüpfte, lebhafter war, als das Gefühl unsrer National-Existenz." 59

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Explizit taucht Friedrich hier als störendes Element in der nationalen Selbstfindung Preußens auf; ein knappes Vierteljahrhundert nach Schubarts Hoffnungen, die Friedrich geradezu als nationalen Erlöser apostrophiert haben, wird er nun als ein in der historischen Entwicklung geradezu überlebtes Element identifiziert. Müller äußert in seinen weiteren Ausführungen durchaus noch Lob für Friedrichs historische Leistung. Doch ändert dies nichts am Verdikt, dass die Leistungen Friedrichs als katastrophal beurteilt werden. Historische Größe war auf der Basis dieser Erkenntnis nicht mehr aufrechtzuerhalten.

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Es dauerte noch einige Jahrzehnte, bis sich die Einschätzungen Friedrichs wieder nachhaltig wandelten. 60 Doch auch jetzt blieb der nationale Auftrag bestehen, nur dass preußische Historiker einen Weg gefunden hatten, Friedrich fest in den nationalen Diskurs einzubinden, ja ihn geradezu als Ikone für die preußisch-deutsche Nationalstaatsbildung aufzubauen. Selbstverständlich blieb Friedrich damit der Große – nicht unwidersprochen, wie antiborussische Geschichtskonzepte vor allem im 19. Jahrhundert nicht müde wurden zu betonen. 61 Wichtig ist jedoch zu sehen, dass die hier Friedrich zugewiesene Größe einen anderen Fluchtpunkt ins Auge fasste. Auch wenn es immer noch sein militärischer Ruhm, seine Leistungen im Staatsaufbau und seine charakterlichen und moralischen Qualitäten zählten, so galten diese Befunde nicht für sich, sondern zählten nur im Kontext der nationalen Idee.

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Die Geschichte um Friedrichs Beinamen "der Große" und damit die Frage, welche Vorstellungen von Größe hierauf angewandt wurden, lassen sich bis weit ins 20. Jahrhundert nachverfolgen. 62 Dies soll hier nicht mehr geschehen, denn schon jetzt dürfte deutlich geworden sein, dass die historische Größe, wie es sie im Verständnis vormoderner Zeit gegeben hat, schon vor dem Anbruch des 19. Jahrhunderts mehr und mehr zurücktrat. Friedrichs Größe war im 19. Jahrhundert eine andere als die, die der König selbst für sich kreiert hatte; dies war nicht so, weil es sich nun um eine postume Größe handelte, sondern weil die politische Konstellation sich verschoben hatte: Zwar gab es noch Monarchen wie Kaiser Wilhelm I., den der Enkel zum "Großen" machen wollte, und es gab auch noch herausragende Persönlichkeiten wie einen Reichskanzler Bismarck. Größer noch als diese aber erschien die Nation; den Beinamen "der Große" zu vergeben oder gar sich zuzulegen, war nicht mehr vermittelbar. 63 Vieles spricht dafür, dass aus vergleichbaren Gründen schon Napoleon diesen Beinamen nicht erhalten hat. Insgesamt erscheint somit die späte Geschichte der historischen Größe vor allem als ihre Verfallsgeschichte.

Historische Größe als analytischer Maßstab oder: Wozu braucht man historische Größe?

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Der Blick auf das Phänomen der historischen Größe hat, wie die obigen Ausführungen andeuten wollten, vor allem eine Geschichte von offenbar willkürlichen Zuschreibungen, Modifikationen, Umdeutungen und auch Verweigerungen von Größe enthüllt. Unklar bleibt vielfach eine verbindliche Norm, nach der historische Größe messbar und vor allem qualitativ fassbar wird. Daher stellt sich abschließend die Frage, wie man historische Größe als Analysekategorie der Geschichtswissenschaften nutzen kann.

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Es fällt auf, dass sich die Forschung mit diesem Phänomen in methodischer Hinsicht wenig befasst. Jüngere Arbeiten, die die Größe einzelner Persönlichkeiten thematisieren, deklarieren das Unterfangen gleich als "Versuch": 64 offenbar Ausdruck eines Missbehagens, mit einer Kategorie zu hantieren, über deren Leistungsfähigkeit man sich nicht sicher ist. Dabei wird die Frage, was historische Größe ist, auch in Einführungen zur Geschichtswissenschaft nie aufgeworfen. In diesem derzeit durchaus blühenden Zweig der Wissenschaftsprosa gibt es dazu keine Aussagen, allein Theodor Schieder hat in den 1960er-Jahren dazu Stellung genommen. 65 Seine Ausführungen sind geprägt vom Spannungsverhältnis zwischen einem Ansatz, der historische (Einzel-)Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt, und einem strukturellen Ansatz, der soziale Konfigurationen als maßgeblich ansieht und die Bedeutung eines historisch Großen durch den Kontext verschiedenartigster Lebensbezüge relativiert. Wie sehr der Siegeszug der Sozialgeschichte die Kontroverse um die historische Größe geprägt hat, zeigt dann eine um 1980 geführte Debatte, in der vor dem Hintergrund einer dominierenden Strukturgeschichte die historische Größe an den Rand gedrängt zu werden drohte. Dass der krude Antagonismus Struktur contra Persönlichkeit und Individualität auf der Suche nach dem Wesen historischer Größe nicht weiterhilft, wird gerade auch anhand der damaligen Beiträge klar. 66 Ausführlicher hat sich dann wiederum Schieder mit der historischen Größe befasst. Nachdem er sich bereits in seiner Einführung zur Geschichtswissenschaft mehrfach auf Friedrich bezogen hatte, ist es wenig überraschend, dass er im Rahmen seiner Friedrich-Biographie von 1983 auf das Thema der historischen Größe ausführlich und grundsätzlich zu sprechen kam. Gleichwohl reichen seine Ausführungen in ihrer Ausführlichkeit und Tiefe nicht an die Überlegungen heran, wie sie Jacob Burckhardt in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" dargelegt hat. Das darin enthaltene Kapitel über "Die Individuen und das Allgemeine (Die historische Größe)" darf ungeachtet der Tatsache, dass eine Veröffentlichung nicht vorgesehen und das Manuskript auch noch nicht endgültig durchgearbeitet war, als die bis heute intensivste Auseinandersetzung mit dem Thema gelten. 67

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Burckhardt selbst macht jedoch schon zu Beginn seiner Ausführungen wenig Hoffnung auf eine positive Antwort. Die ersten Stichworte zum Auftakt des Kapitels lauten: "Fraglichkeit des Begriffes Größe; nothwendiger Verzicht auf alles Systematische und Wissenschaftliche". 68 Immerhin haben Burckhardts Bemühungen eine weitreichende Ausdifferenzierung von unterschiedlichsten Erscheinungsformen historischer Größe hervorgebracht. Gleichwohl bleibt es schwierig, überzeugende Abstrahierungen von Kriterien für Größe zu generieren; sofort sind Beispiele für bestimmte Phänotypen von Größe genannt. Auch wenn viele Beobachtungen und Zuweisungen einleuchten, bildet sich kaum ein tragendes Konzept von historischer Größe heraus. Es bleibt somit ein Steinbruch von unterschiedlichsten Exempeln, dazugehörigen Einordnungen und vorstrukturierenden Ansätzen. Zum Ende seiner Betrachtungen behandelt Burckhardt das Wesen der Größe. 69 Die hier folgenden Kriterien entsprechen körperlichen und noch mehr geistigen Qualitäten; zu nennen sind Urteils- und Differenzierungsvermögen, Willenskraft, Seelenstärke, Seelengröße, kultureller Sinn. Vieles davon leuchtet ein, doch ist es nur schwer operationalisierbar.

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Am schwierigsten erscheinen die Ausführungen dort, wo sie auf Grenzfälle stoßen. Dies ist besonders der Fall, wenn einem historisch Großen Gesetzesübertretungen, ja Verbrechen nachzusehen seien. 70 Gerade in der Beurteilung Friedrichs spielt dieser Punkt eine Rolle, da sich an der Einschätzung oder besser an der Gewichtung des preußischen Angriffs auf Schlesien auch die Frage entscheidet, ob man den König eines Verbrechens anklagt oder ihn, da er "groß" ist, von Schuld freispricht. Burckhardt ist sich dieser Untiefen durchaus bewusst, auch wenn er die Schwierigkeit, Größe von "bloßer Macht" zu unterscheiden, 71 offen benennt und damit auch dämonische Seiten dieser historisch Großen anspricht.

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Welche Dimension die Grenzfälle von historischen Personen haben können, die mit großer Macht ausgestattet sind, hat nicht Burckhardt, sondern Thomas Mann erfahren. Historische Größe zumal in der Person Friedrichs war für ihn zunächst nicht zu hinterfragen; vielmehr erkannte er in dem König ein Vorbild, dessen Wert sich für ihn gerade im entfesselten Weltkrieg offenbarte: "Deutschland ist heute Friedrich der Große." 72 Die Kategorie der historischen Größe erlebte Mann dann gut zwei Jahrzehnte später nachhaltig diskreditiert. In seinem Traktat "Bruder Hitler" von 1938 wehrte er sich dagegen, "daß man sich durch ein solches Vorkommnis [= Hitler; M.K.] das Genie überhaupt, das Phänomen des großen Mannes verleiden läßt". 73 Und anklagend fügte er hinzu, dass seine Zeit, der es gelang, "so vieles zu verhunzen", auch "die Verhunzung des großen Mannes" gebracht hat. Bei Mann wird man auch ein großbürgerlich-intellektuelles Unbehagen gegen eine allzu starke Demokratisierung von historischer Größe erkennen, die als unheilvolle Profanierung verstanden wird. Doch die Aporie war nicht zu verhindern. Mochte es mit Blick auf Hitler auch mehr als gerechtfertigt sein, bei ihm nicht über historische Größe zu reden, ließ sich dahinter doch eine Entwicklung in der politischen Kultur ablesen, die mit historischer Größe als Kriterium nicht mehr viel und vor allem nicht mehr eindeutig etwas anzufangen wusste. Möglicherweise fiel nun auch das stillschweigende Eingeständnis leichter, dass es eben schwer zu entscheiden ist, was genau historische Größe ausmacht.

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Wie lassen sich diese Beobachtungen zusammenfassen? Das Unbehagen, das ein Thomas Mann verspürte, verweist exemplarisch auf die Probleme, die zwangsläufig entstehen, wenn man historische Größe als Bewertungsmaßstab benutzen möchte. Versuche der Geschichtswissenschaft, den Begriff operationalisierbar zu machen, können weitestgehend als gescheitert betrachtet werden. Übrig bleibt somit die historische Größe als ein Narrativ von herausragenden historischen Persönlichkeiten. Auch der Beiname "der Große" erscheint nach diesem Verständnis durchaus sinnvoll, wenn man in ihm vor allem das Ergebnis einer erfolgreichen Selbstinszenierung einer historischen (Herrscher-)Persönlichkeit sieht wie auch dessen Tradierung und Vereinnahmung in späteren Zeiten erkennt. Für Friedrich konkret bedeutet dies, dass er weiterhin "der Große" genannt werden kann – eben vor dem Hintergrund einer erfolgten Selbstzuschreibung, dass er sich als ein Großer stilisierte und so auch gesehen werden wollte. Nur darf die historische Forschung deswegen nach wie vor nicht aufhören, die Leistungen Friedrichs zu untersuchen.

Autor:

Dr. Michael Kaiser
Stiftung DGIA
Rheinallee 6
53173 Bonn
michael.kaiser@stiftung-dgia.de

1 Am ausführlichsten tut dies Theodor Schieder: Friedrich der Große. Ein Königtum der Widersprüche, Frankfurt a.M / Berlin / Wien 1983. – Das hierin enthaltene Kapitel über die historische Größe (473-491) stellt eine etwas gekürzte und geänderte Version seines Akademie-Vortrages zum selben Thema dar: Theodor Schieder: Über den Beinamen "der Große". Reflexionen über historische Größe (Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Vorträge, G 271), Opladen 1984. Im Folgenden wird aus beiden Werken zitiert werden. – Siehe auch den Epilog bei Johannes Kunisch: Friedrich der Große. Der König und seine Zeit, München 2004, 541-547; Rudolf Vierhaus: Friedrich II. von Preußen. Die Widersprüchlichkeit seiner historischen Größe, in: Frühe Neuzeit. Festschrift für Ernst Hinrichs, hg. von Karl-Heinz Ziessow (Studien zur Regionalgeschichte, 17), Bielefeld 2004, 233-246; Gerd Heinrich: Friedrich II. von Preußen. Leistung und Leben eines großen Königs, Berlin 2009, 357-360.

2 Die Formulierung taucht in der älteren Literatur einige Male auf; am bekanntesten ist sicher die Arbeit von Reinhold Koser: Friedrich der Große als Kronprinz, Stuttgart 1886.

3 Zu dieser Thematik jetzt erschöpfend Peter-Michael Hahn: Friedrich der Große und die deutsche Nation. Geschichte als politisches Argument, Stuttgart 2007.

4 Der Begriff nach Schieder: Friedrich der Große (wie Anm. 1), 483.

5 Siehe Jacob Burckhardt: Die Individuen und das Allgemeine (Die historische Größe), in: Über das Studium der Geschichte. Der Text der 'Weltgeschichtlichen Betrachtungen' auf Grund der Vorarbeiten ‎von Ernst Ziegler nach den Handschriften hg. von Peter Ganz, München 1982, 377-405, hier 377.

6 Viele Namen sind bei Burckhardt: Historische Größe (wie Anm. 5) und bei Schieder: Beiname (wie Anm. 1) genannt; weitere Namen gelistet bei Otto Hintze, siehe Bernhard vom Brocke: Über den Beinamen "der Große" von Alexander dem Großen bis zu Kaiser Wilhelm "dem Großen": Annotationen zu Otto Hintzes Denkschrift "Die Bezeichnung 'Kaiser Wilhelm der Große'" für Friedrich Althoff (1901). Zugleich ein Exemplum historischer Politikberatung im preußischen Kulturstaat, in: Das Thema "Preußen" in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik des 19. und 20. Jahrhunderts, hg. von Wolfgang Neugebauer, Berlin 2006, 231-267, hier 266.

7 Paul Lehmann: Mittelalterliche Beinamen und Ehrentitel, in: Historisches Jahrbuch 49 (1929), 215-239, hier 217ff.

8 Hugo Stehkämper: Über die geschichtliche Größe Alberts des Großen. Ein Versuch, in: Historisches Jahrbuch 102 (1982), 72-93.

9 Johan Huizinga: Historische Größe. Eine Besinnung, in: ders.: Mein Weg zur Geschichte. Letzte Reden und Skizzen. Deutsch von Werner Kaegi, Basel 1947, 61-72, hier 70.

10 Siehe hierzu den Beitrag von Michael Schippan: Eine historisch Große: Katharina II. von Russland, der auch auf die vielfachen negativen Bewertungen aufmerksam macht, mit denen Katharina bedacht wurde.

11 Burckhardt: Historische Größe (wie Anm. 5), 397, Zeile 5-13 und öfter; vgl. dazu auch Schieder: Beiname (wie Anm. 1), 13.

12 Thomas Biskup: Napoleon 's Second Sacre? Iéna and the Ceremonial Translation of Frederick the Great 's Insignia in 1807, in: The Bee and the Eagle. Napoleonic France and the End of the Holy Roman Empire, 1806, edited by Alan Forrest and Peter H. Wilson (War, Culture and Society, 1750-1850), Houndmills 2009, 172-190.

13 Rudolf Schieffer: Gregor VII. Ein Versuch über die historische Größe, in: Historisches Jahrbuch 97/98 (1978), 87-107; Gottfried Maron: Martin Luther - Gedanken über historische Größe, in: GWU 34 (1983), 743-753.

14 Siehe Burckhardt: Historische Größe (wie Anm. 5), 380-391.

15 Schieder: Beiname (wie Anm. 1), 16.

16 Seneca: Epistulae morales, lib. XV, ep. 94, 62: "Agebat infelicem Alexandrum furor aliena vastandi et ad ignota mittebat."

17 Friedrich der Große: Mémoires pour servir a l 'histoire de la maison de Brandebourg, in: Œuvres de Frédéric le Grand, Bd. 1, hg. von Johann D. E. Preuss, Berlin 1846, 111; Voltaire: Le Siècle de Louis XIV, Bd. 1, 3. Aufl., Dresden 1753, S.242-243.

18 Dieser Gedanke schon bei Huizinga: Historische Größe (wie Anm. 9), 72.

19 Lehmann: Mittelalterliche Beinamen (wie Anm. 7), 220 f.

20 Bezeichnenderweise listet Otto Hintze in seiner Denkschrift vor allem diese Monarchen auf, die durchweg für die späteren Nationen als Reichsgründer verstanden werden konnten; vgl. vom Brocke, Beinamen (wie Anm. 6), 266.

21 Außer auf Hahn: Friedrich der Große (wie Anm. 3) sei verwiesen auf Karl Erich Born: Der Wandel des Friedrich-Bildes in Deutschland während des 19. Jahrhunderts, Diss., Köln 1953.

22 Der knappe Hinweis bei Burckhardt: Historische Größe (wie Anm. 5), 379, Zeile 5, zeigt, dass er sich über diese Problematik zumindest prinzipiell bewusst war, auch wenn er den Gedanken dann nicht weiter ausgeführt hat.

23 Burckhardt: Historische Größe (wie Anm. 5), 393, Zeile 22f. Ihm folgt Schieder: Beiname (wie Anm. 1), 13.

24 Plutarch: Bíoi parálleloi (Parallelbiographien), Pompeius 13.

25 Livius: Periochae, 103.

26 Schieder: Friedrich (wie Anm. 1), 473.

27 Schieder: Friedrich (wie Anm. 1), 478f.

28 Johann David Erdmann Preuss : Friedrich der Große. Eine Lebensgeschichte, Bd. 1, Berlin 1832, 220.

29 Hahn: Friedrich der Große (wie Anm. 3), 39.

30 Geschichte Friedrichs des Großen. Geschrieben von Franz Kugler. Gezeichnet von Adolph Menzel, Leipzig 1840, S. 240 und 242; die Illustration Menzels nimmt die ganze Seite 241 ein.

31 Thomas Carlyle: Geschichte Friedrichs II. von Preußen genannt Friedrich der Große. Deutsch von J. Neuberg, Berlin 1866, Bd. 4, 195.

32 Carlyle: Geschichte Friedrichs (wie Anm. 31), 195; Karl Heinrich Siegfried Rödenbeck: Tagebuch oder Geschichtskalender aus Friedrich 's des Großen Regentenleben (1740–1786), Bd. 1, Berlin 1840, 124.

33 Reinhold Koser: Geschichte Friedrichs des Großen, 6./7. Aufl., Stuttgart / Berlin 1921, Bd. 1, 538.

34 Helga Schultz (Hg.): Der Roggenpreis und die Kriege des großen Königs. Chronik und Rezeptsammlung des Berliner Bäckermeisters Johann Friedrich Heyde 1740 bis 1786, Berlin 1988, hier 43.

35 Schultz: Johann Friedrich Heyde (wie Anm. 34), 45. Die Nachricht über den Herold bei Rödenbeck: Tagebuch (wie Anm. 32), 129.

36 Carlyle: Geschichte Friedrichs (wie Anm. 31), 202.

37 Schieder: Beiname (wie Anm. 1), 21.

38 Zu diesem Phänomen hat die jüngste Forschung einige Ergebnisse vorgelegt. Gleichwohl sei auch noch verwiesen auf Winfried Dotzauer: Die Ankunft des Herrschers. Der fürstliche "Einzug" in die Stadt (bis zum Ende des Alten Reichs), in: Archiv für Kulturgeschichte 55 (1973), 245-288, der längere historische Entwicklungen in den Blick nimmt, zudem Beispiele aus dem 18. Jahrhundert anführt. Für die neueren Forschungsansätze jetzt Peter Johanek / Angelika Lampen (Hg.): Adventus. Studien zum herrscherlichen Einzug in die Stadt (Städteforschung, 75), Köln 2009, sowie die Fallstudie von Jan Brademann: Autonomie und Herrscherkult. Adventus und Huldigung in Halle (Saale) in Spätmittelalter und Früher Neuzeit (Studien zur Landesgeschichte, 14), Halle a.d. Saale 2005.

39 Kugler: Geschichte Friedrichs des Großen (wie Anm. 30), 242.

40 Kugler: Geschichte Friedrichs des Großen (wie Anm. 30), 242. – Die Episode taucht auch schon auf bei Preuss : Friedrich der Große (wie Anm. 28), 221.

41 So Friedrich gegenüber seinen Offizieren vor dem Ersten Schlesischen Krieg, siehe Arnold Berney: Friedrich der Große. Entwicklungsgeschichte eines Staatsmannes, Tübingen 1934, 123.

42 So Schieder: Beiname (wie Anm. 1), 23.

43 Friedrich der Große: Mémoires pour servir a l 'histoire de la maison de Brandebourg, in: Œuvres de Frédéric le Grand, hg. von Johann D. E. Preuss, Berlin 1846, Bd. 1, 106-111; das Zitat 106.

44 Friedrich der Große: Denkwürdigkeiten (1742), in: Die Werke Friedrichs des Großen, hg. von Gustav Berthold Volz, Bd. 2, Berlin 1913, 6.

45 Mémoires des négociations du marquis de Valori, ambassadeur de France à la cour de Berlin (…) par le comte H. de Valori, tome premièr, Paris 1820, 266

46 Man kann dies vor allem in seinen historischen Schriften ablesen, etwa in den Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg.

47 Erweis daß der preußische Monarch Friederich der Gröste mit Alexander dem Großen nicht könne verglichen werden, Amsterdam 1758, 12 S.

48 Rede bei der Gedächtnißfeier Friedrichs des Großen in der evangel. Kirche zu Schweidnitz am 14ten Sonntage nach Trinitatis 1786, gehalten von Johann Friedrich Tiede, Schweidnitz o.J.

49 Schieder: Friedrich (wie Anm. 1), 23, hebt vor allem Karl Wilhelm Ramler als Wortführer eines "spezifischen gesamtstaatlichen preußischen Patriotismus" hervor. Für die Phase des Siebenjährigen Kriegs muss auf Thomas Abbt: Vom Tode für das Vaterland, Berlin 1761, verwiesen werden, der in dieser Schrift einen monarchischen Patriotismus propagiert.

50 Christian Friedrich Daniel Schubart: Sämtliche Gedichte, Bd. 2, Stuttgart 1786, 398-406.

51 Siehe dazu Eckhart Hellmuth: Die "Wiedergeburt" Friedrich des Großen und der "Tod fürs Vaterland". Zum patriotischen Selbstverständnis in Preußen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Aufklärung 10/2 (1998), 23-54, hier bes. 27.

52 Johann E. Bode: Friedrichs Sternendenkmal. Vorgelesen in der Akademie der Wissenschaften, den 25. Jan. 1787, in: Berlinische Monatsschrift, Bd. 9, Januar bis Junius (1787), 187-190.

53 Eckhart Hellmuth: Ein Denkmal für Friedrich den Großen. Architektur, Politik und Staat in Preußen im ausgehenden 18. Jahrhundert, in: Zeitenwende? Preußen um 1800, hrsg. von Eckhart Hellmuth, Stuttgart/Bad Cannstatt 1999, 285-319.

54 Siehe knapp dazu Frank-Lothar Kroll: Friedrich der Große, in: Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 3, hg. von Etienne François und Hagen Schulze, München 2001, 620-635, hier 621f.

55 Johann [!] von Müller: Friedrichs Ruhm. Vorlesung, am 29. Januar 1807 in der Akademie der Wissenschaften zu Berlin (…) gehalten. Aus dem Französischen übersetzt, Memmingen 1807; die Zitate auf 19.

56 Adam Heinrich Müller: Ueber König Friedrich II und die Natur, Würde und Bestimmung der preussischen Monarchie. Oeffentliche Vorlesungen, gehalten zu Berlin im Winter 1810, Berlin 1810.

57 Müller: Ueber König Friedrich II (wie Anm. 56), 7.

58 Müller: Ueber König Friedrich II (wie Anm. 56), 9.

59 Müller: Ueber König Friedrich II (wie Anm. 56), 11.

60 Für das liberale und konservative Friedrich-Bild im Vormärz Born: Wandel (wie Anm. 21), 10-51.

61 Zu diesen Kontroversen und Konflikten Hahn: Friedrich der Große (wie Anm. 3), 11-44.

62 Neben den Abschnitten bei Hahn: Friedrich der Große (wie Anm. 3), 79ff., siehe auch noch Heinz Duchhardt: Friedrich der Große und der preußische Absolutismus. Positionen der "bürgerlichen" Geschichtsschreibung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in: Geschichte und Geschichtsbewußtsein. Festschrift Karl-Ernst Jeismann zum 65. Geburtstag, hg. von Paul Leidinger und Dieter Metzler, Münster 1990, 252-268.

63 Zum gescheiterten Versuch Wilhelms II., Kaiser Wilhelm I. den Beinamen "der Große" zu verleihen, siehe den Beitrag von Andreas Rose in dieser Ausgabe. Sehr hellsichtig auch schon die Argumentation dazu von Otto Hintze: Die Hohenzollern und ihr Werk. Fünfhundert Jahre vaterländischer Geschichte, 4. Aufl., Berlin 1915, 676.

64 So Schieffer: Gregor VII. (wie Anm. 13), und Stehkämper: Albert der Große (wie Anm. 8).

65 Theodor Schieder: Geschichte als Wissenschaft. Eine Einführung, 2. überarbeitete Aufl., München / Wien 1968 (zuerst 1965), hier vor allem 19, 102-106 und 112f.

66 Ernst Klett: Historische Größe, in: GWU 31 (1980), 65-76; August Nitschke: Die Bedeutung der historischen Größe. Eine Antwort, in: GWU 31 (1980), 77-85.

67 Burckhardt: Historische Größe (wie Anm. 5). Zur Werkgeschichte ebd. die Einleitung, bes. 58ff.

68 Burckhardt: Historische Größe (wie Anm. 5), 378, Z. 7f.

69 Burckhardt: Historische Größe (wie Anm. 5), 394ff.

70 Burckhardt: Historische Größe (wie Anm. 5), 401f.

71 Burckhardt: Historische Größe (wie Anm. 5), 397.

72 Thomas Mann: Friedrich und die große Koalition, Berlin 1915, 16. Dazu auch Johannes Kunisch: Thomas Manns Friedrich-Essay von 1915, in: HZ 283 (2006), 79-101.

73 Thomas Mann: Bruder Hitler, in: Thomas Mann: Gesammelte Werke, Bd. 12, Berlin 1956, 772-779, hier 778f.

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PSJ Metadata
Michael Kaiser
Friedrichs Beiname "der Große"
Ruhmestitel oder historische Kategorie?
Wie soll man Friedrich nennen: Friedrich II. oder Friedrich den Großen? Das Problem für den Historiker liegt zum einen darin, sich a priori für oder gegen das Objekt seiner Untersuchung positionieren zu müssen, zum anderen muss er dies tun, ohne die Leistungsfähigkeit des Begriffs der historischen Größe genau einschätzen zu können. Nach einer Bestandsaufnahme von als historisch groß geltenden Persönlichkeiten wird am Beispiel Friedrichs dargelegt, wie er zum Beinamen des "Großen" kam. Doch was macht Friedrichs Größe aus? Die durchaus divergierenden Antworten, die im Laufe der Jahrzehnte abgegeben wurden, lassen verschiedene Konzepte von historischer Größe erkennen. Die Frage schließlich nach dem analytischen Potential des Größe-Begriffs kommt nicht umhin festzustellen, dass historische Größe im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts beständig an Bedeutung eingebüßt hat und sich heute nur als schwer operationalisierbar erweist.
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Preußen bis 1947
18. Jh.
118535749
Jacob Burckhardt Theodor Schieder Alexander der Große Franz Kugler Johannes von Müller
Friedrich II., Preußen, König (118535749)
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M. Kaiser: Friedrichs Beiname "der Große"
In: Friedrich und die historische Größe. Beiträge des dritten Colloquiums in der Reihe „Friedrich300“ vom 25./26. September 2009, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300 - Colloquien, 3)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-groesse/kaiser_beiname
Veröffentlicht am: 21.09.2010 18:30
Zugriff vom: 25.03.2017 02:57
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