Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

T. Schenk: Friedrich und die Juden

Friedrich300 – Eine perspektivische Bestandsaufnahme

Friedrich und die Juden 1

Tobias Schenk


Abstract

Zu den Widersprüchen der Persönlichkeit Friedrichs des Großen, die seit langem die Historiker beschäftigen, zählt auch seine zeitlebens dokumentierte Aversion gegenüber der jüdischen Minderheit. Dabei ließ es der König jedoch nicht bewenden, sondern formulierte ein komplexes Regelwerk, durch welches der Judenschaft enge demographische und ökonomische Fesseln angelegt wurden. Der exzeptionelle Aufstieg, der einer kleinen Gruppe jüdischer Familien im Großgewerbe sowie im Osteuropahandel gelang, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese über Jahrzehnte hinweg betriebene Politik trotz aller Widersprüche und opportunistischen Ausnahmeregelungen zur sozialen und rechtlichen Deklassierung zahlreicher jüdischer Familien führte. Insbesondere jenseits der wirtschaftlich prosperierenden Großstädte Berlin, Königsberg und Breslau ist diese Entwicklung, die sich mancherorts bis zu demographischen Einbußen steigerte, nicht zu übersehen. Die oft betonte Rationalisierungs- und Verrechtlichungsleistung, die der “Aufgeklärte Absolutismus“ auf dem Feld der Judenpolitik vollbracht habe, erscheint vor diesem Hintergrund in zweifelhaftem Licht.

“…den hier muß ein jeder nach seiner Fasson selich werden“? Zur Rolle der Juden im Denken Friedrichs des Großen

<1>

“Friedrich und die Juden“ – begreift man diese Themenstellung im engeren Sinne, fragt man also nach der Rolle der Juden im Denken des Preußenkönigs, so fällt es nicht leicht, dieser Beziehungsgeschichte neue Facetten abzugewinnen. Stattdessen könnte man es dabei bewenden lassen, sich auf Christian Wilhelm von Dohm (1751–1820) zu berufen. Als dieser 1819, ein Jahr vor seinem Tod, publizistisch auf die vorangegangenen Jahrzehnte zurückblickte, die er in verschiedenen Positionen im preußischen wie im westphälischen Staatsdienst mitgeprägt hatte, resümierte er, Friedrich habe gegenüber den Juden “alle Gesinnungen des Landesvaters verläugnet“. 2 Mehr als 35 Jahre zuvor, als junger Kriegsrat und Freund Moses Mendelssohns (1729–1786), hatte Dohm mit seinen Überlegungen “Über die Bürgerliche Verbesserung der Juden“ 3 (1781) die Programmschrift der einsetzenden Emanzipationsdebatte in Deutschland verfasst. Im Fokus seiner Ausführungen standen dabei vor allem die restriktiven Judenordnungen der Territorien des Alten Reiches, die Dohm als eigentliche Ursache für die moralische Verdorbenheit der jüdischen Minderheit ausmachte und von deren schrittweiser Aufhebung er sich eine Integration der bislang ausgegrenzten, jedoch prinzipiell “verbesserungsfähigen“ Minderheit erhoffte.

<2>

Während über Preußen hinaus eine Debatte über seine Thesen einsetzte, begann Kaiser Joseph II. seine von Widersprüchen gewiss nicht freie, von zahlreichen aufgeklärten Juden jedoch enthusiastisch gefeierte Toleranzgesetzgebung ins Werk zu setzen. Doch wenn vor dem Hintergrund dieser Wandlungsprozesse, die der späteren staatsbürgerlichen Emanzipation den Weg bereiteten, das Jahr 1781 in den gängigen Handbuchdarstellungen als Zäsur im Rahmen der deutsch-jüdischen Geschichte der Neuzeit erscheint, 4 muss darauf hingewiesen werden, dass all diese Entwicklungen am König von Preußen nahezu spurlos vorübergingen, obwohl der “roi philosophe“ zweifellos zu den Adressaten von Dohms Schrift zu rechnen ist.

<3>

Denn Friedrich hegte gegenüber den Juden zeitlebens eine tiefe Aversion, die häufig aktenkundig geworden ist und darüber hinaus auch in programmatischen Schriften wie den Politischen Testamenten von 1752 und 1768 ihren Niederschlag fand. 5 Danach sollten sich Juden im preußischen Staat lediglich in dem Maße entfalten können, in dem sie sich (vornehmlich durch ihren Osteuropahandel mit preußischen Manufakturwaren) in der Lage zeigten, den ambitionierten Zielen des friderizianischen “Fabrikensystems“ 6 zu dienen. Dieser Befund müsste angesichts der Bemühungen Friedrichs um eine Bewahrung der überkommenen, ständisch geprägten Sozialordnung und den damit einhergehenden utilitaristisch geprägten Rollenzuweisungen noch keine Besonderheit darstellen, besaß bei näherem Hinsehen aber doch einzigartige Qualität. So entwickelte der König nicht nur Pläne zu großangelegten Zwangsumsiedlungen von Juden an die polnische Grenze, sondern sprach einem erheblichen Teil der eingesessenen Judenschaft überhaupt die Niederlassungsberechtigung ab. Arme oder auch nur gering vermögende Juden galten dem Monarchen als “gantz unnöthig“ und sollten mitsamt ihren Familien “nach aller Möglichkeit […] weggeschaffet“ 7 werden.

<4>

Über die Ursprünge dieser den Postulaten der Aufklärung widersprechenden Gesinnung sind viele Vermutungen angestellt worden. Neben Prägungen durch den Vater wurde dabei insbesondere dem Einfluss Voltaires eine bedeutende Rolle zugeschrieben. Dem französischen Dichter erschien aus deistischer Perspektive nicht nur das Christentum als unvereinbar mit den Werten der Aufklärung. Auch das Judentum figurierte bei ihm “als Religion des Aberglaubens mit grausamen, Gott zugeschriebenen Geboten, mit einer manipulativen Priesterherrschaft und barbarischen Verhaltensmaßregeln, die mit Humanismus und Moral nicht in Einklang zu bringen seien“. 8 Doch dürfte die Genese von Friedrichs Aversionen gegenüber den Juden kaum überzeugend zu erklären sein. Relevanter erscheint ohnehin die Frage nach den Auswirkungen auf die davon Betroffenen. Denn wenn ein Landesherr wie Friedrich der Große, der die preußische Monarchie beinahe ein halbes Jahrhundert hindurch autokratisch regierte, den Juden dermaßen ablehnend gegenüberstand, konnte dies kaum ohne schwerwiegende Folgen bleiben. Es gilt also, die Perspektive strukturgeschichtlich von “Friedrich und die Juden“ hin zu “Der preußische Staat und die Juden“ zu erweitern – um den Titel Selma Sterns Monumentalwerk zu zitieren, das den Forschungsstand bis heute maßgeblich prägt. 9 Doch bevor vom preußischen Staat die Rede ist, soll der andere Teil jenes historischen Beziehungsgeflechts charakterisiert werden: die Juden, die in diesem Staat lebten.

Juden in Preußen – eine Minderheit mit vielen Gesichtern

<5>

In der Mitte der 1740er Jahre, nach der Eroberung Schlesiens, lebten groben Schätzungen zufolge rund 14.000 Juden unter dem Szepter Friedrichs des Großen. Das waren etwa 0,5 % der rund vier Millionen zählenden preußischen Untertanen und 20 % aller Juden im Alten Reich. Beim Tode Friedrichs im Jahre 1786 waren es bereits 32.000, von denen viele erst durch die Annexion Westpreußens und des Netzedistrikts im Zuge der ersten Teilung Polens (1772) zu “Preußen“ geworden waren. 10 Was hatten jene 32.000 Menschen miteinander gemein, deren Siedlungsgebiete sich vom Niederrhein bis nach Litauen und damit über eine Distanz von rund 1.200 Kilometern erstreckten? Auf der einen Seite standen vielfältige Kulturkontakte, welche die polnische Judenheit mit ihren Religionsgenossen im Westen verband. Man denke lediglich an die Migration polnischer Schulmeister, von denen der spätere Philosoph Salomon Maimon (1753–1800) nur der bekannteste ist. Auch auf zahlreiche jüdische Kaufleute aus Osteuropa übten die aufstrebende Metropole Berlin sowie die Handels- und Messestädte Königsberg, Breslau und Frankfurt an der Oder eine starke Anziehungskraft aus, die durch die restriktive friderizianische Handelspolitik allerdings oft geschwächt wurde.

<6>

Dennoch: Wenn unlängst unter starker Fokussierung auf die Verhältnisse in Berlin die These vertreten wurde, es seien “die“ preußischen Juden trotz aller durch den König getroffenen Gegenmaßnahmen aus jener Zeit “auf bemerkenswerte Weise gestärkt“ 11 hevorgegangen, so wäre zunächst danach zu fragen, wer mit den preußischen Juden überhaupt gemeint ist. Denn zwischen den Juden der einzelnen preußischen Landesteile, die sich wie in anderen Territorien in Landjudenschaften organisiert hatten, bestanden erhebliche ökonomische und kulturelle Unterschiede, die während der Regierungszeit Friedrichs des Großen eher an Brisanz gewannen, als dass sie abgebaut worden wären. Nicht nur lagen zwischen der Wirtschaftstätigkeit westfälischer Viehhändler und Berliner Manufakturunternehmer buchstäblich Welten. Auch kulturell wuchsen die Abstände zwischen der Provinz und der Hauptstadt, wo sich nach dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763), unterstützt durch das Mäzenatentum der im Krieg zu großem Reichtum gelangten “Münzjuden“, ein Staunen erregendes ”Haskala milieu” 12 herausbildete. Berlin avancierte in den Folgejahren zum insbesondere mit dem Namen Mendelssohns verbundenen Zentrum der jüdischen Aufklärung in Europa – während zu gleicher Zeit aus dem Netzedistrikt rund 6.000 Juden auf Befehl Friedrichs aus ihrer angestammten Heimat vertrieben wurden; beinahe doppelt soviel, wie Berlin jüdische Einwohner hatte. 13

<7>

Innovation und Tradition, Reichtum und nackte Armut, gesellschaftlichen Aufstieg und Vertreibung – dies alles findet, wer sich mit jüdischer Geschichte im Alten Preußen befasst. Besonders schwer zu beantworten ist deshalb die Frage, wie sich die beinahe ein halbes Jahrhundert währende Regentschaft Friedrichs auf diese so heterogene Minderheit auswirkte. Falls der Preußenkönig daran ging, seine durch ökonomisches Kalkül nur teilweise überlagerte Aversion gegenüber den Juden in praktische Politik umzusetzen, muss man unter Einbeziehung des wirtschaftshistorischen Forschungsstandes schwerwiegende Folgen vermuten. Denn von einem “importierten jüdischen Ersatzbürgertum“, 14 das zahlreiche Publikationen noch immer prägt, kann auf Basis der wichtigen Studien Rolf Straubels “weder für Berlin noch Magdeburg, weder für Frankfurt noch Halberstadt gesprochen werden“. 15 Allein in Frankfurt überstieg das Durchschnittsvermögen christlicher Kaufleute um 1765 dasjenige ihrer jüdischen Konkurrenten um mehr als das Vierfache und belief sich auf 4.985 Rt. gegenüber 1.191 Rt. 16 Noch dazu ist im Falle Frankfurts von einer auf den Fernhandel orientierten Messestadt die Rede, deren Judenschaft in ihrer finanziellen Potenz deutlich vor unzähligen anderen Gemeinden rangierte. Sofern der König seine vornehmlich wirtschaftspolitisch definierten Vorstellungen des Judengeleits in die Praxis umsetzte, musste angesichts solcher Rahmenbedingungen nahezu zwangsläufig eine wachsende Zahl von Familien in existentielle Schwierigkeiten geraten.

Das Revidierte Generalreglement von 1750

<8>

Den ersten grundlegenden legislativen Schritt Friedrichs auf dem Feld der Judenpolitik bildete das “Revidierte Generalreglement“ von 1750, das an die Stelle jener Judenordnung trat, die sein Vater 1730 erlassen hatte. 17 In unzähligen Paragraphen, die das Regelwerk von 1730 allein quantitativ um ein Mehrfaches übertrafen, formulierte der Monarch den Anspruch, zum Schutze der christlichen Untertanenschaft die demographische und ökonomische Entwicklung der jüdischen Minderheit in feste Bahnen zu lenken und einer stetigen Überwachung zu unterwerfen. Eine umfassende Würdigung dieses Dokuments ist an dieser Stelle weder intendiert noch möglich. Allein jene Flut von Verboten und Einschränkungen, welche die Handelstätigkeit und den Immobilienbesitz von Juden betrafen, wären eine eigene Darstellung wert. Stattdessen sei lediglich auf einige grundlegende Neuerungen auf dem Feld der Geleitvergabe verwiesen. Hierbei ist gewissermaßen vom normenpolitischen Kern die Rede, von der Vergabe bzw. Vererbung von Schutzbriefen, die ihren Empfängern die Niederlassung im Lande sicherten und somit direkt mit der demographischen Entwicklung der jüdischen Minderheit in Verbindung standen – jeder preußische Jude geriet im Laufe seines Lebens mit diesen Paragraphen in der einen oder anderen Weise in Berührung.

<9>

Eingeführt wurde nun 1750 eine Differenzierung zwischen ordentlichen und außerordentlichen Schutzjuden. Letztere besaßen keinerlei Recht zur Etablierung ihres Nachwuchses. Und selbst den ordentlichen Schutzjuden wurde – eine bedeutende Verschärfung gegenüber den bisherigen Regelungen – lediglich die Vererbung ihres Schutzrechts an ein Kind gestattet, sofern dieses nachweislich über ein Vermögen von 1.000 Rt. verfügte. Das Etablissement zweiter oder gar dritter Kinder sollte hingegen “gar nicht mehr gestattet werden“ (§ V, Abs. 2). Bestätigt wurde damit ein Rechtszustand, den Friedrich bereits durch landesherrliche Reskripte vom Oktober 1747 und Mai 1749 geschaffen hatte. 18 Auch bei oberflächlicher Lektüre dieser Paragraphen müsste die Zielsetzung des Reglements eigentlich jedem Leser deutlich werden. Und für den Fall, dass hier tatsächlich Missverständnisse entstehen sollten, spricht die Vorrede des Reglements selbst offen aus, was mit alldem bezweckt wurde: Die “überhand nehmende Vermehrung“ der Juden sollte gestoppt werden.

<10>

Unter Berücksichtigung der angedeuteten Vermögensverhältnisse musste das Reglement selbst für die ältesten Söhne aus jenen Familien eine immense Brisanz entfalten, die ihren Nachwuchs nicht mit 1.000 Rt. ausstatten konnten – wobei von weiten Teilen der gesamten Judenschaft die Rede ist. Den Betroffenen war all dies vollkommen klar. Mehrere Jahre hindurch kämpften ihre Ältesten verzweifelt gegen die Publikation des verhängnisvollen Reglements, doch verhindern konnten sie es schließlich nicht. 19 Dem Historiker stellt sich somit zwangsläufig eine klassische Frage der Absolutismusforschung, nämlich jene nach der Normdurchsetzung. Doch bevor zu erkunden ist, wie tief die 1750 formulierten Restriktionen in die Lebensläufe der Betroffenen einschnitten, müssen einige wissenschaftsgeschichtliche Erkundungen erfolgen. Denn trotz ihrer restriktiven Stoßrichtung findet die Judenpolitik des preußischen Staats im Ancien Régime in der Forschung bislang – einzelner kritischer Stimmen zum Trotz 20 – mehrheitlich eine positive Würdigung

Der preußische Staat – ein lieu de mémoire deutsch-jüdischer Geschichtsforschung?

<11>

Ursächlich für diese im Lichte der bisherigen Ausführungen überaus bemerkenswert erscheinende Interpretation ist die Art und Weise, in der die Leistungen des abstrakt gedachten preußischen Staates gewichtet werden. So hätten es die Beamten bereits seit dem frühen 18. Jahrhundert aus naturrechtlicher Opposition heraus unternommen, “die Befehle des Königs aufzuschieben oder seine Verbote abzuschwächen“. 21 Derartige Vorstöße seien “eher typisch als singulär“ 22 gewesen und hätten dazu beigetragen, dass sich innerhalb der Administration geradezu eine “Tradition der Solidarisierung“ 23 habe herausbilden können. Entgegen der Intention Friedrichs des Großen sei es deshalb zu “einer gewissen Minderung des Drucks“ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gekommen. 24

<12>

Darüber hinaus habe sich auch auf dem Feld der Judenpolitik die allgemeine Tendenz einer Verrechtlichung der Herrschaftsstrukturen ausgewirkt – “einheitliche Kodifizierung und Rationalisierung“ hätten die Reichweite monarchischer Machtsprüche begrenzt: “Die Reduktion der Judenverfassung auf zentrale, damit vergleichbare Maßstäbe objektivierte die rechtlichen Konditionen, was für die Betroffenen zu kontrollierbaren, das heißt einforderbaren Ansprüchen bzw. anfechtbaren Entscheidungen führte.“ 25 Insofern “öffnete die spätabsolutistische Minderheitenpolitik ein wichtiges Tor zur bürgerlichen Moderne: Sie löste auch die Juden aus dem Zustand persönlicher Duldung heraus und forcierte ihre konsequente Einbeziehung in den Untertanenverband. Sie markierte einen weiteren Schritt zur Verrechtlichung ihrer Existenz und versuchte erstmals, über Politik und Gesetzgebung eine soziale Einbindung der Juden in den Staat zu erwirken.“ 26

<13>

Jener Staat, von dem hier die Rede ist, stellt allerdings nicht nur ein Thema dar wie andere auch. Er bildete während weiter Teile des 19. und 20. Jahrhunderts einen “lieu de mémoire der deutschen Geschichtsschreibung“, 27 dessen Wirkmächtigkeit kaum zu überschätzen sein dürfte. Gerade mit Blick auf die Literatur zur Geschichte der Juden sollte man sich deshalb in Erinnerung rufen, was Klaus Neitmann vor geraumer Zeit für die allgemeine Preußenforschung hervorhob. So betonte er, dass “die heutige Forschung mehr, als sie offen einzugestehen bereit ist, auf den großen Quellenarbeiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere auf denen der eigentlich klassischen Epoche der preußischen Historiographie in der Zeit des Kaiserreiches“ 28 beruhe. Es ist zwar richtig, dass sich die “offizielle“ Preußenhistoriographie zur Zeit des Kaiserreiches für die israelitische Minderheit kaum interessiert hat – umso intensiver beeinflussten ihre Wertmaßstäbe jedoch jene jüdisch-akademischen Außenseiter im Umkreis der “Wissenschaft des Judentums“, denen die Erforschung jüdischer Geschichte weitestgehend vorbehalten blieb. Wie unlängst treffend bemerkt wurde, waren deren Werke zumeist “durch eine emanzipatorische Absicht gekennzeichnet, da sie unterschwellig auf den Nachweis der Integrations- und Modernisierungsfähigkeit der deutschen Juden zielten“. 29

<14>

Dass auf diese Weise Traditionslinien entstanden, die vielfach bis heute fortwirken ohne wirklich problematisiert zu werden, kann hier lediglich mit Blick auf Selma Sterns Studie “Der preußische Staat und die Juden“ angedeutet werden, die nach dem Ersten Weltkrieg im Umfeld der 1919 in Berlin gegründeten Akademie für die Wissenschaft des Judentums entstand. Eine angemessene wissenschafts- und rezeptionsgeschichtliche Würdigung dieser ersten Gesamtstudie brandenburgisch-preußischer Judenpolitik zwischen 1671 und 1786, also vom Großen Kurfürsten bis hin zu Friedrich dem Großen, bleibt eine Aufgabe der Zukunft und ist an dieser Stelle nicht zu leisten. Allerdings ist zu betonen, dass sich Sterns Anlehnung an die “Acta Borussica“ nicht lediglich auf editionstechnische Fragen beschränkte. Denn wenn der Autorin angesichts der zunehmenden Verunsicherung durch den erstarkenden Antisemitismus der preußische Staat als “Folie der Erinnerung und emotionaler Fluchtpunkt“ 30 diente, so waren es gerade die Staatsdiener, in denen sich ihr idealisiertes Preußenbild personifizierte. Als “Anhänger des modernen Naturrechts und des aufgeklärten Wohlfahrtsstaates“, 31 so Stern 1938, hätten die Beamten maßgeblich zu einer zunehmenden Verrechtlichung jüdischer Existenz in der Hohenzollernmonarchie beigetragen.

<15>

An Sterns leitmotivischem Dreiklang “Rationalisierung – Verrechtlichung – Bürokratisierung“ wären aus Sicht einer modernen Frühneuzeitforschung zahlreiche Kritikpunkte anzubringen. Hier stellt sich lediglich die Frage, inwiefern ein solches Interpretationsmuster dazu geeignet ist, die Auswirkungen preußischer Judenpolitik adäquat zu beschreiben. War für die Juden des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine zunehmende Rationalisierung der sie betreffenden Rechtsnormen erkennbar? Und hatten solche Rationalisierungsmaßnahmen den positiven Nebeneffekt, trotz einzelner Zwangsmaßnahmen zu einer Integration in den Untertanenverband beizutragen, welche ihrerseits der staatsbürgerlichen Emanzipation des 19. Jahrhunderts Vorschub leistete? Eine Möglichkeit, sich diesem Problemen anzunähern, besteht darin, erneut nach dem Schicksal jener nachgeborenen Kinder zu fragen, denen durch das Generalreglement von 1750 der Weg zur Niederlassung verbaut werden sollte – ein existenzielles Problem, das nahezu in jeder jüdischen Familie spürbar werden musste. In den folgenden Kapiteln soll deshalb beispielhaft die Entwicklung der sie betreffenden Rechtsnormen von 1750 bis in die Zeit des Emanzipationsediktes von 1812 verfolgt werden.

<16>

Die Untersuchung geht von der Erkenntnis aus, dass entgegen der oben zitierten Thesen von einer “Kodifizierung“ des Judenrechts durch das Generalreglement von 1750 keine Rede sein kann. Bereits 1814 hob Reichsgraf Henckel von Donnersmarck in seiner judenrechtlichen Normenkompilation rückblickend hervor, es falle schwer, “die eigentlichen Grundzüge der bürgerlichen Verfassung der Preuß. Juden aufzustellen, weil sie nirgends unabänderlich und vollständig aufgeschrieben sind. Man sucht in der That vergebens in den sie betreffenden gesetzlichen Bestimmungen Einheit, Zusammenhang, feste, folgerechte und folgereiche Grundsätze. Dagegen finden sich häufig genug darin Widersprüche, Rücksichten ohne Zahl und man möchte sagen so viel Ausnahmen als Regeln.“ 32 Dies war keine Larmoyanz, sondern ein Faktum, um das auch die Rezensenten der in Halle erscheinenden “Allgemeinen Litteratur-Zeitung“ wussten. Dort hob man den Fleiß des Verfassers hervor, war doch das Thema nur “mit großem Fleisse aus zahlreichen Verordnungen und einer Menge Acten“ 33 zu erarbeiten gewesen. Wer sich 200 Jahre später für das Schicksal der nachgeborenen Kinder jüdischer Familien interessiert, wird deshalb um die Lektüre zahlreicher Verordnungen und einer Menge Akten ebenfalls nicht herumkommen. Wie viel dabei vom Verrechtlichungsparadigma in den Niederungen des Alltags übrig bleibt, soll nun in einem Längsschnitt über einen Zeitraum von rund 60 Jahren verfolgt werden.

Das Verbot der Niederlassung zweiter Kinder (1747–1763)

<17>

Das 1747 erstmals ausgesprochene und 1750 bestätigte Niederlassungsverbot zweitgeborener Kinder wird in zahlreichen Studien nicht zur Kenntnis genommen. 34 Doch auch wenn sich der Monarch in § V, Abs. 4 des Generalreglements das Recht vorbehielt, zweiten und selbst dritten Kindern “reicher Juden“ ein “besonderes Privilegium“ zu verleihen, 35 um deren Vermögen nicht ins Ausland abwandern zu lassen, änderte dies an der Situation von 99 % der nachgeborenen Kinder nicht das geringste. Dass sich diese nach 1747 im Zustand einer “perspektivischen Chancenlosigkeit“ 36 wiederfanden, stellt keine vage Vermutung dar, sondern lässt sich mühelos für alle Teile der Monarchie (lediglich mit Ausnahme Schlesiens) statistisch nachweisen. Pars pro toto sei hier auf die Grafschaft Mark verwiesen, wo die Ansetzung zweiter Kinder mit dem Etablissement von Seligmann Marcus in Hamm im Juni 1747 zum Erliegen kam. 37

<18>

Wer nicht als Gemeindebedienter unterkam oder das Glück hatte, eine Braut zu heiraten, die in Ermangelung von Brüdern das Schutzrecht ihres Vaters in die Ehe einbrachte, sah sich spätestens nach dem Tod der Eltern vor die einfache Wahl gestellt, im Haushalt eines anderen Schutzjuden zu dienen oder aber auszuwandern. Die Auswirkungen dieser obrigkeitlichen Eingriffe auf das Sozialgefüge jüdischer Gemeinden sind noch weitgehend unerforscht. Dass sich der Auswanderungsdruck für nachgeborene Söhne in den Jahren nach 1747 jedoch erheblich verstärkte, findet einen eindrucksvollen Beleg in der Tatsache, dass die Deputierten der Berliner Gemeinde sowie Vertreter mehrerer preußischer Landjudenschaften 1762 auf einer Generalversammlung in Spandau beschlossen, sich an den König zu wenden, um das Recht zur Niederlassung zweiter Kinder zurück zu erlangen – “es möchte auch kosten, was es wollte“. 38 Es sollte die preußische Judenschaft schließlich 70.000 Rt. und damit eine Summe kosten, die den Schutzgeldern in einem Zeitraum von beinahe fünf Jahren entsprach, dass Friedrich am 1. November 1763 das 16 Jahre zuvor verhängte Niederlassungsverbot für zweite Kinder wiederum aufhob. 39

Modalitäten der Niederlassung zweiter Kinder (1763–1768)

<19>

Wenn sich der König vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise, welche die Monarchie in jenen Jahren erschütterte, aus opportunistischen Beweggründen zu einer normativen Abmilderung der Geleitpolitik bewegen ließ, ist damit jedoch noch nichts darüber ausgesagt, wie viele Juden hiervon überhaupt zu profitieren vermochten. Auf welche Abwege ein mangelndes strukturgeschichtliches Instrumentarium führt, wird beispielsweise bei einem Blick auf die jüdische Gemeinde im ostfriesischen Norden deutlich, wo das Durchschnittsvermögen jüdischer Hausväter in jenen Jahrzehnten auf 396 Rt. geschätzt wurde. 40 Kann hier pauschal von Juden die Rede sein, “die den Schutz an zwei ihrer Kinder weitergeben konnten“? 41 Auch nach 1763 hatte der preußische König relativ klare Vorstellungen davon, welche jüdischen Familien im Rahmen seiner Wirtschaftspolitik brauchbar waren und welche nicht. Hausväter mit einem Vermögen von 396 Rt. gehörten gewiss nicht dazu. Bereits im angeführten landesherrlichen Reskript vom 1. November 1763 war das Generaldirektorium angewiesen worden, im Rahmen jedes einzelnen Konzessionsverfahrens zu ermitteln, ob der Antragsteller “nicht nur gehörig bemittelt, sondern auch dem Publico nützlich sey“. 42

<20>

Um diese Nützlichkeit nachzuweisen, hatte ein zweites Kind eine ganze Reihe von Anforderungen zu erfüllen, von denen hier lediglich die wichtigsten genannt seien. Einerseits waren auf dem Rathaus 2.000 Rt. bar vorzuweisen und unter Rückgriff auf den diskriminierenden Judeneid als Eigentum zu erklären, wie dies beispielsweise für Pincus Joseph aus Frankfurt an der Oder überliefert ist, der sich diesem Procedere im November 1770 zu unterziehen hatte. 43 Des Weiteren flossen vor Konzessionsvergabe Gebühren in Höhe von 100 Rt. an den Fiskus ab. 44 Ferner hatte der Antragsteller entweder aus dem Stand heraus eine Manufaktur zu gründen, oder sich zu jährlichen Manufakturwarenexporten im Wert von etwa 1.000 bis 1.500 Rt. zu verpflichten. 45 Nicht nur in Ostfriesland waren diese Hürden für die große Mehrzahl der Familien vollkommen unüberwindbar. Walter Halama konnte beispielsweise nachweisen, dass sich in der anfangs rund 100 Familien zählenden Judenschaft Halberstadts zwischen 1763 und 1804 nicht mehr als sieben zweite Kinder zu etablieren vermochten. Nur jede 14. Familie brachte also die dazu nötigen Mittel auf. 46

Kassationen von Schutzbriefen und fiskalisch motivierte Vertreibungen

<21>

Doch selbst bei jenen Kindern, denen der Schutzerwerb gelang, kann kaum von einer sich auch nur vage am Horizont abzeichnenden rechtlichen Integration in den Untertanenverband die Rede sein. Wie alle anderen Schutzjuden auch waren sie Privilegienempfänger, und über die Geschäftsbedingungen einer Privilegienvergabe konnten sich die Zeitgenossen in jeder beliebigen Enzyklopädie informieren. Bei Johann Georg Krünitz liest man noch 1811: “Es hören aber die Privilegia auf oder werden aufgehoben, wenn die Ursache der Verleihung aufhört“. 47 Im Falle der zweiten Kinder bildete neben den üblichen Bedingungen (geleitmäßiges Verhalten, Leistung der ordentlichen Abgaben usw.) die verbindliche Zusage zur Förderung des Exports preußischer Manufakturwaren die Ursache der Verleihung. Wirtschaftliche Probleme führten deshalb zwangsläufig auch zu einer Gefährdung des Niederlassungsrechts.

<22>

Beispielsweise sei auf den Pferdehändler Moses Wulff hingewiesen, der 1765 in Königsberg in der Neumark etabliert wurde, nach einigen Jahren jedoch nicht mehr in der Lage war, die vereinbarten Exporte zu bewerkstelligen. 48 Generalfiskal Friedrich Benjamin d’Anières (1736–1803), welcher der Forschung seit Selma Stern als Exponent einer naturrechtlich opponierenden Beamtenfraktion gilt 49 und von dem es heißt, er habe für die friderizianische Judenpolitik lediglich “wohlgesetzte Ironie“ 50 erübrigen können, plädierte hier wie in zahlreichen ähnlich gelagerten Fällen dafür, Wulff “des Privilegii für verlustig zu erklären und fortzuschaffen“. 51 Daraufhin wurde ihm der Schutzbrief in der Tat wieder abgenommen, seinem Sohn jedoch die Erlaubnis gewährt, sich als erstes Kind anzusetzen. Da dieser Hinweis allerdings einem Dokument von 1804 entstammt, bleibt offen, wie lange auch der Sohn in Gefahr schwebte, vertrieben zu werden. 52 Und Wulff war beileibe kein Einzelfall. So lässt sich zwischen 1765 und 1768 in den Provinzen Kur- und Neumark, Pommern und (Ost-)Preußen die Niederlassung von 54 zweiten Kindern nachweisen. In mindestens fünf Fällen (also beinahe zehn Prozent) wurde der Schutzbrief aufgrund von Verarmung später wieder entzogen. 53

<23>

Und bei weitem nicht immer ließen es die Behörden bei drakonischen Ausweisungsanordnungen bewenden, wie sich unter anderem am Beispiel Manasse Jacobs belegen lässt, der 1766 in der brandenburgischen Kleinstadt Bernau auf den Schutzbrief seines seit Jahrzehnten in der Stadt ansässigen Vaters Jacob Salomon angesetzt worden war und im Gegenzug jährlich für 1.000 Rt. Manufakturwaren ausführen sollte. 54 Wirtschaftlich ging es jedoch abwärts mit ihm, sodass er 1771 im Rathaus beteuern musste, er “habe nichts, und wenn ihm seiner Frauen Familie [aus Berlin] nicht den Unterhalt gäbe, hätte er gar nichts zu leben, und da er nichts hätte, wüßte er ganz und gar hierin nicht sich zu helfen“. 55 Nach jahrelangem Hin und Her riss den Behörden 1778 der Geduldsfaden, und Jacob wurde an die Grenze zu Mecklenburg transportiert mit dem deutlichen Hinweis, sich nicht mehr in Preußen blicken zu lassen. Sein Schutzbrief hat im Bernauer Stadtarchiv die Zeiten überdauert. Wohin es seinen einstigen Inhaber verschlug, und ob er auf der Straße zugrunde ging, verschwimmt im Nebel jenseits obrigkeitlicher Überlieferung.