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A. Pecar: Friedrich der Große als Autor

Friedrich300 – Eine perspektivische Bestandsaufnahme

Friedrich der Große als Autor.

Plädoyer für eine adressatenorientierte Lektüre seiner Schriften

Andreas Pečar


Abstract

Die mannigfaltigen Schriften Friedrichs des Großen, mithilfe derer er seine Autorschaft im Zuge königlicher Selbststilisierung öffentlich inszenierte, sind in der Vergangenheit häufig entweder als authentische Quellen zu Denkweise, Eigenreflexion und Charakter des Autors rezipiert oder aber in ihrer politischen Aussage mit der Haltung Friedrichs gleichgesetzt worden. Der vorliegende Aufsatz bemüht sich demgegenüber um eine stärker auf die rhetorische Funktion ausgerichtete Interpretation des fridericianischen Schrifttums und damit gleichsam um die Frage nach seiner Wirkungsabsicht. Dies setzt freilich eine adressatenorientierte Lektüre der einzelnen Werke voraus, wie sie sich beispielsweise für die Considérations sur l’etat présent du corps politique de l’Europe von 1738 beinahe selbstverständlich mit Bezug auf Kurbayern durchführen lässt. Dass sich die Intention des Autors Friedrich allgemein nicht von seinem Monarchendasein trennen lässt, bekräftigen jedoch im Grunde alle hier untersuchten Schriften aus seiner Feder. Diese sind somit als politische Instrumente zu deuten, mit denen der Preußenkönig auf Entwicklungen Einfluss nehmen konnte, die außerhalb seines eigentlichen Herrschaftsbereichs lagen.

Einleitung

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Friedrich der Große verstand es wie kein zweiter, sich auf der Bühne der Regenten in Szene zu setzen. Dabei bediente er sich zunächst als Kronprinz in Rheinsberg und später dann als preußischer König einer spezifischen Form der Selbstdarstellung: Er inszenierte sich als schreibender König, als Autor von Texten der unterschiedlichsten Gattungen: Er verfasste mehrere historiographische Werke über die Dynastie der Hohenzollern ebenso wie über seine eigene Regierungszeit, produzierte Gedichte in großer Zahl, schrieb philosophische, staatstheoretische und politische Traktate, setzte anonym satirische Flugschriften in die Welt, um seine Gegner zu brüskieren und war der Autor von zwei politischen Testamenten sowie zahlreichen militärtheoretischen Schriften.

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Diese Texte vor allem als Teil einer Inszenierung zu deuten und auf ihre jeweils spezifische Wirkungsabsicht hin zu befragen ist in der Geschichtswissenschaft jedoch keineswegs selbstverständlich. Friedrichs Zeitgenossen war die Rollenverwandtschaft von Autoren und Schauspielern durchaus bewußt. Beide sind schließlich mit derselben Aufgabe konfrontiert: beim Leser bzw. Zuschauer einen bestimmten Effekt zu erzielen. 1 Die Wirkungsabsicht war für einen Autor wie Schauspieler von zentraler Bedeutung. Zugleich bestand die wahre Kunst darin, die Wirkung bei den Zuschauern bzw. Lesern hervorzurufen, ohne die zugrundeliegende Absicht erkennen zu lassen. Inwieweit dabei eine Identifikation des Schauspielers mit seiner Rolle notwendig war, war eine offene Frage. In zahlreichen schauspieltheoretischen Schriften dieser Zeit wurde erörtert, ob ein Schauspieler die Affekte, die er auf der Bühne verkörperte und bei den Zuschauern hervorzurufen beabsichtigte, im Moment der Hervorbringung auch selbst empfinden mußte. 2 Auf die Autorenrolle übertragen müßte die Frage lauten, ob die Maximen eines Textes zugleich als Maximen des Autors zu verstehen sind. Ist eine Identifikation von Text und Autor zulässig, oder ist sie bereits Teil der Wirkungsabsicht eines Autors?

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Es ist erstaunlich, daß solche Fragen bei der Interpretation der Schriften Friedrichs des Großen in der Geschichtswissenschaft bislang nur selten erörtert wurden. Zwar ist in der Forschung unstrittig, daß die Schriften als Teil der königlichen Selbststilisierung gedeutet werden müssen. Diese Erkenntnis mündete jedoch zumeist in Aussagen, die auf die Funktion königlicher Autorschaft generell abzielten. So findet sich wiederholt der Hinweis auf die von Friedrich herausgehobene Vorbildhaftigkeit Mark Aurels: der König habe sich mit der öffentlich inszenierten Autorenrolle bewußt in die geistige Nachfolge des berühmten römischen Kaisers begeben. 3 Und Ernst Cassirer hob zu Recht hervor, daß das von Friedrich vertretene Ideal des ‚roi philosophe’ letztlich auf Platons Konzept des Philosophenkönigs zurückgreift und Friedrich diese Rolle für sich selbst reklamierte. 4 Postuliert man allerdings für die Schriften Friedrichs des Großen insgesamt eine Inszenierungsabsicht, so muß dies auch für die Textinterpretation einzelner Schriften Konsequenzen nach sich ziehen.

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Die Rezeptionsgeschichte hat das ihre dazu beigetragen, die Frage nach der rhetorischen Funktion der Schriften des Monarchen in den Hintergrund zu rücken und die Texte statt dessen als Quellen der Authentizität des Autors propagieren. So verkündete beispielsweise Johann Preuss, der sich um Friedrichs Werke in seiner 30-bändigen Ausgabe unschätzbare Verdienste erworben hat, dass es “keine lauterere Quelle, keinen klareren Spiegel für die Thaten eines Monarchen, der als Kriegsfürst, als Landesvater und als Mensch gleich groß und edel war, geben kann, als seine eigenen Geisteswerke“. 5 Nun war es keineswegs im Interesse einer zunehmend institutionell betriebenen Glorifizierung des Königs, die rhetorische Funktion der Texte offenzulegen und auf diese Weise ihren politischen Stellenwert zu bestimmen. 6 Aber auch in kritischen Auseinandersetzungen mit den Schriften wie mit der Person Friedrichs des Großen in den zurückliegenden Jahrzehnten wurde allzuoft die politische Aussage einzelner Schriften Friedrichs mit der politischen Haltung des Autors gleichgesetzt. Die Schriften wurden nicht auf ihre Wirkungsabsicht befragt, sondern standen als Medium der Selbstreflexion im Mittelpunkt des Interesses. 7 Eine auf die rhetorische Funktion der einzelnen Schriften Friedrichs abzielende Interpretation bleibt daher nach wie vor zu leisten.

Die Considérations sur l’etat présent du corps politique de l’Europe (1738)

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Was es mit der Forderung auf sich hat, der rhetorischen Funktion von Friedrichs Schriften nachzuspüren, lässt sich gut anhand der unterschiedlichen Deutungen einer seiner frühesten politischen Schriften, den Considérations sur l’etat présent du corps politique de l’Europe darlegen. 8 Die Schrift ist im Jahr 1738 entstanden und war ursprünglich zur Publikation bestimmt, wenn auch anonym, d.h. ohne Friedrich als Autor zu benennen. Dieses Vorhaben wurde dann aber nicht umgesetzt, die Schrift blieb Manuskript und erschien erst im Jahr 1789 posthum in der Berliner Werkausgabe. 9

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Friedrich äußert sich in dieser Schrift zur außenpolitischen Situation in Europa nach dem Polnischen Erbfolgekrieg, d.h. zu den aktuellen Entwicklungen seit dem Jahr 1735. Er sieht das Mächtegleichgewicht vor allem durch eine sich anbahnende Verbindung Frankreichs mit Österreich gefährdet. Dabei trage sich Frankreich mit der Absicht, Hegemonialmacht in Europa zu werden. Der Kaiser wiederum suche die Freiheit innerhalb des Reiches durch eine erbliche Kaiserkrone in den Händen Habsburgs zu ersetzen. Die übrigen Reichsstände, so lässt sich Friedrichs Analyse zuspitzen, dürften keineswegs an einem Bündnis zwischen Frankreich und Habsburg teilhaben, sollte ihnen an ihrer Unabhängigkeit gelegen sein. Auch vor der französischen Komplimentierkunst müsse man sich hüten, diene sie doch nur dazu, sich anderer Mächte zu versichern, bis man die unumstrittene Führungsrolle in Europa erlangt habe.

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Zwei Deutungen möchte ich hier gegenüberstellen. Die erste stammt von Arnold Berney. Er setzt Text und Autor gleich und zementiert die aus dem Text abgeleitete Staatsauffassung Friedrichs zu einer unverrückbaren politischen Haltung des Königs: “in den Considerations erfuhr die Staatsauffassung Friedrichs II. ihre erste theoretische, für alle Zeit wirksame Grundlegung“. 10 Die Interpretation des Textes liefert demnach unmittelbar Rückschlüsse auf den Autor und dessen Ansichten. Dem entsprechend werden die Considerations bis zu einem gewissen Grad als persönliches Bekenntnis gelesen, gleichsam als Selbstzeugnis, in dem sich eine Reflexion des Autors über sich selbst und seine Rolle wiederfinden lässt. Die Aufgabe eines Biographen legt diese Herangehensweise zumindest nahe, da das Ziel lautet, zu Aussagen über das Wesen der dargestellten Person zu gelangen.

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Einen anderen Zugang zum Text wählt Friedrich Meinecke in seinem 1917 erschienenen Aufsatz über die Considerations und ihre Bedeutung. 11 Er geht in seinem Aufsatz der Frage nach, wen Friedrich als Adressaten seiner Schrift im Auge hatte. Wenn der Ausgangspunkt der Überlegungen die Erbfolge in Jülich sowie die Tatsache war, dass zwischen Frankreich und dem Kaiser scheinbare Einigkeit darüber bestand, dass Brandenburg-Preußen bei dem zu erwartenden Erbfall nicht beteiligt werden sollte, so mag es Friedrichs Ansinnen gewesen sein, Mitstreiter zu finden, die einer politischen Allianz zwischen Frankreich und dem Kaiserhaus ähnlich ablehnend gegenüberstanden wie Preußen selbst.

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Meinecke grenzt den potentiellen Adressatenkreis durch einen Blick auf die vorgetragenen ebenso wie die nicht genannten Argumente wirkungsvoll ein. Friedrich zeichnet insbesondere das Kaiserhaus in den schwärzesten Farben, warnt vor der Gefahr einer von den Habsburgern mittels der Pragmatischen Sanktion angestrebten Erbmonarchie im Reich und der damit einhergehenden Tyrannei, die das Haus Österreich in diesem Falle sofort im Alten Reich installieren würde. Zugleich erwähnt er aber die Konfession der Habsburger mit keinem Wort. Der Adressat schien daher ein Reichsstand zu sein, der zwar über reichlich Antipathien gegenüber den Habsburgern verfügte, dies aber nicht mit deren Konfession in Verbindung brachte, da er sich ebenfalls als ein entschiedener Verteidiger der katholischen Kirche begriff: Wer denkt in diesem Zusammenhang nicht sofort an Bayern? Meinecke sieht die Schrift zunächst genau dorthin adressiert und erklärt damit die verwendeten Bausteine in Friedrichs politischer Rhetorik. 12 Zugleich macht er deutlich, dass spätere Versuche Friedrichs, den Text an die veränderte politische Lage anzupassen und mit ihr auch England und Holland als potentielle Verbündete anzusprechen, zu einigen Unstimmigkeiten führten. 13

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Ohne weiter auf Meineckes brillante Argumentation einzugehen, dürfte deutlich sein, dass er eine grundlegend andersartige Interpretation des Friedrichtextes vorlegt hat, als es in den meisten Biographien der Fall ist. 14 Meinecke äußert sich nicht explizit zu seinem methodischen Vorgehen. Es ist aber evident, dass er Friedrichs Text als ein rhetorisches Erzeugnis mit Überzeugungsabsicht wertet, wobei die Überzeugungsarbeit mit einer adressatenorientierten Argumentation geleistet werden soll. Der Text erlaubt daher weit eher Rückschlüsse auf die Überzeugung desjenigen, der als Verbündeter gewonnen werden soll (in diesem Fall Bayerns), als über die Anschauungen des Autors selbst.

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Meineckes Interpretation der Considerations ist Episode geblieben. Es scheint mir aber lohnend, seinen Ansatz aufzugreifen und zu generalisieren, d.h. Friedrichs Texte vornehmlich als rhetorische Texte zu lesen. Dies gilt für alle Gattungen gleichermaßen, d.h. also für seine historischen Schriften ebenso wie für seine politischen, philosophischen und militärischen Traktate sowie für seine zahlreichen poetischen Werke. Stärker als bisher sollten die Texte einzeln daraufhin befragt werden, welche politische Funktion ihnen jeweils zukam. Hierfür ist es unerläßlich, sie in ihrem jeweiligen Verwendungszusammenhang zu verstehen, d.h. insbesondere den Kontext ihrer ursprünglich gedachten Verwendung möglichst genau zu bestimmen, den Adressatenkreis, die Art der Verbreitung des Textes etc. An einigen wenigen Beispielen möchte ich darlegen, inwiefern diese Art der Textinterpretation auch neue Deutungen über Friedrich den Großen selbst ermöglicht.

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Um hiermit bereits bei den gerade vorgestellten Considerations zu beginnen: Sollte Meineckes Deutung zutreffen, dass Friedrich mit dieser Schrift das Ziel verfolgte, Gleichgesinnte innerhalb des Reiches anzusprechen und damit Verbündete gegen eine Allianz zwischen Frankreich und dem habsburgischen Kaisertum zu gewinnen, so wirft dieser Traktat zugleich ein bezeichnendes Licht auf die Kronprinzenzeit in Rheinsberg. Von einer “Entrücktheit der Rheinsberger Jahre“ kann vor dem Hintergrund der Considerations wohl kaum die Rede sein. 15 Vielmehr war Friedrich zum einen über die politischen Vorgänge im Zusammenhang mit der auf der Tagesordnung stehenden Erbfolgefrage in Jülich und Berg vertraut. Wilhelm von Grumbkow sandte ihm unautorisiert Akten nach Rheinsberg, um den Kronprinzen über die Lage zu informieren, und wohl auch, um den zukünftigen König für sich einzunehmen. 16 Zum anderen sind die Considerations ein Beleg dafür, daß Friedrich auch als Kronprinz bereits die Staatsgeschäfte mitgestalten wollte. Friedrich Wilhelm I. stand dieser Absicht allerdings im Wege, so daß die Rolle eines politischen Autors beinahe die einzige mögliche Form des Engagements darstellte.

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Wenn Friedrich selbst daher immer wieder das Bild vom abgeschiedenen Refugium und dem politikabgewandten Musenhof bemühte, so war das weniger eine Tatsachenfeststellung als Teil einer Inszenierung. Der Nutzen dieser Stilisierung eines der Welt abgewandten Rheinsberg liegt dabei auf der Hand. Friedrich stilisierte sich in der Rolle eines aufgeklärten Philosophen, der sein Leben der Erkenntnis sowie der Geselligkeit gewidmet habe, nicht aber weltlich-politischen Angelegenheiten. Die Benennung Rheinsbergs als Musenhof war Teil dieser Strategie und untermauerte seinen Anspruch, bereits “Philosoph“ gewesen zu sein, bevor er sich den Königsmantel umlegte. Auch nach der Thronbesteigung betonte Friedrich in seinen Briefen immer wieder, wie gern er wieder die politischen Tagesgeschäfte gegen die Mußestunden in Rheinsberg eintauschen wollte. 17 Authentizität sollte man dieser Selbstbeschreibung freilich nicht unterstellen.

Der Antimachiavell (1740)

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Sind die Considerations aus Friedrichs Feder nur einem Spezialistenkreis bekannt, erfreut sich der nur wenig später zu Papier gebrachte Antimachiavell einer weit größeren Berühmtheit. Für die Prominenz dürfte allerdings die aus Friedrichs Sicht unglückliche Koinzidenz der Publikation seiner Schrift mit seinem Einmarsch in Schlesien weit bedeutsamer gewesen sein als die analytische Qualität seines Textes. Der Antimachiavell bedient sich einer klassischen Gattung der Kontroversliteratur: 18 der Widerrede Schritt für Schritt, orientiert an den Kapiteln des zu widerlegenden Werkes, also hier Machiavellis Schrift Il Principe . Dabei erfolgt die Widerrede auf letztlich drei unterschiedlichen Ebenen:

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Erstens bestreitet Friedrich Machiavelli die Qualität, ein nüchterner Beobachter der politischen Verhältnisse zu sein. Die regierenden Staatsmänner seien keineswegs so verrucht, wie Machiavelli sie schildere. Dieses Plädoyer richtet Friedrich allerdings an die Regenten seiner eigenen Zeit, also des 18. Jahrhunderts. An anderer Stelle äußert er sich seinerseits in den schwärzesten Farben über die politischen Zustände in Italien im 15. und 16. Jahrhundert, nähert sich also, ohne dies zuzugeben, Machiavellis Beschreibung der Verhältnisse sehr an. 19

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Zweitens fordert er eine ethische Grundlage für politisches Handeln, reklamiert er als höchste politische Normen die Menschenliebe und die Gerechtigkeit. 20 Auf dieser Ebene attackiert er die ‚sittliche Verirrung’ Machiavellis.

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Drittens übt er aber auch dezidiert politische Kritik. Es genügt Friedrich nicht, Machiavelli als amoralisch zu verdammen, er möchte darüber hinaus aufzeigen, dass ein Regent auch jenseits sittlicher Überlegungen schlecht beraten wäre, Machiavellis Empfehlungen zu folgen, da er damit seine eigene Herrschaft eher gefährde als wirksam stärke. 21

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Es gelingt Friedrich nicht, die Argumentation auf diesen drei Ebenen widerspruchsfrei zu führen. Von besonderer Bedeutung ist dabei der Werteantagonismus zwischen der ethischen und der politischen Argumentation Friedrichs. Ironischerweise macht ihn bereits die Tatsache, dass er sich überhaupt auf die Trennung dieser beiden Ebenen einlässt, zu einem unfreiwilligen Rezipienten von Machiavellis politischem Weltbild. Dies verstärkt sich noch dadurch, dass Friedrich selbst auf beiden Ebenen unterschiedliche Normen bereithält, nach denen sich ein Herrscher jeweils richten müsse. Auf der ethischen Ebene lauten die Leitwerte Menschenliebe und Gerechtigkeit, werden die Regenten darauf verpflichtet, der Welt “das Beispiel der Tugend zu geben“. 22 Auf der politischen Ebene lautet das oberste Prinzip Staatsräson, wobei er diesen Begriff mit dem Glück seiner Untertanen gleichsetzt. So lautet sein Imperativ an die regierenden Fürsten: “Vaterlandsliebe vor allem soll die Fürsten beseelen, und sein ganzes Sinnen und Trachten soll einzig und allein darauf ausgehen, Nützliches und Großes für das Wohl des Staates zu wirken. Diesem Ziel soll er seine Eigenliebe und all seine Leidenschaften zum Opfer bringen […] und alles sich zunutze machen, was irgend sein schönes Werk, die Arbeit am Wohlergehen seiner Untertanen, zu fördern verspricht.“ 23

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Die Orientierung am Wohl des eigenen Staates kann aber mit den universellen Prinzipien der Menschenliebe und der Gerechtigkeit in Konflikt geraten. Auch wenn Friedrich diesen Antagonismus nicht offen zugibt, ja vielmehr die vollständige Vereinbarkeit beider Ebenen proklamiert, 24 enthält der Antimachiavell Handlungsempfehlungen für den Konflikt, die darauf hindeuten, dass auch Friedrich sich letztlich stärker den politischen, am eigenen Staatswohl orientierten Normen verpflichtet sah als den universal-ethischen. Damit lässt sich sein Zugeständnis erklären, dass man Verträge zur Not brechen darf, “falls das Heil seines Volkes es gebietet und eine ernste Notlage es zur Pflicht macht“, 25 oder dass jeder Fürst “die Erhaltung seines Staates“ um jeden Preis zu sichern bestrebt sei, “ohne viel nach den Mitteln zu fragen“. 26 Allerdings finden sich auch Anhaltspunkte, nach denen der sittlichen Position der Vorzug vor der Staatsräson gegeben wird: So lautet Friedrichs Fazit, dass die Herrscher eher danach trachten sollten, gut zu regieren als die eigene Herrschaft zu vergrößern. 27

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Gerade die Widersprüche des Antimachiavell lassen m.E. die Intention des Autors, die ihn zur Abfassung dieser Schrift veranlasst haben mag, erkennen. In der Rezeption der Schrift sind die dem Text innewohnenden Widersprüche jedoch lange verdrängt worden durch einen anderen Widerspruch, der kurz nach der Veröffentlichung des Antimachivell im Jahr 1740 allen Zeitgenossen auffallen musste: der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, zwischen dem Antimachiavell und dem Einfall in Schlesien. In der Geschichtswissenschaft wird bis heute diskutiert, inwiefern der Einmarsch in Schlesien sich mit der Schrift in Einklang bringen lässt oder nicht. 28

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Die Widersprüche in dieser Schrift stießen in der Forschung gleichfalls auf Resonanz. Meinecke sprach von einem in Friedrich eingepflanzten “Dualismus von Machiavell und Antimachiavell“ und sah in Friedrich jedoch eindeutig einen Primat des Politikers vor dem Philosophen. 29 Ihm folgt Theodor Schieder, der das Element Machiavellis als das vorherrschende ansah und dafür das Bild einer im König wohnenden “Naturkraft“ bemühte. 30 Noch weiter geht Ulrich Muhlack in seinem Urteil, dass der Antimachiavell “aus dem Geist Machiavellis heraus geschrieben ist“, Friedrich daher Machiavelli nicht vollständig verwirft, sondern dessen Prämissen nur auf die eigene Zeit und die andersartigen Umstände appliziert und daher zu anderen Schlussfolgerungen gelangt. 31

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Alle Mitstreiter in dieser Debatte scheinen sich in einem Punkt einig zu sein. Unabhängig davon, ob sie den Text nun mit dem Einmarsch in Schlesien und der Interessenspolitik des Königs als vereinbar ansehen bzw. Friedrichs Antimachiavell als Text in der Nachfolge Machiavellis deuten oder nicht, gibt der Text ihrer Interpretation zufolge Friedrichs politische Grundüberzeugungen wieder, dokumentiert er ein “politisches Glaubensbekenntnis voll hohen königlichen Selbstbewußtseins und Pflichtgefühles“, wie es bei Koser heißt, 32 “ein Regierungsprogramm des künftigen Königs von Preußen“ 33 , wie Schieder schlussfolgert, oder “Bekenntnisse“, in denen “die Umrisse seiner eigenen Herrschaftsauffassung und Perspektiven seiner späteren Politik zu erkennen“ seien, um in Kunischs Worten zu sprechen. 34 Sofern wir allerdings den Antimachiavell als ein rhetorisches Traktat auffassen, stellt sich eine ganz andere Frage, nämlich wer wovon überzeugt werden sollte. Dabei ist sowohl die Frage nach dem Adressatenkreis als auch die Frage nach der zu übermittelnden Botschaft nicht leicht zu beantworten.

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In neueren Beiträgen zum Antimachiavell wird die wichtigste Frage zum Verständnis der Schrift, die nach dem potentiellen Adressatenkreis, nicht eigens behandelt. Dies ist erstaunlich, da sich manche im Text getroffene Aussage vielleicht wesentlich besser im Hinblick auf den potentiellen Adressaten deuten liesse. 35 Friedrich selbst gab als Adressat seines Traktates die europäische Fürstengesellschaft an. 36 Daraus lässt sich schließen, dass er die Schrift wohl in der Absicht verfasste, sie zu veröffentlichen. Darüber hinaus dürfte er neben den Fürsten auch die gebildete Öffentlichkeit im Blick gehabt haben. 37 Dies entsprach zumindest der Situation eines ehrgeizigen Kronprinzen, der sich vor seinem Herrschaftsantritt im Kreis der europäischen Potentaten und der Öffentlichkeit dadurch Ansehen verschaffen wollte, dass er als Autor in die Fußstapfen Mark Aurels und damit in die Rolle eines vorbildlichen Herrschers schlüpfte. Gedacht war dabei an eine anonyme Veröffentlichung, um den lebenden Regenten keinen Vorwand zu liefern, sich gegen den preußischen Kronprinzen verstimmt zu zeigen. Voltaire sollte dabei die Rolle eines Herausgebers übernehmen. 38 Diese Entscheidung war angesichts von Voltaires Extrovertiertheit zugleich die Garantie dafür, dass die Anonymität des Autors nicht lange gewahrt blieb – solange Friedrich beabsichtigte, mit seiner Schrift an die Öffentlichkeit zu gehen, dürfte er vollauf damit einverstanden gewesen zu sein, inoffiziell als der Autor des Antimachiavell zu gelten.

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Der preußische Thronwechsel verkomplizierte indes die Geschichte der Veröffentlichung. Friedrich hatte die Schrift noch nicht fertiggestellt, als sein Vater starb und der Thron Preußens damit für ihn frei wurde. Für eine weitere Bearbeitung des Traktats sah er keine Zeit mehr. So unstrittig es sein dürfte, dass Friedrich ursprünglich an eine Veröffentlichung seiner Schrift gedacht hatte, so unklar ist seine Haltung darüber nach seiner Thronbesteigung. Vielmehr hatte Voltaire zunehmend in Eigenregie die Veröffentlichung des Antimachiavell betrieben. Zunächst erschien die Schrift in einem Druck des Verlegers Jan van Düren in Den Haag, anschließend legte Voltaire der Öffentlichkeit noch eine zweite Version vor, in der er sich bemühte, kritische Einwände Friedrichs des Großen zu berücksichtigen. 39 Ob Voltaire dies allerdings geglückt ist, darf bezweifelt werden. Friedrich zeigte sich jedenfalls mit beiden Ausgaben unzufrieden. 40 Gleichwohl erlebte die Schrift einen wahren Boom auf dem Büchermarkt, kam es zu weiteren Nachdrucken beider Ausgaben ebenso wie zu Übersetzungen ins Deutsche, Englische und Italienische; sogar in Latein und in Türkisch war der Antimachiavell zu lesen. 41

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Für unsere Frage nach der ursprünglichen Inszenierungsabsicht Friedrichs zum Zeitpunkt der Entstehung des Traktats, d.h. in seiner Kronprinzenzeit, ist die komplexe Veröffentlichungsgeschichte weniger relevant als die Tatsache, dass Friedrich zum Zeitpunkt des Schreibens ein Publikum vor Augen hatte, also für die Öffentlichkeit schrieb. Legt man einen rhetorischen Interpretationsansatz zugrunde, so ist anzunehmen, dass er als zukünftiger Thronerbe und angehender Monarch in dieser Schrift ein Bild von sich zeichnete, das ihn in der Öffentlichkeit so darstellte, wie er gesehen werden wollte.

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Die im Text aufzufindenden Widersprüche zwischen den universalen Prinzipien der Gerechtigkeit und der Menschenliebe einerseits und der Staatsräson anderseits geben allerdings keine klare Antwort darauf, wie Friedrich in der Öffentlichkeit gesehen werden wollte. Der Widerspruch lässt sich auch nicht im Sinne Ulrich Muhlacks mit wenigen Strichen aus der Welt schaffen. Muhlack zieht aus seiner Deutung, dass Friedrichs Antimachiavell den Geist Machiavellis atmet, die Konsequenz, dass die gegen den florentinischen Autor gerichteten Attacken nichts weiter seien als “aufklärerisch-humanitäre Phrasen“, die “aufgesetzt“ wirken wie eine “literarische Stilübung“. 42 Sein kurzer Verweis auf die Entstehungsgeschichte des Werkes und Voltaires damit einhergehende Rolle als Korrespondent, Lektor und selbsternannter Herausgeber insinuiert dabei, dass nicht Friedrich, sondern Voltaire selbst die Attacken gegen Machiavelli zu verdanken seien. 43 Dafür gibt es allerdings keinerlei Anhaltspunkte. Sofern wir über den Entstehungsprozess des Antimachiavell und der darüber erfolgten Korrespondenz zwischen Friedrich und Voltaire informiert sind, war es Voltaire, der sich aus stilistischen Gründen gegen die allzu scharfen Attacken auf Machiavelli aussprach. 44 Friedrich wiederum beherzigte zahlreiche Verbesserungsvorschläge Voltaires, ließ aber die “Injurien“ gegen Machiavelli trotz Voltaires Streichungsvorschlägen im Text unverändert. 45

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Dies bedeutet aber, dass die Attacken auf Machiavelli für Friedrichs Selbstinszenierungsabsicht keineswegs nur aufgesetzte Phrasen waren, sondern zu ihrem Kern gehörten, wenn auch vielleicht nicht zum Kern seines politischen Weltbilds. Und wenn die Inszenierung für die Öffentlichkeit gedacht war, so sollte man vielleicht noch hinzufügen, wen man sich unter Öffentlichkeit Mitte des 18. Jahrhunderts vorstellen sollte. 46 Gedacht war die Schrift vermutlich für aufgeklärte Leser, oder noch genauer für die Meinungsmacher und Multiplikatoren unter ihnen, die hommes de lettres, die selbst zur Feder griffen, um ihrem politischen Ideal größere Aufmerksamkeit zu verschaffen. 47 Hätte Voltaire nicht ohnehin bei der Entstehung des Textes mitgewirkt, so hätte er den idealen Leser verkörpert, wie er Friedrich wohl als Adressat vor Augen stand. 48

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In diesem Kreis konnte Friedrich insbesondere dann auf Zustimmung hoffen, wenn er in seinem eigenen Text deren Grundüberzeugungen lautstark vertrat. 49 Und die wohlwollende Meinung in diesem Kreis war für die Außenwahrnehmung Preußens und seines zukünftigen Monarchen von nicht geringer Bedeutung, hatten deren Schriften doch auf die im Entstehen begriffene öffentliche Meinung in den Staaten Europas großen Einfluß. Der jederzeit mögliche Herrschaftsantritt war darüber hinaus der beste Zeitpunkt für eine politische Imagekampagne, wie Friedrich selbst nur wenige Jahre später 1744 in seiner Unterweisung an Herzog Karl Eugen von Württemberg bemerkte: “Es ist gewiß, daß jedermann die Augen auf das erste Hervortreten eines Mannes richtet, der ein hohes Amt auf sich nimmt; und gemeiniglich bestimmen gerade die ersten Handlungen das Urteil der Öffentlichkeit. Legen Sie zuvörderst den Grund zu allgemeiner Achtung, so werden Sie das Vertrauen der Öffentlichkeit gewinnen, wonach meines Erachtens ein Fürst vor allem trachten sollte“. 50

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Der Antimachiavell war Friedrichs Versuch, das Vertrauen der Welt zu erwerben. Seinen Lesern suchte Friedrich mit seinen Angriffen auf Machiavelli zu bezeugen, dass mit ihm ein Regent den Thron bestieg, der die Fürsten nicht davon lossprechen wollte, sich rechtschaffen zu verhalten, und der bemüht war, sich als offenherziger und geradliniger Potentaten zu charakterisieren, dem jegliche Täuschungsmanöver fremd seien. In seiner Entgegnung auf Machiavellis Kapitel über die Frage, ob Fürsten ihr Wort halten müssten, sucht Friedrich diesen Eindruck auch mit Hilfe anthropologischer Annahmen zu untermauern, wenn er den Menschen schlichtweg die Möglichkeit bestreitet, sich anders zu geben als man ist: “nur der spielt seine Rolle gut, der sich gibt, wie er ist“. 51 Seine Leser sollten darauf vertrauen dürfen, dass der Autor gegen die von Machiavelli geforderte Politik der Täuschung und des falschen Scheins deswegen so scharf polemisierte, da er vor solcherlei schmutzigen Methoden in der Politik Abscheu empfinde. Seine Empfehlung an die europäischen Fürsten liest sich zugleich wie ein persönliches Bekenntnis zur Aufrichtigkeit: “Man muß eben seinem innersten Menschen nach der sein, für den man vor der Welt gelten will, sonst ist, wer die Leute zu betrügen meint, selbst der Betrogene“. 52

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Die Verwunderung Europas über die Tatsache, dass der Autor solcher Zeilen mit Waffengewalt nach Schlesien einrückte, kaum dass er die Gelegenheit dafür günstig beurteilte, zeigt ja gerade, dass Friedrich seine Selbstinszenierung gelungen war, der Antimachiavell also eben nicht als Traktat über die Staatsräson wahrgenommen wurde, sondern als Plädoyer für eine an universalen Werten orientierten Politik. Gerade weil der Antimachiavell auf diese Weise gelesen wurde, führten die politischen Ereignisse dazu, dass man Friedrich dem Großen mit der Veröffentlichung dieser Schrift im Lichte der politischen Ereignisse eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit unterstellte. 53 Es dürfte dagegen evident sein, dass Friedrich, hätte er den Einmarsch nach Schlesien bereits erwogen, eine andere Art der Selbstdarstellung als den Antimachiavell gewählt hätte. Zu offensichtlich drohte die Diskrepanz zwischen einem Autor, der den Fürsten Maßhalten und die Zügelung ihres Ehrgeizes als oberste Tugend ans Herz legte, und dem Einmarsch in Schlesien dem von ihm erhofften Image in Europa zu schaden, als dass er dies auch noch selbst aktiv herbeiführte. Vielmehr war der Antimachiavell bereits veröffentlicht, bevor er die Gelegenheit erkannte, Preußen um die Provinz Schlesien zu bereichern. Daher blieb Friedrich nichts anderes übrig, als auf offener Bühne die Kleider zu wechseln und die Rolle zu tauschen, und sich statt mit Feder und Palmenzweig mit Säbel und Feldherrnstab auszustatten, eine Inszenierung, für die die zahlreichen Zuschauer im Theater der Aufklärung nur wenig Applaus spendeten.

Die Gedichte Friedrichs des Großen

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Die bisher besprochenen Considerations sowie der Antimachiavell sind beide fast zur selben Zeit entstanden, d.h. in den Jahren 1738/39. Da sie jedoch für einen jeweils anderen Adressatenkreis geschrieben wurden und ihnen eine jeweils spezifische Funktion für die öffentliche Meinungsbildung zukam, war auch die Art und Weise, wie politische Fragen traktiert wurden, jeweils unterschiedlich. Dieser Eindruck gibt bereits einen ersten Hinweis auf die Bedeutung des imaginären Lesers für Form und Inhalt des Geschriebenen. Welche Folgen es haben konnte, wenn zum imaginären Leser auch noch weitere Rezipienten hinzutraten, wenn also Friedrichs Texte eine Öffentlichkeit erreichten, für die sie nicht geschrieben worden waren, zeigt sich insbesondere in der Veröffentlichungsgeschichte der Gedichte Friedrichs.

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Mit den Gedichten berühren wir eine Gattung, der Historiker oftmals wenig Politisches abgewinnen können. 54 Friedrich der Große hat seinen Gedichten hingegen offenbar eine große Wirkung zugetraut, insbesondere falls sie in die falschen Hände fallen sollten. Dies erklärt auch seinen klandestinen Umgang mit ihnen. Wer die persönliche Gesellschaft Friedrichs genießen durfte und in einem engeren Vertrauensverhältnis zum König stand, gehörte vor allem in den ersten beiden Jahrzehnten von Friedrichs Herrschaft zum Kreis potentieller Adressaten und Leser seiner Gedichte. Wer sich allerdings mit der Absicht trug, den Hof Friedrichs des Großen zu verlassen, hatte die ihm übergebenen Gedichte wieder zurückzugeben. 55 Dass Voltaire die Gedichte des Königs mit sich führte, als er aus Potsdam abreiste und sich auf den Weg in sein Heimatland begab, führte denn auch zu seiner kurzzeitigen Verhaftung in Frankfurt, wo er die Bände auszuhändigen hatte. 56 Verstarb ein Vertrauter des Königs, so hatten die Hinterbliebenen die Gedichte wieder zurückzuerstatten, wie die Witwe des 1759 verstorbenen Präsidenten der Preußischen Akademie Maupertouis. 57

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Letztlich entsprach dieser Umgang mit Worten des Königs allgemein der höfischen Praxis, kursierten Schriften aus der Feder eines Herrschers weit häufiger als Manuskript im Kreis des Hofes, als dass sie für eine größere Öffentlichkeit gedruckt wurden. Bereits die Veröffentlichungsgeschichte des Antimachiavell zeigt die typische Zurückhaltung Friedrichs vor dem Schritt der Veröffentlichung. Die kontrollierte Veröffentlichung im kleinen Kreis war daher keineswegs bereits ein Ausweis für die größere Authentizität des Dargebrachten. Gleichwohl ist diese Deutung in der Forschung anzutreffen. Jürgen Ziechmann beispielsweise deutet Friedrichs Poesie als Teil der “Alltagsbewältigung“ zur “seelischen Balance des Autors“, weist ihr also gleichsam eine therapeutische Funktion zu. 58

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Es besteht allerdings keinerlei Notwendigkeit, zu solcherlei psychologisierenden Erklärungen Zuflucht zu nehmen. Es genügt, festzuhalten, dass Friedrich seine Gedichte als Medium für bestimmte Themen und Botschaften nutzte, die für einen spezifischen Adressatenkreis gedacht waren, nämlich diejenigen Personen, mit denen er im kleinen Kreis Umgang pflegte. Hier konnte Friedrich Themen ansprechen, die in der höfischen Welt das Gespräch bestimmten, nicht aber in der breiten Öffentlichkeit. Abgesehen von kleinen satirischen Spitzen gegen Zeitgenossen handelte es sich bei den Gedichten um Stilübungen auf der Klaviatur höfischer Kommunikation. Seine Äußerungen über verschiedene Gemütszustände, Tugenden und Laster, Ideale und Illusionen wirken wie eine Adaption höfischer Weisheitslehren aus der Feder von Grazian, La Rochefoucauld oder La Bruyère.

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Dass er seine persönliche Umgebung, die ihm ja den klassischen Hofstaat ersetzte, an dieser Poesie teilhaben ließ und sie damit zumindest indirekt in das Gespräch einbezog, war sicherlich geeignet, Nähe und Vertraulichkeit zu imaginieren und damit zur Stärkung einer Gruppenidentität im Umkreis des Königs beizutragen. 59 Zu dieser Strategie zählte auch seine Erklärung im Vorwort des Privatdruckes der Oeuvre du Philosophe de Sanssouci aus dem Jahr 1752, daß er seine Gedichte nicht öffentlich zugänglich machen wollte, da sie allein für den engsten Freundeskreis bestimmt seien. 60 Hinzu kam seine inszenierte Verachtung für den Geschmack und die Gesinnung des Pöbels, der jeglicher Philosophie nicht würdig sei. 61 Dies war ein gängiger Topos sowohl in der höfischen als auch in der gelehrten Welt, erfüllte bei Friedrich jedoch auch eine zusätzliche Funktion. Wenn Friedrich die Allgemeinheit für nicht würdig empfand, seine Gedichte zu lesen, durften sich die damit Beschenkten umso stärker ausgezeichnet und dem exklusiven Kreis um den Monarchen zugehörig fühlen. 62 Damit blieben die Gedichte jedoch gleichfalls Mittel der Selbstinszenierung und der Rhetorik und waren kein “treuer und vollwertiger Ausdruck seines Innern“. 63

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Welche Folgen es haben konnte, wenn die für den Kreis seiner persönlichen Umgebung geschriebenen Gedichte das Licht der Öffentlichkeit erblickten, zeigte sich mitten im Siebenjährigen Krieg, als seine Gedichte unter dem Titel Oeuvre du Philosophe de Sans-Souci unautorisiert in Lyon und fast zur gleichen Zeit auch in Paris gedruckt und veröffentlicht wurden, offenkundig mit der Intention, den preußischen König damit zu desavouieren. 64 Dabei handelte es sich um den Nachdruck der von Friedrich zuerst 1750 und dann nach Verbesserungen Voltaires 1752 erneut gedruckten gleichnamigen Ausgabe, die ausdrücklich nur als Privatdruck vorgesehen war. 65 Kompromittierend war an den Gedichten unter anderem die Art und Weise, wie sich Friedrich in ihnen zum Beispiel über den englischen König Georg II. oder über die Russen und ihren barbarischen Volkscharakter äußerte, d.h. sowohl über seine Gegner als auch über seine Verbündeten lustig machte.

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Auch wenn gravierende politische Folgen ausblieben, so sorgte die Veröffentlichung der Gedichte doch in England für einige Verstimmungen, und das zu einem Zeitpunkt, als Preußen stets befürchten musste, dass England sich vom europäischen Kriegsschauplatz zurückzog und Preußen damit seines einzigen Bündnispartners beraubt gewesen wäre. 66 Auch in Frankreich sorgten die Gedichte auf dem politischen Parkett für einigen Wirbel. Man nahm sie zum Anlass, die Friedenssondierungen zwischen Frankreich und Preußen zu beenden, wenngleich sich diese Sondierungen ohnehin eher lustlos dahinschleppten und kaum Erfolgsaussichten gehabt haben dürften. 67

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Welche Bedeutung Friedrich der Sache beimaß, zeigt sich in einer unmittelbar anschließend von ihm auf den Weg gebrachten “gereinigten“ Ausgabe seiner Gedichte, die unter dem bescheiden anmutenden Titel Poësies Diverses erschien. 68 Auch diese Schrift erschien anonym, wenn auch der Druckort Berlin bereits einen klaren Hinweis auf den Autor gab. In der Einleitung wird die Autorschaft nur angedeutet, wenn die Gedichte als Frucht der Muße eines großen Fürsten bezeichnet werden. Diese autorisierte Neuauflage erlebte innerhalb weniger Jahre mehrere Neuauflagen, ebenso allerdings auch die Oeuvre du Philosophe de Sans-Souci . 69 Auch von Gegenschriften und satirischen Attacken blieb der König mit der spitzen Feder nicht verschont. 70 Das adressatenorientierte Schreiben setzte den König in dem Moment öffentlichen Angriffen aus, als dessen Früchte auf die europäische Bühne gebracht wurden und dort im Kontext des Siebenjährigen Krieges neuartige Wirkung entfalteten. Gerade dieses Beispiel lässt erkennen, dass die Rolle des Autors für die Selbstdarstellung des Königs nicht nur Chancen, sondern auch Risiken beinhaltete.

Die Réflexions sur le talents militaires et sur le caractère de Charles XII, Roi de Suède (1760)

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Als letzten Text möchte ich auf Friedrichs Betrachtungen über Karl XII. eingehen, die ebenfalls mit dem militärischen Geschehen im Siebenjährigen Krieg in engem Zusammenhang stehen. Unmittelbar nach der Katastrophe der Schlacht von Kunersdorf greift der König zur Feder, um in den folgenden Wintermonaten gichtgeplagt seine Sicht auf Karl XII. zu Papier zu bringen. Was mochte ihn dazu bewogen haben, sich angesichts der drohenden Niederlage mit dem berühmt berüchtigten schwedischen König auseinanderzusetzen? Auch zu diesem Text überwiegen Deutungen, die vor allem einen Zusammenhang zu Friedrichs Persönlichkeit herstellen. So werden Karl XII. und dessen unrühmliches Ende bei Theodor Schieder zum “Probefall seiner Selbstprüfung“ und zum “Menetekel für Friedrich“. 71 Kunisch sieht das Motiv zur Entstehung dieser Schrift in dem Versuch der “Selbsteinschätzung“ und “Selbstvergewisserung“. 72

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In der Tat war die Schrift über Karl XII. nicht für viele Leser bestimmt. Ein paar Personen im Umkreis des Königs erhielten die Schrift aber gleichwohl überreicht, und zwar im Jahr 1760, unmittelbar nach ihrer Fertigstellung. Es ist äußerst aufschlussreich, wer die glücklich Beschenkten waren: Es handelte sich um seine Brüder Heinrich und Ferdinand, um zwei vertraute Korrespondenzpartner, den Marquis d’Argens und Voltaire, sowie um mehrere hochrangige Offiziere, den Baron de la Fouqué und den Feiherrn von Seydlitz. 73 Berücksichtigt man, dass die Prinzen Heinrich und Ferdinand in der Zeit des Siebenjährigen Krieges vor allem ranghohe Offiziere waren, so scheinen die meisten Leser dieser Schrift zugleich gemeinsam mit Friedrich im Feld zu stehen. 74 Mag die Schrift über Karl XII. nicht eine Botschaft enthalten, die für eben diesen Adressatenkreis bestimmt war?

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Friedrich begnügt sich in seinen Réflexions sur le talents militaires et sur le caractère de Charles XII, Roi de Suède damit, einige kritische Anmerkungen sowohl zur Kriegführung als auch zur politischen Ziellosigkeit des schwedischen Königs zu verfassen. Eine Biographie Karls XII. wollte er nicht leisten, ebenso wenig einen Tatenbericht. Eher lässt sich die Schrift als ein kritischer Essay über die Frage lesen, wie ein militärisch begabter König wie Karl XII. nach großen politischen und militärischen Erfolgen so hatte enden können; weder die Rolle Karls XII. als politischer Flüchtling im Osmanischen Reich noch sein Tod während der Belagerung einer dänischen Festung galten Friedrich wohl als erstrebenswertes Schicksal. Friedrich möchte “les causes de ses infortunes“ ergründen. 75

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Der Zeitpunkt der Niederschrift und das Thema des Essays legen allerdings eine Botschaft nahe, die zwischen den Zeilen stets mitschwingt, aber nicht offen ausgesprochen wird: Da sich Friedrich der Ursachen des Mißgeschicks Karls XII. vollauf bewusst ist, wie er mit seiner Schrift dokumentiert, wird ihm ein vergleichbares Mißgeschick erspart bleiben, so die verschlüsselte Aussage des Textes. Dieses Bekenntnis ist für sich genommen bereits merkwürdig. Noch stärker erklärungsbedürftig ist allerdings die hier vertretene Annahme, dass Friedrich sich Ende 1759 offenbar genötigt sah, dieses Bekenntnis gegenüber seinen eigenen Offizieren vorzubringen. Plausibilität gewinnt diese Vermutung erst durch einen Blick auf die politischen Umstände. Weshalb mochte der König sich dazu gezwungen sehen, führenden Offizieren auf verschlüsselte Art und Weise mitzuteilen, dass er kein Hasardeur sei?

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Zentral hierfür war sicherlich Friedrichs Feldherrnrolle. Gerade Johannes Kunisch hat zuletzt wiederholt darauf hingewiesen, welchen Vorteil es in militärischer Hinsicht mit sich brachte, wenn der regierende König selbst die wesentlichen militärischen Entscheidungen verantwortete, da er dann auf dem Feld schneller und wagemutiger agieren konnte. Er musste sich weder bei der politischen Obrigkeit rückversichern noch im Falle eines militärischen Mißerfolgs die eigene Bestrafung befürchten. 76 Dies ist sicherlich in militärischer Hinsicht überzeugend. Allerdings hat die Feldherrnrolle auch eine Kehrseite für die Akzeptanz des Königs und seiner politisch-militärischen Entscheidungen. Wenn ein König seine Herrschaftsgewalt auch auf den Bereich militärischer Praxis ausdehnt, so erweiterte er damit auch das Feld, auf dem er seine persönliche Autorität unter Beweis stellen musste. Die Erweiterung der königlichen Entscheidungssphäre vergrößert auch die Angriffsflächen, denen sich der Monarch im Falle des Mißerfolgs ausgesetzt sah.

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Sofern ein König das Schlachtgeschehen nur von der eigenen Residenz aus verfolgte, hatte er zwar die politischen Grundsatzentscheidungen über Krieg und Frieden zu verantworten, stand aber nicht persönlich für militärische Mißerfolge seiner Feldherren in der Kritik. Dies war bei Friedrich dem Großen anders. Und so war Kunersdorf in den Augen nicht weniger seiner Mitstreiter eine Niederlage, die Friedrich persönlich zu verantworten hatte. Dies war sowohl im politischen Sinne gemeint, da Friedrich für den Siebenjährigen Krieg durch seinen Präventivschlag auf besondere Weise persönlich verantwortlich war, als eben auch im militärischen Sinne, da er bei dieser Schlacht das Kommando führte und keineswegs alle hohen Offiziere in seiner Armee von der Richtigkeit seiner zahlreichen Offensivaktionen überzeugt waren. Kritischen Beobachtern vom Schlage seines jüngeren Bruders Heinrich mochte Kunersdorf wie die Konsequenz von Friedrichs militärischer Führung erscheinen. 77 Und das Bild, in das diese kritischen Zweifel seit Friedrichs Jugendtagen gekleidet wurden, war der Vergleich mit Karl XII. Bereits Grumbkow meinte, den Kronprinzen davor warnen zu müssen, in die Fußstapfen des schwedischen Königs zu treten. 78 Friedrich selbst sprach in seiner historiographischen Nachbearbeitung des ersten schlesischen Krieges den Zweifel mancher politischen Beobachter an seiner Entscheidung zum Überfall auf Schlesien an mit den Worten: “Andere glaubten, daß der König alles auf den Zufall setze und sich Karl XII. zum Muster nehme“. 79 Friedrich lässt an dieser Stelle offen, wer diese “anderen“ waren und welche politische Bedeutung ihnen zukam. Es dürfte allerdings einleuchten, dass Friedrich es sich nicht leisten konnte, solche Zweifel an seiner politischen und militärischen Befähigung bei seinen wichtigsten Generälen Überhand nehmen zu lassen; zumal er nach Kunersdorf ihre Qualitäten und ihren Einsatzwillen noch stärker benötigte, hatte sich die militärische Gesamtlage aus preußischer Sicht doch keineswegs verbessert. 80

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Diese Überlegungen machen deutlich, weshalb Friedrich durchaus Gründe dafür hatte, sich an seine wichtigsten Offiziere zu wenden. Wieso tat er das allerdings mit einem historischen Essay über Karl XII.? Dies war ebenfalls seiner Doppelrolle als König und Feldherr geschuldet. Es war in seiner Lage kaum denkbar, die Frage nach eventuell aufkommenden Zweifeln gegenüber seiner Person offen anzusprechen, ohne dabei nicht vollständig seine königliche Autorität einzubüßen. Bestrafungsaktionen gegen manche Offiziere hätten zwar die Kritik verstummen lassen, seine Autorität innerhalb des militärischen Führungskreises aber ebenfalls kaum gestärkt. Es blieb daher als mögliche Verständigungsform mit seinen wichtigsten Offizieren einzig das höfische Medium verschlüsselter Kommunikation übrig, um eine Botschaft auszusenden, ohne sie offen aussprechen zu müssen.

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Hierfür allerdings schien eine Schrift über Karl XII. geradezu ideal zu sein. Erstens verband ihn mit Karl XII. die Doppelrolle als König und Feldherr. Zweitens schien sich die Kritik an Friedrich, wie gezeigt, Karls XII als negativem Exempel wiederholt zu bedienen. Und drittens konnte er mit einer Diskussion der politischen und militärischen Fehler gerade das unter Beweis stellen, was manche ihm nach Kunersdorf vielleicht abzusprechen geneigt waren: seine politischen und militärischen Kompetenzen sowie seinen auf Mäßigung bedachten Charakter, den er scharf von demjenigen des schwedischen Abenteurers abgrenzte. Eine Schrift über Karl XII. bot Friedrich also Gelegenheit, implizit Bekenntnisse über sich selbst auszubreiten, ohne dies explizit tun zu müssen.

Schlussbetrachtungen

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Der Streifzug durch einige Texte aus der Feder Friedrichs des Großen lässt sich als Plädoyer verstehen, Friedrichs Schriften auf eine andere Weise zu deuten, als dies bislang in weitreichendem Maße der Fall war. Natürlich stellt sich dabei einem Skeptiker die Frage, ob man Friedrichs Schriften, die seit über 200 Jahren der Öffentlichkeit bekannt sind und sich seither mehr oder weniger ununterbrochen der Aufmerksamkeit der Historiker erfreuten, überhaupt auf neue Weise lesen und interpretieren kann. Anhand der Interpretation der Considerations , des Antimachiavell , des Oeuvre du Philosophe de Sanssouci sowie von Friedrichs Betrachtungen über Karl XII. ließ sich allerdings exemplarisch vorführen, auf welche Weise diese Texte in neuem Licht erscheinen können.

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Erstens halte ich es für geboten, all diese Texte nicht als Bekenntnisschriften, als Rechenschaftsberichte oder gar als Selbstzeugnisse aufzufassen, sondern allgemein gesprochen als rhetorische Texte zu lesen, deren Ziel weniger war, allgemeine oder persönliche Wahrheiten auszusprechen als vielmehr einen jeweils spezifischen Zweck zu erfüllen. Die Intention des Autors Friedrich lässt sich dabei von seiner politischen Rolle als Monarch nicht trennen, weshalb es sich bei den hier genannten Zielsetzungen stets um politische Ziele handelte: Die Texte dienten als ein Mittel der Diplomatie wie im Falle der Considerations , als Mittel seiner Selbstdarstellung und Imagepolitik wie im Falle des Antimachiavell , als höfische Kommunikation zur Förderung der höfischen Vergemeinschaftung seiner persönlichen Umgebung wie bei dem Oeuvre du Philosophe de Sanssouci oder als vertrauensbildende Maßnahme gegenüber seinen wichtigsten Offizieren wie bei seinen Betrachtungen über Karl XII .

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Um zu diesen Deutungen zu gelangen, erweist es sich zweitens als notwendig, die Texte nicht textimmanent zu deuten, sondern den jeweils spezifischen Verwendungszusammenhang mit zu berücksichtigen, d.h. vor allem danach zu fragen, an welche Leser die Schrift jeweils adressiert war bzw. gewesen seien könnte. Eine Aussage über den spezifischen politischen Zweck der Schrift lässt sich nur wagen, falls es gelingt, den Adressaten der Schrift zu rekonstruieren und damit zu wissen, wer Friedrich beim Abfassen seiner Schrift als imaginärer Leser vor Augen stand. Ein Forschungsprogramm, das die Schriften Friedrichs systematisch auf ihre politische Funktionalität hin befragt und dabei als politische Instrumente ernst nimmt, nicht aber als Bekenntnisliteratur, dürfte neue Deutungen und Erkenntnisse zutage fördern.

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Diese Vorgehensweise ermöglicht auch Aussagen über Friedrich den Großen als Autor. Er erweist sich als König, der für seine Selbstdarstellung sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Kreis seiner Umgebung auf die Macht und den Einfluß des geschriebenen Wortes mehr vertraute als auf andere Medien der Repräsentation. Friedrich hat als regierender König kein einziges Herrscherportrait in Auftrag gegeben, wohl aber zahlreiche seiner Schriften entweder im kleinen Kreis oder aber öffentlich in Umlauf gebracht. Sein Umfeld sollte sich offensichtlich aufgrund seiner Schriften ein Bild von ihm machen.

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Friedrich war sich der Ambivalenz seiner Doppelrolle als König und Autor offenkundig bewusst. Es ist daher alles andere als Zufall, dass die ersten Werksausgaben von Friedrichs Schriften erst nach seinem Tod erschienen sind. Dies zeigt sich auch an der mitunter komplizierten Geschichte der Veröffentlichung seiner Schriften, zum Beispiel beim Antimachiavell oder bei seinen Gedichten. Friedrich hatte einen schmalen Grat zu bewältigen zwischen den Früchten einer Inszenierung, die seine Autorschaft herausstellte und damit seine Einsichtsfähigkeit und seine Aufgeklärtheit unterstrich, und den Gefahren, die er damit heraufbeschwor: zum Beispiel sich der öffentlichen Kritik auszusetzen, politische Handlungsoptionen einzubüßen, sofern deren Realisierung der öffentlich verlautbarten Selbstdarstellung zuwiderlief bzw. andernfalls als Heuchler gebrandmarkt zu werden, dessen Selbstinszenierung mit der politischen Realität in Widerspruch stand. Ungeachtet dieses Risikos griff Friedrich auch in fortgeschrittenen Jahren wiederholt zur Feder, um politische Botschaften auszusenden, zum Beispiel wenn er im Jahr 1770 gegen Holbachs Traktat “System der Natur“ öffentlich das Prinzip der Erbmonarchie verteidigte. 81

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Worin mochte der erhoffte Profit liegen, der das Risiko öffentlicher Stellungnahmen aufwog? Friedrich konnte als Autor in Bereichen Einfluß zu nehmen versuchen, die seinen Herrschaftsbereich überstiegen: Wo seine politische Befehlsgewalt nicht hinreichte, er keinen Gehorsam einfordern konnte, vertauschte er sein Königsamt mit der Rolle eines gleichrangigen Mitglieds der Republique de lettres, der mit der Feder um Zustimmung warb. Dies betraf zum einen die politische Meinungsbildung jenseits Preußens, die er damit zu beeinflussen hoffte. Zum anderen gab es aber auch innerhalb seines Herrschaftsbereichs immer wieder Situationen, in denen er Texten einen größeren Effekt zuzubilligen schien als Anweisungen oder Befehlen. Dies betrifft vor allem all diejenigen Fälle, in denen er auf Zustimmung angewiesen war und daher überzeugen musste, wie er dies zum Beispiel in seiner Schrift über Karl XII. gegenüber seinen wichtigsten Offizieren versuchte.

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Friedrich erweist sich in solchen Anstrengungen als ein König, der den Intellektuellen Europas und vor allem den Hommes de lettres in Frankreich offenkundig große politische Bedeutung zubilligte. Am Beispiel Voltaires konnte er bereits in seiner Kronprinzenzeit erkennen, daß mitunter einem Schriftsteller in Europa ebenso große Aufmerksamkeit zukam wie Staatsmännern und Königen, ja daß Voltaire als Schriftsteller ein “homme public“ war wie kaum ein anderer. Friedrich konnte gleichfalls wahrnehmen, wie diese öffentliche Autorenrolle Voltaires Aussagen politische Wirksamkeit in der Öffentlichkeit verlieh. 82 Dieses Beispiel mochte ihn dazu veranlasst haben, selbst als Intellektueller auf die Bühne zu treten und gleich einem Schauspieler beim Publikum die beabsichtigten Affekte und politischen Wirkungen hervorzurufen. Er vermochte diese Rolle ebenso überzeugend zu spielen wie die des Feldherrn und die des Königs. Dieser Befund sollte für ein historisches Urteil ausreichen. Die darüber hinausgehende Frage, welche dieser Rollen seinem Wesen und seiner Persönlichkeit gemäß sei, lässt sich auf wissenschaftliche Weise nicht beantworten. Es empfiehlt sich daher, hierüber zu schweigen.

Autor

Dr. Andreas Pečar
Universität Rostock
Philosophische Fakultät
Historisches Institut
August-Bebel-Str. 28
18051 Rostock
andreas.pecar@uni-rostock.de

1 Vgl. hierzu Johannes Friedrich Lehmann: Der Blick durch die Wand. Zur Geschichte des Theaterzuschauers und des Visuellen bei Diderot und Lessing (= Cultura 12), Freiburg 2000, 222-229.

2 Vgl. hierzu Allison Grear: A backround to Diderot’s “Paradoxe sur le comédien”: The role of the imagination in spoken expression of emotion, 1600-1750, in: Forum for Modern Language Studies 21 (1985), 225-238; Wolfgang F. Bender: Schauspielkunst im 18. Jahrhundert – Grundlagen, Praxis, Autoren, Stuttgart 1992; Rüdiger Campe: Affekt und Ausdruck. Zur Umwandlung der literarischen Rede im 17. und 18. Jahrhundert, Tübingen 1990, 191-219.

3 Vgl Eduard Spranger: Der Philosoph von Sanssouci, 2. Aufl., Heidelberg 1962, 26 und 50.

4 Vgl. Ernst Cassirer: Freiheit und Form. Studien zur deutschen Geistesgeschichte, hg. v. Reinold Schmücker (= Gesammelte Werke. Hamburger Ausgabe 7), Darmstadt 2001, 334-337, hier: 334f.

5 Johann David Erdmann Preuß: Friedrich der Große als Schriftsteller. Vorarbeit zu einer echten und vollständigen Ausgabe seiner Werke, Berlin 1837, Vorwort VIII.

6 Zur hagiographischen Tendenz beim Umgang mit Friedrich dem Großen generell vgl. Peter-Michael Hahn: Friedrich der Große und die deutsche Nation. Geschichte als politisches Argument, Stuttgart 2007, 45-66.

7 Vgl. Wilfried Herderhorst: Zur Geschichtsschreibung Friedrichs des Großen (= Studien zum Geschichtsbild 10), Göttingen 1962, 12f. und 31; Horst Möller: Friedrich der Große und der Geist seiner Zeit, in: Johannes Kunisch (Hg.): Analecta Fridericiana (= Zeitschrift für historische Forschung Beih. 4), Berlin 1987, 55-74, hier: 61; ebenso auch jüngst Michael Rohrschneider: Friedrich der Große als Historiograph des Hauses Brandenburg. Herrscherideal, Selbststilisierung und Rechtfertigungstendenzen in den Mémoires pour servir à l’histoire de la maison de Brandenbourg, in: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte 17 (2007), 103-121, hier: 105f. Johannes Kunisch deutet die politischen Schriften des Königs als Rechenschaftsberichte und Selbstreflexionen über die Pflichten, die Möglichkeiten und die Grenzen eines absolutistischen Herrschers; Johannes Kunisch: Friedrich der Große. Der König und seine Zeit, München 2004, 546f. Peter-Michael Hahns Urteil über die zurückliegende Friedrichforschung erscheint unvermidert aktuell, wenn er konstatiert, dass “die Frage nach der Wahrhaftigkeit in den verschiedenen Textsorten bei keinem der Interpreten wirklich zur Debatte stand. Die grundsätzliche Frage, wie ernst es dem König mit seinen Äußerungen jeweils gewesen war oder welchen Adressatenkreis er ansprechen oder gar zu seinen Gunsten instrumentalisieren wollte, gehörte damals nicht in das konzeptuelle Merkbuch der meisten Historiker“; Hahn: Friedrich der Große (wie Anm. 6), 159.

8 In der deutschen Übersetzung: Friedrich der Große: Betrachtungen über den gegenwärtigen Zustand Europas, in: Gustav Berthold Volz (Hg.): Die Werke Friedrichs des Großen, 10 Bde., Berlin 1912-1914, hier: Bd. 1, 226-244.

9 Preuß: Friedrich der Große als Schriftsteller (wie Anm. 5), 170-173.

10 Arnold Berney: Friedrich der Große. Entwicklungsgeschichte eines Staatsmannes, Tübingen 1934, 93. Ähnlich auch Gerhard Ritter: Friedrich der Große. Ein historisches Profil, 3. Aufl., Heidelberg 1954, 80f., sowie Kunisch: Friedrich der Große (wie Anm. 7), 118-121.

11 Friedrich Meinecke: Des Kronprinzen Friedrich Considérations sur l’état présent du corps politique de l’Europe, in: ders.: Brandenburg – Preußen – Deutschland. Kleine Schriften zur Geschichte und Politik, hg. v. Eberhard Kessel (= Werke 9), Stuttgart 1979, 174-200.

12 Meinecke: Des Kronprinzen Friedrich Considerations (wie Anm. 11), 191.

13 Die Tatsache, dass Friedrich erwogen hat, die Schrift in England zu publizieren, war Anlass für manch irrige Deutung. So erklärt Brunhilde Wehinger dies nicht damit, dass Friedrich damit England als Adressat der Schrift im Auge gehabt haben könnte, sondern damit, dass er nur in England hätte hoffen können, seine Schrift auch wirklich gedruckt zu sehen; Brunhilde Wehinger: “Denkwürdigkeiten des Hauses Brandenburg“. Friedrich der Große als Autor der Geschichte seiner Dynastie, in: Günther Lottes (Hg.): Vom Kurfürstentum zum “Königreich der Landstriche“. Brandenburg-Preußen im Zeitalter von Absolutismus und Aufklärung (= Aufklärung und Europa 10), Berlin 2004, 137-174, hier: 144.

14 Mit der Interpretation, der Text sei ein Mittel der Außenpolitik gewesen, steht er allerdings nicht allein; so bereits Reinhold Koser: Geschichte Friedrichs des Großen, 4 Bde., ND der 6. und 7. Aufl. von 1925, Darmstadt 1963, Bd. 1, 145-150, der die Schrift als “politisches Flugblatt“ bezeichnet, sie allerdings an die Adresse Englands und Hollands gerichtet sieht; vgl. auch Theodor Schieder: Ein Königtum der Widersprüche, Berlin 1983, 103.

15 Kunisch: Friedrich der Große (wie Anm. 7), 128.

16 Berney: Friedrich der Große (wie Anm. 10), 78; Kunisch: Friedrich der Große (wie Anm. 7), 116f.

17 Vgl. den Brief an Jordan nach dem Sieg in Chotusitz (1741), in: Otto Bardong (Hg.): Friedrich der Große (= Ausg. Quellen zur Geschichte der Neuzeit. Freiherr von Stein-Gedächtnisausgabe 22), Darmstadt 1982, 102f.

18 Die Gattung der Kontroversliteratur kam insbesondere in den konfessionellen Auseinandersetzungen zu hohen Ehren und ist daher keineswegs ein Spezifikum der Aufklärung, wie Brunhilde Wehinger konstatiert; Wehinger: Denkwürdigkeiten (wie Anm. 13), 146.

19 Zu diesem Widerspruch bereits Friedrich Meinecke: Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte, 2. Aufl., hg. v. Walther Hofer, (= Werke 1), München 1960, 344f.

20 Friedrich der Große: Antimachiavell, in: Volz: Die Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 8), Bd. 7, Berlin 1912, 10.

21 Friedrich der Große: Antimachiavell (wie Anm. 20), 20: “… mit seinen eigenen Waffen kann man Machiavell in die Ecke treiben, eben mit jener Selbstsucht, die ja die Seele seines Buches ist, der Abgott seiner verbrecherischen Staatsweisheit, der einzige Gott, den er anbetet.“

22 Friedrich der Große: Antimachiavell (wie Anm. 20), 100.

23 Friedrich der Große: Antimachiavell (wie Anm. 20), 52.

24 Vgl. Schieder: Friedrich der Große (wie Anm. 14), 105: “Qui dit la vertu, dit la raison“; vgl. auch Ritter: Friedrich der Große (wie Anm. 10), 84-91.

25 Friedrich der Große: Antimachiavell (wie Anm. 20), 74.

26 Friedrich der Große: Antimachiavell (wie Anm. 20), 51.

27 Friedrich der Große: Antimachiavell (wie Anm. 20), 100.

28 Koser: Geschichte Friedrichs des Großen (wie Anm. 14), Bd. 1, 151: “Und so führen von der politischen Theorie des Kronprinzen Friedrich zu der praktischen Politik des Königs mehr Brücken, als es auf den ersten Blick scheinen mag“, so das Urteil Kosers über eine Textstelle, in der Friedrich den Bruch von geschlossenen Verträgen unter bestimmten Bedingungen für notwendig erachtet. Ähnlich George Peabody Gooch: Friedrich der Große. Herrscher, Schriftsteller, Mensch, Göttingen 1951, 306. Zentral ist diese Kontrastierung auch bei Karl Otmar Freiherr von Aretin: Friedrich der Große. Größe und Grenzen des Preußenkönigs, Freiburg/Basel/Wien 1985, 8-12; Schieder: Friedrich der Große (wie Anm. 14), 127-146; Rudolf Vierhaus: Staatsverständnis und Staatspraxis Friedrichs II. von Preußen, in: Kunisch: Analecta (wie Anm. 7), 75-90, v.a. 76f.; Ingrid Mittenzwei: Friedrich II. von Preußen, 3. Aufl., Köln 1983, 53-59; Kunisch: Friedrich der Große (wie Anm. 7), 127-131, 159f., 172.

29 Meinecke: Idee der Staatsräson (wie Anm. 19), 326 und 351; auch Berney: Friedrich der Große (wie Anm. 10), 101.

30 Schieder: Friedrich der Große (wie Anm. 14), 104.

31 Am weitesten geht in diesem Sinne Ulrich Muhlack: Geschichte und Geschichtsschreibung bei Voltaire und Friedrich dem Großen, in: Johannes Kunisch (Hg.): Persönlichkeiten im Umkreis Friedrichs des Großen (= Neue Forschungen zur brandenburg-preußischen Geschichte, 9), Köln/Wien 1988, 29-57, hier: 56 Anm. 117; ähnlich bereits Gooch: Friedrich der Große (wie Anm. 28), 305, der von einem “Scheingefecht“ Friedrichs spricht.

32 Koser: Geschichte Friedrichs des Großen (wie Anm. 14), 152. Der Begriff des “politischen Glaubensbekenntnisses“ findet sich bereits bei Preuss: Friedrich der Große als Schriftsteller (wie Anm. 5), 192.

33 Theodor Schieder: Friedrich der Große und Machiavelli. Das Dilemma von Machtpolitik und Aufklärung, in: HZ 234 (1982), 265-294, hier: 270.

34 Kunisch: Friedrich der Große (wie Anm. 7), 128.

35 Auch der Beitrag von Wolfgang Biesterfeld: Friedrich des Großen Antimachiavell als Text der Literaturgeschichte, in: ders.: Aufklärung und Utopie. Gesammelte Aufsätze und Vorträge zur Literaturgeschichte, Hamburg 1993, 7-26, enthält leider nur eine Diskussion darüber, welcher Textgattung der Antimachiavell zuzurechnen ist.

36 Friedrich der Große: Antimachiavell (wie Anm. 20), 114. Friedrich wendet sich ausdrücklich an die “fürstlichen Leser“.

37 Die Veröffentlichungsabsicht geht aus mehreren Briefen Friedrichs des Großen an Francesco Algarotti hervor; vgl. Francesco Algarotti: Briefwechsel mit Friedrich II., hg. v. Wieland Giebel, Berlin 2008, 17, 18, 20, 26, 28 (Briefe vom 1. Sept. 1739, 29. Okt. 1739, 4. Dez. 1739, 19. Mai 1740, 21. Juli 1740). Vgl. ferner die Überlegungen bei W. von Sommerfeld: Die äußere Entstehungsgeschichte des “Antimachiavel“ Friedrichs des Großen, in: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte 29 (1916), 457-470, hier: 461f.

38 Sommerfeld: Die äußere Entstehungsgeschichte (wie Anm. 37), 463-465.

39 Vgl. Sommerfeld: Die äußere Entstehungsgeschichte (wie Anm. 37), 469f.; ferner Preuss: Friedrich der Große als Schriftsteller (wie Anm. 5), 182-184; zu den verschiedenen Ausgaben auch Gerhard Knoll: Probleme eines Verzeichnisses der bis circa 1800 erschienenen Drucke von Werken Friedrichs II., in: Martin Fontius (Hg.): Friedrich II. und die europäische Aufklärung (= Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte Beih. 4), Berlin 1999, 87-102, hier: 90-92, sowie grundlegend Gustav Leithäuser: Verzeichnis sämmtlicher Ausgaben und Uebersetzungen der Werke Friedrichs des Grossen, Königs von Preussen. Mit einem Nachwort neu herausgegeben von Gerhard Knoll, Osnabrück 2001, 286-304.

40 Der beste Beleg dafür ist die Tatsache, dass der König die Verbreitung und die Übersetzung des Antimachiavell in Preußen verbieten ließ. In Preußen erschien der Antimachiavell erst 1789, in Hannover und in Leipzig war bereits 1762 eine deutsche Ausgabe des Textes auf dem Markt; vgl. die kommentierende Einleitung zu Friedrich der Große: Der Antimachiavell. Aus dem Französischen von Friedrich von Oppeln-Bronikowski, Jena 1922, XVIIff.

41 Preuss: Friedrich der Große als Schriftsteller (wie Anm. 5), 188f.

42 Alle Zitate bei Muhlack: Geschichte (wie Anm. 31), 56 Anm. 117.

43 So ebenfalls Muhlack: Geschichte (wie Anm. 31), 56 Anm. 117.

44 Vgl. Voltaires Brief an Friedrich vom 4. Dezember 1739, in: Friedrich der Große: Briefwechsel mit Voltaire 1736-1778, hg. v. Reinhold Koser / Hans Droysen, 3 Bde., Leipzig 1908-1911, Bd. 1, 313.

45 Sommerfeld: Die äußere Entstehungsgeschichte (wie Anm. 37), 465-467.

46 Vgl. Lucian Hölscher: Art. Öffentlichkeit, in: Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 4, Stuttgart 1978, 413-467, v.a. das Kapitel “Publikum und Öffentlichkeit im 18. Jh.“ (433-438).

47 Vgl. Roger Chartier: Der Gelehrte, in: Der Mensch der Aufklärung, hg. v. Michel Novelle, Frankfurt a.M. / New York 1996, 122-168.

48 Vgl. Berney: Friedrich der Große (wie Anm. 10), 103.

49 Daß diese Strategie trotz des Schlesienabenteuers bereits bei einigen Zeitgenossen verfing, von der Nachwelt gar nicht zu reden, betont Martin Fontius: Der Ort des “Roi philosophe“ in der Aufklärung, in: ders. (Hg.): Friedrich II. (wie Anm. 39), 9-27, hier: 26f.

50 Friedrich der Große: Der Fürstenspiegel oder Unterweisung des Königs für den jungen Herzog Karl Eugen von Württemberg (1744), in: Volz: Die Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 8), Bd. 7, Berlin 1912, 201.

51 Friedrich der Große: Antimachiavell (wie Anm. 20), 71.

52 Friedrich der Große: Antimachiavell (wie Anm. 20), 71.

53 So zum Beispiel der französische Gesandte in Berlin, Guy Louis Henry Marquis de Valory, im Jahr 1745: “Man darf nicht glauben, der König von Preußen habe die Politik und das Benehmen eines Herrschers nach den Grundsätzen aufgefaßt, die er im Antimachiavell’ zum besten gegeben hat. Das Buch ist meiner Ansicht nach geschrieben worden, um die Illusion vorzubreiten, mit der er ganz Europa überraschen wollte. Aber sein Benehmen seit seiner Thronbesteigung hat die Meinung derer gerechtfertigt, die da glauben, er habe die Grundsätze der Gerechtigkeit und Tugend in seinem Werke nur deshalb zum Ausdruck gebracht und sie zu befolgen verheißen, um sie den Fehlern des verstorbenen Königs gegenüberzustellen“; zit. n. Bardong: Friedrich der Große (wie Anm. 17), 551. Noch schärfer urteilt Jean-Jacques Rousseau in einem Brief an Lenieps vom 4. 12. 1758: “ein Mensch ohne Prinzipien, der jedes Menschenrecht mit Füßen tritt, der nicht an die Tugend glaubt, sondern sie als Köder betrachtet, mit dem man die Dummen täuscht und der seinen Machiavellismus begann, indem er Machiavelli widerlegte“; Jean Jacques Rousseau: Correspondance complète, hg. v. Ralph Alexander Leigh, 52 Bde., Genève 1967, Bd. 5, 247f., die Übersetzung ist entnommen aus Martin Fontius: Der Ort des “Roi philosophe“ (wie Anm. 49), 15.

54 Vgl. hierzu den Kommentar von Gonthier-Louis Fink: Friedrich der Große, ein klassizistischer Dichter im Spiegel seiner (französischen) Oden, in: Jürgen Ziechmann (Hg.): Fridercianische Miniaturen, Bd. 4 (= Forschungen und Studien zur Fridercianischen Zeit 5), Bremen 1997, 108-128 u. 270-275, hier: 108.

55 Preuss: Friedrich der Große als Schriftsteller (wie Anm. 5), 122-124.

56 Vgl. Kunisch: Friedrich der Große (wie Anm. 7), 324.

57 Hans Droysen: Friedrich des Großen Poésies diverses von 1760, in: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte 24 (1911), 227-242, hier: 227f.

58 Jürgen Ziechmann: Friedrichs poetische Produktion, in: ders. (Hg.): Panorama der fridericianischen Zeit. Friedrich der Große und seine Epoche (= Forschungen und Studien zur fridericianischen Zeit 1), Bremen 1985, 252-259, hier: 252.

59 Um so merkwürdiger mutet vor dieser Perspektive die Aussage Eduard Sprangers an, dass es für das Verständnis der Gedichte Friedrichs des Großen “nebensächlich [sei], ob der König die herangezogenen Gedichte zu Lebzeiten anderen bekannt gemacht hat oder nicht“; Eduard Spranger: Der Philosoph von Sanssouci, 2. Aufl., Heidelberg 1962, 11.

60 Friedrich der Große: Dichtungen, in: Volz: Die Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 8), Bd. 9, Berlin 1914, VII.

61 Nach der unautorisierten Veröffentlichung der Oeuvre du Philosophe de Sans-Souci schrieb Friedrich der Große folgendes Gedicht an den Marquis d’Argens: “Nie wollt’ ich als Dichter mich ausposaunen, / Mich sollten nicht Hinz und Kunz bestaunen, / Meine Verse wollt’ ich zur Schau nicht stellen / Dem Pöbel, der auf der Lebensbahn / Blöd einhertrollt; mich plagt nicht der Wahn, / seinen kargen Verstand zu erhellen / Mit der Leuchte der Philosophie“; Friedrich der Große: Dichtungen, in: Volz: Die Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 8), Bd. 10, Berlin 1914, 168f.

62 Eine solche Inszenierung der Nähe findet sich beispielsweise in Friedrichs Brief an Algarotti vom 1. September 1739, als er darum warb, dass der Italiener in seine Dienste eintreten sollte, und in dem sich gleich zwei Gedichte eingefügt finden: “Glücklich sind diejenigen, welche sich des Umganges mit geistreichen Männern erfreuen, noch glücklicher die Fürsten, welche sie besitzen können! Ein Fürst, welcher nur solche Unterthanen zu haben wünschte, würde freilich ein sehr gering bevölkertes Reich beherrschen“; Algarotti: Briefwechsel (wie Anm. 37), 16.

63 Vgl. hierzu treffend Kunisch: Friedrich der Große (wie Anm. 7), 67f.; das Zitat bei Spranger: Der Philosoph von Sanssouci (wie Anm. 59), 12, der ebenfalls verneint, man könne die Gedichte als “individuelle Erlebnispoesie“ auffassen (25). Gleichwohl gelangt er zu dem merkwürdigen Fazit, es handle sich bei den Gedichten um die “Äußerungen eines Privatmannes“ (23), für die gelte: “nicht eigentlich der König spricht hier, sondern der Mensch“. Im Vorwort des ersten Gedichtbands in der von Gustav Berthold Volz herausgegebenen deutschsprachigen Ausgabe der Werke Friedrichs des Großen steht zu lesen, die Gedichte seien daher von großem Wert, da sie Friedrichs “Seelenstimmungen wiederspiegeln [sic!]“; Volz: Die Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 8), Bd. 9, VIII.

64 Vgl. hierzu Fink: Friedrich der Große (wie Anm. 54), 122-127. Zu den verschiedenen Ausgaben vgl. die Übersicht von Leithäuser: Verzeichnis (wie Anm. 39), 35-45.

65 Droysen: Friedrich des Großen Poésies diverses (wie Anm. 57), 229.

66 Zu den Verstimmungen in England vgl. Koser: Friedrich der Große (wie Anm. 14), Bd. 3, 101-104; über die diplomatische Beilegung dieser Affäre Droysen: Friedrichs des Großen Poésies diverses (wie Anm. 57), 239f.

67 Schieder: Friedrich der Große (wie Anm. 14), 455-461.

68 Zu den vorgenommenen Korrekturen und Änderungen vgl. einige Beispiele bei Ziechmann: Friedrichs poetische Produktion (wie Anm. 58). Vgl. auch die Hinweise in Friedrich der Große: Mein lieber Marquis! Sein Briefwechsel mit Jean-Baptiste d’Argens während des Siebenjährigen Krieges, hg. v. Hans Schumann, 2. Aufl., Zürich 1986, 200 (16. März 1760) und 204 (9. April 1760).

69 Preuß: Friedrich der Große als Schriftsteller (wie Anm. 5), 127-132.

70 Vgl. zum Beispiel die L’Anti-Sans-Souci ou la folie des nouveaux Philosophes, 1760. Der Kommentar von Johann Preuß zu dieser Schrift lautet lapidar und gut borussisch, sie verdiene “kein wissenschaftliches Interesse“; Preuß: Friedrich der Große als Schriftsteller (wie Anm. 5), 130.

71 Schieder: Königtum der Widersprüche (wie Anm. 14), 408 und 412.

72 Johannes Kunisch (Hg.): Aufklärung und Kriegserfahrung. Klassische Zeitzeugen zum Siebenjährigen Krieg (= Bibliothek der Geschichte und Politik 9), Frankfurt a. M. 1996, 951 und 954; ebenso ders.: Friedrich der Große (wie Anm. 7), 410-416.

73 Vgl. hierzu Friedrich der Große: Mein lieber Marquis (wie Anm. 57), 188 (24. Januar 1760).

74 Vgl. hierzu auch den Brief des Marquis d’Argens an Friedrich vom 17. November 1759: “Sie werden einige Exemplare auch gern Ihren Generälen verehren wollen. Ich erwarte darüber Ihre Befehle“; Friedrich der Große: Mein lieber Marquis (wie Anm. 57), 164.

75 Friedrich der Große: Réflexions sur le talents militaires et sur le caractère de Charles XII, Roi de Suède, in: Kunisch: Aufklärung und Kriegserfahrung (wie Anm. 72), 548-587, hier: 550.

76 Besonders pointiert in Johannes Kunisch: Friedrich der Große als Feldherr, in: ders.: Fürst – Gesellschaft – Krieg. Studien zur bellizistischen Disposition des absoluten Fürstenstaates, Köln/Weimar/Wien 1992, 83-106.

77 Vgl. nur die Note des Prinzen Hinrich vom 15. Dezember 1759, aus der keinerlei Vertrauen in die Geschicke seines älteren Bruders mehr vernehmbar ist: “Er hat uns in diesen grausamen Krieg gestürzt; die Tapferkeit der Generale und der Soldaten allein kann uns heraushelfen“. Politische Correspondenz Friedrichs des Großen, 46 Bde., Berlin 1879-1939, hier: Bd. 18, Berlin 1891, 696: [handschriftliche Annotation Heinrichs unter einen Brief Friedrichs des Großen]: “Je me fie nullement à ces nouvelles, elles sont toujours contradictoires et incertaines comme son caractère. Il nous a jetés dans cette cruelle guerre, la valeur des généraux et des soldats peut seule nous en tirer. C’est depuis le jour où il a joint mon armée qu’il y a mis le désordre et le malheur; toutes mes peines dans cette campagne et la fortune qui m’a secondé, tout est perdu par Fréderic“. Vgl. zur generellen Haltung Heinrichs zur Kriegführung seines älteren Bruders Jürgen Luh: “Der fehlerlose Feldherr“ – Der Prinz und die Armee, in: Prinz Heinrich von Preußen. Ein Europäer in Rheinsberg, hg. v. der Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, München/Berlin 2002, 81-84. Zur Gedenkpolitik des Prinzen gegen die Politik Friedrichs des Großen nach Ende des Siebenjährigen Krieges vgl. Jürgen Luh: Namen ins Gedächtnis rufen, die Friedrich nicht erwähnt. Prinz Heinrich und sein Denkmal, in: Das Monument zu Rheinsberg, hg. v. der Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Großbeeren 2002, 39-46; Jürgen Luh: Heinrichs Heroen. Die Feldherrengalerie des Prinzen Heinrich im Schloß Rheinsberg, Karwe 2007.

78 Vgl. Kunisch: Aufklärung und Kriegserfahrung (wie Anm. 72), 952.

79 Friedrich der Große: Geschichte meiner Zeit (1775), in: Volz: Die Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 8), Bd. 2, 63.

80 Vgl. hierzu Christopher Duffy: Friedrich der Große. Ein Soldatenleben, Zürich 1986, 264-272 und 283. Eine Bewertung der Strategie Friedrichs bei Kunersdorf ebd. 444f.; Rüdiger Michael: Kunersdorf 1759. Prestige- oder Vernichtungsschlacht? in: Militärgeschichte 9 (1999), 79-88; Kunisch: Friedrich der Große (wie Anm. 7), 400-406.

81 Friedrich der Große: Kritik des “Systems der Natur“, in: Volz: Die Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 8), Bd. 7, Berlin 1912, 258-269.

82 Vgl. hierzu Berney: Friedrich der Große (wie Anm. 10), 62f.

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PSJ Metadata
Andreas Pečar
Friedrich der Große als Autor: Plädoyer für eine adressatenorientierte Lektüre seiner Schriften
Die mannigfaltigen Schriften Friedrichs des Großen, mithilfe derer er seine Autorschaft im Zuge königlicher Selbststilisierung öffentlich inszenierte, sind in der Vergangenheit häufig entweder als authentische Quellen zu Denkweise, Eigenreflexion und Charakter des Autors rezipiert oder aber in ihrer politischen Aussage mit der Haltung Friedrichs gleichgesetzt worden. Der vorliegende Aufsatz bemüht sich demgegenüber um eine stärker auf die rhetorische Funktion ausgerichtete Interpretation des fridericianischen Schrifttums und damit gleichsam um die Frage nach seiner Wirkungsabsicht. Dies setzt freilich eine adressatenorientierte Lektüre der einzelnen Werke voraus, wie sie sich beispielsweise für die Considérations sur l’etat présent du corps politique de l’Europe von 1738 beinahe selbstverständlich mit Bezug auf Kurbayern durchführen lässt. Dass sich die Intention des Autors Friedrich allgemein nicht von seinem Monarchendasein trennen lässt, bekräftigen jedoch im Grunde alle hier untersuchten Schriften aus seiner Feder. Diese sind somit als politische Instrumente zu deuten, mit denen der Preußenkönig auf Entwicklungen Einfluss nehmen konnte, die außerhalb seines eigentlichen Herrschaftsbereichs lagen.
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Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Kultur- und Mentalitätsgeschichte
118535749 4122200-3
Selbstinszenierung, Antimachiavell, Karl XII., höfische Öffentlichkeit, Rezeptionsgeschichte
Friedrich II., Preußen, König (118535749), Höfische Kultur (4122200-3)
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A. Pecar: Friedrich der Große als Autor
In: Friedrich der Große - eine perspektivische Bestandsaufnahme. Beiträge des ersten Colloquiums in der Reihe „Friedrich300“ vom 28./29. September 2007, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300 - Colloquien, 1)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-bestandsaufnahme/pecar_autor
Veröffentlicht am: 27.10.2008 11:15
Zugriff vom: 25.06.2017 08:57
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