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C. Zey (Hg.), Mächtige Frauen? (Alexander Berner)

Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Claudia Zey (Hg.), unter Mitarbeit von Sophie Caflisch und Philippe Goridis, Mächtige Frauen? Königinnen und Fürstinnen im europäischen Mittelalter (11.–14. Jahrhundert), Ostfildern (Jan Thorbecke Verlag) 2015, 480 S., 5 Abb. (Vorträge und Forschungen, 81), ISBN 978-3-7995-6881-4, EUR 58,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Alexander Berner, Essen

Der zu besprechende Sammelband geht auf die Tagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte aus dem Jahr 2010 zurück. Mit dem Themenkomplex der mächtigen Frauen wird ein Feld bearbeitet, das in jüngerer Zeit vermehrt in den Blickpunkt der Forschung geraten ist, freilich in der Regel unter Verwendung weniger »offener« Begrifflichkeiten, etwa der Frage nach weiblicher Herrschaft. Claudia Zey referiert in ihrer Einleitung souverän die Forschungslage, weist auf Ergänzungen bestehender Forschungsmuster hin (bedenkenswert hier ihr Vorschlag, mittels der Frage nach Entscheidungsspielräumen hinter die Ebene der Handlungsspielräume zu blicken) und formuliert die Zielsetzung des Bandes. Jene besteht darin, eine weitreichende diachrone Analyse der Entwicklung der politischen »agency« von Frauen zu bieten.

Christine Reinle stellt sich anschließend der Herausforderung, einen der beiden zentralen heuristischen Begriffe dieses Sammelbandes zu definieren, nämlich Macht im Mittelalter. Nach einem Dreischritt von der Begriffsklärung über Quellenbeobachtungen sowie mittelalterliche Reflexionen über »Macht« bis hin zu einem gegebenenfalls genderspezifischen Umgang mit Macht gelangt sie schließlich zu dem Problem der Aussagekraft der Frage nach Macht. Reinle plädiert dafür, Macht nicht mit Machtstreben zu verwechseln, sondern als Mittel zu verstehen, als Möglichkeit des Bewirkens in asymmetrischer Beziehung.

Darauf folgen verschiedene regionale Fallstudien, die aus Platzgründen nicht im Detail besprochen werden können. Nikolas Jaspert untersucht »reginale« Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel und stellt unter anderem fest, dass Herrscherinnen dort als »honorary males« agierten. Alan V. Murray widmet sich der Rolle der Frauen als Thronfolgerinnen im lateinischen Königreich Jerusalem, wobei er durch den folgenden Beitrag von Phillipe Goridis wunderbar ergänzt wird. Goridis stellt der Frage nach weiblicher Herrschaft einen Beitrag über männliche Herrschaft im Kreuzfahrerkönigreich Jerusalem gegenüber, indem er die Gefährten, Regenten und Witwer der Königinnen betrachtet, die im Königreich Jerusalem von besonderer Bedeutung waren. Elisabeth von Houts analysiert Königinnen im anglonormannischen bzw. angevinischen Reich. Die maritime Trennung der Reichsteile begünstigte dort weibliche Herrschaft. Mächtige Frauen im Norden und Osten Frankreichs behandelt Patrick Corbet. Dort war das Phänomen der Herrscherin keine Seltenheit, einerseits bedingt durch persönliche Zufälle, andererseits durch strukturelle Entwicklungen wie die Kreuzzugsbewegung, die zu einem erheblichen »Männerschwund« innerhalb der weltlichen Eliten führten. Er kommt – so wie die anderen regionalen Untersuchungen im Kern auch – zu dem Ergebnis, dass sich weibliche Herrschaftspraxis in keiner Weise von männlicher unterschieden habe.

Nach diesen sehr instruktiven Regionalstudien durchleuchtet Brigitte Kasten Krönungsordnungen und Papstbriefe an mächtige Frauen im Hochmittelalter auf der Suche nach theologisch-politischen Ideen zu einer weiblichen Form der Herrschaft. Sie kann kein kuriales Konzept ausmachen, das weibliche von männlicher Herrschaft unterscheidet, was vor allem damit zu begründen sei, dass etwa die Kreuzzüge eine strukturelle Stärkung weiblicher Herrschaft nötig machten, womit Kasten einen Bogen zu dem Beitrag Patrick Corbets schlägt.

Nach diesem eher systematischen Intermezzo geht es mit dynastischem Fokus weiter: Elke Goez stellt nach dem Studium weiblicher Herrschaftspraxis vor allem in Reichsitalien und bei prominenten Welfinnen fest, dass sich für Frauen, die Herrschaft aktiv anstrebten, erhebliche Entfaltungsmöglichkeiten boten. Martina Stercken nimmt insbesondere politische Aktivität und Formen der Inszenierung weiblicher Herrschaft im Haus Habsburg in den Blick. Auch sie erkennt Unterschiede zu männlicher Herrschaft lediglich in der Intensität ihrer Ausübung. Dies stehe jedoch in einem Spannungsverhältnis zu zeitgenössischen Vorstellungen von Herrschaft. Den Zusammenhang von weiblicher Macht und dem Stiftungswesen untersucht Julia Hörmann-Thurn und Taxis am Beispiel der Tiroler Landesfürstinnen, womit sie das Spektrum des Bandes um die präzise Analyse eines Herrscherhauses unterhalb der Ebene der Königinnen bereichert. Stiftungstätigkeiten konnten individuelle Spielräume für selbständiges Agieren eröffnen und dienten der eigenen Profilierung, waren aber keine Sphäre, in der mächtige Landesfürstinnen besonders hervorstachen.

Sigrid Hirbodian widmet sich dem Sonderfall der geistlichen Fürstinnen im 11.–14. Jahrhundert. Sie untersucht zunächst die Bedingungen ihrer Herrschaft, danach die Herrschaftspraxis der Zielgruppe im Reich nördlich der Alpen. Zwischen Bedeutungsverlust auf Reichsebene, verschiedenen Reformen, Ausdifferenzierung der Stiftskapitel in Opposition zur Äbtissin sowie einem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang entfaltete sich die Macht geistlicher Fürstinnen. Nach innen ist kein Unterschied zu männlicher Herrschaft zu erkennen. Reformbestrebungen, die die unmittelbare Ausübung von Herrschaft geistlicher Fürstinnen einschränkten, belegen aber, dass diese Form weiblicher Herrschaft im Gegensatz zu ihrem männlichen Pendant gefährdet war.

Der Band wird, der Tradition der Tagung und Reihe folgend, abgeschlossen von einer dichten Zusammenfassung, angereichert mit eigenen Gedanken und Ausblicken. Jörg Rogge meistert diese herausfordernde Aufgabe gekonnt. Ein hilfreiches Personen- und Ortsregister rundet den Sammelband ab.

Der Band bietet eine gelungene Synopse zum gewählten Thema. Jedem Beitrag liegen teils stupende Kenntnisse des Quellenmaterials und der historischen Zusammenhänge zugrunde. Ein Umstand bereitet diesem Band allerdings Probleme: Der Begriff der Macht wird von vielen Autorinnen und Autoren durch den der Herrschaft ersetzt. Das liegt womöglich daran, dass »Herrschaft« ein innerhalb der Mediävistik etablierter Forschungsgegenstand ist, wohingegen »Macht« mit Max Weber »amorph« erscheint und sich damit einer klaren Analyse entzieht. Viele ziehen sich auf die methodisch sicherere Analyse von Frauen als Herrscherinnen zurück (und kommen überwiegend zu dem wenig überraschenden Schluss, dass sich weibliche Herrschaftspraxis strukturell nicht großartig von männlicher unterscheidet). Am deutlichsten wird dies in der Zusammenfassung von Jörg Rogge, der mit Verweis auf die Problematik der Begrifflichkeiten »mächtige Frauen« durch »weibliche Herrschaft« ersetzt. Das ist ein wenig schade, denn der in der Einleitung begründete, offenere Begriff der Macht hätte einen größeren Spielraum eröffnet, der freilich weitgehend ungenutzt bleibt.

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PSJ Metadata
Alexander Berner
Mächtige Frauen?
Königinnen und Fürstinnen im europäischen Mittelalter (11.–14. Jahrhundert)
de
CC-BY 4.0
Hohes Mittelalter (1050-1350)
Europa
Geschlechtergeschichte, Politikgeschichte
Mittelalter
1000-1400
Europa (4015701-5), Hochadel (4160079-4), Herrscherin (4127219-5)
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C. Zey (Hg.), Mächtige Frauen? (Alexander Berner)
In:
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/ma/zey_berner
Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:18
Zugriff vom: 20.08.2017 00:32
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