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    G. Wolf, N. H. Ott (Hg.), Handbuch Chroniken des Mittelalters (Hans-Werner Goetz)

    Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Gerhard Wolf, Norbert H. Ott (Hg.), Handbuch Chroniken des Mittelalters, Berlin, Boston, MA (De Gruyter) 2016, VIII–1042 S., 30 Abb. (Reference), ISBN 978-3-11-020627-2, EUR 149,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Hans-Werner Goetz, Hamburg

    Ein Handbuch der mittelalterlichen Chronistik ist ein dringendes Desiderat gewesen. Bisherige Hilfsmittel sind veraltet und national beschränkt oder enzyklopädisch angelegt, mit viel zu kurzen Artikeln, die zudem nicht eine strukturelle Zusammenschau ersetzen können, wie sie dieses Handbuch mit seinen imponierenden 1000 Seiten zu bieten sucht. Es ist in fünf Großabschnitte unterteilt: die lateinischen Chroniken (mit drei Beiträgen), die deutschsprachigen Chroniken (mit elf Beiträgen) – schon darin werden die eigentlichen Schwerpunkte deutlich –, die visualisierte Chronik (mit nur einem Beitrag), die europäischen Chroniken (mit neun Beiträgen) sowie byzantinische, arabische und indo-persische Chroniken (mit jeweils einem Beitrag). Die ersten beiden Abschnitte sind nach Gattungen, die letzten beiden nach Regionen gegliedert. Dieses nicht konsistente System zweier unterschiedlicher Kriterien muss von vornherein zu Überschneidungen führen.

    In seiner langen Einleitung gibt Gerhard Wolf einen hervorragenden Überblick über die antiken Vorläufer, diskutiert den Chronikbegriff – und betont völlig zu Recht, dass historia und chronica im Mittelalter nicht auseinandergehalten werden – wie auch die Problematik des Gattungsbegriffs (der man trotzdem folgt; letztlich lassen sich aber nur sehr wenige Chroniken eindeutig einer bestimmten Gattung zuordnen) und erläutert die Auswahlkriterien. Scheinbar gegen meine Position betont Wolf ebenso richtig, dass die Grenzen zwischen historiografischer Chronistik und fiktiver Dichtung ebenfalls flüssig sind. (Ich wollte nur betonen, dass die mittelalterlichen Chronisten selbst hier sehr wohl Grenzen ziehen zu können glaubten.) Dass in jedem Handbuch bezüglich Auswahl und Anordnung Entscheidungen zu treffen sind, die Folgen haben, ist selbstverständlich und unvermeidlich. Dennoch ist die hier getroffene Auswahl zumindest teilweise problematisch. So wird die Annalistik ausgeklammert, obwohl die Mehrzahl der Werke (und gerade auch die berücksichtigten Weltchroniken) annalistisch strukturiert ist und die kurzen Annalen sich zur Gegenwart hin vielfach zu ausführliche(re)n Chroniken ausweiten. Eher lässt sich, trotz mancher Grenzfälle, ein Ausschluss der Hagiografie begründen, nicht aber der (Königs-)Biografien (die sich in der Regel als gesta des Herrschers verstehen) und vor allem der Kirchen-, Bistums- und Klostergeschichten. Damit entfällt die insgesamt am meisten vertretene mittelalterliche »Gattung«! Die lateinische Geschichtsdichtung wird ausgeschlossen, die volkssprachige ist hingegen in manchen Beiträgen berücksichtigt. Das macht wenig Sinn. Insgesamt orientiert sich die Auswahl angesichts ihres mittelalterlichen Gegenstandes meines Erachtens zu sehr und zu eng an modernen Begriffsdefinitionen. An der Qualität der einzelnen Beiträge ändert das natürlich nichts.

    Im ersten Teil zur lateinischen Chronistik werden in lediglich drei Beiträgen nur zwei Gattungen behandelt. Alheydis Plassmann gibt einen Überblick über die Reichs- und Volksgeschichten von Cassiodor bis Saxo auf dem neuesten Stand, beschränkt sich dabei allerdings ganz auf die Herkunftssagen, die nur einen Bruchteil dieser Chroniken ausmachen. Roman Deutinger behandelt einzelne Beispiele an Weltchroniken des 10. bis 13. Jahrhunderts aus Deutschland mit dem Ergebnis, das Bedürfnis nach Universalgeschichte im Reich sei größer gewesen als die Möglichkeiten, das angemessen zu bewältigen, während Heike Johanna Mierau mit den Papst-Kaiser-Chroniken des Spätmittelalters (vor allem Martin von Troppau und den »Flores temporum«) eine – ausgesprochen weit verbreitete, auch in die Volkssprachen übertragene und von vornherein auf Fortsetzung angelegte – Spezialform der Weltchronistik vorstellt und auf die Vielfalt der Anordnung trotz gleichen Strukturprinzips verweist. Mit diesen drei Beiträgen ist allerdings nur ein kleiner Teil der lateinischen Chronistik erfasst.

    Weit umfangreicher ist der Abschnitt deutschsprachiger Chroniken, deren Anfänge Stephan Müller anhand des »Annolieds« und der »Kaiserchronik« bespricht. Auch die folgenden Beiträge über deutsche Weltchroniken des 13. (Mathias Herweg zu Rudolf von Ems, Jans Enikel und der Sächsischen Weltchronik) und späten 14. Jahrhunderts (Norbert H. Otto zu Heinrich von München und seinen Ableitungen) sowie den Norddeutschen Reimchroniken (Gesine Mierke zur »Braunschweigischen« und »Mecklenburgischen Reimchronik«) besprechen einzelne Werke, die jeweils sehr unterschiedlich konzipiert sind und teils dem Wissenstransfer dienen, teils ins Fabulöse abgleiten und unterhalten wollen (Herweg) und einem sehr »offenen komplilatorischen Verfahren« folgen (Ott). Während die Struktur sich an den lateinischen Vorlagen orientiert, ist der Inhalt auch der höfischen Epik verpflichtet (Herweg; Ott). Das macht die historischen Personen letztlich austauschbar (Ott). Der Reim verrät höhere poetische Ansprüche, der Inhalt politisch-dynastische Interessen (Mierke). – Weitere Beiträge sind den dynastischen Landeschroniken der Wittelsbacher und Habsburger in Bayern und Österreich (Joachim Schneider) und in der Schweiz gewidmet (Regula Schmid über die »Schweizer Chroniken« des 15. und 16. Jahrhunderts). Denkwürdige Ereignisse und gemeinsames Erleben bilden hier, bei aller Lokalbezogenheit, wichtige »Katalysatoren« der Chronistik. In dieselbe Kategorie gehört letztlich auch die Deutschordenshistoriografie (Arno Mentzel-Reuters), weil erst in Preußen ein Interesse an der Ordensgeschichte erwachte. Eine von allen anderen Chroniken, trotz aller Mischformen, klarer abgrenzbare »Gattung« bildet die von Handbüchern und Quellenkunden lange Zeit sträflich vernachlässigte, in den letzten Jahrzehnten aber besser aufgearbeitete Stadtchronistik, die Peter Johanek treffend als »Gedächtnis der Stadt« einer »städtischen Erinnerungsgemeinschaft« bezeichnet und die im Ausmaß der Produktion (nennenswert erst seit der Mitte des 13., deutschsprachig seit der 2. Hälfte des 14. und enorm zunehmend im Verlauf des 15. Jahrhunderts) wie auch in Inhalt und institutioneller Anlehnung zugleich die Entwicklungsstufen der Stadt widerspiegelt, ganz überwiegend aber mit dem Rat im Zusammenhang steht. Der Macht und legitimierenden Selbstdarstellung dienen auch die adligen Hauschroniken, die in Deutschland nach dem frühen lateinischen Muster der »Historia Welforum« ihren eigentlichen Aufschwung erst um 1500 nehmen und einen Schwerpunkt im Südwesten haben (Gerhard Wolf). Zwei weitere Beiträge nehmen die chronikalische Verarbeitung jeweils eines Ereignisses in den Blick: des Konstanzer Konzils in der »offenen Chronik« Ulrich Richentals (Thomas Martin Buck) und der Landshuter Fürstenhochzeit sowie des Landshuter Erbfolgekriegs im Vergleich der zeitgenössischen Chronistik (Thomas Alexander Bauer).

    Der dritte Abschnitt, »Visualisierung«, enthält nur einen Beitrag über »Visualisierte Genealogie« (Tobias Tanneberger), der die genealogischen Konstruktionen mit ihren Motivationen und Begründungen (Etymologie, Ansippung) bespricht. Dass Genealogien oft tatsächlich grafisch visualisiert werden – darauf hat vor vielen Jahren bereits Gert Melville aufmerksam gemacht –, kommt hingegen nicht zur Sprache. Überhaupt vermisst man in dem Band einen kunsthistorischen Beitrag über die – insgesamt ja nicht ganz seltenen und vor allem in volkssprachigen Chroniken eingebundenen – Miniaturbilder.

    In der Rubrik »Europäische Chroniken« (gemeint sind: Chroniken nichtdeutscher Länder) werden, anders als im deutschen Bereich, mit zwei Ausnahmen (Geer H.M. Claassens über drei Chroniken in holländischer und Brigitte Burrichter zu Chroniken in französischer Sprache) – die reichhaltige lateinische Chronistik Frankreichs fehlt in dem Band folglich völlig – in den übrigen Beiträgen lateinische und volkssprachige Werke gemeinsam behandelt. Besprochen werden: skandinavische Chroniken (Sverre Bagge), England, Irland, Wales und Schottland (Graeme Dunphy – sehr kenntnisreich, aber Beda »schickt« seiner Chronik nicht Kapitel über die Zeitmessung »voran« [S. 616], sondern integriert sie in einen Zeittraktat) –, Italien (Cristian Bratu, der zwangsläufig nur eine Auswahl treffen kann), Spanien (Heidi R. Krauss-Sánchez, allerdings unter dem begrenzten Blickwinkel von Legitimation und Differenzerfahrung, einschließlich der westgotischen und islamischen, aber unter Ausschluss der asturisch-christlichen Chroniken), Ostmitteleuropa (Ryszard Grzesik), wo eine volkssprachige Chronistik erst im frühen 14., in Polen sogar erst im 16. Jahrhundert entstand, Russland (Ostslawen, Marta Font, mit bezeichnender Konzentration auf die früher als »Nestorchronik« bezeichnete, tatsächlich dynastische Chronik »Povest’ vremennych let« [PVL], neben einigen, mit schwer lösbaren quellenkritischen Problemen behafteten Regionalchroniken). Die Beiträge sind unterschiedlich aufgebaut. Bagge gliedert nach Gattungen (Nationalchroniken und Königsbiografien), geht ausdrücklich auf die Besonderheiten der Sagaliteratur ein und schließt mit einem Abschnitt über Literatur und Gesellschaft, Dunphy teils nach Ländern, teils nach Gattungen oder Urhebern (Höfische, National-, Ordensgeschichtsschreibung), Burrichter nach anglo-normannischer und französischer Geschichtsschreibung, Grzesik nach Ländern, Bratu nach Epochen und im Spätmittelalter zudem nach kirchlichen, lokalen und fürstlich-königlichen Chroniken. Nur Bratu schließt dem noch einen Abschnitt über italienische Chroniken in anderen Sprachen an. Ob volkssprachige Chroniken durchweg ein anderes Publikum im Auge hatten (so Burrichter S. 704f.), bedürfte noch ebenso genauerer Untersuchungen wie das Verhältnis von lateinischer und volkssprachiger Geschichtsschreibung. Längst nicht alle volkssprachigen Chroniken lehnen sich an die Form des Romans an.

    Den Abschluss bilden drei Beiträge über die sehr verschiedenartig gestaltete byzantinische (Sergei Mariev, mit Besprechung einzelner Werke in der früh-, mittel- und spätbyzantinischen Epoche), arabische (Kurt Franz) und indopersische Chronistik (Stephan Conermann), die in all ihrer Vielfalt hier überhaupt erstmalig überblickt wird. Franz lässt in seinem schön strukturell gegliederten, instruktiven Beitrag die Anfänge islamischer Chronistik im Verlauf des 8. Jahrhunderts mit den Mohammedviten und dann den Beschreibungen der Taten der Kalifen und der Eroberungen und schließlich der jahrweisen Chroniken Revue passieren. Die Universalchroniken weichen in der mittelislamischen Zeit einer »Regionalisierung« und »Biografisierung«, werden dann aber wieder aufgenommen. Allgemein zu beklagen ist der Editionszustand der meisten Chroniken. Ein eigener Beitrag über die islamisch-spanische Chronistik fehlt hingegen ebenso wie über die jüdische.

    Es ist zu begrüßen, dass die beiden germanistischen Herausgeber hier ein ebenso gewaltiges wie nützliches Werk mit Beiträgen auf durchweg hohem Niveau bewerkstelligt haben und dass die bislang weit stärker vernachlässigten volkssprachigen Chroniken hier das verdiente Gewicht erhalten. Die Beiträge informieren darüber jeweils gründlich und oft in souveränem Überblick. Da die weitaus meisten Autoren Einzelwerke besprechen und allenfalls kurz resümierend versuchen, die jeweilige »Gattung« zu charakterisieren – rühmliche Ausnahmen strukturell vergleichender Sichtweisen bieten die Beiträge von Regula Schmid, Sverre Bagge und vor allem Peter Johanek, ein Glanzstück einer Gattungscharakteristik –, besteht der Mehrwert gegenüber ausführlichen Lexika (wie dem Verfasserlexikon), neben der Aktualität und dem europäischen Rahmen, vor allem in der parallelen Zusammenschau der einzelnen Chroniken.

    Drei eklatante Lücken schränken den Gesamtwert des Werkes dennoch erheblich ein. Erstens wird die – zumal im frühen und hohen Mittelalter klar vorherrschende – lateinische Chronistik hier eher in den Hintergrund gedrängt. (Vielleicht hätte man sich von vornherein ganz auf die volkssprachige Chronistik beschränken sollen.) Zweitens werden Gattungen nicht behandelt, die im Zentrum der Produktion gestanden haben. Besonders im ersten Teil entfällt damit ein Einblick in die Masse mittelalterlicher Chroniken. Und drittens ist in dieser Hinsicht bei den Regionen das lateinische Mitteleuropa zum guten Teil ausgeklammert. So fehlt für einen Gesamteinblick letztlich doch Wesentliches. Für das Behandelte, vor allem für die volkssprachigen Chroniken und die anderer Länder, aber bietet das »Handbuch« ein willkommenes Referenzwerk.

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    PSJ Metadata
    Hans-Werner Goetz
    Handbuch Chroniken des Mittelalters
    de
    CC-BY 4.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Historische Hilfswissenschaften
    Mittelalter
    500-1500
    Mittelalter (4129108-6), Chronik (4127914-1)
    PDF document wolf_goetz_FV_AS_Gr.doc.pdf — PDF document, 357 KB
    G. Wolf, N. H. Ott (Hg.), Handbuch Chroniken des Mittelalters (Hans-Werner Goetz)
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    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/ma/wolf_goetz
    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:18
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:40
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