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    A. Willemsen, H. Kik (ed.), Golden Middle Ages in Europe (Susanne Brather-Walter)

    Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Annemarieke Willemsen, Hanneke Kik (ed.), Golden Middle Ages in Europe. New Research into Early-Medieval Communities and Identities. Proceedings of the Second »Dorestad Congress«Held at the National Museum of Antiquities, Leiden, The Netherlands, 2–5 July, 2014, Turnhout (Brepols) 2016, 168 p., 100 fig., ISBN 978-2-503-55513-3, EUR 59,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Susanne Brather-Walter, Freiburg im Breisgau

    Der Tagungsband umfasst den zweiten Dorestad Kongress, der die frühmittelalterlichen Niederlande zum Thema hatte; begleitend fand eine Ausstellung im Nationalmuseum von Leiden statt. Es ist der Verdienst der Herausgeberinnen, dass das Werk bereits nach nur einem Jahr in gedruckter Form vorliegt. Der Anhang hat die Bibliografie, die Anschriften der Autorinnen und Autoren sowie einen Index der in den Beiträgen erwähnten (Orts-)Namen zum Inhalt. Optisch ist der kartonierte Band sehr ansprechend gestaltet; von den in den Beiträgen behandelten Objekten findet sich im Text lediglich eine Abbildung en miniature, sozusagen als Platzhalter mit dem entsprechenden Verweis auf eine vergrößerte Detailaufnahme, die im Mittelteil des Bandes abgedruckt ist. Durch diese Maßnahme wird der Textfluss nicht gestört, und man hat im Anschluss Gelegenheit, sich die hochaufgelösten Bilder gesondert en détail zu Gemüte zu führen. Gleichfalls kommen mitunter noch weitere Abbildungen im Text vor, wobei nicht explizit erläutert wird, was den Ausschlag gab, einen Teil der Bilder in den Text einzufügen und den anderen Teil in den Mittelteil zu verschieben. Dies geschah mutmaßlich, um den Text zu entlasten, eine entsprechende Kommentierung wäre hier sinnvoll gewesen. Es ist vermutlich der zügigen Drucklegung geschuldet, dass in der Eile übersehen wurde, dass die Seitenzählung der letzten 50 Seiten nicht mit dem Inhaltsverzeichnis korrespondiert. Auch die kumulative Bibliografie enthält z. T. einige doppelt gelistete Titel bzw. Autorennamen, die an einer Stelle ausgeschrieben, an anderer Stelle abgekürzt zitiert sind.

    Die insgesamt zwölf Beiträge inklusive einer Zusammenfassung der Veranstalter und Herausgeberin sind in drei Sektionen unterteilt, zum einen über Siedlungen und Gräberfelder, einem allgemein gehaltenen Mittelteil zu unterschiedlichen Materialgruppen sowie einem dritten Teil, in dem die neuen Forschungsergebnisse zu Dorestad vorgeführt werden.

    Der Linguist Michiel de Vaan bestreitet mit dem vielsagenden Titel: »Before birds started nesting« den ersten Beitrag, der sich mit den regionalen Unterschieden in der Sprachüberlieferung auseinandersetzt, Feinheiten zwischen friesischen Dialekten und dem Holländisch aufführt und anhand eines Schemas die Beeinflussung der holländischen Sprache im regionalen wie diachronen Vergleich genauer darlegt. Zum Schluss geht er noch auf die in Dorestad vertretenen Sprachen ein sowie die etymologische Ableitung des Namens Dorestad.

    Annemarie Willemsen beschäftigt sich mit frühmittelalterlichen Königsgräbern in den Niederlanden und im Rheinland. Sie führt prominente Beispiele an und fragt nach Königtum in den Niederlanden. Zur Diskussion stellt sie zu Recht, wann ein Königsgrab ein Königsgrab ist. Was berechtigt zu dieser Annahme bzw. Nomenklatur? Wie sind die Brandbestattungen sozial einzustufen? Hier tut man sich schwer, diese als »königlich« zu klassifizieren. Ihr zufolge existierte eine breite Mittelklasse, und hierarchische Abstufungen waren nicht so starr wie später in karolingischer Zeit; davon profitierte eine breite Bevölkerungsschicht, für die in der Tat goldene Zeiten anbrachen.

    Johann Nicolay untersucht das Königstum in der frühmittelalterlichen Frisia, in dem er den historischen Quellen die archäologischen vergleichend gegenüberstellt. Ausgehend von der These des Archäologen Pieter Boeles, der bereits in den 1950er Jahren auf der Basis archäologischer wie historischer Quellen die Narrative eines friesischen Königtums formulierte, gibt er sich dem Quellenstudium hin und unterzieht vor allem die Silber- und Goldobjekte einer genaueren Prüfung. Letzten Endes untermauert zwar die archäologische Relevanz Boeles These eines friesischen Königtums, jedoch allenfalls auf dem Gebiet des heutigen Friesland. Das Herrschaftsgebiet des schriftlich erwähnten Radbod kann weder historisch noch archäologisch genauer spezifiziert bzw. geografisch scharf umrissen werden. Ein weiteres Beispiel dafür, was für ein schier sinnloses Unterfangen es ist, historische und archäologische Hinterlassenschaften unbedingt in Kongruenz bringen zu wollen.

    Mit dem Artikel über die Merowinger in Borgharen wird der erste Abschnitt beschlossen. Das in die Denkmalliste eingetragene Areal wurde zwischen 2008 und 2012 in Teilbereichen ausgegraben. Im Bereich einer römischen Villa mit Bodenheizung und Wandmalerei kamen Gräber des 6. und 7. Jahrhunderts zum Vorschein. Diese wurden in der Folgezeit von einem interdisziplinär zusammengesetzten Team unter Einsatz modernster Analyse- wie Dokumentationsmethoden eingehend untersucht. Durch die Blockbergung und anschließende Dokumentation Schicht für Schicht konnte ein mögliches Szenario der Ereignisse nach der Bestattung entwickelt werden. Weiterhin konnten biologische Verwandtschaft, vor allem Eltern-Kind-Beziehungen, anhand der DNA festgestellt werden. Die Pferdeskelette zeigen Spuren einer rituellen Tötung. Nach Abwägung des Kosten-Nutzen-Faktors hat man sich dazu entschlossen, keine weiteren Grabungen anzustellen; die endgültige Ausgrabung und Interpretation dieses interessanten Platzes bleibt demnach zukünftigen Generationen vorbehalten.

    Line van Mersch eröffnet die zweite materialorientierte Sektion. Sie hat sich mit den frühmittelalterlichen Gläsern aus dem mittleren Maas-Tal eingehend befasst und die chemischen Substanzen analysiert. Die Versorgung mit frischem Rohglas blieb bis zum 6. Jahrhundert konstant, erst dann setzen kontinuierliche Recyclingprozesse ein, die mit weiteren Veränderungen wie der Form- und Farbgebung und der Materialzusammensetzung einhergehen. Demzufolge bestimmte das Angebot an vorhandenen Rohstoffen die Produktion und wirkte mitunter innovativ.

    Genevra Kornbluth nimmt sich der Objekte aus Bergkristall an, denen ein atropäischer Charakter bzw. eine heilende Wirkung nachgesagt wird. Bergkristall kam in vielfältiger Weise, als Anhänger getragen oder als Spindelbesatz, zum Einsatz. Die unterschiedlichen Typen können aber weder ethnisch interpretiert werden, noch taugen sie für eine Feinchronologie. Die lange und weite Verbreitung steht für die Wertschätzung dieses Edelsteins in dieser Zeitphase.

    Ben Jervis beleuchtet das angelsächsische Kent aus keramischer Perspektive und prangert zugleich die immer noch unzureichende Zahl vergleichbarer Keramikkomplexe an. Über allem steht die Frage, wofür Keramik als Informationsträger überhaupt herhalten kann: als Marker für Interaktionen zwischen Regionen, die je nach Gewichtung dem ein oder anderen Platz einen Anschein eines zentralen Platzes verleihen mögen, oder als Grabbeigabe mitgegeben eher als Ausdruck persönlicher Beziehungen und Status zu werten sind.

    Wybrand op den Velde stellt den Münzschatz aus Cothen vor, der insgesamt 71 Münzen umfasst. Die Zusammensetzung dieses Hortfundes attestiert einmal mehr die Annahme, dass die Verteilung der Münzen eher mit Sprachgrenzen kongruent zu sein scheinen denn mit politischen. Anna Gannon beschließt den zweiten Teil mit einem kunsthistorisch ausgerichteten Beitrag zu frühmittelalterlichen Münzen, wobei sie mit falschen althergebrachten Interpretationen aufräumt.

    Der dritte und letzte Abschnitt widmet sich den aktuellen Forschungsergebnissen zu Dorestad. Der erste Beitrag von Menne Kosian, Rowin van Lanen und Henk Weerts zeigt die Bedeutung der naturräumlichen Situation für den Standort auf, weshalb für den Untergang Dorestads nicht allein politische, sondern auch ein Naturereignis maßgeblich verantwortlich zeichnen. Esther Jansma und Rowin van Lanen stellen die dendrochronologischen Daten von Dorestad in einen weiteren geografischen Kontext.

    Fazit: Trotz der formalen Mängel ein gelungener Band, der kurz und prägnant über laufende Ausgrabungen und Forschungsergebnisse informiert. Es ist zu wünschen, dass diese Reihe in naher Zukunft fortgesetzt wird.

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    PSJ Metadata
    Susanne Brather-Walter
    A. Willemsen, H. Kik (ed.), Golden Middle Ages in Europe
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    CC-BY-NC-ND 4.0
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    A. Willemsen, H. Kik (ed.), Golden Middle Ages in Europe (Susanne Brather-Walter)
    In:
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/ma/willemsen_brather-walter
    Veröffentlicht am: 26.06.2017 09:50
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:40
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