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    A. Wilkin, J. Naylor, D. Keene, A.-J. Bijsterveld (ed.), Town and Country in Medieval North Western Europe (Gisela Naegle)

    Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Alexis Wilkin, John Naylor, Derek Keene, Arnoud-Jan Bijsterveld (ed.), Town and Country in Medieval North Western Europe. Dynamic Interactions, Turnhout (Brepols) 2015, X–323 p., 19 fig., 25 maps, 10 tabl. (The Medieval Countryside, 11), ISBN 978-2-503-53387-2, EUR 85,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Gisela Naegle, Gießen/Paris

    Die Reihe »The Medieval Countryside« verfolgt das Ziel, regionale Studien zur Geschichte des ländlichen Raumes im mittelalterlichen Europa zu bündeln. Sie möchte damit bessere Grundlagen für eine vergleichende Betrachtung von Gebieten schaffen, die bisher nur im kleineren, lokalen Rahmen untersucht wurden. Dazu stellen die jeweiligen Bände eine bestimmte Region in den Mittelpunkt, in diesem Fall Nordwesteuropa. Insgesamt 14 Autoren präsentieren ihre Forschungen, die von einer Einleitung von Alexis Wilkin und John Naylor und resümierenden Überlegungen von Peter Stabel umrahmt werden. Zehn weitere Beiträge behandeln England und seine Metropole London, den niederländisch-belgischen Raum mit Brüssel und Holland, die Hanse, Skandinavien, Nordostdeutschland und Brandenburg. Den Herausgebern war wichtig, unterschiedliche Disziplinen, Methoden und besonders die Ergebnisse von Historikern, Archäologen und Geografen miteinander in Kontakt und in einen produktiven Dialog zu bringen. Sie strebten eine stärkere Verbindung zwischen der Stadtgeschichte und der Geschichte des ländlichen Raumes an. Beide erlebten in den letzten Jahrzehnten einen erheblichen Aufschwung, ihre Entwicklung verlief jedoch zu stark voneinander getrennt (S. 1). Der gewählte zeitliche Zugriff wurde bewusst weit gefasst, um die traditionellen Differenzierungen zwischen Früh-, Hoch- und Spätmittelalter zu überwinden und eine langfristige Betrachtung der Stadt-Land-Beziehungen zu ermöglichen. In ihrer Vorstellung der Ziele des Buches geben A. Wilkin und J. Naylor einen sehr informativen Überblick über Forschungstendenzen und methodische Anliegen der letzten Jahrzehnte. Sie betonen das Gewicht nationaler Wissenschaftstraditionen, sprachlich-terminologischer Faktoren und der Auswirkungen der Konzentration zahlreicher Studien auf den als wirtschaftliche Wachstumsphase angesehenen Zeitraum zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert. Programmatisch stellen sie vor allem zwei Aspekte in den Vordergrund: materielle Austauschprozesse zwischen städtischen Zentren und ihrem Umland (z. B. für Nahrungsmittel und Rohstoffe) und die Frage politischer Vermittlungsvorgänge zwischen Stadt und Land sowie deren Akteure. Für den zweiten Themenbereich spielt vor allem die Bewertung der Bedeutung des Adels, der Könige, Fürsten, Bischöfe und anderer Herrschaftsträger, aber auch des Gewichts von Ständeversammlungen eine wichtige Rolle.

    Die Einzelthemen gewidmeten Aufsätze eröffnet Pam J. Crabtree mit archäologischen Befunden zur Stadt-Land-Interaktion im östlichen England. Anhand der Funde tierischer Überreste, wie Knochen, ließen sich wichtige Erkenntnisse zur Entwicklung der Haustierhaltung und Viehwirtschaft mit beginnenden Spezialisierungsvorgängen, aber auch zu Ernährungsgewohnheiten und Lebensstandard gewinnen. Die Autorin regt an, die bisherigen Ansichten und Modelle zur Rolle von emporia als Teilen der seit 600 entstehenden Handelsnetzwerke neu zu überdenken. In ihrem Untersuchungsgebiet sieht sie Ipswich für die frühe und mittlere angelsächsische Periode nicht als entscheidende treibende Kraft des wirtschaftlichen Wandels an. Auch Felix Biermann beschäftigt sich mit der Funktion von emporia. Für den nordostdeutschen Raum beschreibt er drei durch ständige Wandlungsprozesse charakterisierte Hauptentwicklungsphasen: 1. eine frühe Phase slawischer Besiedlung ohne hierarchische Siedlungsordnung, in der es jedoch zur Ausbildung wichtiger Seehandelsposten kam; 2. eine Periode wirtschaftlichen Niedergangs im 10. Jahrhundert mit anschließender Erholungsphase und der Etablierung von durch einen Fürsten dominierten Burgstädten als neuen Zentren in der zweiten Jahrhunderthälfte; 3. die Periode eines durch starke Unterschiede zwischen zentralen Orten und Hinterland gekennzeichneten neuen wirtschaftlichen Netzwerks in der Zeit der deutschen Ostexpansion.

    Frans Theuws und Arnoud-Jan Bijsterveld wenden sich der Epoche der frühen Stadtentstehung, dem römischen Erbe, karolingischen Impulsen und dem wirtschaftlichen Neubeginn des 12. Jahrhunderts in den nördlichen Niederlanden zu. Sie betonen die Zäsur des 11. Jahrhunderts. Danach sei es zu einem radikalen Wandel in der Natur der Städte gekommen. Vor diesem Zeitpunkt sei es so gut wie unmöglich, überhaupt eine einigermaßen klare Stadtdefinition zu geben (S. 95). Besonders interessant sind die Überlegungen zur topografischen Wanderung/Verlegung von Städten oder Stadtteilen, die u. a. an den Beispielen von Gent und Utrecht diskutiert werden.

    James A. Galloway zeigt in seinem hochinteressanten Beitrag zum spätmittelalterlichen London und der Themse sehr eindrücklich die zentrale Bedeutung von Wasserwegen für die erfolgreiche Stadtentwicklung. Besonders bemerkens- (und auch für andere Regionen) vertiefenswert ist hier der Hinweis auf die Folgen von Umweltveränderungen, Naturkatastrophen und Klimawandel auf die Wirtschaftsstruktur. Für die Themsemündung und das Marschland kam es dadurch zu erheblichen Veränderungen der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen und der Schifffahrtsbewegungen, zu teuren oder nicht mehr finanzierbaren Flutschutzmaßnahmen und zu Konflikten. London steht in einem weiteren Aufsatz im Mittelpunkt: Tony K. Moore geht auf seine in mittelalterlichen Quellen mitunter als »Barone« (barons) bezeichneten Eliten und sein Verhältnis zu Essex und dessen Adel während des mit der Magna Carta verbundenen Bürgerkriegs von 1215–1217 ein.

    Ulrich Müller setzt sich ausführlich mit methodischen Aspekten auseinander und diskutiert Grenzen und Chancen der Anwendung und Kombination von Netzwerkanalyse und Zentralitätsmodellen (z. B. Christaller, von Thünen). Bezüglich der Debatte um die Existenz einer gemeinsamen Hansekultur verweist er auf erhebliche zeitliche und geografische Unterschiede.

    Christof Krauskopf verknüpft anhand einer Fallstudie zu Eberswalde und zur askanischen Siedlungspolitik in Brandenburg, in der er den zentralen Steuerungsfaktor erblickt, die archäologische mit der historischen Perspektive. Antheun Janse spricht mit seinen Studien zur Rolle von Städten und Adel auf Ständeversammlungen im Holland des 15. Jahrhunderts einen äußerst wichtigen Aspekt der sozialen Wechselwirkungen von Stadt und Land an. Er verdeutlicht hinsichtlich der Rolle Adeliger innerhalb der Städte und der Doppelfunktionen als gräfliche/herrscherliche Räte Unterschiede zu Flandern. Paulo Charruadas ergänzt diese Thematik bestens durch den Blick auf die Eliten von Brüssel. Er stellt mit Hilfe prosopografischen Materials die These auf, bei den mittleren und niederen Adelsschichten sei die Zuwanderung in die Stadt eine bewusste Strategie zur Steigerung von Einfluss und Chancen gewesen, die mit einer Ausweitung von politischen und wirtschaftlichen Betätigungsfeldern einhergegangen sei.

    Geir Atle Ersland sieht sich angesichts der stark unterschiedlichen Überlieferungsstruktur und Verfügbarkeit seiner Quellen für das Studium des städtischen und ländlichen Grundbesitzes und dessen Eigentümerstrukturen im mittelalterlichen Skandinavien und seinen Vergleich von Kopenhagen, Bergen und Stavanger mit besonderen methodischen Problemen konfrontiert. Für Kopenhagen existiert ein Landbesitz-Register des die Stadt kontrollierenden Bischofs von Roskilde (1377), aber für das kleine Stavanger liegen umfangreichere Quellen erst für 1686 vor. Als dominierende soziale Landbesitzer-Gruppe benennt er für Kopenhagen Kaufleute, für Bergen vor allem den Adel und für Stavanger den Klerus.

    Peter Stabel ordnet die von den einzelnen Autoren diskutierten Gesichtspunkte routiniert und sehr treffend in ein abschließendes Gesamtpanorama ein. Er schließt sich dabei dem Plädoyer mehrerer Beiträge gegen eine zu starke Betonung des Stadt-Land-Gegensatzes und des früher immer wieder unterstrichenen Antagonismus von Adel und Stadt an. Stattdessen hebt er die Bedeutung von Interaktionen und die Rolle des Landes als aktiver Partner der Städte hervor.

    Alles in allem handelt es sich um ein äußerst gelungenes, sehr gut lesbares Buch, das vor allem für die historisch-archäologische komparatistische Zusammenarbeit viele weiterführende Denkanstöße liefert und zur Ausdehnung derartiger Projekte auf weitere geografische Räume Anlass geben sollte.

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    PSJ Metadata
    Gisela Naegle
    Town and Country in Medieval North Western Europe
    Dynamic Interactions
    de
    CC-BY 4.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    Mittelalter
    600-1500
    Nordwesteuropa (4075488-1), Stadt (4056723-0), Ländlicher Raum (4034026-0)
    PDF document wilkin_naegle.doc.pdf — PDF document, 331 KB
    A. Wilkin, J. Naylor, D. Keene, A.-J. Bijsterveld (ed.), Town and Country in Medieval North Western Europe (Gisela Naegle)
    In:
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/ma/wilkin_naegle
    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:18
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:40
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