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    S. Vanderputten, Imagining Religious Leadership in the Middle Ages (Harald Sellner)

    Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Steven Vanderputten, Imagining Religious Leadership in the Middle Ages. Richard of Saint-Vanne and the Politics of Reform, Ithaca, NY (Cornell University Press) 2015, XVI–244 S., 9 ill., 1 map, ISBN 978-0-8014-5377-9, GBP 49,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Harald Sellner, Rottweil

    Richard von Saint-Vanne galt in der älteren Forschung als eine jener herausragenden Reformgestalten des hohen Mittelalters, die an der Spitze großer »Reformbewegungen« standen und das Mönchtum der Zeit maßgeblich prägten. Die neuere Forschung hat nun aber gezeigt, dass die Einteilung des Mönchtums in »Reformbewegungen« weitestgehend zu revidieren ist und sogar das Phänomen der »Reform« einzelner Institutionen überdacht werden muss. Aus diesem Grund begegneten viele Forscher der Person Richards skeptisch und beschäftigten sich mit ihr immer weniger. Steven Vanderputten setzt nun an dieser Stelle an. Er möchte mit seinem Buch eine alternative Geschichte Richards schreiben: In ihr spielt das institutionalisierte Mönchtum eine geringere Rolle, Richards Vorstellung des geistlichen Amtes und seine spirituelle Identität hingegen eine weit größere. Vanderputten geht dabei in fünf Schritten vor.

    Im ersten Kapitel »Imaging Richard in Medieval and Modern Historiography« stellt Vanderputten alle narrativen Texte über Richard von den 1020er Jahren bis in die heutige Zeit vor. Dies geschieht aber nicht, um den »wahren« Richard zu finden, sondern um aufzuzeigen, welche Paradigmen mit seiner Person verbunden sind: Richard als heiliger Abt, als Reformer, als Verbündeter der weltlichen und geistlichen Eliten. Ein Problem der älteren Texte ist zweifelsohne die monastische Perspektive, von der aus sie verfasst wurden, wirkte sich doch diese stark auf die spätere Gelehrtendiskussion aus, sodass es zu einem »Interpretationsstillstand« (S. 15) kam. Dieser könne aber nur überwunden werden, wenn seine Identität und Motivationen künftig nicht mehr im Lichte seiner Errungenschaften als Reformer und Mönch bewertet werden.

    Im zweiten Kapitel (»Ecclesiastical Office, Religious Virtuosity, and the Apostolic Imperative«) beginnt Vanderputten mit seiner alternativen Geschichte Richards, die versucht, dessen spiritueller Identität näher zu kommen. Eine große Rolle spielt dabei mit Sicherheit das intellektuelle Umfeld der Kleriker von Reims und seine Auseinandersetzung mit der »Regula pastoralis «Gregors des Großen. Die aus Richards Feder stammende »Vita Rodingi« zeigt hingegen, wie er sein Verhalten als Abt und heiliger Mann rechtfertigte. Richards eremitische Phase und seine Frömmigkeit in Bezug auf den leidenden Christus geben Einblicke in seine spirituelle und religiöse Identität, die sich deutlich von der seiner Mönche und der seines weltlichen Umfelds unterschied. Der in diesem Kapitel vorgenommene Versuch einer Analyse der spirituellen Identität Richards liefert ein sehr komplexes und heterogenes Bild, das, so Vanderputten, maßgeblich für die unterschiedlichen Interpretationen seiner Person verantwortlich zu machen sei.

    In »Imaging Saint-Vanne« beleuchtet der Autor Richards Rolle als Abt dieses Klosters und kann anhand zeitgenössischer Texte zeigen, dass sich die Gemeinschaft vor Richards Abbatiat mitnichten im Niedergang befand. Richtig sei hingegen, dass unter Richards Führung ein »reimagining« des Klosters stattfand. Ausdruck dieses neu verliehenen Bildes des Klosters waren ganz augenscheinlich die beeindruckende Kirche, aber auch die veränderten Beziehungen mit den weltlichen und geistlichen Großen der Gegend.

    Im vierten Kapitel »Founder and Head of Many Monasteries« setzt sich Vanderputten mit der Meinung auseinander, Richard habe ein Netzwerk von Klöstern, eine lothringische Reformbewegung, ja sogar eine richardische Disziplin begründet. Diese Vorstellung, die ihre Anfänge bei Hugo von Flavigny hat und sich ab dem 13. Jahrhundert verfestigt, entbehrt jeglicher Grundlage. Richard stand zwar zeitweise mehreren Klöstern vor und bewirkte in diesen auch durchaus positive Veränderungen, eine Umgestaltung eines Klosters nach seinen Idealvorstellungen einer Gemeinschaft lässt sich aber nur in zwei Fällen nachweisen. Dennoch scheint Richard von seiner sich selbst auferlegten Mission geleitet worden zu sein: Zum einen wollte er effizient funktionierende und von der Welt abgeschlossene Gemeinschaften schaffen und zum andern die geistlichen und weltlichen Großen so beeinflussen, dass sie diese Mission unterstützen.

    Im Mittelpunkt des letzten Kapitels (»Converting the World«) stehen Richards Einfluss auf sein weltliches Umfeld, insbesondere seine besondere Sorge um Konversionen, seine Christusfrömmigkeit und neue Arten der Konfliktbewältigung. In seiner »Conclusion« bringt Vanderputten seine Thesen schließlich noch einmal auf den Punkt. Richards Denken und Handeln seien stark von den beiden Polen der »Regula pastoralis« geprägt: Während die vita contemplativa ihren Widerhall in seinen asketischen Bestrebungen fand und sich keineswegs nur auf das monastische Leben beschränkte, bestand die vita activa darin, die Nöte der Kirche und der Menschen zu verstehen und pragmatisch anzugehen. In beide Richtungen zielte auch sein Bestreben, Konversionen zu fördern, weshalb ihn Vanderputten anstelle eines »Apostels der Reform« lieber als »Apostel der Konversion« bezeichnet (S. 162f.).

    Die Konversion meint nicht nur die Bekehrung von Mönchen, die er zu einem asketischen Leben in Abgeschiedenheit ermutigte, sondern auch die Bekehrung von Laien, die Christus imitieren sollten, indem sie christliche Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Friede walten ließen. Dieses ambitionierte Vorhaben konnte in jener Zeit für Richard nur in Form der geistlichen Führung als Abt umgesetzt werden. Auch Reformen von Klöstern seien daher anders zu bewerten. Richard habe weniger Interesse daran gehabt, in die Angelegenheiten der Klöster einbezogen zu werden, als vielmehr Mönche und Laien zu einem besseren Leben zu bekehren. All sein Tun, so Vanderputten, (S. 162), ging auf seinen Ehrgeiz zurück, eins mit Christus zu werden. Dieser »subtext« (S. 162) sei daher zentral, um Richards Verhalten und Sichtweisen richtig zu verstehen.

    Das Werk verfügt schließlich über eine Karte (S. 164), über sechs Anhänge, darunter die Neuedition und Übersetzung der »Vita Rodingi« (Appendix B, S. 169–185), eine ausführliche Bibliografie und ein Register.

    Vanderputtens Ansatz, sich Richards Person und seinem Handeln durch eine Analyse seiner Spiritualität zu nähern, ist hochinteressant, da er damit auf überzeugende Weise aufzeigen kann, wie bestimmte Interpretationslinien entstanden sind. Das Ansinnen, Spiritualität erfassen zu wollen, ist zwar schwer, aber in diesem Buch anhand der guten Quellenlage und ihrer meisterhaften Analyse, überzeugend gelungen. Wenn Vanderputten Richard nicht mehr als »Apostel der Reform« sehen möchte, sondern als »Apostel der Konversion«, stellt sich freilich die Frage, was er unter dem Begriff der »Reform« genau versteht. Die innere Bekehrung von Mönchen und auch der Laien jenseits der Klostermauern kann nämlich auch als zentraler Aspekt eines weiter gefassten Begriffs von »Klosterreformen« verstanden werden. Vanderputtens Werk sensibilisiert gleichwohl dafür, sich eben mit diesem Phänomen, das sich lange Zeit in einer wissenschaftlichen Sackgasse befand, auf neuen Wegen zu nähern.

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    PSJ Metadata
    Harald Sellner
    Imagining Religious Leadership in the Middle Ages
    Richard of Saint-Vanne and the Politics of Reform
    de
    CC-BY 4.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
    Mittelalter
    600-1500
    Richardus de Sancto Vitone (103115145), Frankreich (4018145-5), Religiöser Führer (4227685-8), Katholische Kirche (2009545-4), Kloster (4031225-2)
    PDF document vanderputten_sellner.doc.pdf — PDF document, 340 KB
    S. Vanderputten, Imagining Religious Leadership in the Middle Ages (Harald Sellner)
    In:
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/ma/vanderputten_sellner
    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:18
    Zugriff vom: 20.08.2017 00:31
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