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S. Péquignot, P. Savy (dir.), Annexer? (Gisela Naegle)

Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Stéphane Péquignot, Pierre Savy (dir.), Annexer? Les déplacements de frontières à la fin du Moyen Âge, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2016, 227 p. (Histoire), ISBN 978-2-7535-4950-0, EUR 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Gisela Naegle, Gießen/Paris

Der von Stéphane Péquignot und Pierre Savy herausgegebene Band beschäftigt sich mit Annexionen. Der Untertitel verweist auf die »Verlegung von Grenzen am Ende des Mittelalters«. Er zeigt damit die enge Verbindung zur Thematik der Grenzen, die in den letzten Jahren Gegenstand mehrerer Tagungsbände und Monografien war. In ihrer Einleitung gehen die beiden Herausgeber zunächst auf die Definition und die Terminologie der Annexion und auf Abgrenzungen zu benachbarten Begriffen ein. Dazu gehören unter anderem conquête (Eroberung), cession (Abtretung), dédition (als Selbstunterstellung der Betroffenen unter die Herrschaft eines Herrn), rattachement (Angliederung), réunion ([Wieder]-vereinigung), transport (Übertragung) und die lateinischen Ausdrücke annexatio, adnexatio und adnexio (S. 13–14). Die Herausgeber betonen den Zusammenhang mit Phänomenen der Staatsbildung, Herrschaftskonsolidierung und räumlichen Verortung der Macht (»l’inscription du pouvoir dans l’espace«). Sie lenken so den Blick bereits auf ein besonders interessantes Untersuchungsgebiet, das »Laboratorium« der Iberischen Halbinsel (»le laboratoire ibérique«). In geografischer Hinsicht behandeln die Beiträge Frankreich und seine Grenzen zum mittelalterlichen Reich, den Raum zwischen Frankreich, Katalonien und den Königreichen von Aragón und Mallorca sowie Korsika und Italien einschließlich einiger Gebiete im westlichen Mittelmeerraum. Dabei werden die Auswirkungen der Politik weiterer Akteure wie Kastilien, dem Papst, dem englischen König usw. mit einbezogen. Ausgangspunkt der Überlegungen ist dementsprechend immer wieder die von mehreren Autoren angesprochene Vorstellung von Frankreich als Königreich der vier Flüsse, dessen Außengrenzen relativ stabil seien und durch Pyrenäen, Schelde, Maas, Saône und Rhône bestimmt würden1. Für spätere Zeiten ließe sich als fünfter Fluss der Rhein hinzufügen, der in Ausdrücken wie »outre-Rhin« in Frankreich bis heute erheblichen Einfluss auf die Vorstellungswelt hat.

Der Themenschwerpunkt zur iberischen Halbinsel ist mit mehreren äußerst interessanten Aufsätzen besonders gut vertreten. Flocel Sabaté beschäftigt sich in einem ausgezeichneten Beitrag mit Grenzveränderungen in Katalonien (12.–14. Jh.) und deren Wahrnehmung durch die betroffene Bevölkerung. Dieses Fallbeispiel ist auch deshalb besonders aufschlussreich, weil diese Gebiete zeitweise im wörtlichen Sinn zwischen diverse Fronten gerieten. Die territoriale Zugehörigkeit vieler Orte war äußerst kompliziert, da die Herrschaftsverhältnisse häufig wechselten und derselbe Herrscher mitunter über unterschiedliche Territorien regierte. Dort trafen u. a. die Grafschaft Barcelona, das Fürstentum Katalonien, die Königreiche Aragón, Mallorca, Valencia und Frankreich, umstrittene Bistumsgrenzen und Einflussbereiche bedeutender Städte wie Barcelona, Lleida und Perpignan aufeinander. Das Val d’Aran liefert ein aufschlussreiches Beispiel. Dort gelang es der lokalen Bevölkerung zeitweise, ihre Interessen effektiv zu vertreten und trotz neuer Grenzziehungen funktionierende Formen grenzübergreifender Zusammenarbeit zu entwickeln. Inhaltlich ergeben sich hier Querverbindungen zum Aufsatz von Stéphane Péquignot, der zugleich eindrucksvoll Besonderheiten der Regierungszeit Ludwigs XI. verdeutlicht, der aktiv die dauerhafte Eingliederung von Roussillon und Cerdagne nach Frankreich betrieb. In diesem Zusammenhang nutzte er zunächst die Schwäche des Königs von Aragón aus, der sich in Auseinandersetzungen mit den Katalanen befand. Er gab vor, dessen Rechte gegen aufständische Untertanen zu verteidigen. Anfangs setzte Ludwig auf schleichende Veränderungen und die Neuverhandlung von Verträgen. Letztlich schreckte er aber auch vor Vertragsbruch nicht zurück. Französische Quellen sprechen hier selbst explizit von Eroberung (conquête). Zeitgenossen kritisierten dieses Verhalten. Ludwig formte zudem vor Ort das Rechtssystem um und schränkte, beispielsweise im Fall von Perpignan und anderen Städten, Autonomierechte der Stadtregierungen erheblich ein. In seiner Schlusszusammenfassung spricht Jean-Marie Moeglin deshalb in diesem Zusammenhang vom »moment Louis XI«.

Der von Georg Jostgleigrewe gekonnt präsentierte Fall der Eingliederung von Lyon nach Frankreich (1312) und der von Anne Lemonde-Santamaria vorgestellte Fall der »Übertragung« (transport) des Dauphiné unterscheiden sich davon deutlich. Für Lyon betont G. Jostgleigrewe die zentrale Bedeutung örtlicher Akteure und Konflikte für den territorialen Erfolg der französischen Könige. Er diskutiert auch die historiografische Debatte über das französische Expansionsstreben und ihren Wandel. Im Fall des Dauphiné unterstreichen sowohl A. Lemonde-Santamaria als auch J.-M. Moeglin besondere Elemente, die hier eine weitgehend reibungslose Entwicklung ermöglichten. 1349 seien bei der durch den Dauphin vorgenommenen Abtretung (cession) dieses Gebiets an die französische Krone alle Beteiligten in gewissem Umfang auf ihre Kosten gekommen (S. 221). A. Santamaria-Lemonde bezeichnet die Region in diesem Zusammenhang ebenfalls als »Laboratorium«. Sie nimmt dabei auf das von Peter Moraw entwickelte Konzept von offener Verfassung und gestalteter Verdichtung Bezug.

Die von Pierre Savy für 1461–1463 anhand einer Fallstudie zu Norditalien und Genua beschriebene Erosion von Reichsrechten zugunsten Frankreichs bestätigt in den übrigen Beiträgen festgestellte Aspekte und hebt ebenfalls die aus komplexen, kleinteiligen Herrschaftsverhältnissen entstehenden Zwänge hervor. Besonders interessant sind hier die Ausführungen zu französischen Kaiserplänen bzw. zur eventuellen Schaffung eines neuen Königreichs für den Herzog von Mailand. Der von Antoine Franzini besprochene Fall von Korsika stellt in vieler Hinsicht, durch die Inselsituation bedingt, eine gewisse Ausnahme dar. Auch hier trafen die unterschiedlichsten Herrschaftsansprüche aufeinander, wobei die wirtschaftlich-strategische Bedeutung der Insel für Genua noch größer gewesen sei als für das Königreich Aragón.

Der Beitrag von Élodie Lecuppre-Desjardin befasst sich mit dem wichtigen Thema des Wissens über Grenzen und praktischen Abgrenzungsverfahren im burgundischen Raum. Es handelte sich hier um stark zersplitterte Regionen mit oft unklaren Herrschaftsverhältnissen. Die Autorin wendet sich auch Enklaven und frühen kartografischen Darstellungsversuchen zu. Ähnliche Aspekte werden von Léonard Dauphant für den Raum von Maas und Saône angesprochen. Er arbeitet hier eindrücklich die Folgen von sich überlagernden unterschiedlichen Typen von Grenzlinien, lokalen Fehden und der Vergabe von Privilegien und neuen Herrschaftsrechten als Mittel königlicher Politik zur Gewinnung neuer Anhänger heraus. Valérie Theis vergleicht für die Päpste und das Comtat Venaissin den unterschiedlichen Wissensstand verschiedener miteinander konkurrierender Herrschaftsträger, die sich bei ihren Ansprüchen auf Listen von Burgen und Ortschaften stützten. Wie mehrere andere Autoren betont sie die große Bedeutung von zur Feststellung von Herrschaftsrechten durchgeführten Untersuchungen und Befragungen (enquêtes).

In seinen sehr anregenden Schlussbetrachtungen hebt Jean-Marie Moeglin große Entwicklungslinien hervor und fügt für die Regierungszeit Ludwigs XI. das Beispiel von Cambrai hinzu, das deutlich symbolische Bezüge enthält: Nach dem Scheitern von Eingliederungsversuchen ordnete Ludwig Jean Molinet zufolge die Rückkehr des Reichsadlers anstelle des Lilienemblems an (S. 222).

Insgesamt gesehen handelt es sich um ein äußerst interessantes Buch, das einen sehr wichtigen Beitrag zur Erforschung von Herrschaftswechseln und Grenzverschiebungen leistet und zahlreiche vertiefenswerte Anregungen zum europäischen Vergleich enthält. Der gewählte geografische Rahmen ist deshalb besonders überzeugend, da sich hier zahlreiche Gemeinsamkeiten und Querverbindungen ergeben. Dies wirkt sich positiv auf die Gesamtkohärenz des Bandes aus und ermöglicht eine Betrachtung derselben Akteure aus unterschiedlichen historiografischen Blickwinkeln.

1 Diese vier Flüsse waren auch titelgebend für das Buch von Léonard Dauphant, Le royaume des quatre rivières. L’espace politique français au XVe siècle (1380–1515), Seyssel 2012.

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PSJ Metadata
Gisela Naegle
Annexer?
Les déplacements de frontières à la fin du Moyen Âge
de
CC-BY 4.0
Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
Europa
Politikgeschichte
Mittelalter
1100-1500
Europa (4015701-5), Grenze (4130793-8), Änderung (4128256-5), Grenzpolitik (4455072-8)
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S. Péquignot, P. Savy (dir.), Annexer? (Gisela Naegle)
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URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/ma/pequignot-naegle
Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:18
Zugriff vom: 23.07.2017 06:40
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