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    M. Nanni (ed.), Music and Culture in the Age of the Council of Basel (Valeska Koal)

    Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Matteo Nanni (ed.), Music and Culture in the Age of the Council of Basel, Turnhout (Brepols) 2013, 358 p., 1 CD (Épitome musical), ISBN 978-2-503-55041-1, EUR 80,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Valeska Koal, Marburg

    Der von dem Gießener Musikwissenschaftler Matteo Nanni herausgegebene Sammelband präsentiert die Vorträge eines internationalen Symposiums zum Thema »Urbanity, Identity Construction, and Humanism: Music, Art, and Culture in the Age of the Council of Basel«, das anlässlich des Festivals für Alte Musik »Herbst des Mittelalters« am 19. und 20. August 2011 in Basel stattgefunden hat. In Ergänzung zu den Symposiumsreferaten sind noch weitere Beiträge in den Band aufgenommen, die mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen zur Verdeutlichung zentraler Thesen dienen sollen.

    Im Rahmen einer Kulturgeschichte des europäischen Mittelalters wird die Entwicklung von Musik, Kunst und Literatur in der Zeit des Basler Konzils (1431–1449) beleuchtet und im Kontext der theologischen und philosophischen Strömungen der konziliaren Epoche bewertet. Der kulturwissenschaftliche Ansatz geht davon aus, dass insbesondere die Überwindung der Kirchenspaltung und die Neudefinition des Verhältnisses von Papsttum und Kirche auf dem Basler Konzil eine innovative, für Europa identitätsstiftend wirkende kulturelle Dynamik freigesetzt hat, die in den künstlerischen Werken signifikant fassbar ist.

    Der Begriff »Identität« bzw. »Identitätskonstruktion« wird in Anlehnung an die kulturwissenschaftlichen, auf die Vormoderne ausgerichteten Studien von Carla Meyer und Christoph Dartmann (siehe Nanni, S. 14) als reflektierte und somit bewusste Wahrnehmung des eigenen Selbstbilds verstanden. Welche neuen Untersuchungsmethoden und -schwerpunkte sich daraus langfristig für eine kulturwissenschaftlich ausgerichtete Musikwissenschaft ergeben, ist eine nach wie vor offene Diskussion innerhalb der Fachdisziplin, aus der sich die richtungweisende Aktualität des Bandes ergibt.

    In der Einleitung von Matteo Nanni (Kapitel I) sind drei maßgebliche Untersuchungsstränge benannt, an denen sich die Analyse orientiert: erstens die wachsende Urbanität der spätmittelalterlichen Gesellschaft, die neue Räume für Zusammenkünfte und den Austausch von Ideen geschaffen hat, zweitens die Identitätskonstruktion einer durch religiöse Spaltungen und politische Krisen erschütterten Christenheit und drittens den Humanismus als integrative europäische Geistesbewegung.

    Kapitel II, »Identity and Self-Perception in Music, Art, and Literature«, nähert sich zunächst den musikalischen Grundlagen des 15. Jahrhunderts, die hinsichtlich ihrer identitätsstiftenden Relevanz sowie als Zeugnisse der Selbstwahrnehmung beleuchtet werden. Laurenz Lütteken zeigt in seinem Beitrag die Wechselwirkungen zwischen Konzilsbewegung und Musikkultur des 15. Jahrhunderts auf und konstatiert, dass das mehrstimmige, unverwechselbare, einer bestimmten Person zuzuordnende musikalische Kunstwerk kurz nach 1400 in Erscheinung tritt und ein entscheidendes Indiz für eine Veränderung der musikalischen Wahrnehmung darstellt. Die eigenständige, als »organisiertes Archiv zeitgenössischer mehrstimmiger Musik« (Lütteken, S. 24) zu begreifende Musikhandschrift integrierte die Musik durch die Verschriftlichung endgültig in das System der Künste. Vor diesem Hintergrund stellen sich die Lehrkonflikte der Konzilien Lütteken zufolge als erste Erschütterungen der Neuzeit dar, die zu einer Aufsplitterung in verschiedene musikalische Identitäten geführt haben, wie Musikhandschriften der 1430er und 1440er Jahre deutlich belegen. Die Begegnung verschiedener musikalischer Kulturen in den urbanen Zentren der Konzilien habe an dieser Entwicklung maßgeblichen Anteil gehabt. Ergänzend interpretiert Therese Bruggisser-Lanker den theologisch-philosophischen Konkordanzbegriff des Nikolaus von Kues im Hinblick auf die intendierte ethisch-politische Reform der Kirche, die der europäischen Kunstmusik neue Perspektiven eröffnet habe. Dazu zählen vor allem die Rhetorisierung der Musik (Historisierung, Kanonisierung des Komponisten, Ausdifferenzierung musikalischer Gattungen, Werkbegriff) und die zunehmende Bedeutung des individuellen künstlerischen Schaffensprozesses. Die kunsthistorische Untersuchung von Beate Böckem und Barbara Schellewald stellt den Genfer Petrusaltar des Konrad Walz in den Mittelpunkt der Betrachtung, an dem sich exemplarisch der Einfluss des Basler Konzils auf die politisch intendierte Ikonografie der Kunst am Oberrhein belegen lasse. Jean-Claude Mühlethaler begreift den zwischen 1440 und 1442 verfassten ethischen Traktat »Champion des Dames« des französischen Klerikers Martin le Franc als politisches und spirituelles Konzept einer nach Harmonie und Konsens strebenden Gesellschaft und erkennt darin Parallelen zur konziliaren Bewegung. Christian Guerra ermittelt Formen der Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung in den Schriften des Humanisten Enea Silvio Piccolomini, des späteren Papstes Pius II. Die Großzahl seiner Werke, die am Basler Konzil verfasst worden sind, beleuchten die Sinnkrise des Verfassers vor dem Hintergrund der kirchlichen Reformbewegung und enthüllen einen neuen, vom humanistischen Bildungsideal geprägten Lebensentwurf.

    Kapitel III, »Musical Sources: Philology, and Cultural History«, widmet sich zentralen musikalischen Quellen, die Auskunft über Genese, Entwicklung und Ausprägung einer europäischen Identitätskonstruktion in der Zeit des Basler Konzils geben können. Besonders aufschlussreich in dieser Hinsicht erscheinen die sieben Trienter Codices als bedeutende Kompilation mehrstimmiger geistlicher Musik aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts. Peter Wright liefert eine Analyse des Aufbaus und der musikalischen Struktur der frühesten Trienter Codices Tr 87 und Tr 92 und erkennt Bezüge zwischen den von Johannes Lupi, einem franko-flämischen Komponisten, kopierten Handschriftenpartien Tr 87-1 und Tr 92-2. Lupi habe eine Reihe von liturgischen Kompositionen aus dem Aosta-Codex (Biblioteca del Seminario Maggiore, ms. 15) übernommen und in der Handschrift Tr 92 seine Sammlung (Tr 92-2) mit der des französischen Kompilators Nicolas de Merques (Tr 92-1) verbunden. Dadurch ergebe sich ein Bezug zum Basler Konzil, auf dem Merques neben den Komponisten Guillaume Dufay und Johannes Brassart nachweislich bezeugt ist. Reinhard Strohm untersucht den kulturellen Entstehungsprozess der frühen Trienter Codices. Die darin enthaltenen Messkompositionen verweisen hinsichtlich ihrer Zusammenstellung auf ein kulturelles Netz säkularer höfischer (u. a. Habsburg und Savoyen) und kirchlicher Institutionen und Zentren (Cambrai, Vicenza, Wien, Basel, englische Kathedralschulen) aus ganz Europa, dessen Repräsentanten das Basler Konzil frequentierten und so wohl zum Austausch und Transfer des musikalischen Materials wesentlich beitrugen. Hartmut Möller sieht es als wesentliche Aufgabe einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Musikwissenschaft an, »Spuren von Identitätssuche« (S. 149) anhand von Quellen sichtbar zu machen. So sucht er in der Handschrift Tr 92-1 nach Belegen für die Identitätskonstruktion und Selbstwahrnehmung des Kompilators Nicolas de Merques, stößt aber hinsichtlich der Interpretierbarkeit der erarbeiteten Handschriftenbefunde an gewisse Grenzen. So fehlen im Fall von Tr 92-1 Vorworte, Dedikationsbilder oder sonstige Illustrationen, die Auskunft über Auftraggeber, Empfänger oder die an dem künstlerischen Entstehungsprozess beteiligten Personen geben könnten. Margaret Bent beschreibt die Musikkultur im Umfeld von Francesco Malipiero, Bischof von Vicenza, und identifiziert eine Reihe von Komponisten, die im Gefolge des Bischofs nach Basel reisten. Antonio Lovato untersucht die Bulle »Superna nobis« des Papstes Eugen IV. vom 26. September 1438, die in einem Exkurs eine Reihe aufschlussreicher Informationen über die Funktion und personale Zusammensetzung der »Scuola grammatica e canto« an der Kathedrale von Padua liefert.

    Kapitel IV, »Composers and Works«, versucht, die persönliche Identitätsbildung in Basel anwesender Komponisten in deren Werken zu erhellen: Sean Gallagher analysiert Übereinstimmungen musikalischer Phrasenbildung in den Kompositionen von Guillaume du Fay und weist an dem Rondeau »En triumphant de Cruel Dueil« und dem Virelai »Malheureulx cuer« die Selbstentlehnungen des Komponisten nach, Anna Maria Busse Berger untersucht die Ausführung der Kontrafacta in den mehrstimmigen Liedern Oswald von Wolkensteins in zwei Manuskripten der Jahre 1425 und 1432 (Handschrift A in Wien und B in Innsbruck) und leitet aus dem Verhältnis von schriftlichem und mündlichem Schaffensprozess neue Erkenntnisse über das Selbstverständnis des Komponisten und Dichters ab: Wolkenstein habe eine schriftliche Vorlage für seine mündlich konzipierten Kompositionen benutzt, die er dann wiederum hat niederschreiben lassen. Agostino Ziino legt eine vergleichende Analyse der Textzeugen der Motette »Ave Yhesu Christe verbum patris« vor, Francesco Facchin untersucht zu derselben Motette im Speziellen die Manuskripte Bologna Q 15, Florenz BR 19 und Trient Tr 88. Christian Berger thematisiert »Wissen als Form«, indem er den proportionalen Aufbau von Johannes Brassarts Motette »Fortis cum quaevis actio« (Codex Trient 87) als Musterbeispiel einer Gattung herausstellt.

    Kapitel V, »Liturgical Space – Urban Space«, erweitert die Perspektive des Symposiums durch die Analyse mittelalterlicher Raumkonstruktionen. Untersucht werden insbesondere die Zusammenhänge zwischen urbanen Räumen, liturgischer Praxis und der Identität städtischer Gemeinschaften. So gelingt es Anja Rathmann-Lutz, gemeinsame liturgische Räume von Stadt und Konzil herauszuarbeiten, die außerhalb des sakralen Kirchenraumes, z. B. während Prozessionen, klösterlichen Gebetsstunden oder Andachts- und Begräbnisfeiern, entstehen konnten, was zu fließenden Übergängen zwischen liturgischen und konziliaren bzw. politischen Handlungen geführt habe. Die Öffnung des Konzils in die liturgischen Räume der Stadt Basel hinein habe die städtische Identität gefestigt und zugleich die besondere spirituelle wie materielle Beziehung zum Konzil sichtbar gemacht. Ursula Gießmann betont, dass auch der universelle Anspruch des geistlichen Zentrums »Rom« durch zeremonielle Handlungen, wie etwa den Einzug des Papstes Felix V. in Basel, präsent gewesen sei. Die Stadt Rom erscheint so nicht nur als stets präsenter geografischer Fixpunkt, sondern als »Abbreviatur für die päpstliche Kurie und das Papsttum insgesamt«, was letztlich sowohl visuell als auch symbolisch-zeremoniell zu einer Beherrschung des Stadtraums nach römischem Vorbild geführt habe. Carlo Bosi untersucht eine Reihe von Introiten des flämischen Komponisten Johannes Brassart, die offenbar für eine Reihe im liturgischen Kalender nah beieinanderliegende Feierlichkeiten innerhalb eines Jahres komponiert worden sind und wohl in unmittelbarem Zusammenhang mit Brassarts Dienst in der Kapelle Kaiser Sigismunds stehen. Ein konkreter Entstehungsbezug zu Brassarts Aufenthalt auf dem Basler Konzil im Gefolge des Kaisers ab 1433 lässt sich dagegen nicht zweifelsfrei aufzeigen. Luca Basilio Ricossa belegt, dass zentrale Thesen des Konzils in den liturgischen Traktaten des spanischen Theologen Johannes de Segovia aufgegriffen und weiterentwickelt werden, wobei insbesondere Segovias Forderung einer übergeordneten Autorität der »Ecclesia« gegenüber dem Papsttum einen der zentralen Reformpunkte des 15. Jahrhunderts darstellt, der erhebliche Auswirkungen auf die reformatorische Bewegung der Frühen Neuzeit haben wird.

    Im Anhang (Kapitel VI) gibt Peter Reidemeister einen inhaltlichen Überblick über die Festtage »Herbst des Mittelalters« in Basel (12.–22. August 2011), Michal Gondko ergänzt diese Ausführungen durch eine detaillierte Analyse des dort gebotenen internationalen Musikprogramms. Die beiliegende CD »Armoniae Celestes, Carmina Suavissima« mit der Einspielung eines Konzerts des Ensemble La Morra vom 13. August 2011 vermittelt einen Eindruck von der Bandbreite europäischer Musik in der Zeit des Basler Konzils, darunter Kompositionen von Brassart, Du Fay, Nicolas de Merques und Gilles Binchois.

    Der vorliegende Sammelband kann auf der Basis quellenfundierter Studien überzeugend aufzeigen, dass das Basler Konzil als Treffpunkt von Staats- und Kirchenmännern sowie von Gelehrten und Künstlern im Gefolge der Konzilsteilnehmer kulturelle Transformationsprozesse angestoßen, gefördert und weiterentwickelt hat. Insbesondere durch die unterschiedlichen methodischen und interdisziplinären Zugriffe lässt sich die Wechselwirkung zwischen einer zunehmenden Individualisierung der Künste und den religiös-politischen Entwicklungen der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts plausibel nachvollziehen.

    Von besonderer Relevanz für die künftige Forschung ist die Interpretation von musikalischen Quellen als identitätsstiftende Selbstzeugnisse, die über die individuelle Wahrnehmung des Schaffenden hinaus Aussagen über generelle kulturgeschichtliche Entwicklungen und Selbstbilder ermöglichen. Wünschenswert wäre hier noch eine stärkere argumentative Verknüpfung der zentralen Untersuchungsschwerpunkte des Symposiums in den Kapiteln II (Identität und Selbstwahrnehmung in der Musik, Kunst und Literatur) und V (Liturgischer und städtischer Raum) gewesen, welche die von Hartmut Möller aufgeworfene zentrale Frage nach einer »New Musicology« aufgreift und kritisch zur Diskussion stellt. Hier liegt auch künftig eine der großen Herausforderungen der Fachdisziplin. Für eine interdisziplinär ausgerichtete Kulturwissenschaft liefert dieser reichhaltige Band insgesamt wertvolle Impulse.

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    PSJ Metadata
    Valeska Koal
    Music and Culture in the Age of the Council of Basel
    de
    CC-BY 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Musikgeschichte
    15. Jh.
    1400-1500
    Europa (4015701-5), Musik (4040802-4), Kultur (4125698-0), La Morra (4826008-3), Alte Musik (4691269-1)
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    M. Nanni (ed.), Music and Culture in the Age of the Council of Basel (Valeska Koal)
    In:
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/ma/nanni_koal
    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:18
    Zugriff vom: 20.08.2017 00:31
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