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    V. Maroteaux (dir.), Empreintes du passé (Andrea Stieldorf)

    Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Vincent Maroteaux (dir.), Empreintes du passé. 6000 ans de sceaux, à l’occasion de l’exposition présentée du 11 septembre au 5 décembre 2015 à Rouen, Rouen (éditions point de vues) 2015, 288 p., nombr. fig. en coul., ISBN 978-2-37195-007-8, EUR 29,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Andrea Stieldorf, Bonn

    In den letzten Jahren ist ein deutlich zunehmendes Interesse an Siegeln in der Forschung, aber auch in der Öffentlichkeit zu erkennen, abzulesen an den Sammelbänden, die zu diesem Thema erscheinen und die teilweise auf Ausstellungen zurückgehen, wie zuletzt beispielsweise in Aberyswyth mit einem mittelalterlichen Schwerpunkt (2012)1. Auch der vorliegende Band beruht auf einer 2015 gezeigten Ausstellung, die, ausgehend von dem reichen Bestand an Siegelurkunden des ehemaligen Benediktinerklosters Saint-Pierre de Jumièges, der heute in den Archives départementales de Seine-Maritime aufbewahrt wird, diese in zeitlich und geografisch weit gespannte kulturgeschichtliche Zusammenhänge einbettet. Für diese Ausstellung wurde vorwiegend auf Bestände in Rouen zurückgegriffen, in diesem Fall aus dem Musée départemental des Antiquités. Während der erwähnte walisische Tagungsband über einen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat verfügt, wurde hier darauf ebenso wie auf eine wissenschaftliche Bibliografie weitgehend verzichtet. Etwas gewöhnungsbedürftig ist auch, dass in etwas längere Artikel immer wieder ein- bis zweiseitige Kurzartikel aus einem nahen Themengebiet eingeheftet sind, wenngleich letztere durch die Verwendung von blauem Papier gekennzeichnet sind.

    Der mit etwa 500 Abbildungen ausgesprochen reich bebilderte Sammelband gliedert sich in vier Hauptteile. Im ersten Abschnitt, der sich maßgeblich auf die Bestände des Musée des Antiquités in Rouen stützt und um Leihgaben aus dem Louvre erweitert wird, geht es um die ersten Jahrtausende des Siegelwesens von seinen Anfängen in Mesopotamien bis ins Frühmittelalter (S. 21–71). Hier werden das Aufkommen der Siegel als Rollsiegel im Nahen Osten sowie die wirtschaftlichen Hintergründe, die auch die weitere Verbreitung des Siegelwesens begleiteten, erläutert. Die Auffächerung des Siegelwesens in Ägypten und im hellenistischen Raum wird ebenso aufgearbeitet wie die Verwendung von Siegeln in römischer Zeit zur Sicherung von Qualitätsprodukten, zur Versiegelung von Gefäßen, aber auch die Besiegelung von Wachstafeln im Schriftverkehr. Hier rückt der Fokus nun näher an das römische Gallien und auch die Normandie, etwa wenn die Siegel zur Kennzeichnung der Behältnisse von Augenwässern vorgeführt werden oder die Verwendung von Siegelringen der römisch geprägten Führungsschichten seit dem 7. Jahrhundert in den Blick genommen wird, die damit vor allem Briefe und teilweise auch Urkunden ver- bzw. besiegelten wie denjenigen Erzbischof Riculfs von Rouen 872.

    Der zweite und umfangreichste Teil beschäftigt sich mit unterschiedlichen Siegelführern des Mittelalters, aber auch mit Siegeln in der Neuzeit sowie der nichturkundlichen Verwendung von Siegeln, und zwar sowohl Siegelstempeln als auch den Abdrücken (S. 72–191); Grundlage sind vor allem die Bestände des Archivs in Rouen. Hier werden auch terminologische Fragen geklärt und die Entwicklung des Siegelwesens bis ins 13. Jahrhundert skizziert, als mit Tabellionen und Notaren Konkurrenten zur Beglaubigung von Urkunden auftraten. Auch die Techniken zur Siegelherstellung und -befestigung werden in den Blick genommen. Neben solchen Überblicksdarstellungen finden sich anregende Kurzvorstellungen einzelner Siegel oder Siegelurkunden, wie etwa zu einer Serie von sechs Urkunden des Erzbischofs von Rouen von 1285, die jeweils 17 bis 18 Siegel aufwiesen, oder zum Siegel des Parlaments von Rouen.

    Auch in der Neuzeit diente das Siegel weiterhin als wichtiges Beglaubigungsmittel, insbesondere von amtlicher Seite, etwa Einrichtungen der Revolutionszeit. Vorgestellt werden auch Siegel der Äbte der 1894 wiederbegründeten Abtei Saint-Wandrille, die jeweils Stempel für Wachs- bzw. Lacksiegel und für Aufdrucke mit Tinte besaßen. Die technischen Wandlungen werden ebenso in den Blick genommen, Veränderungen bei den Siegelstempeln aber auch beim Material, wie was Aufkommen von Papiersiegeln oder Lacksiegeln.

    Der dritte Abschnitt widmet sich den Siegelurkunden der Abtei Jumièges (S. 192–261), die vom 12. Jahrhundert bis in die Zeit der Revolution reichen. Nach einem kurzen Abriss der Klostergeschichte werden zunächst die Siegel des Klosters vorgestellt, an deren Beginn das Siegel Abt Rogers steht; bald schon verfügten die Äbte auch über Spezialsiegel. Wie bei zahlreichen Benediktinerklöstern zu beobachten, folgt ein erstes Konventssiegel etwa eine Generation später. Das große Petrussiegel des Konvents wurde bis ins 17. Jahrhundert verwendet, um dann von einem kleineren Petrussiegel für Abdrücke in Lack und Papier abgelöst zu werden. Zudem werden Siegelurkunden vorgestellt, die das Kloster erhielt, und mit ihnen aufgrund der Bedeutung des Konvents eine große Bandbreite an Ausstellern und Siegelführern, die das im zweiten Abschnitt vorgeführte Spektrum ergänzt. So werden beispielsweise die unterschiedlichen Arten von Reitersiegeln in diesem Bestand vorgeführt, die von den verschiedenen gräflichen Förderern des Konvents geführt wurden.

    Der vierte Abschnitt widmet sich der Erforschung und Aufbewahrung von Siegeln (S. 262–284). Hier wird der Beginn der Erschließungstätigkeit im 19. Jahrhundert geschildert, die in Katalogisierungskampagnen, aber auch in der Anfertigung umfangreicher Abgusssammlungen bestand. Es werden zudem Probleme und Verfahren der Siegelanalyse und -konservierung im modernen Restaurationsbetrieb vorgestellt, wie etwa der Einsatz der Computertomografie in diesem Bereich. Außerdem erfährt man in diesem Abschnitt Näheres über die Sammlungen im Museum und die Bestände im Archiv von Rouen, sodass hiermit gewissermaßen der Kreis zu den Abschnitten 1 und 2 geschlossen wird. Vielfältiger sind die Siegelbilder der bürgerlichen Schenker, Männer wie Frauen, die Zeugnis vom großen Bildreichtum der Siegel ablegen.

    Dieses als Begleitband zur Ausstellung konzipierte Buch, ergänzt um den vierten Abschnitt, der nicht Bestandteil der Ausstellung war, bietet ein breites Panorama von Einsichten in Siegel und Siegelverwendung von Mesopotamien bis heute. Erstellt wurde er von Fachleuten unterschiedlicher Disziplinen, die einerseits Überblicke für ihre Epochen und Fachbereiche bieten, aber auch Spezialstudien, die vertiefende Einblicke gewähren. Der Band richtet sich sowohl an ein breiteres als auch ein Fachpublikum, wobei letzteres das erwähnte Fehlen von Annotationen und Literatur über die knappen bibliografischen Verweise am Ende der einzelnen Artikel hinaus bedauern wird. Dennoch ist es nicht nur ein äußerlich ansprechender Band, der inhaltlich in die verschiedenen Facetten der Siegelkunde einführt, diese auf dem derzeitigen Stand der Forschung präsentiert und zugleich ihren Reichtum zeigt.

    1 Phillipp R. Schofield (ed.), Seals and their Context in the Middle Ages, Oxford, Philadelphia, PA 2015.

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    PSJ Metadata
    Andrea Stieldorf
    Empreintes du passé
    6000 ans de sceaux, à l’occasion de l’exposition présentée du 11 septembre au 5 décembre 2015 à Rouen
    de
    CC-BY 4.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte
    Mittelalter
    Departement Seine-Maritime (4118572-9), Siegel (4054876-4)
    PDF document maroteaux_stieldorf.doc.pdf — PDF document, 260 KB
    V. Maroteaux (dir.), Empreintes du passé (Andrea Stieldorf)
    In:
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/ma/maroteaux_stieldorf
    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:18
    Zugriff vom: 20.08.2017 00:31
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