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    J. Klápště (ed.), Agrarian Technology in the Medieval Landscape (Matthias Hardt)

    Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Jan Klápště (ed.), Agrarian Technology in the Medieval Landscape/ Agrartechnik in mittelalterlichen Landschaften/Technologie agraire
    dans le paysage médiéval. 9
    th–15th September 2013, Smolenice Castle, Slovakia, Turnhout (Brepols) 2015, XVIII–448 p., nombr. ill. en n/b (Ruralia, 10), ISBN 978-2-503-55137-1, EUR 90,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Matthias Hardt, Leipzig

    Neben den naturräumlichen und klimatischen Gegebenheiten sowie der agrarisch tätigen Bevölkerung sind die in der Landwirtschaft verwendeten Werkzeuge und Geräte grundlegend für Erfolg oder Misserfolg von Aussaat, Wachstum und Ernte. Den mittelalterlichen Erscheinungsformen dieser »Produktionsmittel« war eine Konferenz gewidmet, die vom 9. bis 15. September 2013 im Schloss Smolenice in der Slowakei stattfand. Hierbei handelte es sich um das 10. Treffen der wissenschaftlichen Vereinigung Ruralia, deren erste zwanzig Jahre Alan Aberg zu Anfang des Bandes kurz darstellt (»Ruralia – a retrospect: 1994–2014«, S. XI–XII). Ziel der Konferenz in Smolenice war es, die regionale Unterschiedlichkeit der landwirtschaftlichen Technologie bei Ackerbau, Viehzucht, Garten- und Weinbau sowie bei der Waldnutzung anhand archäologischen Materials, aber auch durch das Studium von Ikonografie, Archivalien und durch umweltarchäologische Methoden herauszuarbeiten. Die Landschaft wird dabei als ein Palimpsest lang anhaltender menschlicher Aktivität verstanden, dessen vielschichtige Informationen nur durch interdisziplinäre und vergleichende Forschung erschlossen werden können. Die Kenntnis der sozialen Gemeinschaften ist dazu ebenso wichtig wie diejenige der von ihnen praktizierten Bodennutzungssysteme und der dabei verwendeten Werkzeuge, wie Eva Svensson und Mark Gardiner (»Agrarian technology in the medieval landscape – an introduction«, S. XIII–XVIII) darlegen.

    Die Publikation der in Smolenice gehaltenen Referate enthält 27 Beiträge von Forscherpersönlichkeiten aus 14 Ländern. Schwerpunkte liegen in der ersten Hälfte des Buchs auf der Betrachtung der Einwirkung von Menschen, Tieren und agrarischen Geräten auf die Kulturlandschaft der Britischen Inseln, Skandinaviens und der Iberischen Halbinsel. Im zweiten Teil des Bandes stehen Mittel- und Ostmitteleuropa im Vordergrund. Hans Renes (»Landscape history and archaeology of open fields in Europe«, S. 255–265) beschreibt in einer Übersicht die Entwicklung der offenen, nicht von Hecken, Trockenmauern oder anderen sichtbaren Eingrenzungen umgebenen Zelgen- und Gewannfluren mit Flurzwang zum Anbau von Getreide in Europa seit dem hohen Mittelalter und ihre Veränderungen seit dem 14. Jahrhundert. Rainer Schreg (»Mittelalterliche Feldstrukturen in deutschen Mittelgebirgslandschaften – Forschungsfragen, Methoden und Herausforderungen für Archäologie und Geographie«, S. 351–370) weist auf die Notwendigkeit hin, bei der Erforschung von Flurformen neue Methoden, insbesondere naturwissenschaftliche Untersuchungen, mit älteren Forschungstraditionen zu verbinden. An Beispielen erläutert er, dass sich Gewannfluren auf zeitlich und regional differenzierte Weise entwickelt haben. Große Dreizelgensysteme erhöhten das Risiko der Bodenerosion, weil sie Flurbereinigungen voraussetzten und Hecken zerstörten.

    Am konkreten Beispiel von Wellin in Belgien betrachten Philippe Mignot und Nicolas Schroeder (»Agrarian practices and landscape in the estate of Wellin [Belgium] from the Early Middle ages to the Modern Period: Archaeology and History, S. 267–278) den Wandel eines agrarisch genutzten Komplexes im Übergangsgebiet von Ardennen und Famenne, der im 8. Jahrhundert von den karolingischen Hausmeiern an das Kloster Stablo gegeben wurde und sich seitdem in dessen Besitz befand oder von Ministerialen bewirtschaftet wurde. Die archäozoologische Auswertung einer in Wellin ausgegrabenen Abfallhalde hat ergeben, dass im frühen Mittelalter in der von Wald umgebenen Siedlung zunächst die Haltung von Schweinen und Schafen im Vordergrund stand, während im späteren Mittelalter in einer schon zur Offenlandschaft veränderten Umgebung deutlich mehr Rinder gehalten wurden. Von der in der Niederung gelegenen Siedlung, deren Struktur und Entwicklung noch unbekannt sind, wurden die Ardennen seit der späten Merowingerzeit als Jagdgebiet und zur Gewinnung von Rohstoffen erschlossen.

    Dem östlichen Teil des Merowingerreichs ist gemäß der Überschrift auch ein Beitrag von Paolo de Vingo gewidmet (»The material culture and agricultural traditions in the early medieval eastern Merovingian areas: a new study proposal«, S. 325–349). Tatsächlich versucht er anhand der Bestattungen mit Schmiedewerkzeugen den Wandel der Metallurgie vom spätantiken (Zwangs)system zu einer regional ausgerichteten Produktion von Schmuck, Waffen und Werkzeugen zu belegen. Schon dazu greift er auf zahlreiche Belege aus dem Mitteldonauraum und aus Italien zurück, und diese Regionen stehen auch im Mittelpunkt seiner Ausführungen zur Entwicklung eiserner Pflüge, deren elaboriertere und zur Bearbeitung schwerer Böden geeignete asymmetrische Exemplare vor der Ankunft der Langobarden in der Mitte des 6. Jahrhunderts südlich der Alpen nicht nachweisbar sind und deshalb erstmals wohl aus dem Donaugebiet in den Süden gebracht wurden.

    Miklós Takacs (»The archaeological investigation of medieval agrarian tools and techniques in Hungary – an overview of some rarely quoted analyses«, S. 385–394) widmet sich diesem mittleren Donauraum seit der Ankunft der Ungarn im späten 9. Jahrhundert. Er erklärt, dass die Erforschung von Erntegeräten in der ungarischen Archäologie zunächst auf wenig Interesse gestoßen ist, weil sie nicht zum großen Narrativ der vermeintlich ausschließlich nomadischen Wirtschaftsweise der »landnehmenden« Ungarn passten (S. 386). Große Grubenhäuser als Ställe und Pferche zur Viehhaltung entsprachen dem mehr, und so wurden die aus Horten und Siedlungen bekannten eisernen Geräte erst seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bearbeitet. Landschaftsarchäologische Forschungen mit naturwissenschaftlichen Nachweisen auch von Weinbau und Sonderkulturen sind erst in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren üblich geworden. Nomadisierende Großtierhaltung war nie die einzige Wirtschaftsform, auch nicht der »wandernden« Magyaren; dies zeigt auch der Beitrag von Szabina Merva (»Potential husbandry strategies in 10th–century settlements in the Capathian Basin. A case study: Two early medieval sites along the River Danube«, S. 395–406). Die Großtierhirten gingen eine Symbiose mit den unterworfenen Sesshaften ein, übernahmen deren Keramik und betrieben selbst extensives »Farming« (S. 400). Unterschiedliche Lebensformen zeigen sich in archäologisch ergrabenen Siedlungen: Während in Györ-Menföcsanak-Szeles in Nordwestungarn Rinder mit mehr als 50% im aufgefundenen Tierknochenmaterial überwiegen, wurden in der Kontinuität seit vorungarischer Zeit aufweisenden Siedlung von Visegrad-Varkert nur 25% Rinder-, aber auch 25% Schweineknochen nachgewiesen (S. 401).

    Zdenka Mechurova (»Das Bauernjahr vom Mittelalter zur Neuzeit – Feldarbeiten und Landwirtschaftsgeräte dem Kalender nach. Archäologische Funde aus mittelalterlichen Ortswüstungen«, S. 429–441) geht auf der Basis der ethnografischen Sammlungen zu Schmiedehandwerk und Landwirtschaft des Mährischen Landesmuseums in Brno/Brünn den in den Jahreszeiten wechselnden bäuerlichen Werkzeugen und Geräten nach. Bemerkenswert sind ihre Ausführungen zum Wandel der Sichel von einem männlichen zu einem weiblichen Erntegerät nach dem Aufkommen der zumindest in bildlichen Darstellungen vorwiegend von Männern genutzten langstieligen Sensen (S. 436).

    Der Band wird abgeschlossen durch einen Beitrag des Herausgebers Jan Klápště (»On the meaning of agrarian tools from a Czech perspective«, S. 443–448). Er widmet sich dem mit den Anforderungen der Bodenbearbeitung ansteigenden Gewicht eiserner Pflugschare, den geringen Veränderungen der im Garten- und Weinbau verwendeten eisernen Spatenschuhe im Verlauf der Jahrhunderte und schließlich der Verwendung von Sicheln und ihrer Ablösung durch Sensen bei der Getreide- und Grasmahd. Klápště demonstriert ein weiteres Mal die sich auch in Böhmen und Mähren zeigende Vielfalt der Bodennutzung und der dazu verwendeten Geräte und Werkzeuge, deren Bedeutung durch die Publikation der in Smolenice vorgetragenen Referate auf eindrucksvolle Weise in Erinnerung gerufen worden ist.

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    PSJ Metadata
    Matthias Hardt
    Agrarian Technology in the Medieval Landscape/Agrartechnik in mittelalterlichen Landschaften/Technologie agraire dans le paysage médiéval
    9th–15th September 2013, Smolenice Castle, Slovakia
    de
    CC-BY 4.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Agrargeschichte
    Mittelalter
    500-1500
    Europa (4015701-5), Landwirtschaft (4034402-2), Mittelalter (4129108-6)
    PDF document klapste_hardt.doc.pdf — PDF document, 273 KB
    J. Klápště (ed.), Agrarian Technology in the Medieval Landscape (Matthias Hardt)
    In:
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/ma/klapste_hardt
    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:18
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:40
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