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    M. Brînzei (ed.), Nicholas of Dinkelsbühl and the Sentences at Vienna in the Early Fifteenth Century (Thorsten Schlauwitz)

    Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Monica Brînzei (ed.), Nicholas of Dinkelsbühl and the Sentences at Vienna in the Early Fifteenth Century, Turnhout (Brepols) 2015, 489 p., 11 col., 3 b/w ill., 11 graphs (Studia Sententiarum, 1) ISBN 978-2-503-56281-0, EUR 85,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Thorsten Schlauwitz, Erlangen

    Der vorliegende Sammelband beschäftigt sich mit der Anfangszeit der theologischen Fakultät an der Universität Wien und möchte – so der eigene Anspruch – neue Wege beschreiten, indem nicht, wie lange Zeit üblich, Statuten und Chartulare in den Mittelpunkt gestellt werden, sondern die akademischen Schriften, die im Rahmen der Lehre verfasst wurden. Der verbindende Protagonist zwischen den einzelnen Beiträgen ist Nicolaus von Dinkelsbühl, von dem zahlreiche Predigten und theologische Traktate erhalten sind. Er war nicht nur an der Wiener theologischen Fakultät eine zentrale Figur, sondern wirkte in vielfältiger Weise auch als Teilnehmer am Konstanzer Konzil, als Kreuzzugsprediger gegen die Hussiten sowie als Leiter der Melker Klosterreform. Von ihm und seinen Schriften ausgehend, werden die Entwicklung der Lehre sowie die Entstehung des Curriculums der theologischen Fakultät an der jungen Universität, vor allem die Kommentierung der »Sentenzen« von Petrus Lombardus, aufgezeigt und die folgende Rezeption außerhalb der Universität nachverfolgt. Der Sammelband umfasst sechs Aufsätze in englischer und französischer Sprache, die von hilfreichen Anhängen, vor allem Editionen lateinischer Quellen (die Editionen umfassen insgesamt 236 Seiten), ergänzt werden.

    Nach einer Einführung durch Monica Brînzei widmet sich Chris Schabel im ersten Aufsatz (S. 15–83) der Behandlung des filioque bei Nicolaus von Dinkelsbühl. Elaboriert werden die verschiedenen Herangehensweisen an Fragen zum filioque, die im Vorfeld des Florentiner Unionskonzils entwickelt wurden, dargelegt. Im Zentrum steht die Handschrift Schotten 269, deren Teiledition mit einem umfassenden Apparat (S. 39–83) dem Aufsatz beigefügt ist. Anhand dieser Kompilation Nicolaus von Dinkelsbühls werden die unterschiedlichen Positionen aufgezeigt, wobei die Wiener Theologen einen weniger dogmatischen Standpunkt einnehmen als beispielsweise die Dominikaner in der Nachfolge von Thomas von Aquin. Betont wird nicht nur die Bedeutung Nicolaus von Dinkelsbühls, sondern auch die Vermittlung von dessen Lehre an der Wiener Universität.

    Ueli Zahnd (S. 85–265) beschäftigt sich mit einem in Wien entstandenen Kommentar zum 4. Buch der »Sentenzen« des Petrus Lombardus. Durch ein differenziertes methodisches Vorgehen wird die Struktur des Kommentars aufgezeigt, sodass daraus folgend die jeweiligen Autoren identifiziert werden können. Der umfassende Anhang zum Aufsatz enthält Visualisierungen zur Manuskriptentwicklung sowie eine Edition der untersuchten Quelle (S. 189–265).

    William J. Courtenay (S. 267–316) zeigt zunächst einige Differenzen in der Lehre der theologischen Fakultäten von Paris und Wien auf und geht anschließend detailliert auf die Wiener Sentenziare in den Jahren 1415–1425 ein. Darauf aufbauend können wenige Schriften, deren Autoren bisher unbekannt waren, richtig zugeordnet werden. Zuletzt relativiert er die Bedeutung Nicolaus von Dinkelsbühls geringfügig, von dem zwar mehr Schriften als von anderen Wiener Lehrern dieser Zeit erhalten sind, er jedoch nur eine geringe Zahl an Bakkalaren betreute. Eine beigefügte Liste der Wiener Sentenziare (1402–1436) ist für prosopografische Forschungen von großem Wert.

    Monica Brînzei befasst sich in ihrem Beitrag (S. 317–383) mit der »Lectura Mellicensis«, einem zweiten Kommentar Nicolaus von Dinkelsbühls zum 4. Buch der »Sentenzen«, den er für das Kloster Melk verfasst hatte. Mehrere hundert Manuskripte dieses Textes zeugen von der weitreichenden Rezeption. Anhand einiger Beispiele können dabei Unterschiede zwischen dieser und der ursprünglichen Fassung im Sprachstil, aber auch in inhaltlichen Punkten aufgezeigt werden, die mit den unterschiedlichen Anforderungen eines akademischen und eines monastischen Leserkreises erklärt werden. Neben den Editionen im Anhang des Beitrags bietet Brînzei außerdem eine Textwiedergabe der »Tabula Lecture Mellicensis« (S. 385–451); es handelt sich dabei um einen ausführlichen Index zu diesem Text, der einer Handschrift angefügt war.

    Der letzte Beitrag von Adinel Ciprian Dinca geht schließlich auf die Rezeption der Texte Nicolaus von Dinkelsbühls in Transsylvanien ein. Basierend auf der dortigen von Pfarreibibliotheken geprägten Bibliothekslandschaft können zwar einige Texte des Wiener Theologen nachgewiesen werden, erhalten haben sich allerdings nur die auch wesentlich zahlreicher belegten Predigten von ihm. Zumindest für einige Handschriften kann dabei nahegelegt werden, dass diese nicht in Transsylvanien, sondern wohl in Wien entstanden sind, von Studenten in ihre Heimat mitgebracht und später den Pfarrbibliotheken geschenkt wurden.

    Der Sammelband, der auf den Beiträgen einer Tagung in Paris 2013 beruht und von einem Register der Handschriften und Personen abgeschlossen wird, steht am Anfang einer neuen Reihe, die von Claire Angotti und Monica Brînzei herausgegeben wird. Das selbstgesteckte Ziel, neue Erkenntnisse für die Universitätsgeschichte zu gewinnen, konnte durch intensives Handschriftenstudium erreicht werden. Es ist daher zu hoffen, dass bald weitere Bände folgen werden.

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    PSJ Metadata
    Thorsten Schlauwitz
    Nicholas of Dinkelsbühl and the Sentences at Vienna in the Early Fifteenth Century
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Österreich und Liechtenstein
    Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte
    15. Jh.
    Nicolaus de Dinkelspuhel (11921587X), Universität Wien (2024703-5)
    PDF document brinzei_schlauwitz.doc.pdf — PDF document, 323 KB
    M. Brînzei (ed.), Nicholas of Dinkelsbühl and the Sentences at Vienna in the Early Fifteenth Century (Thorsten Schlauwitz)
    In:
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/ma/brinzei_schlauwitz
    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:18
    Zugriff vom: 20.08.2017 00:29
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