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    P. Braunstein, Les Allemands à Venise (1380–1520) (Peter Schreiner)

    Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Philippe Braunstein, Les Allemands à Venise (1380–1520), Rome (École française de Rome) 2016, 975 p. (Bibliothèque des Écoles françaises d’Athènes et de Rome, 372), ISBN 978-2-7283-1125-5, EUR 65,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Peter Schreiner, München

    Es ist eine der nicht seltenen Zufälligkeiten der Wissenschaftsgeschichte, dass in eben jenem Jahr, in dem der Fondaco dei Tedeschi eine neue Ausrichtung erhielt, und aus der Jahrhunderte langen Heim- und Handelsstätte deutscher Kaufleute ein museales Luxuskaufhaus wurde, das monumentale Alterswerk – man kann sagen Lebenswerk – des französischen Historikers Philippe Braunstein erscheint, welches in gewissem Sinn, aber unter ganz anderen methodischen Prämissen die 1887 erschienene zweibändige Studie von Henry Simonsfeld fortsetzt. Das Werk basiert, ohne die umfangreiche Sekundärliteratur (besonders auch in deutscher Sprache) zu vernachlässigen, ganz auf der Lektüre Tausender von Dokumenten vor allem des Venezianischen Staatsarchives und ist ein evidenter Beweis, dass auch heute noch allein die konsequente Quellenforschung zu neuen Erkenntnissen führt. Nur auf solchen Grundlagen, die natürlich auch mit einer besonders günstigen Quellenlage aus diesen Jahrhunderten im Venezianischen Staatsarchiv zusammenhängen, können übergreifende Strukturforschungen aufgebaut werden. Die Arbeit zeigt aber auch, wie wichtig für jede Generation der Historiker das Erlernen paläographischer Kenntnisse ist, ohne die kein einziges der hier ausgewerteten Dokumente lesbar und verständlich ist, ganz zu schweigen von soliden Kenntnissen des Lateinischen, besonders in der Spezies der Notariatssprache. Das Werk Braunsteins ist aber keineswegs eine Ausbreitung von Fakten, sondern ordnet die sozialen und wirtschaftlichen Geschehnisse nach weitausgreifenden übergeordneten Gesichtspunkten und bringt jeweils umfassende Einleitungen, ehe Details vorgelegt werden.

    Die elf Kapitel sind weitgehend in sich geschlossene Abhandlungen, die auch einzeln gelesen werden können, in ihrer Abfolge aber dann doch zu einer Geschichte der Deutschen in Venedig werden. Wir stellen hier die einzelnen Kapitel mit jeweils kürzeren Bemerkungen vor.

    Ein erstes Kapitel behandelt Venedig (hier eher das Veneto) als unmittelbaren Nachbarstaat zu den deutschsprachigen Herrschaftsbereichen im Norden und berührt auch Fragen der Sesshaftwerdung und des Bürgerrechts. Diese geographische Nähe und unmittelbare Nachbarschaft sind Voraussetzung für die Niederlassung von Deutschen (im weitesten Sinn des Wortes), die mehr als vorübergehende Besucher waren1. Der von den venezianischen Familien im 12. Jahrhundert erworbene Reichtum2 macht seit dem beginnenden 13. Jahrhundert die Stadt zu einem lukrativen Anziehungspunkt für deutsche Kaufleute und Händler, denen die relative Nähe zu ihren Heimatorten zustatten kommt.

    »Traverser les Alpes« ist das zweite Kapitel überschrieben, in dem, begleitet von sehr instruktiven Wegstreckenzeichnungen, erstmals nicht nur eine zusammenfassende Darstellung dieser Wege gegeben wird, sondern auch von Mautgebühren, der Konkurrenz der Transportunternehmen und der Gesamtlogistik einer Alpenüberquerung mit Handelswaren (in beiden Richtungen) die Rede ist.

    Das dritte Kapitel handelt vom Fondaco, den der Verfasser als »poumon de Venise« (nicht als »ventre«) bezeichnet, und widmet sich besonders der Administration, der Raumzuteilung, den Mietpreisen. Unter der Rubrik »La vie au Fondaco« gibt es Einsicht in die Lebensverhältnisse einer reichen Kaufmannsschicht.

    Das vierte (und mit über 150 Seiten längste) Kapitel über die Handelsgesellschaften (»Les sociétés d’affaires: l’Allemagne à Venise«) setzt das vorausgehende unter überwiegend sozialgeschichtlichem Aspekt fort, mit den Familiengenealogien der großen Nürnberger, Augsburger und Regensburger Familien, aber auch anderen Kaufleuten der natio germanica, die zum Fondaco Zugang hatten, mit Hinweisen auf ihre Vermögensverhältnisse und die Hauptprodukte des Handels3.

    Im 5. Kapitel (»Un Rialto germanique«) erweitert sich der Blick auf die unmittelbare Umgebung des Fondaco, die nun auch nicht den strengen Regeln eines Handelspalazzo unterworfen ist: Es geht um freie Unterkünfte, da nicht alle Kaufleute im Fondaco unterkommen oder die Mieten bezahlen konnten (mit topografischer Karte auf S. 371), es werden Inventare solcher Herbergen vorgelegt (S. 374), und es handelt von Tavernen und Bordellen (mit den üblichen Streitigkeiten, die dank der gerichtlichen Nachspiele bekannt sind). In diesem Viertel hatten aber auch deutsche Boutiquen eröffnet, und im Seidenhandel kam es zur Konkurrenz mit den Händlern aus Lucca.

    Das 6. Kapitel (»Échanger«) beschäftigt sich mit den verschiedenen Formen des Geldverkehrs und bringt viele Hinweise auf neue Rechenmethoden, für die Venedig der Umschlagplatz zwischen der Toscana (besonders Florenz) und Deutschland war. Der Verfasser spricht aber auch von speziellen Ausbildungszentren in der Stadt und dem Rechenunterricht in Deutschland (zum Vergleich). Er bezieht unter dem Begriff »échanger« auch den geistigen Austausch mit ein und behandelt Glossare und Sprechbücher (S. 464), die im Annex 7, S. 850–853, bibliografisch aufgeführt sind, und geht sogar (S. 488) auf die Methode der kaufmännischen Verhandlungsführung ein.

    Das 7. Kapitel (»Le marché à la fin du moyen âge«) ist überwiegend produktgeschichtlich ausgerichtet und stellt zu Beginn die Frage »Quelles marchandises?«. Es handelt sich vor allem um Gewürze (Pfeffer), Baumwolle und Metalle (hier besonders ausführlich zum Kupfer mit der Anlage von Öfen in Canareggio und der Rolle des Ghettos in diesem Zusammenhang). Eine besondere Bedeutung kam dem aus dem Norden eingeführten Kupfer und seiner Verwendung in der Münzprägung zu, demonstriert anhand der Contobücher der Condulmer.

    Eine besonders günstige Quellenlage im Erhalt des Archivs der Foscari erlaubt es, die geschäftlichen Verbindungen zwischen Michele Foscari und Jacob Fugger in den Jahren um 1500 nachzuvollziehen und mit ihnen das 8. Kapitel zu füllen.

    Das 9. Kapitel schildert die deutsche Gemeinde (»communauté germanique«) als eine gesellschaftliche Einheit. Hierbei kommt Braunstein zunächst auf die Hauptquelle, die Notariatsdokumente, zu sprechen, denen für die gesamte Geschichte des privaten Lebens aller Jahrhunderte eine zentrale Bedeutung zukommt. Sie erlauben es, auch die handwerklichen Haupttätigkeiten der Deutschen in vielen Einzelheiten zu beleuchten: Bäcker, die übrigens zur selben Zeit auch in Rom die erste Berufsgruppe unter den Deutschen darstellten4, Seilemacher, Weber, Schneider und Kürschner, Goldschmiede, Glasmacher. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang der Abschnitt über die deutschen Buchdrucker, denen für Venedig noch nie eine so gründliche Untersuchung gewidmet war (vgl. jetzt im Bereich Venedig-Nürnberg auch Pfotenhauer, wie Anm. 3, S. 353ff.), die etwa auch interessante Angaben zu den Auflagehöhen (S. 729–733) enthält und der frühen Buchgeschichte ganz neue Anregungen gibt. Das Leben der deutschen Kaufleute und Handwerker in Venedig bildete einerseits eine weithin geregelte und geschlossene Einheit und war auf der anderen Seite auch in der venezianischen Gesellschaft durch die Institutionen der Bruderschaften und die Schulen (scuole) verankert, die Einrichtung national bestimmter Verehrungsorte, die an gleich geartete Formen der venezianischen Gesellschaft angebunden oder dort auch voll inkorporiert waren.

    Ein letztes (10.) Kapitel wirft einen Blick auf die Zukunft des Fondaco im 16. Jahrhundert, in dem sich nun die politischen und religiösen Spannungen der Heimat, kurz der Geist der Reformation, breit machen. Aber auch die Veränderungen der politischen Lage in der Mittelmeerwelt (Osmanenherrschaft, Folgen der Entdeckungsreisen) hinterlassen ihre Schatten.

    Der Autor hat in vier Annexen Quellentexte (aus dem Staatsarchiv) und Auszüge aus solchen beigegeben, u. a. eine Namensliste von 101 Notaren, eine Aufzählung von 38 namentlich bekannten Bäckern und ihren Adressen im Jahr 1471, eine Liste von 52 Buchdruckern und die Aufreihung von 11 Schulen zur Ausbildung von Handwerkern. Leider sind im Index (übrigens ebenso wie in der Studie von Bettina Pfotenhauer) nur Orte und Personen aufgenommen. Man kann natürlich von einem so minutiös gearbeiteten Werk nicht alles wünschen, aber der Hinweis auf Hauptstellen von Produkten und Gegenständen würde doch eine Erleichterung in der Benutzung und Auswertung dieser handbuchartigen Monografie darstellen.

    Das Buch atmet den Geist der Schule der Annales, mit der der Autor in Studium und Lehre verbunden ist. Es lässt sich anderen großen Werken über die Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit an die Seite stellen wie Fernand Braudels »La Méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II« (1949) oder Jacques Heers »Gênes au XVe siècle« (1961), das sich dem gleichen Zeitraum in der Geschichte der großen Rivalin Venedigs widmet. Man sollte hier auch die bereits erwähnte (Anm. 4) Monografie von Arnold Esch zur selben Epoche in Rom nennen, auch um die großen Unterschiede im Leben dieser Städte und die dahinter stehenden Gründe besser zu erfassen. Für alle genannten Werke sind Archivquellen und ein lebenslanger Umgang mit ihnen die Grundvoraussetzung, eine Methode, die leider in der aktuellen historischen Ausbildung immer mehr verloren geht.

    Braunsteins Buch analysiert die »Fremden« in der Stadt (am Beispiel ihrer zahlenreichsten Schicht, den Deutschen) und erhält gerade daher in unseren Tagen noch eine weitere Aktualität. Ohne dass der Autor es besonders hervorhebt, schildert die Arbeit, wie man sich wirkliche Integration vorzustellen hat und wie dieses Modell in Venedig über Jahrhunderte zum Erfolg geführt hat: Ansiedlung, die von Berufstätigkeit im Einklang mit den Bedürfnissen der Stadt und ihrer Bewohner begleitet ist, Erlernen der Sprache, weitere Schulung in den handwerklichen Disziplinen, Eheschließungen mit der einheimischen Bevölkerung und Eingliederung in bestehende Formen des öffentlichen Lebens. Dies ist in Venedig, das nicht nur eine Stadt, sondern eine gar nicht so kleine Welt war, über Hunderte von Jahren hin gelungen. In der magistralen Darstellung von Philipp Braunstein kann man alles nachlesen.

    1 Diesen ist die Darstellung von Klaus Bergdolt, Deutsche in Venedig. Von den Kaisern des Mittelalters bis Thomas Mann, Darmstadt 2011, gewidmet, auf die hier ausdrücklich hingewiesen werden soll.

    2 Irmgard Fees, Reichtum und Macht im mittelalterlichen Venedig. Die Familie Ziani, Tübingen 1988, zeigt in exemplarischer Weise das Entstehen dieses Reichtums, der die Grundlage zur wirtschaftlichen Größe Venedigs legte.

    3 An dieser Stelle ist hinzuweisen auf die im selben Jahr 2016 erschienene umfangreiche Arbeit von Bettina Pfotenhauer, Nürnberg und Venedig im Austausch: Menschen, Güter und Wissen vom Mittelalter zur Neuzeit, Regensburg 2016, ein Werk, das Braunstein nicht mehr benutzen oder einarbeiten konnte. Auch wenn die Autorin überwiegend auf den Austausch zwischen Nürnberg und Venedig fokussiert ist, handelt es sich doch um eine Darstellung sui generis, auch mit Auswertung vieler deutscher Archivquellen, die ihren selbständigen Wert neben der anders konzipierten Arbeit von Braunstein hat.

    4 Arnold Esch, Rom. Vom Mittelalter zur Renaissance, 1378–1484, München 2016, S. 143.

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    PSJ Metadata
    Peter Schreiner
    Les Allemands à Venise (1380–1520)
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Italien, Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Bayern
    Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    Mittelalter
    1380–1520
    Venedig (4062501-1), Deutsche (4070334-4), Fondaco dei Tedeschi Venedig (4266653-3), Regensburg (4048989-9), Augsburg (4003614-5), Nürnberg (4042742-0), Handel (4023222-0)
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    P. Braunstein, Les Allemands à Venise (1380–1520) (Peter Schreiner)
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    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:17
    Zugriff vom: 20.08.2017 00:29
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