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D. Bates, William the Conqueror (Jörg Peltzer)

Francia-Recensio 2017/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

David Bates, William the Conqueror, New Haven, London (Yale University Press) 2016, XX–596 p., num. b/w ill. (Yale English Monarchs), ISBN 978-0-300-11875-9, GBP 30,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Jörg Peltzer, Heidelberg

Es ist bezeichnend für den hohen Stellenwert Wilhelms des Eroberers in der englischsprachigen Welt, dass ihm der erste, 1964 erschienene Band der Reihe »Yale English Monarchs « gewidmet war. Seine Eroberung Englands im Jahr 1066 und der Umstand, dass dies nach ihm keinem anderen auswärtigen Herrscher mehr gelang, sicherten ihm ewigen Ruhm in den Geschichtsbüchern. So reichlich wurde über ihn und die normannische Eroberung geschrieben, dass David Douglas es schon 1946 für angebracht hielt, eine Abhandlung über die britische Historiografiegeschichte zu 1066 zu verfassen. Es blieb ihm selbst überlassen, mit der eingangs erwähnten Biografie einen neuen Meilenstein der Forschung zu setzen. Seitdem ist einiges geschehen: Quellen sind (neu) ediert worden, neue Ansätze haben sich etabliert, und unzählige Arbeiten sind erschienen, die sich auf die eine oder andere Art und Weise mit Wilhelm und/oder der normannischen Eroberung beschäftigen. Es drängte sich schon Ende des 20. Jahrhunderts auf, den Eroberer einer erneuten, großen biografischen Untersuchung zu unterziehen. David Bates war dafür der logische Kandidat, nicht nur, weil wir ihm die Edition der Urkunden Wilhelms verdanken oder er bereits 1989 eine erste Biografie Wilhelms vorlegte, sondern weil er beide Seiten des Ärmelkanals, Nordfrankreich wie England, gleichermaßen im Blick hat. Nach 16 Jahren Arbeit legt Bates nun in den »Yale English Monarchs« den neuen Wilhelm vor. Das Warten hat sich gelohnt. Auf der Basis stupender Quellenkenntnis und souveränen Forschungsüberblicks entwickelt Bates Wilhelms Leben und Wirken in klaren Zügen.

Bei dem strikt chronologischen, dem Lebensweg Wilhelms folgenden Aufbau ist für eine systematische und ausführliche Analyse der Folgen der normannischen Eroberung kein rechter Platz. Sie werden stattdessen im vorletzten Kapitel knapp und prägnant skizziert. Dafür aber lernt der Leser, in welcher Welt Wilhelm aufwuchs, welche Handlungsweisen ihn prägten. Seine außereheliche Geburt, so Bates mit Nachdruck, war kein Hindernis für den Herrschaftsantritt im Herzogtum, in dem er im Knabenalter 1035 seinem auf Pilgerreise verstorbenen Vater nachfolgte. Der Vergleich mit anderen Minderjährigkeitsherrschaften des 11. Jahrhunderts – die europäische Kontextualisierung ist ein stetes Bemühen des Buchs und ein wesentlicher Unterschied zum Werk von Douglas – relativiert für Bates die Schwierigkeiten, denen sich Wilhelm anfangs ausgesetzt sah. Prinzipiell, so Bates, stand der Fortbestand des Herzogtums in diesen Jahren nie zur Disposition.

Seit den späten 1040er Jahren nahm Wilhelm zunehmend selbst das Heft des Regierens in die Hand und begann, mit Männern seiner Generation die Geschicke des Herzogtums zu bestimmen. Als um 1050 der französische König vom Verbündeten zum Rivalen wurde und Wilhelm Matilda, die Tochter des Grafen von Flandern, zur Frau nahm, wurde deutlich, wie sehr sich der Herzog unter den Großen etabliert hatte. Als 1060 mit König Heinrich I. von Frankreich und Graf Gottfried von Anjou die beiden mächtigsten Widersacher Wilhelms verstarben, wurde er die bestimmende Figur im Nordwesten Frankreichs. Die 1063 abgeschlossene Eroberung von Maine unterstrich diese Position. Wilhelm war nun Herrscher zweier Fürstentümer. Drei Jahre später eröffnete der Tod des englischen Königs Eduard den Wettstreit um dessen Nachfolge, die Herrscher im gesamten Nordseeraum für sich beanspruchten. Bates hält es in diesem Zusammenhang für wahrscheinlich, dass Wilhelm bereits 1051/52 das englische Königreich von Eduard und den englischen Magnaten versprochen wurde. Jedenfalls habe der Herzog die englische Krone seit Längerem im Blick gehabt. Die Entscheidung fiel im Herbst 1066 in großen Schlachten, bei deren Schilderung sich Bates merklich zurückhält. Wilhelm setzte sich durch und wurde an Weihnachten 1066 zum englischen König gekrönt.

Die folgenden Jahre waren geprägt von dem Bemühen, seine Herrschaften auf beiden Seiten des Ärmelkanals zu verteidigen. In England stellten vor allem zu Beginn zahlreiche Aufstände seine Herrschaft in Frage, und die Bedrohung einer dänischen Invasion blieb fast bis zu Wilhelms Tod 1087 imminent. In der Normandie forderte ihn insbesondere der Konflikt mit seinem ältesten Sohn Robert, dessen Ambitionen Wilhelm nur unzureichend Raum ließ – ein klassischer Fall der Generationenkonflikte innerhalb des Adels. Die Entschlossenheit und Härte, geradezu Unbarmherzigkeit von Wilhelms Vorgehen auf der einen Seite und die Widerstandsfähigkeit bzw. Überlebensfähigkeit der Betroffenen (vor allem in England) auf der anderen Seite (resilience) ist ein Bezugspaar, auf das Bates immer wieder rekurriert – beides scheint den Autor zu faszinieren. Wenn Wilhelm diese Eigenschaften im Krieg oftmals nutzten, dann sorgten sie auch für ein Scheitern seiner Beziehung zu Robert.

Dennoch hatte Wilhelm in der Regel ein gutes Gespür für strategisch wichtige Partnerschaften. An erster Stelle stand die Kooperation mit der Kirche. Von den ersten Jahren seiner Herrschaft an konnte sich Wilhelm fast immer auf die enge Zusammenarbeit mit der Kirche verlassen. Konfliktträchtigen Fragen der Kirchenreform, insbesondere die auch von Wilhelm konsequent beanspruchte Hoheit über die Besetzung von Bistümern und Abteien, gaben folglich keinen Anlass zu Auseinandersetzungen. In Caen, Wilhelms Hauptort in der Normandie, manifestierten die monumentalen Stiftungen Wilhelms und seiner Frau Matilda, Saint-Étienne und Sainte-Trinité, diese Kooperation auf das Eindrücklichste. 1083 verstarb Matilda. Ihr Tod, so Bates, war für Wilhelm ein schwerer Schlag, von dem er sich kaum erholte. Vier Jahre später starb er selbst.

Bates versucht die Distanz zu wahren, um so der Gefahr eines jeden Biografen zu entrinnen, zum Verbündeten seines Untersuchungsgegenstands zu werden. So endet sein Buch nicht mit einer Laudatio Wilhelms, sondern mit der Mahnung, nach den vielen stummen Stimmen derer zu suchen, deren Leben Wilhelm ruinierte. Erst durch diese Multiperspektivität könne seine Zeit richtig verstanden werden. In der Tat macht Bates keinen Hehl daraus, dass Wilhelm mit brutaler Rücksichtslosigkeit seine Ziele verfolgte und selbst für Zeitgenossen manchmal die sehr weit gesteckten Grenzen des Akzeptierten überschritt. Die Verwüstung von Teilen Northumbriens im Winter 1069/1070 ließ auch die ihm wohlgesinnten Chronisten erschaudern.

Dennoch zeichnet Bates den Lebensweg Wilhelms gelegentlich weicher, als es vielleicht der Fall war. So kann man sich fragen, ob die heftigen Auseinandersetzungen innerhalb des normannischen Adels zu Beginn der 1040er Jahre noch als sich im Rahmen der üblichen Konflikte des Adels befindlich charakterisiert werden können. Wenn man dies mit Bates bejaht, dann müsste man angesichts der unter den normannischen Magnaten gezielt vorgenommen Tötungen das in der Forschung erarbeitete Bild eines Kontrasts zwischen der Konfliktführung in Nordwestfrankreich und im nördlichen Nordseeraum revidieren. Es ist aber auch denkbar, dass diese Kämpfe in der Normandie eine Ausnahmesituation indizieren, in der das Herzogtum selbst sehr viel gefährdeter war, als Bates es annimmt. Dies jedenfalls würde erklären, warum die normannische Chronistik für Wilhelm ein anderes Erzählmuster entwickelte als für seine Vorgänger. Während jene Herr der Lage waren und in Frieden herrschten, musste Wilhelm sich die Herrschaft erkämpfen, musste Widerstände brechen und so sein Herzogtum ordnen.

Ein anderer Bereich, in dem Bates Wilhelms Lebensweg möglicherweise zu glatt erscheinen lässt, als er vielleicht war, betrifft das komplexe Thema der Thronfolge Eduards. Bates’ Linie ist näher an der Sichtweise Wilhelms und dessen Propaganda, als ihm selbst vielleicht lieb ist. In seinem Bemühen, alle Quellenzeugnisse zu harmonisieren und damit auch Wilhelm von Poitiers, dem er ansonsten mit der nötigen kritischen Distanz begegnet, seinen Platz unter den vertrauenswürdigen Gewährsmännern einzuräumen, erscheinen Wilhelms Ansprüche auf England bereits seit 1051/1052 gut fundiert. Damit stellt er sich gegen jüngere Ansätze, die davon ausgehen, dass die Erzählung Wilhelms von Poitiers in diesem Zusammenhang ein reines Konstrukt ist. Diese Anmerkungen sollen aber nicht als Kritik an Bates’ Arbeit verstanden werden, sondern als Hinweis auf die Vieldeutigkeit, mit der Wilhelms Leben gelesen werden kann. Bates ist sich dessen sehr bewusst. In der Tat liest sich sein Buch auch deshalb so angenehm, weil er dem Leser seine Interpretationen nicht apodiktisch aufzwingt, sondern deutlich das unsichere Terrain markiert. Es ist ein ehrliches Buch. Bates hat damit einen neuen Meilenstein in der Wilhelm-Forschung vorgelegt, an dem sie sich nun auf Jahre hin abarbeiten kann. Ähnlich wie das Werk von Douglas dürfte auch sein Wilhelm die Zeiten gut überdauern.

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PSJ Metadata
Jörg Peltzer
William the Conqueror
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Hohes Mittelalter (1050-1350)
Europa
Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
6. - 12. Jh.
1027-1087
William I., England, King (118643347)
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D. Bates, William the Conqueror (Jörg Peltzer)
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Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:17
Zugriff vom: 20.08.2017 00:32
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