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D. L. Weaver-Zercher, Martyrs Mirror (Urs B. Leu)

Francia-Recensio 2017/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

David L. Weaver-Zercher, Martyrs Mirror. A Social History, Baltimore (The Johns Hopkins University Press) 2016, XVIII–414 p., 37 ill. (Young Center Books in Anabaptist and Pietist Studies), ISBN 978-1-4214-1882-7, USD 49,95.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Urs B. Leu, Zürich

Unter den verschiedenen Täufergruppen, die ihre Wurzeln im 16. Jahrhundert haben, wozu vor allem die Amischen, Hutterer und Mennoniten zählen, gibt es drei Bücher, die bei ihnen über Jahrhunderte im Gebrauch und in hoher Achtung standen: die Bibel, nicht zuletzt die sogenannte Froschauer-Bibel (Zürcher Reformationsbibel), das Gesangbuch mit dem Titel »Ausbund« und der »Märtyrerspiegel«, mit dem sich die lesenswerte Monografie von David L. Weaver-Zercher beschäftigt. Der Autor lehrt »American Religious History« im Messiah College in Grantham (Pennsylvania) und hat mehrere Werke zur Geschichte der Amischen publiziert. Das zwölf Kapitel umfassende Buch ist in drei Hauptteile gegliedert: 1. The Prehistory and Production of The Bloody Theater (1500–1660); 2. Van Braght’s Martyrology through the Years (1660–1990), und 3. Contemporary Approaches to Martyrs Mirror (seit 1990).

Der Autor weist zurecht darauf hin, dass die Vorgeschichte des Märtyrerspiegels genau genommen in der Antike ansetzt, denn bereits in der Bibel und der Kirchengeschichte des Kirchenvaters Eusebius von Caesaraea finden sich Geschichten von Märtyrern, von Menschen also, denen der Glaube an Jesus Christus wichtiger als ihr eigenes Leben war, und die bereit waren, dafür wehrlos den Tod zu erdulden. Damit wurden sie zu Vorbildern für die Gemeinden, denen durch diese Märtyrergeschichten und Glaubensvorbilder über Jahrhunderte Erbauung und Trost zuteil wurden. Insbesondere das 16. Jahrhundert erlebte wiederum viele Verfolgungswellen, in denen Protestanten und Täufer als Irrlehrer gebrandmarkt und zu Tausenden deportiert, gefoltert und abgeschlachtet worden sind. Genug Stoff, um damit ganze Bücher zu füllen. Die einschlägigen täuferischen Werke erschienen alle in den Niederlanden: 1562 und 1599 »The Sacrifice of the Lord«, 1615, 1617, 1626 und 1631 die entsprechenden bekannten Titel von Hans de Ries und Pieter Jans Twischk und 1660 schließlich »The Bloody Theater« (Märtyrerspiegel) des jungen Mennoniten Thieleman Jansz van Braght (1625–1664). Letzterer baute auf seinen Vorgängern auf, brachte aber auch neues Material dazu. Der dicke Band ist bis heute eine wichtige Quelle für die Täufergeschichte, wozu nicht zuletzt die 264 Täufer-Briefe aus der Gefangenschaft beitragen, die van Braght in den Text einwob.

1685 erschien die erste illustrierte Ausgabe des Märtyrerspiegels mit 104 Kupferstichen des bekannten niederländischen Künstlers Jan Luyken (1649–1712), die den Text so richtig unter die Haut gehen lassen. Er verstand es, die Leiden der Verfolgten sehr ausdrucksstark darzustellen und den Leser innerlich zu ergreifen. Weaver-Zercher spricht zu Recht von der »didactic power« der Abbildungen. Von den 104 Kupferplatten existierten um 1925 noch etwa 90 Stück, von denen 60 in den Wirren des Zweiten Weltkriegs verloren gingen. Heute befinden sich die restlichen 30 in der Muddy Creek Farm Library von Amos Hoover in Ephrata (Pennsylvania), einer der größten und wichtigsten Sammlungen zur Geschichte der Amischen, Hutterer und Alt-Mennoniten in den USA.

Von den verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen der folgenden Jahrhunderte sei an dieser Stelle nur an den ersten nordamerikanischen Druck erinnert, der 1748/1749 in deutscher Sprache im pietistischen Kloster Ephrata in Pennsylvania erschienen ist und dessen Druckgeschichte der Autor sehr schön herausarbeitet. Überhaupt bemüht sich der Verfasser, die zahlreichen Ausgaben, ihre Hintergründe und die daran beteiligten freikirchlichen Kreise zu beleuchten, weshalb das Buch den Untertitel »A Social History« trägt.

Schlussendlich geht der Verfasser auf die heutige Bedeutung und Rezeption des Märtyrerspiegels in den verschiedenen amischen und mennonitischen Kirchen der USA ein, zumal der Titel immer noch fast alljährlich in einer Auflage von 2500 Stück nachgedruckt wird. Dieser dritte Teil des Buches ist für den amerikanischen Leser sicher interessant, für den europäischen aber wohl etwas zu lange geraten, zumal weder der Märtyrerspiegel noch die konfessionelle Zersplitterung auf dem alten Kontinent eine derartige Rolle spielten und spielen wie in den USA. Die Tatsache, dass das Werk 1997 auf Spanisch, 1999 Indonesisch, 2002 Japanisch, Rumänisch und Russisch, 2003 französisch und 2010 in Hindi erschienen ist, zeigt, dass es für jeden, der sich mit der Geschichte der Freikirchen beschäftigt, immer noch ein Thema und somit von Bedeutung ist.

Dem gut lesbaren, sauber gedruckten und ansprechend gestalteten Band haftet ein kleiner Makel an, und zwar das Fehlen eines Literaturverzeichnisses. Zwar werden die Quellen in den hunderten von Fußnoten exakt angegeben, doch gehört ein Literaturverzeichnis m. E. nach wie vor zu einer wissenschaftlichen Arbeit. Zudem bietet ein solches den Vorteil, dem Leser schneller allfällige unbekannte Arbeiten zur Kenntnis zu bringen.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

PSJ Metadata
Urs Leu
Martyrs Mirror
A Social History
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Europa
Kirchen- und Religionsgeschichte
17. Jh.
1660
Martyrologium (4037744-1), Täufer (4078126-4)
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D. L. Weaver-Zercher, Martyrs Mirror (Urs B. Leu)
In:
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/fn/weaver-zercher_leu
Veröffentlicht am: 20.06.2017 13:20
Zugriff vom: 23.07.2017 06:40
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