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    S. Seidel Menchi (ed.), Marriage in Europe, 1400–1800(Inken Schmidt-Voges)

    Francia-Recensio 2017/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Silvana Seidel Menchi (ed.), with the collaboration of Emlyn Eisenach, Marriage in Europe. 1400–1800, Toronto (University of Toronto Press) 2016, 376 p., 7 ill., ISBN 978-1-4426-3750-4, USD 58,00; Marianna Muravyeva (ed.), Domestic Disturbances, Patriarchal Values. Violence, family and sexuality in early modern Europe, 1600–1900, London, New York (Routledge) 2016, X–149 p. (The History of the Family. Special issue, 18,3), ISBN 978-1-138-93487-0, GBP 95,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Inken Schmidt-Voges, Marburg

    Zwei Neuerscheinungen des letzten Jahres widmen sich zwei Forschungsfeldern, die seit einigen Jahren intensiv bearbeitet werden und eng miteinander verschränkt sind: Silvana Menchi Seidel hat einen Sammelband zu »Marriage in Europe 1400–1800« vorgelegt, der einem Handbuch gleich die Entwicklung eherechtlicher Normen zwischen Alltagserfahrung und gesellschaftspolitischen Herausforderungen in zahlreichen europäischen Gemeinwesen präsentiert. Marianna Muravyeva versammelt sich in ihrem Band Beiträge, die sich mit häuslicher Gewalt als Folge eskalierender Konflikte und konfligierender Erwartungen und Rollenverständnisse vor allem in den bisher in der Forschung weniger präsenten ostmittel- und osteuropäischen Gemeinwesen beschäftigen. Eheschließung und (konflikthafter) Ehealltag haben ihren Referenzpunkt im politischen, sozialen und kulturellen Kontext und Spannungsfeld, in dem sich ein Ehepaar in seiner Paarbeziehung beweisen musste – viele unterschiedliche Akteure und Interessengruppen nahmen Einfluss auf die Ausgestaltung der ehelichen Beziehung, die als verbindendes Element in ganz Europa als einzig legitime Form der Paarbeziehung und gelebten Sexualität darstellte.

    In welcher Bandbreite diese rechtlichen, kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen dabei die normierenden Konzepte von Ehe bestimmten, erläutern die Beiträge in Silvana Menchi Seidels Sammelband. In sieben Kapiteln werden die spezifischen Entwicklungen in Deutschland, Italien, England, Niederlande, Schweiz, Spanien, Schweden und Frankreich dargestellt und in ihren Problemhorizont eingebettet. Eingeleitet werden sie von einer rechtshistorisch geprägten Übersicht von Charles Donahue, in welcher Weise die Kernproblematiken der christlichen Ehevorstellungen sich bis ins 16. Jahrhundert darstellten, welche Veränderungen und Kontinuitäten sie durch neu hinzukommende lutherische bzw. calvinistische Lehren erfuhren und wie sie sich durch die Bestimmungen den Trienter Konzil bzw. die weltliche Gesetzgebung katholischer Gemeinwesen veränderten. Heide Wunder greift diesen normativen Diskurs auf und spiegelt ihn mit den vielschichtigen politischen, sozialen, kulturellen und konfessionellen Realitäten im Alten Reich. Anhand der Verknüpfung politischer Interessen, sozialer Akteure, konfessioneller Programmatik und literarischen Adaptionen entsteht so ein prägnantes Panorama, wie Ehe als Matrix und Ausweis der wohlgeordneten Gesellschaft über vier Jahrhunderte gedacht und praktiziert wurde. Für Italien, das sich hinsichtlich seiner konfessionellen Ausrichtung deutlich homogener darstellt, zeigt Daniela Lombardi an zahlreichen Fallbeispielen, wie sich einerseits die Einstellungen zur »heimlichen Ehe« veränderten und die Partnerwahl von Kindern auch in katholischen Gebieten immer stärker der sozialen, i.e. der elterlichen Kontrolle unterworfen wurde. Hier wird der Einfluss der Trienter Dekrete auf einen Wandel auch des katholischen Eherechts im Kontext sozialer Ausgestaltung klar herausgearbeitet. Interessanterweise war es gerade England, in dem das mittelalterliche Eherecht bis ins 18. Jahrhundert nahezu unverändert weiter praktiziert wurde und einer besonderen richterlichen Aufmerksamkeit unterworfen wurde, wie Richard Helmholtz in einem auf das 16. Jahrhundert fokussierten Beitrag sehr quellennah und überzeugend herausarbeitet.

    Die folgenden Kapiteln legen den Fokus stärker auf die regulatorischen Aspekte, die mit der Vorstellung von der Ehe als normativem Fluchtpunkt gesellschaftlicher Ordnung einhergingen: der Einhegung der Sexualität durch die eheliche Paarbindung und ihre Bedrohung durch außerehelich gelebte Sexualität. Manon van der Heijden zeigt am Beispiel der Niederlande, dass gerade die Verfahren wegen Ehebruchs bzw. Unzucht sowohl von weltlichen als auch von kirchlichen Gerichten geahndet wurden und damit nicht nur weltliche, sondern auch kirchliche Bußen nach sich zogen. Vor allem aber wirkten sie nicht nur disziplinierend auf die Angeklagten, sondern auf die ganze Gemeinde; denn es war das Urteil und die Sichtweise der lokalen Gruppe, die meist den Ausschlag dafür gab, ob ein inkriminiertes Verhalten als deviant angesehen wurde oder nicht. Wie sehr sich die obrigkeitliche Haltung dabei unterscheiden konnte, zeigt Susanna Burghartz am verschiedenen Fallbeispielen aus der Eidgenossenschaft und süddeutschen Territorien. Einerseits legten die obrigkeitlichen Gerichte eine ausgeprägte Rigorosität in Fällen vorehelichen Geschlechtsverkehrs an den Tag, die selbst im Falle einer Heirat des Paares zur Verurteilung führte und damit den Tatbestand der »Unzucht« eigentlich erst produzierte. Andererseits waren in denselben Gemeinwesen Formen vorehelicher sexueller Annäherungen wie das »Fensterln« durchaus akzeptiert und geschützt. Dass soziale und kirchliche Interessen aber auch starke Kohärenzen aufweisen konnten, zeigen die Fallbeispiele von Jesus M. Usunariz, der Akten aus Pamplona analysierte. Während die Paare sich entsprechend der kirchenrechtlichen Bestimmungen bereits mit dem beiderseits getauschten Eheversprechen als Eheleute ansahen und zu sexuellen Beziehungen berechtigt, traf die vielfach auf den Widerspruch der jeweiligen Herkunftsfamilien, zumal gerade in Spanien die soziale Homogamie von besonderer gesellschaftlicher Relevanz war. Für Schweden kann Mia Korpiola zeigen, wie sehr sich vor allem kirchliche Autoritäten bemühten, den ehestiftenden Moment aus den Händen des Paares in das kirchliche Ritual zu überführen; was zu Überlegungen führte, das Brautlager in die Kirche zu verlegen. Im Unterschied zu den bisher vorgestellten europäischen Gemeinwesen arbeitet Anne Lefebvre-Teillard sehr luzide heraus, wie in Frankreich die Gerichtsbarkeit in Eheangelegenheiten von der Kirche auf den Staat überging und auch hier die elterliche Kontrolle im Spannungsfeld zwischen »heimlicher« und »versprochener« Ehe eine entscheidende soziale Instanz darstellte.

    Zwei überregional angelegte Kapitel beleuchten den Prozess der sozialen und rechtlichen Konstruktion von Ehe aus der Perspektive des eigentlich Unmöglichen: Cecilia Cristellon zeigt am Beispiel von Akten der Glaubenskongregation die Präsenz und Problematik gemischtkonfessionellen Ehen, während Silvana Menchi Seidel im abschließenden Kapitel die verschiedenen Formen von ebenfalls juristisch legaler Ehen in ihren rechtskulturellen Zusammenhang einbettet, wie morganatische Ehen, Ehen zur linken Hand oder Bigamie.

    Der Sammelband versammelt erstmals in komparatistischer Weise die verschiedenen Forschungen zu Ehe als Teil europäischer Geschichte, bietet damit einen hervorragenden Überblick über den Stand der Forschung und eröffnet gerade durch den Vergleich ein reiches Feld zukünftiger Forschungsansätze.

    Marianna Muravyeva thematisiert den Umgang der weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten mit den Herausforderungen, die sich aus dysfunktionalen Ehen ergaben und sich in den Akten als Formen häuslicher Gewalt niederschlugen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass zwar in den normativen Texten vielfach die unumschränkte Gewalt des Ehemannes und Hausvaters »gleich einem König« postuliert wurde, jedoch genau diese unumschränkte Gewalt in der politischen Theorie deutlichen Grenzen unterworfen war, denen sich der Monarch in seinen Pflichten und Verantwortungskreis ausgesetzt sah – und die mutatis mutandis auch für den Hausvater galten und in den Prozessen um häusliche Gewalt verhandelt wurden. Hintergrundthese der verschiedenen Beiträge, die bereits 2013 als Sonderausgabe in der Zeitschrift »The History of the Family« erschienen sind, ist die Vermutung, dass der deutliche Haltungswandel zur häuslichen Gewalt ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht nur in der Expansion des »Staates« und seiner Eingriffsmöglichkeiten lag, sondern in einem grundsätzlichen Wandel der Vorstellung von Macht an sich: die eben nicht mehr personenbezogenen unumschränkt gedacht worden sei, sondern durch Aspekte wie Menschenrechte, naturrechtlichen Freiheitsidealen auf grundsätzliche Weise limitiert gedacht worden sei.

    In sieben Beiträgen werden Einblicke und Perspektiven aus unterschiedlichen Gemeinwesen und Kontexten der europäischen Geschichte präsentiert. Satu Lidman bietet mit einem komparatistischen Ansatz in der Analyse von Prozessakten aus dem katholischen Bayern und dem protestantischen Stockholm, inwieweit geschlechterbezogenen Rollenmodellen in der Wahrnehmung, Deutung und Be-/Verurteilung von Gewalt gegen Frauen in den Gerichtsverfahren eine prägende Formung zukam und wie wenig diese letztlich durch konfessionelle Aspekte geprägt waren.

    Dass das 18. Jahrhundert dabei nicht immer als das Jahrhundert der Expansion staatlicher Autorität und Machtzuwachses zu werten ist, sondern gerade den kirchlichen Gerichtsinstitutionen eine spezifische, prägende Rolle in der Durchsetzung von Ehe- und Geschlechternormen zukommen konnte, zeigt Constanta Vintila-Ghitulescu. Anhand der Analyse von kirchlichen Prozessakten der orthodoxen Kirche in Rumänien kann sie zeigen, dass es gerade diese war, die in Zeiten instabiler oder fehlender staatlicher Strukturen den Bezugsrahmen zur Regulierung häuslicher Konflikte darstellte.

    Dass häusliche Gewalt dabei nicht immer auf den Bereich der Kernfamilie bezogen sein musste, sondern auch verwandtschaftliche Netzwerke einbeziehen konnte, zeigt Lynn Lubamersky in ihrem Beitrag zur Institution der foray/zajazd in Polen-Litauen im ausgehenden 18. Jahrhundert. Von dieser Form adeliger Selbstjustiz machten Familien insbesondere dann Gebrauch, wenn missliebige Heiratsentscheidungen von weiblichen Mitgliedern getroffen wurden, die das dynastische Interesse nicht genügend berücksichtigten. Auch hier griffen demnach innerfamiliäre Konfliktaustragsstrategien, wo staatliche Institutionen – zumindest in den Augen der Adeligen – versagten.

    Auch Joanne Bailey und Loreen Giese vertreten die These, dass die Meistererzählung vom Wandel der Haltung zu häuslicher Gewalt in der Mitte des 18. Jahrhunderts als Teil eines »Zivilisationsprozesses« zu deuten sei, der mit zunehmender Staatsgewalt zusammenhänge. Vielmehr zeigen sie, dass ein Blick auf Prozessakten, die nicht nur lebensbedrohliche Gewaltakte thematisieren und einen breiteren Gewaltbegriff implizieren, dass der Wandel eher in sich verändernden Geschlechterrollen und insbesondere Männlichkeitskonzepten zu sehen ist.

    Einen ähnlichen Befund hinsichtlich der gerichtlichen Wahrnehmung von häuslicher Gewalt präsentiert Marianna Muravyeva in einem ersten Beitrag zu ehelichen Morden in Russland. Auch hier entsprächen nicht nur die Darstellung und Intention, sondern auch die gerichtlichen Strafen deutlich den ungleichen geschlechterspezifischen Mustern und Zuschreibungsrollen: zwar seien Frauen überdurchschnittlich oft Opfer, wurden aber als Täterinnen deutlich härter bestraft.

    Eine bisher selten beleuchtete Form häuslicher Gewalt stellt Raisa Maria Toivo an Fallbeispielen aus Finnland vor: Gewalt zwischen Eltern und Kindern. Während die beabsichtigte Tötung von Kindern oder die bewusste Vernachlässigung von Kindern durch ihre Eltern genauso grundsätzlich strafrechtlich geahndet wurde, stellte sich die Frage nach der Rechtmäßigkeit im Falle von behaupteten Züchtigungs- und Erziehungsmaßnahmen ähnlich kompliziert dar, wie im Falle ehelicher Gewalt. Besondere Bedeutung wurde hier offenbar der generationellen Beziehung zugemessen, die als besonders nachhaltig auf gesellschaftlichen Zusammenhalt und Frieden gedeutet wurde.

    Den Abschluss des Bandes bildet der Beitrag von Mona Rautelin, die mit Blick auf den Kindsmord jene Fälle untersucht, in denen dieser nicht als ungeplante, in einem emotionalen Ausnahmezustand begründete Tat eingeordnet wurde, sondern als wiederholter Kindsmord eher einer Form der Geburtenkontrolle zugerechnet wurde. Was sich im frühneuzeitlichen Finnland beobachten lässt, gilt ihrer Untersuchung zufolge auch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein.

    Beide hier vorgestellten Sammelbände stellen wichtige, gerade in ihrer europäisch vergleichenden Perspektive wichtige Beiträge zur Dokumentation des Forschungsstandes einerseits, vor allem aber zur Entwicklung weiterführender Forschungsansätze und -perspektiven andererseits. Gerade der vergleichende Blick ist in Forschungskontexten bereichernd, die aufgrund der Quellenlage vielfach mikro- und lokalgeschichtlich eingebunden sind. Erst die Zusammenschau offenbart auch die übergeordnete Bedeutung, um liebgewonnene wie zweifelhaft gewordene Meistererzählungen aufs Neue zu hinterfragen.

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    PSJ Metadata
    Inken Schmidt-Voges
    Marriage in Europe, 1400–1800
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500), Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Europa
    Geschlechtergeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    15. Jh., Neuzeit bis 1900
    1400-1800
    Europa (4015701-5), Eheschließung (4013657-7)
    PDF document menchi-muravyeva_schmidt-voges.doc.pdf — PDF document, 351 KB
    S. Seidel Menchi (ed.), Marriage in Europe, 1400–1800(Inken Schmidt-Voges)
    In:
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/fn/menchi-muravyeva_schmidt-voges
    Veröffentlicht am: 20.06.2017 13:21
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:41
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