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W. Loth (Hg.), Building Europe (Florian Greiner)

Francia-Recensio 2017/1 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

Wilfried Loth (Hg.), Building Europe. A History of European Unification, Berlin, Boston (De Gruyter) 2015, VII–485 p., ISBN 978-3-11-042777-6, EUR 79,95.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Florian Greiner, Augsburg

Die Geschichte der europäischen Integration zu verstehen und in der akademischen Lehre zu unterrichten, ist ganz sicher kein leichtes Unterfangen. Dank des nun auch auf Englisch erschienenen Buches1 von Wilfried Loth wird beides in Zukunft deutlich leichter. Es bietet nicht nur einen luziden Überblick über die politische Einigungsgeschichte bis in die jüngste Gegenwart, sondern zugleich eine hervorragende Orientierung in einem wahren Dschungel an Akronymen (das Abkürzungsverzeichnis listet allein 77 davon), unterschiedlichen Interessenlagen zwischen Nationalstaaten und Supranationalisierung und komplexen institutionellen Verflechtungen.

Loth zeichnet die Geschichte des Integrationsprozesses chronologisch entlang der großen ereignisgeschichtlichen Achsen nach. Er zeigt dabei eindrucksvoll, dass die Geschichte der europäischen Integration weder geradlinig verlief noch teleologisch verstanden werden darf. Alle Phasen des Einigungsprozesses waren begleitet von vielfältigen Konflikten und Brüchen: Bereits unmittelbar nach Kriegsende kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den größtenteils sozialdemokratisch ausgerichteten europäischen Föderalisten, die sich in der Union européenne des fédéralistes (UEF) organisierten, und der eher liberal-konservativen United Europe Movement (UEM) um den Briten Duncan Sandys, dem Schwiegersohn Winston Churchills. Entsprechend gab es auch »no direct route« (S. 36) von der 1951 gegründeten Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl zur politischen Integration des Kontinents. Substanzielle Interessengegensätze zwischen den beteiligten Staaten und Politikern führten etwa zu sich jahrelang hinziehenden Streitigkeiten bei der Wahl eines ständigen Sitzes für die Europäische Kommission, die dafür sorgten, dass die provisorisch in Brüssel untergebrachte Behörde lange keine Immobilien erwerben konnte und die belgische Regierung vor infrastrukturellen Investitionen zurückschreckte. Auch die weiteren Integrationsschritte waren stets spannungsreich: von den komplizierten Beitragsverhandlungen mit den EFTA-Staaten (S. 109) über die Krise des »leeren Stuhls« Mitte der 1960er Jahre (S. 138) bis hin zu dem vielerorts auf erheblichen Widerstand stoßenden Vertrag von Maastricht und der Osterweiterung sowie dem an Referenden gescheiterten Verfassungsvertrag von 2004 – die konkrete Ausgestaltung supranationalen Regierens innerhalb der Europäischen Gemeinschaften und der Weg zur EU von heute waren gewiss keine Selbstläufer.

Dass das europäische Projekt trotz aller Rückschläge stets voranschritt, führt Loth weniger auf politischen Idealismus zurück. Als Katalysatoren erscheinen vielmehr die faktischen Integrationserfolge, allen voran im ökonomischen Bereich, die den europäischen Binnenmarkt ohne Zollschranken rasch nicht nur für Lobbyisten zu einer festen Größe werden ließ. Zugleich verselbstständigte sich die Europäisierung in vielen Bereichen, auch infolge der Angleichung wirtschaftlicher, sozialer und gesellschaftlicher Strukturen nach dem Zweiten Weltkrieg. Darüber hinaus konnten politische Krisen – man denke nur an den Zusammenbruch des Ostblocks – durchaus konstitutiv wirken und neue Integrationsschritte befeuern. Nicht zufällig kam es um die Jahrhundertwende denn auch zu einem regelrechten »race to Brussels« (S. 372) zwischen den Beitrittskandidaten.

Der Fokus der Studie liegt insgesamt eindeutig auf der politischen Ereignisgeschichte. Ökonomische Zusammenhänge scheinen nur in Form von staatlicher oder supranationaler Wirtschaftspolitik auf und kulturhistorische Perspektiven werden ganz ausgeblendet2. Andere Akteure als offizielle Amtsträger spielen in der Darstellung praktisch keine Rolle, obschon private Wirtschaftsunternehmen in Zeiten der Globalisierung, Medien und Öffentlichkeit(en) oder zivilgesellschaftliche Organisationen wie die europäische Bewegung fraglos ebenso zum europäischen Einigungsprozess beitrugen wie jene, von der jüngeren Europahistoriografie verstärkt untersuchten, technischen Experten, welche die infrastrukturelle Verdichtung des Kontinents vorantrieben3.

Die Konzentration auf staatliches Handeln und die große Politik hat direkte Rückwirkungen auf das Narrativ. Zunächst beginnt die Geschichte der europäischen Einigung bei Loth erst nach dem Zweiten Weltkrieg und nicht wie in anderen Gesamtdarstellungen schon im 19. Jahrhundert oder in der Zwischenkriegszeit4. Ferner werden historische Sachverhalte entsprechend gewichtet: So finden sich für das hinsichtlich eines gesellschaftlich »gelebten« Europas fraglos zentrale Schengener Abkommen ganze fünf Treffer im Index – und damit nur einer mehr als zu den kaum bekannten Fouchet-Plänen, zwei folgenlos gebliebenen Reformvorschlägen der französischen Regierung, die Anfang der 1960er Jahre kurzzeitig auf hoher Regierungsebene diskutiert wurden. Offen bleibt daher letztlich, wie der europäische Integrationsprozess, der fraglos »brought so many changes to the [...] everyday lives of Europeans« (S. 323), genau auf die Lebenswelten und Gesellschaften zurückstrahlte.

Die Schwerpunktsetzung der Arbeit kann angesichts der Fülle an Material und der empirischen Dichte der Studie Loths jedoch keinesfalls als Kritikpunkt verstanden werden. Angesichts der Detailliertheit der Untersuchung ist es umso beeindruckender, dass diese bis in die jüngste Gegenwart (2012) hineinreicht und die jüngeren Phasen des Einigungsprozesses keinen Exkurs darstellen, sondern, auch vom Umfang her, gleichberechtigt in die Analyse eingebettet sind. Dabei gelingt es Loth, eines seiner zentralen Anliegen einzulösen, namentlich die europäische Integration aus einer (EU-)europäischen Perspektive zu historisieren: dank umfangreicher Quellenbestände und einer breiten Auswertung der internationalen Sekundärliteratur wechselt der Blickwinkel, je nach Bedarf, zwischen Brüssel, Berlin, Paris und London, reicht aber auch in die süd-, nord- und osteuropäische Peripherie.

Zugleich handelt es sich unzweifelhaft um ein politisches Buch im besten Sinne, nicht nur ob des Schlusskapitels, das ausdrücklich die Zukunft der EU thematisiert. Bei allen Errungenschaften der europäischen Integration kritisiert Loth deren technokratischen, elitären Charakter und bemängelt die fehlende Identifikation der Bürger mit Europa. Die Behebung des Demokratiedefizits und die Herstellung von mehr Transparenz in der supranationalen Politik sieht er diesbezüglich als dringlichste Aufgaben der europäischen Politik, blickt jedoch durchaus hoffnungsvoll auf die bevorstehende nächste Reformdebatte (S. 436).

Insofern ist die europäische Integration in der Tat eine »unvollendete Geschichte«, wie es im Untertitel der deutschen Originalausgabe heißt. Dies gilt nicht für die Analyse der politikgeschichtlichen Hintergründe der Einigung Europas, welche Wilfried Loth durchaus formvollendet präsentiert, zumal ein umfangreicher Index den Zugriff auf das Buch ebenso erleichtert wie die stimmige Gliederung und die gut lesbare englische Übersetzung. Schließlich fällt der Studie das Verdienst zu, uns daran zu erinnern, dass die europäische Integration zu keiner Zeit eine Selbstverständlichkeit darstellte, mithin stets prekär war und Rückschläge erlebte. Dies mag in der aktuellen EU-Krise nur ein schwacher Trost sein, es sollte allen Europäerinnen und Europäern aber doch Anlass zur Hoffnung geben.

2 Für einen Versuch, wirtschafts- und kulturhistorische Aspekte gleichberechtigt in eine Gesamtdarstellung des europäischen Einigungsprozesses einzubetten, siehe dagegen Guido Thiemeyer, Europäische Integration. Motive – Prozesse – Strukturen, Köln, Weimar Wien 2010 (UTB, 3297).

3 Vgl. zu den einzelnen Aspekten: Neil Rollings, British Business in the Formative Years of European Integration, Cambridge 2007; Ariane Brill, Abgrenzung und Hoffnung. »Europa« in der deutschen, britischen und amerikanischen Presse, 1945–1980, Göttingen 2014 (Medien- und Gesellschaftswandel im 20. Jahrhundert, 2); Christina Norwig, Die erste europäische Generation. Europakonstruktionen in der Europäischen Jugendkampagne 1951–1958, Göttingen 2016 (Göttinger Studien zur Generationsforschung. Veröffentlichungen des DFG-Graduiertenkollegs »Generationengeschichte«, 21); Thomas Kleinschmidt, Infrastructure, Networks, (Large) Technical Systems: The »Hidden Integration« of Europe, in: Contemporary European History 19 (2010), S. 275–284.

4 Vgl. Peter M. R. Stirk, A History of European Integration since 1914, London 1996; Wolfgang Schmale, Geschichte Europas, Wien 2000; Jürgen Elvert, Die Europäische Integration, Darmstadt 2006.

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PSJ Metadata
Florian Greiner
Building Europe
A History of European Unification
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Europa
Politikgeschichte
20. Jh., 21. Jh.
1945-2016
Europäische Union (4131753-1), Europäische Integration (4071013-0)
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W. Loth (Hg.), Building Europe (Florian Greiner)
In: Francia-Recensio 2017/1 | 19.-21. Jahrhundert - Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/zg/loth_greiner
Veröffentlicht am: 16.03.2017 12:24
Zugriff vom: 18.02.2018 06:19
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