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    R. Meens, D. Van Espelo, B. van den Hoven van Genderen, J. Raaijmakers, I. van Renswoude, C. van Rhijn (ed.), Religious Franks (Rudolf Schieffer)

    Francia-Recensio 2017/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Rob Meens, Dorine Van Espelo, Bram van den Hoven van Genderen, Janneke Raaijmakers, Irene van Renswoude, Carine van Rhijn (ed.), Religious Franks. Religion and Power in the Frankish Kingdoms. Studies in honour of Mayke de Jong, Manchester (Manchester University Press) 2016, XX–559 p., 8 fig., ISBN 978-0-7190-9763-8, GBP 75,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Rudolf Schieffer, Bonn

    Der bekannten Utrechter Mediävistin Mayke de Jong werden in dieser Festschrift zur Emeritierung 25 englischsprachige Beiträge (von 30 Autoren und Autorinnen) gewidmet, die allesamt ihr Spezialgebiet, die Karolingerzeit, betreffen.

    Nach einer einführenden Würdigung durch Rosamond McKitterick geht es in einem ersten Teil um Aspekte der politischen Ideengeschichte. So erörtern Gerda Heydemann und Walter Pohl die Rezeption des biblischen Gedankens vom »auserwählten Volk« vornehmlich bei Alkuin, Hrabanus Maurus und Hinkmar, während Janneke Raaijmakers und Irene van Renswoude die Vorstellung vom König als Schiedsrichter im theologischen Streit in den Blick fassen und Rutger Kramer den Rückgriff auf Kaiser Konstantin bei der Zurückweisung des spanischen Adoptianismus hervorhebt. Bart Jaski deutet bestimmte Illustrationen des Psalters Utrecht, Univ.bibl. Ms. 32 (aus Reims zur Zeit Ebos), im Sinne eines Fürstenspiegels.

    Zu Beginn einer Folge von Studien über das Handeln der Könige stellt Ian Wood den Gedanken zur Diskussion, dass weniger der innere Verfall der spätmerowingischen Kirche als deren rasch gewachsener materieller Reichtum die karolingischen Reformen provoziert habe. Bei einem Schlüsselzeugnis, der 2013 neu edierten »Admonitio generalis« Karls des Großen von 789, vertieft sich Marco Mostert in die Fülle der Textvarianten. Auf handschriftliche Befunde stützt sich auch Els Rose, die Fehler und Korrekturen in liturgischen Codices hervorhebt und Zweifel äußert, inwieweit das Latein wirklich verstanden worden ist. Um die elementaren Kenntnisse des Landklerus geht es Carine van Rhijn, die nach sechs Abschriften des 9. Jahrhunderts ein bescheidenes Muster für Priesterexamina (sieben Fragen mit Antworten) ediert. Mariken Teeuwen bewegt sich auf einem deutlich höheren Bildungsniveau, wenn sie die Glossierung einiger wohl aus Auxerre stammenden Codices mit Briefsammlungen analysiert. Neue Gedanken über die berühmt-berüchtigte »Capitulatio de partibus Saxoniae« präsentiert Robert Flierman, der darin ein Instrument nicht zur Zwangsmission der Sachsen, sondern zu deren Disziplinierung nach der Bekehrung erblickt und einen Zusammenhang mit dem Aufstand von 792 vermutet. Maximilian Diesenberger interpretiert den »Sermo de cupiditate« des Abtes Ambrosius Autpertus von 777/778 als überspitzte Gesellschaftskritik, die eine stärkere Resonanz verfehlte. Yitzhak Hen schließlich überlegt, was Alkuin dazu brachte, Kaiser Karl kurz nach 800 die fiktiven Briefwechsel von Seneca und Paulus sowie Alexanders des Großen mit dem Brahmanenkönig Dindimus zu übersenden (»like an academic Festschrift«, S. 161).

    Zu Beginn des dritten Teils über die monastische Sphäre zeigt Albrecht Diem, wie die Divergenzen zwischen der Benediktregel und den Normen der karolingischen Klosterreform überbrückt worden sind: durch Regelkommentare, selektive Wahrnehmung des Inhalts und die hagiografische Vereinnahmung von Gestalten wie Columban und Gallus. Régine Le Jan veranschaulicht anhand der Liste der amici viventes im Reichenauer Verbrüderungsbuch von 824 die Verflechtung des Bodenseeklosters mit seiner geistlichen und aristokratischen Umwelt. Mit Montecassino zur Zeit Karls des Großen befasst sich Sven Meeder, der zeigt, warum sich die Abtei nicht dauerhaft als »centre of Benedictine monasticism« (S. 293) etablieren konnte. Von Montecassino ist naturgemäß auch die Rede im Beitrag von Erik Goosmann und Rob Meens über die moralisierende Darstellung, die der Chronist Regino von Prüm 908 dem Klostereintritt des Hausmeiers Karlmann (747) gewidmet hat.

    »Powerful bishops« ist der vierte Teil überschrieben, worin zunächst David Ganz die »gallikanischen« Lesarten im Evangeliar Durham, Cathedral Libr. A II 16 (mittleres 8. Jahrhundert) auf das Erbe Bischof Wilfrids von York († 709) zurückführt. Giorgia Vocino geht sodann auf Ambrosius von Mailand und Papst Gregor den Großen ein, die als Muster an Beredsamkeit das Bischofsideal zumal italischer Autoren der Karolingerzeit prägten. Lehrreich ist, wie Jinty Nelson eine nur allmählich anwachsende Bedeutung bischöflicher Versammlungen unter Karl dem Großen nachweist, der auf eine lückenlose Kontrolle der Bistumsbesetzungen in seinem Reich keinen Wert zu legen brauchte. Mit dem vielfältigen Quellenecho der Synode von Attigny (822), namentlich der ersten Herrscherbuße Ludwigs des Frommen, setzt sich Philippe Depreux auseinander. Stefan Esders und Steffen Patzold schließen sich an mit einer minutiösen Untersuchung über die Vermittlung justinianischen Rechts (zum Schutz von Kirchengut) an die Umgebung Kaiser Ludwigs. Der damalige Bischof Friedrich von Utrecht, der bald nach 834 ermordet wurde (angeblich auf Betreiben der Kaiserin Judith), und seine spätere hagiografische Stilisierung zum Märtyrer in der »Passio Friderici«(um 1025) sind das Thema von Bram van den Hoven van Genderen.

    Die letzten drei Aufsätze gelten den Rombeziehungen der fränkischen Kirche. Julia M. H. Smith führt ins Eifelkloster Prüm, wo erstmals 762 erwähnte Überreste von Sandalen Christi aufbewahrt werden, die nach ihrer Hypothese tatsächlich zu den Ehrengeschenken der Päpste Stephan II. oder Paul I. an König Pippin gehört haben, aber erst von den Franken als Herrenreliquien verstanden worden sein dürften. Dorine van Espelo bietet »more suggestions than conclusions« (S. 456) zu der kaum zu klärenden Frage, warum die einzige überlieferte Abschrift (Wien, ÖNB 449) der 99 Papstbriefe des 791 zusammengestellten »Codex epistolaris Carolinus« aus der Bibliothek des Kölner Erzbischofs Willebert (870–889) herrührt. Tom Noble findet im Briefcorpus von Papst Nikolaus I. keine wirklich originellen Leitgedanken und betont eher, dass er die primatiale Autorität nur veranlasst durch Appellationen von auswärts zur Geltung brachte.

    Dass (fast) alle Beiträge spätestens in der dritten Fußnote auf Arbeiten von Mayke de Jong Bezug nehmen, zeigt das hohe Maß an Geschlossenheit, das den Band von manchen anderen Festschriften unterscheidet. Ausgestattet mit einer opulenten Bibliografie und einem Index, bietet er einen gelungenen Querschnitt aktueller Themen der Karolingerforschung und würdigt so die vielen Impulse, die wir der Jubilarin verdanken.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Rudolf Schieffer
    Religious Franks
    Religion and Power in the Frankish Kingdoms
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühes Mittelalter (600-1050)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte
    6. - 12. Jh.
    500-900
    Fränkisches Reich (4071332-5), Religion (4049396-9)
    PDF document meens_schieffer.doc.pdf — PDF document, 330 KB
    R. Meens, D. Van Espelo, B. van den Hoven van Genderen, J. Raaijmakers, I. van Renswoude, C. van Rhijn (ed.), Religious Franks (Rudolf Schieffer)
    In: Francia-Recensio 2017/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/ma/meens_schieffer
    Veröffentlicht am: 16.03.2017 12:00
    Zugriff vom: 25.04.2017 00:51
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