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    J. Drendel (ed.), Crisis in the Later Middle Ages (Nils Bock)

    Francia-Recensio 2017/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    John Drendel (ed.), Crisis in the Later Middle Ages. Beyond the Postan-Duby Paradigm, Turnhout (Brepols) 2015, XII–363 p., 9 b/w ill., 23 fig. (The Medieval Countryside, 13), ISBN 978-2-503-54742-8, EUR 100,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Nils Bock, Münster

    Die Krise und das Spätmittelalter bilden seit Langem ein Gedankenpaar. Vom wirtschaftsgeschichtlichen Standpunkt aus gesehen, haben die Arbeiten von Michael Postan und ihre Rezeption durch George Duby einiges zur Verfestigung dieser Assoziation beigetragen. John Drendel nennt es das »Postan-Duby Paradigm« und hat im vorliegenden Band 13 Beiträge von englisch- und französischsprachigen Spezialisten der Wirtschaftsgeschichte versammelt, um der Konjunktur um 1300 näher auf den Grund zu gehen und das benannte weitverbreitete Paradigma zu hinterfragen.

    In seiner Einleitung stellt John Munro zunächst das Paradigma Michael Postan’s vor, das im Wesentlichen auf dem von Thomas Robert Malthus (1766–1834) entwickelten und weitbekannten Prinzip der Bevölkerungsentwicklung beruht. Demnach seien die mittelalterlichen Gesellschaften um 1300 mit den Folgen einer relativen Überbevölkerung konfrontiert gewesen. Die Auswirkungen von Pest, Epidemien sowie Hungersnöten des 14. Jahrhunderts hätten dann der Logik des sogenannten Malthusischen Gesetzes folgend der Überbevölkerung entgegengewirkt. Vor dieser Folie müssten die Werke von Michael Postan und Georges Duby, etwa »L’économie rurale et la vie des campagnes dans l’Occident médiéval« von 1962, eingeordnet werden. Langfristigen Einfluss sollte Duby durch die Herausstellung der Agrarwirtschaft als den prinzipiellen Motor des wirtschaftlichen Wachstums in Frankreich sehen. Die Städte und den Handel sieht Duby lediglich als Ventile bzw. Ausweichfelder, um dem Bevölkerungsdruck zu entgehen. Auch wirkte Duby’s pessimistische Sicht auf Geld als Ursache für die Verschuldung und Armut der Landbevölkerung auf der einen Seite und die Erosion der herrschaftlichen Einkünfte auf der anderen Seite langfristig nach. Aufgrund des überzeugenden Narrativs wurde, so Munro, die Revision von Postan’s Thesen in der englischen Forschung und die Ergebnisse der Schule der »Kommerzialisierung« in der französischen Forschung retardiert oder gar verhindert.

    Die ersten sechs Beiträge zielen auf konzeptuelle Überlegungen, während die weiteren sieben Beiträge auf Fallstudien basieren. Richard Britnell als zentraler Vertreter der britischen »Kommerzialisierungsschule« hat in seinem posthum veröffentlichten Beitrag nochmals die Bedeutung des Handels und des Kommerzes für die wirtschaftliche Entwicklung bis 1300 herausgestellt. Statt des »rigiden«, auf die Demografie abhebenden Postan-Modells erweitert Britnell das Modell um die Theorie von Wirtschaftszyklen. Darauf aufbauend konstatiert er ab 1300 eine Stagnation, die sich infolge verschiedener Faktoren zur Krise aufgeschaukelt hätte.

    Stadt-Land-Beziehungen stehen im Zentrum des Beitrags von Christopher Dyer zu kleineren Städten mit weniger als 2000 Einwohnern in England. Ihre Analyse ermöglicht es, einige Annahmen des Postan-Modells zu revidieren, da die Städte sowohl auf verschiedene Konflikte als auch auf ökologische und demografische Krisen in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts nicht wie postuliert reagierten. Daraus folge, dass zukünftig die Aufmerksamkeit vielmehr auf die Frage nach der fehlenden Resilienz der Wirtschaft und Gesellschaft zu Beginn des 14. Jahrhunderts gerichtet werden müsste. Erweitert wird die Sicht auf die Stadt-Land-Beziehungen durch den Beitrag von Philipp Schofield zur bäuerlichen Wirtschaft, die in einem größeren Maße durch den Handel und die Urbanisierung beeinflusst wurde als durch die Bevölkerungs-Ressourcen-Komponente des Postan-Modells.

    John Langdon bringt basierend auf den Arbeiten von Joel Mokyr die Idee des Schumpeter-Wachstums in die Diskussion ein. Mit Blick auf das lange 13. Jahrhundert schlägt Langdon vor, dass Postan’s Konjunkturzyklus ein zweiter Schumpeter-Konjunkturzyklus an die Seite gestellt werden muss, der stärker auf das menschliche und insbesondere auf das unternehmerische Handeln ausgerichtet ist. Bis 1250 scheinen beide Zyklen übereinzustimmen, für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts weisen beide Zyklen aber Unterschiede auf, die noch weiter untersucht werden müssten.

    Einen akteurszentrierten Ansatz stellt Anne DeWindt vor und geht dabei den verschiedenen Spielräumen und Abhängigkeitsbeziehungen nach, die nahelegen, dass nicht nur städtische, sondern auch ländliche Gruppenbeziehungen in erheblichem Maße von Kooperations- und Selbstverpflichtungsstrategien sowie Entscheidungsprozessen als Strukturmerkmalen geprägt waren.

    Die erste Gruppe der konzeptuellen Beiträge schließt der posthum publizierte und materialreiche Aufsatz »Money Matters« von John Munro. Seiner Meinung nach sind die Anfänge der Krise des 14. Jahrhunderts zum einen in dem langfristigen konjunkturellen Abwärtstrend seit 1290 und zum anderen in den monetären Verschlechterungen und dem Abzug von Ressourcen für die Kriegsführung bereits angelegt. Entscheidend sei in diesem Zusammenhang, wie die unterschiedlichen Gesellschaften auf das schlechte finanzielle Klima reagiert hätten.

    Die zweite Gruppe der Beiträge setzt sich aus Fallstudien zusammen, die das Postan-Modell auf seine Anwendbarkeit testen. Erik Thoen und Tim Soens haben die Besitzstruktur im küstennahen und im inländischen Bereich Flanderns untersucht. Dabei können sie zeigen, dass über die im Modell benannten Faktoren die Einflussnahme von Adel und Stadtbürgertum dafür verantwortlich waren, dass sich trotz der Krise die inländische Struktur zwischen 1250 und 1450 kaum stärker als jene der küstennahen Bereiche verändert haben.

    Thierry Pécout bietet in seinem Artikel eine Sichtung der Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte zur wirtschaftlichen Entwicklung der ländlichen Gebiete in der Provence und verweist auf langfristige Adaptations- und Mutationsphänomene der ländlichen Bevölkerung, die als Gegennarrativ zum Postan-Duby Paradigma taugen können. Von der Provence führt Monique Bourin ins Languedoc, dessen wirtschaftliche Entwicklung der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts strukturell von einem Markt für Land, Arbeit und Textilerzeugnisse und konjunkturell durch (a) eine Zunahme der Bevölkerung, (b) die Erweiterung der Agrarflächen bis in die Berge hinein und (c) durch steigende Tuchpreise aufgrund der gesteigerten Nachfrage und der höheren Gehälter geprägt ist. Letztere Faktoren beeinflussen in unterschiedlichen regionalen Ausprägungen den ökonomischen Rhythmus.

    Den Markt für Rohstoffe nimmt Philippe Bernardi exemplarisch anhand des Konsums und der Verarbeitung von Baumaterialien in der Provence in den Blick. Hier zeigt sich, dass die Dynamik im Bausektor auf regionalem Level zeitweise schlechte Konjunkturen in der Landwirtschaft ausgleichen konnte, weshalb dieser Bereich über den Textilsektor hinaus miteinbezogen werden muss, wenn Handwerk und Gewerbe im ländlichen Bereich untersucht werden. Die Mitte des 14. Jahrhunderts betrachtet Francine Michaud und widmet sich mit den Lohnarbeitern den vorgeblichen Gewinnern der Krise des 14. Jahrhunderts in der Lesart von Postan und Duby. Ihre Analyse fällt auf der Basis der Auswertung von in Marseille erhaltenen Arbeitsverträgen zwischen 1248 und 1400 differenzierter aus. Einige Berufe und Spezialisierungen, besonders die mit dem Meer verbundenen Tätigkeiten, konnten substanzielle Profite aus dem demografischen Wandel herausschlagen, während die unteren Gruppen im Lohnsegment über die ersten Jahre nach der Pest die materiellen Vorteile nicht zu halten vermochten. Adaptationsstrategien kann Laure Verdon für das Roussillon des 14. Jahrhunderts feststellen. Ihre Auswertung der capbreus des Königs von Mallorca, die ein Inventar von Fiskaleinnahmen darstellen und Auskünfte über Demografie und Besitz im Roussillon geben, legt nahe, dass mit unterschiedlichen Strategien (Urbarmachung, Aufteilung, Untervermietung) auf die veränderten Umweltbedingungen reagiert wurde.

    Den einzigen Beitrag zu Nordfrankreich bietet Constance H. Berman, die die Erwerbungs- und Bewirtschaftsungsstrategien von drei Abteien (hier Port-Royal, Saint-Antoine-des-Champs, Maubuisson) des Zisterzienserordens untersucht. In den von Postan und Duby favorisierten Chroniken finden sich häufig Narrative von »etablierten« Mönchen, Äbten und Bischöfen über die Beschwerlichkeit der Krisenzeiten, so Berman. Erst jüngst wurden diese Darstellungen durch weniger bekannte Quellen erweitert und auch Stimmen aus Frauenklöstern stärkeres Gehör gewährt. Denn im Gegensatz zu den Wehklagen männlicher geistlicher Einrichtungen, die über die Zeit immer größerer Einnahmen bedurften, konnten weibliche Abteien unter dem allgemeinen Trend der steigenden Landpreise sowohl ihren Besitzstand als auch die Produktivität der Ländereien erhöhen. Erst die Verwüstungen im Hundertjährigen Krieg bedeuteten hier einen signifikanten Einschnitt.

    Zusammenfassend kann man sagen, dass die auf eine mikro- und regionalökonomische Perspektive ausgerichteten Beiträge anhand ihrer erfreulichen Quellennähe das Konjunkturmodell von Postan und Duby überprüft und nuanciert haben. Die Beiträge richten die Aufmerksamkeit darauf, dass die Konjunkturrhythmen nicht einfach nur der langsam dahinfließende Fluss sind, der die Wirtschaft langfristig stabilisierte oder destabilisierte, sondern dass die Konjunkturen regional sehr unterschiedlich ausfallen konnten und dass vor allem die Menschen der konjunkturellen Dynamik mit einer großen Bandbreite an Strategien begegnet sind. Hinter den Krisengeschichte(n) stehen auch Erfolgsgeschichten, zu deren Erforschung hoffentlich weitere Studien beitragen werden.

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    PSJ Metadata
    Nils Bock
    Crisis in the Later Middle Ages
    Beyond the Postan-Duby Paradigm
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Wirtschaftsgeschichte, Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften
    Mittelalter
    1250-1500
    Europa (4015701-5), Mittelalter (4129108-6), Wirtschaftskrise (4066466-1), Wirtschaft Motiv (4190031-5), Geschichtsschreibung (4020531-9), Postan, Michael M. (12244759X), Duby, Georges (11852769X)
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    J. Drendel (ed.), Crisis in the Later Middle Ages (Nils Bock)
    In: Francia-Recensio 2017/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/ma/drendel_bock
    Veröffentlicht am: 16.03.2017 11:58
    Zugriff vom: 25.04.2017 00:52
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