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    L. Böhringer, J. Kolpacoff Deane, H. van Engen (ed.), Labels and Libels (Amalie Fößel)

    Francia-Recensio 2017/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Letha Böhringer, Jennifer Kolpacoff Deane, Hildo van Engen (ed.), Labels and Libels. Naming Beguines in Northern Medieval Europe, Turnhout (Brepols) 2014, 235 p. (Sanctimoniales, 1), ISBN 978-2-503-55135-7, EUR 80,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Amalie Fößel, Essen

    Der Sammelband ist das Ergebnis mehrerer Sektionen des internationalen Mittelalterkongresses in Leeds 2006, der Medieval Academy of America 2009 sowie einer Tagung des Arbeitskreises geistlicher Frauen im europäischen Mittelalter (AGFEM) auf Schloss Dhaun 2008 und eröffnet zugleich eine neue Reihe des Arbeitskreises, die von Alison Beach, Letha Böhringer, Sigrid Hirbodian und Gisela Muschiol herausgegeben wird. Publiziert werden acht Beiträge, die von einer auf das Thema fokussierten Einleitung von Giles Constable (S. 1–7) und einem kurzen Ausblick auf zukünftige Schwerpunkte der Forschung (S. 219–225) eingerahmt werden. Dem Titel des Bandes entsprechend steht die seit Beginn der Beginenforschung immer wieder gestellte und kontrovers beantwortete Frage nach den Bezeichnungen Begine/Begarde im Zentrum der Beiträge.

    Thematisiert werden die verschiedenen etymologischen Herleitungen des Begriffs sowie die damit in den Quellen verknüpften Vorstellungen und Wahrnehmungen, die im Laufe des Mittelalters enormen Veränderungen und Wandlungsprozessen unterlagen, bei den Zeitgenossen positiv wie negativ konnotiert wurden und unter den Historikern nicht weniger kontrovers diskutiert werden, was, so Constable, seine Ursache darin habe, dass »the same name might be used for members of different groups, and members of the same, or similar groups, were called by various names« (S. 2). Diese Problematik diskutiert Walter Simons, »Beginnings: Naming Beguines in the Southern Low Countries, 1200–1250«, indem er auf die Anfänge und Jakob von Vitry’s Lebensbeschreibung der Marie d’Oignies zurückgeht, die rasante Verbreitung in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts skizziert und die in den verschiedenen Quellen greifbare Vielfalt der Begriffe und regionalen Wortprägungen sowie die etymologischen Herleitungen und Erklärungsversuche der Forschung zusammenstellt und einen grundlegenden Wandel im ausgehenden 13. Jahrhundert konstatiert
    (S. 9–52).

    Mit Bezugnahme auf die Dekretalen »Cum de quibusdam mulieribus«, »Ad nostrum« (beide 1317) und »Ratio recta« (1318), die im lateinischem Wortlaut und in englischen Übersetzungen abgedruckt werden (S. 91–98), analysiert Elizabeth Makowski, »When is a Beguine not a Beguine? Names, Norms, and Nuance in Canonical Literature«, die Verwendung des Begriffs und verweist dabei auf die Ambiguität der Kanonisten in ihrer Haltung gegenüber den laikalen frommen Frauen (S. 83–98). Vera von der Osten-Sacken, »Dangerous Heretics or Silly Fools? The Name ›Beguine‹ as a Label for Lay Religious Women of Early Thirteenth-Century Brabant«, untersucht die Anfänge in Brabant und plädiert für eine multikausale Erklärung des Beginentums als einer neuartigen Form von asketischer Laienfrömmigkeit, die insbesondere durch die Predigtschule um Petrus Cantor und die Frömmigkeit der Zisterzienser beeinflusst worden sei (S. 99–116). Sean L. Field, »On Being a Beguine in France, c. 1300«, vergleicht die Bezeichnungen im Fall der Marguerite Porète, für die sich selbst als Begine bezeichnende Douceline de Digne sowie die stigmatisierte Mystikerin Elisabeth von Spalbeek und eine Anonyma aus Metz, die durch Ihre Kontakte zum französischen Hof einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat (S. 117–133).

    Drei regionale Studien befassen sich mit den Entwicklungen in Paris sowie Würzburg und Köln und betonen für die deutschen Städte, dass aus der Publikation der Dekrete von Vienne 1317 keine negativen Folgen und Anfeindungen der Beginen resultierten. Jennifer Kolpacoff Deane, »From Case Studies to Comparative Models: Würzburg Beguines and the Vienne Decrees«, plädiert daher für Analysemodelle jenseits der polarisierenden Einteilung in gute und schlechte Beginen und verweist auf die große Wertschätzung, die den Beginen und ihren Serviceleistungen in Würzburg entgegengebracht wurde (S. 53–82). Letha Böhringer, »Merging into Clergy: Beguine Self-Promotion in Cologne in the Thirteenth and Fourteenth Centuries«, stellt die Kölner Schreinsbücher als Quellen vor und rekonstruiert – die zentrale Frage nach den Begriffen und ihren zeitlichen Veränderungen immer im Blick – die spezielle Kölner Geschichte der frommen Frauen, die als angesehene Mitglieder der städtischen Gesellschaft in ihren religiösen Dienstleistungen gebraucht und finanziell wie auch ideell breit unterstützt wurden (S. 151–186). Für Paris fokussiert sich Tanya Stabler Miller, »Love is Beguine: Labelling Lay Religiosity in Thirteenth-Century Paris«, auf das spezielle Interesse, das Robert, der Gründer des Collège de Sorbonne, den Beginen und ihrer Frömmigkeit entgegenbrachte, die ihn in seinen Bestrebungen um die Aktualisierung und Neuausrichtung der Seelsorge und Gemeindearbeit als Vorbild und Modell inspirierten (S. 135–150). Koen Goudriaan untersucht schließlich die Beziehungen zwischen »Beguines and the Devotio Moderna at the Turn of the Fiftheenth Century« (S. 187–217).

    Ein Register beschließt den substantiellen Band, der nicht nur den Forschungsstand aufarbeitet, sondern eine Fülle von Einzelbeobachtungen zu sprachlichen Phänomenen und damit verbundenen Vorstellungen und Wahrnehmungen der mulieres religiosae enthält, an die die zukünftige Forschung gut anknüpfen kann.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Amalie Fößel
    Labels and Libels
    Naming Beguines in Northern Medieval Europe
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Geschlechtergeschichte
    Mittelalter
    1200-1500
    Mitteleuropa (4039677-0), Beginen (4144302-0)
    PDF document boehringer_foessel.doc.pdf — PDF document, 328 KB
    L. Böhringer, J. Kolpacoff Deane, H. van Engen (ed.), Labels and Libels (Amalie Fößel)
    In: Francia-Recensio 2017/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/ma/boehringer_foessel
    Veröffentlicht am: 16.03.2017 11:56
    Zugriff vom: 25.04.2017 00:52
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