Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    D. Baloup, M. Sánchez Martínez (dir.), Partir en croisade à la fin du Moyen Âge (Heribert Müller)

    Francia-Recensio 2016/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Daniel Baloup, Manuel Sánchez Martínez (dir.), Partir en croisade à la fin du Moyen Âge. Financement et logistique, Toulouse (Presses universitaires du Midi) 2015, 443 p. (Méridiennes. Croisades tardives, 4), ISBN 978-2-8107-0384-5, EUR 25,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Heribert Müller, Köln

    Vor einigen Jahren hat sich eine Gruppe jüngerer französischer und tschechischer Historiker zwar nicht gleich zum Kreuzzug, so doch zur Widerlegung der Doktrin von Gralshütern des reinen Kreuzzugs zusammengetan, nach der das Ende der Bewegung mit dem Tunisunternehmen Ludwigs des Heiligen und dem Fall Akkons 1291 besiegelt gewesen sei. Die Aktivitäten dieses Kreises haben ihren Niederschlag in bislang vier Bänden einer Reihe gefunden, die sich mit ironischem Seitenblick auf besagte Gralshüter »Croisades tardives« nennt (vgl. S. 5). Hatten eigentlich bereits die Arbeiten von Nicolae Iorga, Aziz Atiya und Kenneth Setton den Nachweis erbracht, dass es sich bei jenen »späten« Unternehmen keineswegs um einen sinnentleert-kostümierten »Triumph der Dekadenz« (Hans Eberhard Mayer) handelt, so gebührt in unseren Tagen u. a. Norman Housley und Jacques Paviot – einem der Initiatoren der Forschergruppe – das Verdienst, die natürlich sich ändernde, so doch fortwährende Wirkkraft und die vielfältigen Facetten der Kreuzzugsidee bis in die frühe Neuzeit hinein aufgezeigt zu haben. Und ebendies bestätigen jetzt erneut die von Finanz- und Organisationsfragen handelnden Beiträge des vorliegenden Bands. Wenn es um so handfest Konkretes wie Planung und Ausrüstung und vor allem um den pekuniären nervus rerum ging, blieb für vage Ritterromantik und nostalgische Mythenbeschwörung kein Platz.

    Beginnen sollte man die Lektüre mit dem Schluss, der conclusion von Michel Balard, dessen Name seit Jahrzehnten für Kompetenz nicht nur in dieser Sache steht, wie kürzlich noch seine ähnlich souveräne Synthese der Beiträge des Tagungsbandes "Seeraub im Mittelmeer" (hg. v. Nikolas Jaspert/Sebastian Kolditz, 2013) zeigte. Hier nun bündelt recht heterogene Studien unter geografischem Aspekt (iberischer Raum – Balkan – östliches Mittelmeer – Böhmen), um dann all die von einem nach wie vor engagierten Papsttum und von den Landesherren eingeschlagenen Finanzierungswege nachzuzeichnen, die vom klassischen Kreuzzugszehnt und von Subsidien über (zusätzliche) Steuern bis hin zu Krediten, Anleihen und Verpfändungen reichten, wobei immer wieder italienische Banken, allen voran die der Medici, ins Spiel kamen. Der zunehmende fiskalische Druck war, so Balard, einerseits ein »puissant adjuvant à la création d’une fiscalité pérenne« (S. 437), andererseits rief er Widerstand hervor, wie etwa gegen die päpstlichen Kollektoren in Frankreich und in der Provence. Er ließ im späteren 15. Jahrhundert das elaborierte kuriale Erhebungssystem mehr oder minder zusammenbrechen, da die Betroffenen nicht für Unternehmen mit ungewissem Ausgang gegen den fernen Türken aufkommen wollten und dabei auch grundsätzliche Opposition gegen den seit avignonesischen Tagen allumfassenden Fiskalismus der Kurie artikulierten. Der kundige Beitrag von Amandine Le Roux lässt im Übrigen auf das für 2017 angekündigte Erscheinen ihrer thèse zu diesem Thema hoffen. – Ähnlicher Widerstand ist auch im Reich zu konstatieren, wo überdies schon das komplex-komplizierte Herrschaftsgefüge eigentlich jede Einigung auf einen Kreuzzug von vornherein zum Scheitern verurteilte. Die gute Studie von Norman Housley hierzu leidet etwas darunter, dass die 2013 von Johannes Helmrath und Gabriele Annas publizierten und etwa mit ihren Anschlagslisten höchst einschlägigen Akten der Reichsversammlungen von Frankfurt und Wiener Neustadt (1454/1455) nicht mehr konsultiert und beide Tage mit einem einzigen Satz (S. 291) geradezu übergangen wurden.

    Zu den dagegen ausführlich behandelten Reichstagsreden Bessarions aus dem Jahr 1460 sei im Vorgriff angemerkt, dass der betreffende, wiederum von Annas besorgte Reichstagsaktenband sich in bereits fortgeschrittenem Bearbeitungsstadium befindet. – Eine Allianz mit Kaiser und Reich erstrebte zeitweise der für einen saint voyage de Turquie stark engagierte Herzog Philipp der Gute, so als er im Frühjahr 1454 selbst auf jener unter dem Eindruck des Falls von Konstantinopel von Kaiser und Papst einberufenen und als europäischer Kongress geplanten Versammlung in Regensburg erschien. Als der Burgunder sich dann aber unter dem ernüchternden Eindruck von Reichs- und Reichstagswirklichkeit wieder alten Kreuzzugsbündnern wie Aragón und Portugal zuwandte, mit denen die Chancen für eine Realisierung des Türkenkampfs ungleich größer schienen, erreichten die konkreten Planungen und Vorbereitungen im Herzogtum ihren Höhepunkt.

    Das einschlägige, der Spezialforschung wohlbekannte, indes nur partiell editierte Kreuzzugsdossier aus den Archives départementales du Nord (B 3537) hat Franck Viltard mit Erfolg auf besagt Konkretes hin überprüft: Ob es um Material, Verpflegung und Einsatz von Vortrupps und Pionieren, um Quartierfragen oder Erhöhung und Verbesserung der Transportkapazitäten – Artillerie, Schiffsbrücken und vieles Andere wollten befördert sein – geht, hier kommt die eine Seite des Themas (logistique) ausgiebig zur Sprache, weniger indes die andere (financement). – Jener von Philipp umworbene König von Aragón steht mit seinem von 1422 bis 1433, also zwischen seinen Ausgriffen auf das Königreich Neapel unternommenen nordafrikanischen Expeditionen im Zentrum des Beitrags von Jorge Sáiz Serrano, der Alfons V. dabei durch die Reconquista-Tradition seiner trastamarischen Vorfahren wie seine generell expansive Politik im Mediterraneum motiviert sieht. Interesse verdient der Beitrag auch und gerade, weil er Finanzierungstechniken wie militärische Organisation in den weiteren Kontext der Genese des modernen Staats stellt.

    Überhaupt spielt Spanien eine zentrale Rolle in diesem Band einer Reihe, in der bislang vornehmlich Beiträge eben französischer und tschechischer Autoren – etwa zu den Hussiten – erschienen (wobei die Verantwortlichen aber eine weitere Internationalisierung anstreben, in die künftig wohl auch deutsche Historiker wie Nikolas Jaspert einbezogen sein sollen; S. 6, 443): Der Bogen spannt sich von der Tätigkeit des Kardinallegaten Jean Cholet im Rahmen des aragonesischen Kreuzzugs gegen Peter  II. 1285 (Pascal Montaubin) über die vor allem von Barcelona und Valencia getragene Abwehr sarazenischer Piraterie in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts samt der Seeschlacht vor Gibraltar 1340 (Maria Teresa Ferrer i Mallol, Jordi Morelló Baget) bis hin zu einem dem Herzog von Arcos im frühen 16. Jahrhundert unterbreiteten Projekt der Eroberung des gegenüber Málaga gelegenen Castil de Pescadores, dessen reiche Dokumentation sich passgenau in das Thema des Bands fügt. Merkwürdigerweise wird diese Studie von Juan Luis Carriazo Rubio von Michel Balard, der ansonsten alle Beiträge in seiner Zusammenfassung aufgreift, nicht erwähnt, dafür aber ein unpubliziertes Referat von S. Guiraudet, das auf die Bedeutung des Alaunfunds von Tolfa im Kirchenstaat 1460 für die päpstliche Kreuzzugsfinanzierung und deren Verwaltung durch die Medici bzw. Pazzi abhebt (S. 437).

    Dies berücksichtigt jedoch auch Sophie Salviati im zweiten Teil ihres Aufsatzes über das Engagement der Medici im Kampf gegen die Ungläubigen, dessen erster vom Konzil von (Ferrara-)Florenz handelt, auf dem Eugen IV. in Konkurrenz zum Basler Konzil die Kirchenunion mit den Griechen vollzog. Für seine Zustimmung sollte Byzanz in der Tat mit einem Kreuzzug der Lateiner »belohnt« werden, allein die im Juli 1439 proklamierte Union war bekanntlich nicht das Pergament wert, auf dem sie stand. Obendrein ging es den Medici um Anderes: um ihren und ihrer Stadt Ruhm als Ort eines (erstmals wieder) ökumenischen Konzils. Leider bewegt der Beitrag sich nicht auf der Höhe einer Forschung, die von einer im Gefolge des 550jährigen Konzilsjubiläums 1989 erschienenen Fülle von Publikationen bestimmt wird (vgl. die Übersicht von Johannes Helmrath, in: Archivum Historiae Conciliorum 29 [1997], S. 202–216).

    Trotz der Beschränkung auf Finanzierung und Logistik ist das Themenspektrum überaus breit, was seinerseits dem weiten Sujet der »späten« Kreuzzüge geschuldet ist: Wie organisierte Sigismund in seinen frühen Jahren als König von Ungarn die Türkenabwehr trotz seiner ihn (bis ans Lebensende) bedrückenden Finanznot (Attila Barany)? Nach welchen Kriterien erfolgte die von Kardinallegaten delegierte bzw. subdelegierte Kreuzzugspredigt gegen die Hussiten, für die exemplarisch der Augustinerprior Oswald Reinlein steht, dessen Predigten zu Wien 1426 in überarbeiteter Form in den »Tractatus exhortatorius pro cruce signatis« eingingen (Pavel Soukup, der bereits zahlreiche Veröffentlichungen über (anti)hussitische Predigt im Böhmen der Zeit vorgelegt hat)? Welche Bedeutung kam im Türkenkampf des späteren 15. Jahrhunderts einem »randständigen« Herrscher wie dem Moldaufürsten Stefan III. für Rom und Venedig zu (Alexandru Simon)? – Wie lebendig war die Kreuzzugsidee im 16. Jahrhundert? Émmanuelle Pujeau gibt zwei sehr unterschiedliche Antworten: Die von König Franz I. 1516 verfügte (und 1519 eingestellte) Umsetzung des Kreuzzugsbeschlusses des V. Lateranum bzw. Leos X. in der Diözese Toulouse zeichnet sie aufgrund günstiger Quellenlage minutiös nach, womit ihre sehr allgemeine Skizze eines aus der Hl. Liga von Kaiser, Papst und Venedig 1538 erwachsenen und binnen Kurzem im Ionischen Meer vor Proveza scheiternden maritimen Kreuzzugs merkwürdig kontrastiert.

    Der letzte Beitrag von Matteo Provasi über Herzog Alfons II. von Ferrara, der ein vom Augsburger Reichstag 1566 – zu ihm wären die bereits 2002 von Lanzinner und Heil publizierten Reichstagsakten zu konsultieren – auf den Weg gebrachtes Unternehmen gegen die Türken in Ungarn vornehmlich zur Manifestation von Pracht und Prestige am Wiener Kaiserhof nutzte, scheint zitierten Gralshütern in die Karten zu spielen, allein jenseits der kostenträchtigen Maskerade bleibt Grundsätzliches zu beachten: Damalige Unternehmen waren zunehmend auf Defensive angelegt und vor allem zu einer vorrangig politischen Auseinandersetzung zwischen den benachbarten Imperien der Habsburger und Osmanen mutiert – damit aber, so wäre hinzuzufügen, schwindet in der Tat der Charakter eines Kreuzzugs, von dem in den betreffenden Reichstagsdokumenten (Nr. 199–204, 224–234, vgl. S. 95–104) denn auch keine Rede mehr ist.

    Wenn ich erst am Ende die Aufmerksamkeit auf den Beitrag von Maria Elisa Soldani über das Rhodos der Johanniter zur Zeit des Großmeisters Jean de Lastic (1437–1454) lenke, dann weil er neben Informationen ein besonderes Lesevergnügen bietet. Könnten Aufsätze riechen, so würden diesen alle Düfte der Gewürze des Orients durchziehen. Wir treten ein in die Welt der Levante im Herzen des östlichen Mittelmeers; wir treffen auf einen internationalen Orden, eine griechisch-orthodoxe Bevölkerung, auf Juden und Kaufleute aus Genua, Florenz, Katalonien und der Provence – und Muslime. Der Handel mit ihnen war für den Orden überlebensnotwendig, um zur Abwehr eben derselben Fortifikationen und Schiffe finanzieren zu können. Dazu hatten auch die Ordenshäuser im Westen beizutragen, wobei das Geld einmal mehr durch die Hände der Medici-Bankiers lief. Es ist ein virtuoses Lavieren zwischen Kriegswirtschaft im Schatten mamlukischer und osmanischer Bedrohung und einem den Glaubensfeind mit einschließenden internationalen Handel zum Nutz und Wohl aller Beteiligten. Sicher, man hätte das Thema »kreuzzugsnäher« gestalten können – erinnert sei nur an jene kleine Flotte, die Philipp der Gute 1441/1442 zur Abwehr der Mamluken nach Rhodos entsandte und deren Hauptschiff bezeichnenderweise zu Handelszwecken 110 Ballen flandrischen Tuchs geladen hatte –, doch wohl kaum lesenswerter.

    Meist bemüht, dem Untertitel »Financement et logistique« gerecht zu werden, liefern die Beiträge besagt solides Fundament für das Phänomen der »späten« Kreuzzüge, die, ungeachtet all ihrer Instrumentalisierungen und ungeachtet ihrer tatsächlichen bzw. unterbleibenden Realisierung allein schon vom Aufwand im Vorfeld her mit seinen ökonomischen und finanziellen Folgen alles andere denn ein Phantom waren. Zu einem geschlossenen Ganzen fügen sich die Studien nicht, und dies ist – wie angedeutet – auch unmöglich angesichts der bei Weitem noch nicht erfassten, geschweige denn ausgeschöpften Vielfalt des Themas. Für wenige eine üble, für viele eine gute Aussicht: »l’heure n’est pas aux comptes, mais bien à la l’exploration d’un vaste domaine dont les chemins restent, en grande partie, à tracer« (S. 6).

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Heribert Müller
    Partir en croisade à la fin du Moyen Âge
    Financement et logistique
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500), Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    Mittelalter
    1285-1566
    Europa (4015701-5), Religionskrieg (4049406-8), Kreuzzüge (4073802-4), Finanzierung (4017182-6), Logistik (4036210-3)
    PDF document baloup_mueller.doc.pdf — PDF document, 458 KB
    D. Baloup, M. Sánchez Martínez (dir.), Partir en croisade à la fin du Moyen Âge (Heribert Müller)
    In: Francia-Recensio 2016/4 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-4/ma/baloup_mueller
    Veröffentlicht am: 12.12.2016 09:31
    Zugriff vom: 29.03.2017 19:08
    abgelegt unter: