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L. Jensen (ed.), The Roots of Nationalism (Friedemann Pestel)

Francia-Recensio 2016/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Lotte Jensen (ed.), The Roots of Nationalism. National Identity Formation in Early Modern Europe, 1600–1815, Amsterdam (Amsterdam University Press) 2016, 341 p. (Heritage and Memory Studies), ISBN 978-94-6298-107-2, EUR 99,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Friedemann Pestel, Freiburg im Breisgau

Nationalismusforschung hat Konjunktur, gerade auch in und zu »kleinen« Nationen. Der vorliegende Band, aus einer 2015 in Nimwegen veranstalteten Tagung des Forschungsprojekts »Proud to Be Dutch. The Role of War and Propaganda Literature in the Shaping of Early Modern Dutch Identity, 1648‒1815« hervorgegangen, erblickt in nationalen Identitätsbildungsprozessen im frühneuzeitlichen Europa die »Wurzeln des Nationalismus«. Der niederländische Ausgangspunkt wie auch ein Anker in den Literaturwissenschaften schlagen sich stärker im Profil des Bandes nieder als der Titel es auf den ersten Blick nahelegt.

In ihrer Einleitung macht Herausgeberin Lotte Jensen anhand von David Humes Essay »Of National Characters« (1748) deutlich, dass es ihr um ein kulturalistisches Nationsverständnis, um soziokulturelle Bedingungen von Nationsbildung statt um essenzialistische »Klimatheorie« geht. Hinsichtlich der Verortung im Feld der reichhaltig beackerten Nationalismusforschung scheut Jensen im Antagonismus von »Modernisten« und »Traditionalisten« nicht die Zuspitzung. Auf der einen Seite stehen Gellner, Anderson, Hobsbawm und Ranger, die bekanntermaßen aus unterschiedlichen Perspektiven Nationalismus als Phänomen des 19. und 20. Jahrhunderts herausstellen. Auf der anderen Seite haben etwa Caspar Hirschi oder Azar Gat argumentiert, dass die Wurzeln von Vorstellungen von nationaler Ehre, Freiheit oder Gemeinschaft bis ins Spätmittelalter oder gar zu frühgeschichtlichen Gesellschaften zurückreichen.

Über diese Dichotomie geht der vorliegende Band hinaus und leuchtet in enger Rückbindung an das historische Material das Problem des Übergangs von der Vormoderne zur Moderne noch einmal neu aus – ein Verfahren, das an Reinhart Kosellecks »Vetorecht der Quellen« erinnert. Großen Wert legt Jensen entsprechend auf quellenbasierte Fallstudien, die nationale Kategorien kontextualisieren und historisieren. Wie im Folgenden jedoch rasch klar wird, bedeutet »quellenbasiert« nicht automatisch empirisch dicht und multiperspektivisch. Vielmehr wundert sich der geschichtswissenschaftlich beheimatete Leser immer wieder, wie etwa die »nationale Traumatisierung« in den Niederlanden nach den Kriegen gegen England im 17. Jahrhundert anhand zweier Episoden in einem Reisebericht untersucht werden kann, das Verhältnis von Signifikanz und Repräsentativität für die Entstehung von nationaler Identität aber kaum diskutiert wird. Während einige Fallstudien mittels der Analyse von Flugschriften, Bildpublizistik oder politischen Liedern einen medial wie sozial geweiteten Fokus haben, betreiben andere eine traditionellere autorenbasierte »Gipfelwanderung«.

Drei weitere methodische Orientierungspunkte des Bandes liefern die Erinnerungsforschung, die historische Semantik und die Kategorie der Identität. Sie versprechen größere Differenzierung, werden jedoch uneinheitlich umgesetzt: Erinnerung hat sich für das 19. und 20. Jahrhundert als ergiebiger Ansatz zur Analyse von »imagined communities« erwiesen, zugleich aber zur Kanonisierung nationaler »Erinnerungsorte« noch einmal beigetragen. Insofern verspricht die Untersuchung frühneuzeitlicher Memorialkulturen neue Aufschlüsse, die aber einer stärkeren theoretischen Rahmung bedürfen, um die Position nationalisierender Deutungsmuster in der konkreten Sprechsituation von anderen Kategorien der Selbstverortung abzugrenzen.

Ein semantisch geschärftes Sensorium für das Verhältnis von Quellensprache und Analysekategorien gehört zur Grundausstattung historischer Textinterpretation, tritt in den Fallstudien aber gelegentlich in ein Spannungsverhältnis zu begriffsrealistischen Anklängen, was eine frühneuzeitliche Nation nun sei, oder zu Alternativkategorien wie »nationhood«, die nicht weiter eingeordnet werden. Der Identitätsbegriff ist, selbst in dekonstruktivistischer Absicht, sicher am diskussionswürdigsten, vor allem dann, wenn die angesprochenen alternativen Identitätsentwürfe zur Nation nur eine untergeordnete Rolle spielen, aber auch mit Blick auf Diskussionen über in jüngerer Zeit diskutierte Konzepte wie »belonging«1. Kommen auch diese nicht ohne Vorannahmen aus, so betonen sie doch stärker die Handlungsmacht und die Interessen sozialer Gruppen, sich in bestimmten Situationen als national zu definieren.

Ist die Diskussion um »modernistische« vs. »traditionalistische« Nationalismusforschung schon in der Einleitung prominent, so arbeiten sich auch die Aufsätze des ersten Teils des Bandes noch einmal an ihr ab, anstatt sie etwa zu historisieren. Azar Gat, Andrew Hadfield und David A. Bell führen in ihren keynote speeches noch einmal die Kernargumente ihrer maßstabsetzenden Monografien im autoritativen Überflugmodus aus, teils in Kombination mit Beispielen2. Dabei fällt wie auch andernorts auf, dass in dem Maße, wie sich die Autorinnen und Autoren vom verengten »modernistischen« Nationalismusverständnis abkehren, die »Moderne« gleichwohl ein impliziter Fluchtpunkt bleibt. Die Epochenkategorien »early modern« und »pre-modern« entbehren in diesem Zusammenhang nicht einer unterschwelligen Teleologie.

Auf die gut 80 Seiten Vorspann folgen 13 kompakte Fallstudien, die vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert reichen. Sie beschäftigen sich mit nationalen Genealogien und Gründungserzählungen, v. a. in Geschichtswerken, mit Identitätsbildung durch Abgrenzung von Feindbildern, mit Objektivierungen von Nationsvorstellungen in Form von Karten und Sammlungen sowie mit nationaler Mobilisierung im Revolutionszeitalter. Geografisch dominiert ein Fokus auf Westeuropa (England, Frankreich, Spanien sowie ein halbes Dutzend Beiträge zu den heutigen Niederlanden). Komplementiert werden die usual suspects mit Beiträgen zu Wales und Island sowie Ungarn und Russland.

Alle Fallstudien kennzeichnet ein kulturgeschichtlicher Zugang. Sie bestechen durch eine Fülle an Einzelbeobachtungen mit teils originellen Untersuchungsgegenständen wie dem »Panpoëticon Batavûm«, einem privaten Kabinett von Autorenporträts, das wesentlich zur Kanonisierung einer niederländischen Literatur beitrug. Spezialisten für die jeweiligen Fälle finden hier reichen Diskussionsstoff, gerade zur Frage, inwiefern die beschriebenen Phänomene als »Nationalismus« zu fassen sind.

Die Gesamtlektüre gestaltet sich indes heterogen. Das liegt weniger am breiten Spektrum des Bandes als an der inhaltlichen Anlage und an qualitativen Unterschieden der Fallstudien. Durchaus redundant ist die auch hier mehrfach wiederkehrende Beschwörung des Gegensatzes von »Modernisten« und »Traditionalisten«, das Abarbeiten an Modernisierungsnarrativen sowie die gelegentliche Tendenz, die frühneuzeitlichen Fälle als »Vorläufer« für das 19. und 20. Jahrhundert zu betrachten oder sogar in die Gegenwart zu springen. Solche Verkürzungen laufen der Absicht des Bandes, die Frühe Neuzeit als Untersuchungsfeld eigenen Rechts zu profilieren, zuwider.

Darüber hinaus hätten deutlicher entwickelte mittlere Erklärungsebenen geholfen, die kleinteiligen, mehr darstellenden als aufschließenden Fallstudien besser mit den Großthesen der Einleitung zu verzahnen. Achsen wie Gründungserzählungen, Feindbilder oder Kanonisierungsprozesse gliedern zwar den Band, werden jedoch weder in der Einleitung noch in den Fallstudien noch einmal konsequent auf die Nationalismus-Fragestellung ausgerichtet. Schließlich erscheinen die untersuchten nationalen Fälle großenteils als geschlossene Gehäuse. Ihren Fokus auf eine einzige Nation begründen die Beiträge kaum; von der methodischen Trias von Vergleich-Transfer-Verflechtung machen sie nur sparsamen Gebrauch. Eine erfreuliche Ausnahme bildet der Beitrag von Michael Wintle zur Kartografie. Selbst die Fallstudien zu Feindbildern und Besatzungserfahrungen verharren meistens in der »nationalen« Binnensicht, sodass sich die Befunde in der Gesamtschau als wenig überraschend erweisen. Perspektivwechsel, die zugleich die Akteursinteressen und Reichweite der betrachteten Fälle stärker aufzeigen könnten, finden faktisch nicht statt, sodass der historische »Andere« auch analytisch weitgehend außen vor bleibt.

Als eine Addition von Nationalgeschichten untersuchen die Beiträge dem Titel des Bandes gemäß nationale oder – vielleicht treffender – nationalisierende Identitätsbildungsprozesse. Was an diesen Prozessen zugleich europäisch, im Sinne von transnational, war, bleibt zukünftigen, stärker vergleichenden Beiträgen vorbehalten. Abschließend sei bemerkt, dass die Anschaffung des Bandes in der Printausgabe zwar ausgesprochen kostspielig ist, erfreulicherweise steht er aber auf der Homepage des Verlags auch zum kostenlosen Download bereit3.



1 Siehe etwa als Überblick Tuuli Lähdesmäki u. a., Fluidity and Flexibility of »Belonging«. Uses of the Concept in Contemporary Research, in: Acta Sociologica 59 (2016), S. 233–247.

2 Azar Gat, Nations. The Long History and Deep Roots of Political Ethnicity and Nationalism, Cambridge 2013; Andrew Hadfield, Literature, Politics, and National Identity. Reformation to Renaissance, Cambridge, New York 1994; David Avrom Bell, The Cult of the Nation in France. Inventing Nationalism, 1680–1800, Cambridge/MA 2001.

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PSJ Metadata
Friedemann Pestel
The Roots of Nationalism
National Identity Formation in Early Modern Europe, 1600–1815
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Europa
Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
Neuzeit bis 1900
1600-1815
Europa (4015701-5), Nationenbildung (4075230-6), Nationalstaat (4041331-7), Nationalismus (4041300-7), Politische Identität (4129611-4)
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L. Jensen (ed.), The Roots of Nationalism (Friedemann Pestel)
In: Francia-Recensio 2016/4 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-4/fn/jensen_pestel
Veröffentlicht am: 12.12.2016 09:47
Zugriff vom: 30.05.2017 05:30
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