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    M. Johnston, M. Van Dussen (ed.), The Medieval Manuscript Book (Wolfgang Metzger)

    Francia-Recensio 2016/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Michael Johnston, Michael Van Dussen (ed.), The Medieval Manuscript Book. Cultural Approaches, Cambridge (Cambridge University Press) 2015, XII–302 p., 26 ill. (Cambridge Studies in Medieval Literature, 94), ISBN 978-1-10-706619-9, GBP 64,99.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Wolfgang Metzger, Stuttgart

    Der vorliegende Sammelband verspricht schon im Titel einen vor allem kulturgeschichtlichen Zugriff auf sein Thema, das handgeschriebene Buch des europäischen Mittelalters. Bei genauerer Betrachtung geht es in erster Linie um Bücher, die primär volkssprachliche Texte überliefern. Da die Autoren vor allem Anglisten und Romanisten sind, liegt auf deren Forschungsbereichen der Schwerpunkt der Ausführungen. Lateinischsprachige Handschriften, also die weitaus überwiegende Mehrzahl der überlieferten Codices, treten demgegenüber zunächst in den Hintergrund. Allerdings sind viele hier umrissene Themen für alle mittelalterlichen Codices relevant, sodass diese Einschränkung nicht sehr schwer wiegt. Der betrachtete Entstehungszeitraum reicht etwa von 1100 bis um 1500.

    Wie die beiden Herausgeber in ihrer gemeinsamen Einleitung hervorheben, geht es ihnen darum, das Bewusstsein für die größeren kulturellen Zusammenhänge zu stärken und so über die Detailforschung an einzelnen Manuskripten und kleinen Gruppen hinauszugelangen. Im Folgenden werden drei Thesen aufgestellt: 1: Die Handschrift ist nicht nur ein Produkt, sondern ein Prozess. 2: Ihrer Geschichte in der Zeit nach der Herstellung (Veränderungen, Rezeption, Sammlungsgeschichte usw.) sollte mehr Aufmerksamkeit gelten. 3: Die Kontrolle über die Produktion von Handschriften hat sich im Verlauf des betrachteten Zeitraums dezentralisiert. Diesen »Thesen«, die ausführlich erläutert werden, wird man kaum wiedersprechen wollen. Was merkwürdig berührt, ist eher der Anspruch, hier grundsätzlich Neues vorzustellen, ja die bisherige Handschriftenforschung geradezu zu revolutionieren.

    Richtig ist jedoch zweifellos, dass den Veränderungen, denen die meisten Handschriften im Laufe ihres jahrhundertelangen Daseins unterworfen sind, oft nicht genügend Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Zu sehr ist die Sichtweise des modernen Betrachters vom »Lebenszyklus« des modernen, gedruckten Buches bestimmt, das aus Verlag und Handel voll gerüstet wie Athene aus dem Haupt des Zeus hervorgeht und von da an lediglich altert. Handschriften dagegen entstehen häufig über längere Zeit, sie werden erweitert, »umgebaut« wie ein altes Haus, geteilt und neu kombiniert, oftmals immer wieder neu eingebunden oder auch umgestaltet. Für diese Prozesse das Bewusstsein zu schärfen, ist auf jeden Fall sinnvoll und verdienstlich. Auch Themen wie der Überlieferungskontext der erforschten Texte in den sie transportierenden Handschriften oder das weite Feld der Rezeptionsgeschichte werden vorgestellt und anhand von konkreten Fällen beleuchtet.

    Es würde zu weit führen, alle 13 Kapitel im Detail vorzustellen. So sollen zwei Beispiele genügen. Der Beitrag des niederländischen Buchhistorikers Erik Kwakkel über die Wahrnehmung und Auswertung formaler und materieller Merkmale mittelalterlicher Bücher (Kap. 4) dreht sich um Dinge wie Datierung und Lokalisierung anhand von Schriftmerkmalen, die Wahl von Schriftart und Einrichtung der Seiten, die Wahl des Beschreibstoffes und die Frage danach, wer im Einzelfall solche Entscheidungen trifft – jeweils hinsichtlich des potenziellen Informationsgehaltes für den heutigen Wissenschaftler. Obgleich hier also altbekannte Fragestellungen der Handschriftenforschung, in diesem Fall vor allem der Paläografie und Kodikologie, aufgeworfen werden, ist die Art und Weise, wie dies getan wird, inspirierend und informativ. Die Lektüre ist für den Anfänger sehr hilfreich und für den Routinier ebenfalls anregend. Auch glänzt das Kapitel durch Kürze und Sachlichkeit. Hinzuweisen wäre auch auf das schön gestaltete und interessante Handschriftenblog des Autors.

    Gelingt es Kwakkel, »klassische« Felder und Arbeitsmethoden neuen Lesern auf erfrischende Weise näher zu bringen, so werden durchaus auch neue oder noch wenig beschrittene Wege aufgezeigt, etwa im Beitrag von Martin K. Foys zu »Medienarchäologie« der Handschriften und »digitalen Inkunabeln« (Kap. 7). Dies gilt auch, wenn nur wenige Handschriften nur annähernd so ergiebige Beispiele liefern dürften wie das angeführte Ms. Cotton Tiberius B. V der British Library. Die »Mediengeschichte« dieser Handschrift durch frühe Veränderungen, »Umbau« und Teilung, Teilfaksimilierung und virtuelle Rekonstruktionen bis hin zur digitalen Online-Präsentation ist zweifellos spannend und wirft fast schon von sich aus die relevanten Fragen auf. So gelingt es Foys – Anglist an der University of Wisconsin-Madison –, sein Thema überaus plastisch und überzeugend zu vermitteln. Das Problem der Erschließung und Präsentation von online dargebotenen Handschriftendigitalisaten, ein weiterer Punkt des Kapitels, wird kompetent vorgestellt, bleibt aber leider verhältnismäßig blass.

    Wirklich neue Ansätze oder gar Erkenntnisse finden sich in dem Band kaum – hier täuscht der etwas überzogene Innovationsgestus der Einleitung den erwartungsvollen Leser ein wenig. Dennoch lohnt sich die Lektüre schon aufgrund der recht breit gestreuten Beispiele und Untersuchungsfelder. Als Hauptadressaten kommen wohl vor allem Studierende und Neueinsteiger in Frage, die zudem von der sehr soliden Bibliografie profitieren können. Schließlich findet auch der Insider manch willkommene Anregung. Überaus positiv fällt auf, dass der Band durch Herausgeber und Verlag sehr gut konzipiert, redigiert und formal ansprechend realisiert wurde. Ein angenehm unaufdringliches Layout, sinnvolle und effiziente Bebilderung und die so ansprechende wie solide Gestaltung des Bändchens erfreuen den einschlägig sensibilisierten Buchwissenschaftler. Ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis und ausreichend aussagekräftige Titel der Beiträge erleichtern die Erschließung des Inhalts, nicht zu vergessen ein Register der Namen, Orte und Sachen.

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    PSJ Metadata
    Wolfgang Metzger
    The Medieval Manuscript Book
    Cultural Approaches
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Alte Welt
    Geschichte allgemein
    Mittelalter
    500-1500
    Handschrift (4023287-6), Kultur (4125698-0), Schriftlichkeit (4077162-3), Buch (4008570-3)
    PDF document johnston_metzger.doc.pdf — PDF document, 258 KB
    M. Johnston, M. Van Dussen (ed.), The Medieval Manuscript Book (Wolfgang Metzger)
    In: Francia-Recensio 2016/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-3/ma/johnston_metzger
    Veröffentlicht am: 20.09.2016 12:17
    Zugriff vom: 25.04.2017 01:06
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