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    F. Oppermann, Le Versailles des présidents (Friedemann Pestel)

    Francia-Recensio 2016/2 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

    Fabien Oppermann, Le Versailles des présidents. 150 ans de vie républicaine chez le Roi-Soleil, Paris (Fayard) 2015, 248 p. (Lieux et expressions du pouvoir), ISBN 978-2-213-68126-9, EUR 19,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Friedemann Pestel, Freiburg im Breisgau

    »Versailles nach Versailles«, so lässt sich Fabien Oppermanns Studie zu »150 Jahren republikanischem Leben beim Sonnenkönig« auf den Punkt bringen. Der zwangsweise Umzug der bourbonischen Königsfamilie am 6. Oktober 1789 nach Paris markierte keineswegs das Ende der politischen Geschichte dieser Modellanlage monarchischer Herrschaft im neuzeitlichen Europa. Im Fokus bisheriger Studien zum postrevolutionären Umgang mit Versailles standen vor allem die Julimonarchie Louis-Philippes mit ihren Versuchen, im Modus der Musealisierung die politischen Brüche des Revolutionszeitalters in einer französischen Nationalgeschichte aufgehen zu lassen, sowie die Proklamation des Deutschen Kaiserreichs als Moment nationaler Identitätsstiftung und politischer Revanche1. Oppermann betritt nun weitgehend Neuland, indem er einen zeitlichen Bogen vom Beginn der Dritten Republik bis zur Gegenwart spannt. Statt für Könige, Hofstaat und auswärtige Gesandtschaften wie in Zeiten des Ancien Régime interessiert er sich für Versailles als »lieu de l’action politique« (S. 12) der Präsidenten der Republik, aber auch für um den baulichen Erhalt und die Ausstattung der Anlage bemühte Konservatoren, in- und ausländische Mäzene sowie Touristen, von denen zu Beginn des 21. Jahrhunderts immerhin täglich mehr in die Schlossanlage strömen, als der absolutistische Hofstaat je Mitglieder hatte.

    Oppermanns Verdienst ist es, dass er über die longue durée und unter akribischer Auswertung archivalischer Quellen und der Memoirenliteratur die fortdauernde Relevanz von Versailles im politischen Leben der Dritten bis Fünften Republik herausstellt. Hält die politische Funktionalisierung bereits für französische Leser erstaunliche Einsichten in die Relevanz von Versailles bereit, so erweist sich aus deutscher Perspektive die Verfremdung von Versailles als eines vermeintlich »deutschen« auf 1871, 1919 und 1940 fixierten Erinnerungsorts als erhellend2. So bezog eben kurz nach der Proklamation des Deutschen Kaiserreichs 1871 im Spiegelsaal die französische Regierung mit all ihren Institutionen während der Pariser Commune die Schlossanlage. Dass ausgerechnet der Spiegelsaal zum Schlafsaal für wohnungslose Parlamentarier umfunktioniert wurde, ist nur ein plastisches Beispiel für die erstaunlichen politischen Umnutzungen, die Oppermann gerade in den ersten beiden Kapiteln sichtbar macht. Auch nachdem Ende der 1870er Jahre die Parlamentskammern wieder nach Paris übersiedelt waren, wurden in Versailles alle Präsidenten der Dritten und Vierten Republik durch beide Kammern gewählt sowie alle Verfassungsänderungen beschlossen, da nur der in das Schloss 1875 eingebaute Kongresssaal Platz für Abgeordnetenhaus und Senat bot. Entsprechend waren auch die Übergänge von zivilgesellschaftlichen Initiativen für den baulichen Erhalt des Schlosses zu politischen Netzwerken fließend (Kapitel 3).

    Während das vierte Kapitel über die Friedenskonferenz und die Unterzeichnung des Friedensvertrags von 1919 blass bleibt und den symbolpolitischen Gehalt dieser Inszenierung nur anreißt, liegt ein zweiter Schwerpunkt des Buches auf den Staatsbesuchen und Gipfeltreffen, die die Präsidenten seit der Dritten, massiv dann in der Fünften Republik in Versailles veranstalteten (Kapitel 5 sowie 8 bis 10). Hier identifiziert Oppermann einerseits pragmatische Motive – in Versailles standen mehr Platz und repräsentativere Räumlichkeiten für Unterbringung und Empfang zur Verfügung als in Paris – als auch zeremonielle Aspekte: Die unmittelbare Nachbarschaft von Prunkräumen, Bankettsälen, Oper und Park ermöglichte ebenso routinierte wie adaptierbare Repräsentationszeremonielle, die sich für europäische und außereuropäische Monarchen ebenso eigneten wie für US-Präsident Kennedy, den KPdSU-Vorsitzenden Leonid Brežnev oder die Teilnehmer des G7-Gipfels 1982. Dass jeder der Präsidenten der Fünften Republik von Charles de Gaulle bis Nicolas Sarkozy seine baulichen und damit politischen Spuren in Versailles hinterließ, erweist sich nur als ein scheinbares republikanisches Paradoxon angesichts des vielfältigen Deutungsrepertoires, das die Anlage dank ihres architektonischen Rahmens sowie ihrer vielschichtigen Rezeptionsgeschichte bot.

    Die Quintessenz des Buches erschließt sich dem Leser indes nur teilweise. Insgesamt fällt der Lektüreertrag hinter der Farbigkeit des Themas und den hohen Erwartungen, die das »Versailles der Präsidenten« ob seiner Sperrigkeit gegenüber gängigen republikanischen Geschichtsnarrativen weckt, deutlich zurück. Oppermanns Buch basiert auf einer 2004 an der École nationale des chartes verteidigten Dissertation und richtet sich zugleich, wie mehrere Beiträge der jüngeren Versailles-Literatur, an ein breites Publikum3. In der Folge dieses Spagats ist seine Darstellung zwar quellengesättigt, zugleich aber theorie- und thesenarm.

    Die empirische Dichte archivalischer Forschung erweist sich durchaus als eine Stärke: Der Autor kennt buchstäblich die Geschichte jedes verwinkelten Raumes im Schloss. Die in zwei eigenen Kapiteln (6 und 7) behandelten, letztlich nicht realisierten Umbauprojekte für den Umzug der Vichy-Regierung während des Zweiten Weltkriegs und die Ansiedlung der École nationale d’administration in den späten 1940er Jahren bestechen durch ihre Detailkenntnis ebenso wie die anschließenden minutiösen protokollarischen Beschreibungen der Staatsbesuche. Gleichzeitig liegt hier ein grundlegendes Problem: Oppermann beschreibt quellennah und umfänglich, aber er interpretiert kaum. Da dem Buch eine fokussierte Fragestellung fehlt, wartet der Leser vergeblich auf eine klare Positionierung: Was sagt Versailles über die Rolle der französischen Präsidenten als »republikanischen Monarchen«? Wie ist die politische Funktionalisierung Versailles’ seit 1870 im Spannungsfeld von Megalomanie, Trivialisierung und nationaler Konsensbildung zu deuten? Inwiefern bildete Versailles nicht nur den Rahmen präsidialer Repräsentationspolitik, sondern beeinflusste auch aufgrund seiner vielfältigen Vergangenheitsbezüge politische Handlungsspielräume? Solche und andere Fragen drängen sich bei der Lektüre geradezu auf, Elemente zu ihrer Beantwortung verschwinden aber hinter der positivistischen Informationsfülle.

    Entsprechend stellt Oppermann Bezüge zur zeithistorischen Literatur nur sehr sparsam her, obwohl der geradezu ideale Untersuchungsgegenstand Versailles brennglasartig die Ambivalenzen von monarchischer und republikanischer Repräsentation, von exekutiven und legislativen Staatsvorstellungen oder geschichtspolitischen Kontinuitäten, etwa zwischen den nationalgeschichtlichen Entwürfen Louis-Philippes und Philippe Pétains, bündelt. Symbolpolitische Analysen oder Wahrnehmungsfragen der Versailles-Inszenierungen bzw. ihre Medialisierung interessieren ihn weniger, und somit kommt von den beiden im Reihentitel »Lieux et expressions du pouvoir« umrissenen Aspekten der letztere zweifelsohne zu kurz.

    Zudem ist Oppermanns Perspektive eine weitgehend hexagonale. Einerseits machen die Einsichten in die polarisierende Polemik der extremen Rechten gegen die republikanischen Aneignungen eines Erinnerungsorts der Monarchie deutlich, welche politischen Argumentationsspielräume die polysemen Versailles-Referenzen boten. Andererseits drängt sich durchaus der Eindruck auf, Louis-Philippes konsensorientiertes geschichtspolitisches Konzept »À toutes les gloires de la France« habe seine eigentlichen Früchte erst im 20. Jahrhundert getragen. Nichtsdestoweniger barg Versailles in den vergangenen 150 Jahren nicht nur »französische« Geschichten in sich, sondern ebenso »amerikanische« oder »deutsche«4. Die Rolle von Versailles als Garantieort der amerikanischen Unabhängigkeit für das philanthropische Engagement, etwa der Familie Rockefeller, zur Erhaltung der Schlossanlage oder die symbolischen Bezüge der Kaiserproklamation von 1871 zum hegemonialen Dekor Ludwigs XIV. in der Spiegelgalerie, die Clemenceau 1919 ins mimetische Gegenteil zu verkehren suchte, scheinen nur randständig auf. Die Profile nichtfranzösischer Akteure weisen zudem manche Ungenauigkeit auf.

    Insgesamt liegt hier ein instruktiver Beitrag zu einer bislang zu Unrecht vernachlässigten Phase der Wirkungsgeschichte von Versailles vor, der eine Fülle unbekannten oder kaum berücksichtigten Materials anregend ausbreitet, es bei dieser Anregung jedoch weitgehend belässt. Da das Potenzial des Themas für eine politische Kulturgeschichte Frankreichs vom späten 19. bis ins frühe 21. Jahrhundert in weiten Teilen unausgeschöpft bleibt, sollte die Beschäftigung mit der histoire contemporaine von Versailles eine baldige Fortsetzung finden.

    1 Siehe beispielsweise Thomas Wolfgang Gaehtgens, Versailles als Nationaldenkmal. Die Galerie des Batailles im Musée Historique von Louis-Philippe, Berlin 1985; ders., Anton von Werner. Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches. Ein Historienbild im Wandel preußischer Politik, Frankfurt a. M. 1990; Hélène Himelfarb, Versailles, fonctions et légendes, in: Pierre Nora (Hg.), Les lieux de mémoire, Band 1. La République, Paris 1997, S. 1283–1329.

    3 Siehe etwa Franck Ferrand, Ils ont sauvé Versailles. De 1789 à nos jours, Paris 2003; ders., Gérald Van der Kemp. Un gentilhomme à Versailles, Paris 2005; Uwe Schultz, Versailles. Die Sonne Frankreichs, München 2002.

    4 Vgl. Friedemann Pestel, Versailles als memory building – Memory-building mit Versailles, in: Gregor Feindt, Félix Krawatzek, Daniela Mehler, Friedemann Pestel., Rieke Trimçev (Hg.), Europäische Erinnerung als verflochtene Erinnerung. Vielstimmige und vielschichtige Vergangenheitsdeutungen jenseits der Nation, Göttingen 2014, (Formen der Erinnerung, 55), S. 121–149.

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    PSJ Metadata
    Friedemann Pestel
    Le Versailles des présidents
    150 ans de vie républicaine chez le Roi-Soleil
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Zeitgeschichte (1918-1945), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte
    19. Jh., 20. Jh., 21. Jh.
    Frankreich (4018145-5), Politik (4046514-7), Schloss Versailles Versailles (4194431-8)
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    F. Oppermann, Le Versailles des présidents (Friedemann Pestel)
    In: Francia-Recensio 2016/2 | 19.–21. Jahrhundert – Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-2/zg/oppermann_pestel
    Veröffentlicht am: 07.06.2016 16:31
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:36
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