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    D. Poirel (cura et studio), Hugonis de Sancto Victore Super Ierarchiam Dionisii (Beate Regina Suchla)

    Francia-Recensio 2016/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Dominique Poirel (cura et studio), Hugonis de Sancto Victore Super Ierarchiam Dionisii, Turnhout (Brepols) 2015, 748 p., 4 ill. en coul. (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 178; Hugonis de Sancto Victore Opera, 3), ISBN 978-2-503-04781-2, EUR 380,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Beate Regina Suchla, Gießen

    Der Viktoriner Hugo (1096–1141), der im Augustiner-Chorherrenstift Sankt Viktor zu Paris wirkte und dessen Schule zu einer der bedeutendsten seiner Zeit führte, war als universaler Gelehrter sowohl an theologischen als auch an weltlichen Fragen interessiert. Dieses breite Interesse schlägt sich in seinem zahlreichen und breiten Schrifttum nieder, zu dem neben Werken wie »Didascalicon«, »De sacramentis christianae fidei«, »De arca Noe mystica«, »Soliloquium de arrha animae« auch ein Kommentar zur Schrift »De caelesti hierarchia« des spätantiken Christen Dionysius Areopagita zählt. Dieser Kommentar des Titels »Super Ierarchiam Dionisii«, in dem Hugo das Weltbild des Areopagiten modern auslegt, prägte das Dionysius Areopagita-Verständnis des gesamten Mittelalters wesentlich mit und beeinflusste nicht zuletzt so bedeutende Theologen wie Albert den Großen, Bonaventura, Thomas von Aquin, Meister Eckhart oder Nikolaus von Kues.

    Trotz der hohen Bedeutung gab es bislang keine Editio critica maior dieses Kommentars; zur Verfügung stand lediglich die bei Migne gedruckte Edition (Patrologia Latina, Bd. 175, col. 923–1154). Hier nun schafft der vorliegende Band, eine Editio critica maior allerhöchsten Anspruchs, Abhilfe. Ihr Editor, Dominique Poirel, ist ein exzellenter Hugo von Sankt Viktor-Kenner, der gemeinsam mit Patrice Sicard eine Gesamtausgabe des Viktoriners betreut und im Jahr 2013 eine Monografie zur Dionysius-Areopagita-Rezeption im 12. Jahrhundert und insbesondere bei Hugo von Sankt Viktor publizierte1.

    Die herausragende Kennerschaft Poirels spiegelt sich in der Edition wider: Ein kurzes Vorwort führt in die Entstehungsgeschichte des Kommentars ein (S. 7–25). Neben Fragen der Autorschaft und der Datierung des Werkes werden die beiden Quellen – das sind der Dionysius Areopagita-Kommentar des Johannes Scotus Eriugena und die lateinische Übersetzung der griechischen Scholien durch Anastasius Bibliothecarius – aufgeführt, auf deren Basis die Kommentierung durch Hugo erfolgte. Zudem wird kurz Hugos Methode der Kommentierung erläutert.

    Es folgt ein Verzeichnis der Handschriften und ihrer Siglen (S. 29–32), dem zu entnehmen ist, dass von insgesamt 121 aufgelisteten Codices allein 33 aus dem 12. Jahrhundert Hugos stammen. (Welch ein eindrucksvolles Zeugnis einer schnellen und breiten Überlieferung!) Einer Bibliografie zur Edition des Kommentars (S. 33–36) schließt sich eine 320 Seiten umfassende »Introduction« (S. 39–360) an, die den Charakter einer groß angelegten Überlieferungs- und Textgeschichte des Kommentars trägt: Einer ausführlichen Beschreibung aller handschriftlichen Zeugen folgt diejenige aller gedruckten Ausgaben; danach werden die Verwandtschaftsverhältnisse sämtlicher überlieferten Handschriften sowie der Druckausgaben geklärt. Es folgt eine kurze Textgeschichte, die aus der Untersuchung der Handschriften und ihrer Inhalte die Etappen der Entstehung, Redaktion und Verbreitung des Kommentars erhellt. Nach einer Erläuterung der Editionsprinzipien wird schließlich geklärt, welche lateinische Textfassung der ursprünglich in griechischer Sprache verfassten Schrift »De caelesti hierarchia« des Dionysius Areopagita dem Viktoriner Hugo für seine Kommentierungsarbeit überhaupt vorlag.

    Im Anschluss an diese Präliminarien erfolgt eine Wiedergabe jener lateinischen Version der »Caelestis Hierarchia«, nach der die Kommentierung durch Hugo erfolgte (S. 361–396). Und last but not least schließt sich eine kritische Edition des Kommentars Hugos an (S. 397–717). Abgerundet wird die Edition durch vier Faksimilia (zwischen S. 33 und 34) und drei Indices (Verzeichnis der Schriftstellen, Verzeichnis der Quellen, Verzeichnis der Parallelstellen; S. 719–743).

    Das vorliegende Werk ist rundum gelungen: Die Einleitung ist stringent, der lateinische Text ist übersichtlich strukturiert und gut lesbar, die Bibliografie steht auf dem neuesten Stand, die Indices sind lückenlos. Die Textkorrekturen gegenüber Migne sind zwar nicht so spektakulär, dass alle bisherigen Studien zu »Super Ierarchiam Dionisii« als Makulatur betrachtet werden müssten, sie sind aber dennoch erheblich: Ich zähle mehr als 1600. Darunter befinden sich so wenig bedeutsame wie »tradita sunt] sunt tradita Migne« (II-1, 942) oder »quia] quod Migne« (III-2, 67), aber auch so gravierende wie »errorum] eorum Migne« (II-1, 906) oder »et egemo quod ducem sive ductorem significat] om Migne« (III-II, 244/245). Demnach gibt es keinen Weg zu Migne zurück.

    Die Edition repräsentiert einerseits den bedeutenden Text eines großen mittelalterlichen Denkers, anderseits das unentbehrliche Zeugnis einer zahl- und umfangreichen Dionysius Areopagita-Kommentartradition, die in der Spätantike mit den Scholien des Johannes von Skythopolis und Maximus Confessor beginnt und bis zu den Kommentaren Alberts des Großen oder des Thomas von Aquin führt. Sie sollte daher in keiner geisteswissenschaftlich ausgerichteten Bibliothek fehlen.

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    PSJ Metadata
    Beate Regina Suchla
    Hugonis de Sancto Victore Super Ierarchiam Dionisii
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Antike (1200 v.Chr.-600 n.Chr.)
    Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Ideen- und Geistesgeschichte, Lateinische Literatur
    1 - 5. Jh. n. Chr., 6. - 12. Jh.
    100-600
    De caelesti hierarchia (4353001-1), Dionysius Areopagita (118679694), Rezeption (4049716-1), Viktoriner (4330508-8)
    PDF document poirel_suchla.doc.pdf — PDF document, 332 KB
    D. Poirel (cura et studio), Hugonis de Sancto Victore Super Ierarchiam Dionisii (Beate Regina Suchla)
    In: Francia-Recensio 2016/2 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-2/ma/poirel_suchla
    Veröffentlicht am: 07.06.2016 15:57
    Zugriff vom: 26.02.2017 06:30
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