Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

A. Guinier, L’honneur du soldat (Isabelle Deflers)

Francia-Recensio 2016/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Arnaud Guinier, L’honneur du soldat. Éthique martiale et discipline guerrière dans la France des Lumières (1748–1789), Seyssel (Champ Vallon) 2014, 320 p. (La chose publique), ISBN 978-2-87673-992-5, EUR 25,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Isabelle Deflers, Freiburg

Arnaud Guinier untersucht in dieser aus seiner Dissertation hervorgegangenen Monografie die Reformen, die nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) innerhalb der französischen Armee eingeführt wurden. Dabei zeigt er, inwiefern die zahlreichen Militärreformen, die am Ende des Ancien Régime mit mehr oder weniger Erfolg durchgeführt wurden, nicht nur auf die Verbesserung der Taktik und der Waffentechnologie zielten, sondern zu einer Aufwertung des einfachen Soldaten führten, und dies noch vor dem soldat-citoyen der französischen Revolution. Damit stellte sich aber die Frage, wie der Wert des einzelnen Soldaten sich mit der notwendigen Disziplin innerhalb der Armee vereinbaren ließ. Das Ideal einer Armee als Maschine (»armée-machine«) mit gehorsamen, in Automaten verwandelten Soldaten dominierte seit der Mitte des 18. Jahrhunderts aufgrund der militärischen Erfolge des Preußenkönigs und des daraus abgeleiteten friderizianischen Modells die französischen Reformentwürfe. Aber zugleich provozierte gerade die Idealisierung eines auswärtigen Modells eine Fülle an heftigen Debatten über den Nationalcharakter der französischen Armee bzw. über den nationalen Geist Frankreichs (»l’esprit national de la France«). Ein »versklavender« Drill nach preußischem Vorbild auf der einen Seite, ein patriotischer Appell an den ehrenhaften Franzosen, der aus Liebe zu König und Heimat bereit war, zu kämpfen und zu sterben, auf der anderen Seite, waren typische Bilder, die im Diskurs über Militärdisziplin unter den französischen Offizieren am Ende des 18. Jahrhunderts zirkulierten. Auch wenn der »mechanische« Drill nicht in Frage gestellt wurde, spiegelten die neuen pädagogischen Methoden den aufklärerischen Willen wider, die Würde des Soldaten hervorzuheben und somit seine vollkommene Unterwerfung zu relativieren.

Dennoch zeigt Guinier, dass die neue Rolle der Pädagogik nicht zur Befreiung des Soldaten führte, sondern im Gegenteil zum verstärkten Einfluss auf dessen Körper. Der Übergang einer mechanischen Dressur zu einer durch die Vernunft gesteuerten Gewohnheit hänge zusammen mit der verstärkten Macht der Normen, deren Bedeutung für die Disziplin während der Frühen Neuzeit Michel Foucault unterstrichen hat (S. 204). Jeder Soldat musste selbst ein durch seinen Ausbilder verkörpertes, ideales Modell anstreben. Um dies zu erreichen, waren nicht allein Vorführung und Überzeugung ausreichend; auch Zwangsmaßnahmen dienten dazu, die in den ordonnances (Ordonnanzen/königliche Erlässe) vorgeschriebenen Bewegungen den Soldaten tief einzuprägen. Jedoch ließen die Ordonnanzen immer deutlicher erkennen, dass ihr Hauptanliegen nicht die Bestrafung, sondern die Verbesserung und Richtigstellung von falsch durchgeführten Körperübungen und weiteren Fehlverhalten der Armeeangehörigen war. Mit dieser intensiveren Mobilisierung der körperlichen Aspekte ging schließlich die Neubewertung des gesamten politisch-moralischen Status des einfachen Soldaten einher, der bisher als dem »Bodensatz der Gesellschaft« entstammend betrachtet wurde. Durch dieses neue Verständnis vom körperlichen Exerzieren wurden die individuellen Fähigkeiten des Soldaten aufgewertet. Seine Ausbildung sollte ab jetzt mehr auf Einverständnis gründen und auf seine Würde sollte mehr Wert gelegt werden.

Dieses Konzept, das sehr stark von aufklärerischen Ideen inspiriert war, kollidierte aber mit den sozialen Normen der Ständegesellschaft, denn Ehre war im Ancien Régime ein besonderes Merkmal des Adels und ließ sich nicht so einfach auf den Dritten Stand übertragen. Schon die vom Kriegsminister Saint-Germain (von Oktober 1775 bis September 1777) vorgesehene Einführung des Schwerts als Bestrafungsmittel für die einfachen Soldaten – statt des bisherigen rudimentären Holzstocks – rief erheblichen Widerstand unter den Offizieren hervor. Auch deswegen – und natürlich noch aus vielen anderen Gründen – fiel er bald danach in Ungnade.

Guiniers Studie ist in guter französischer Tradition in drei Teile gegliedert: Nachdem die Taktik und die damit verbundene Organisation der Truppenbewegungen behandelt werden, steht die »Dressur« der Körper durch Exerzieren und Drill im Mittelpunkt des zweiten Teils.

Im letzten Teil spiegeln sich die Implikationen der beiden vorherigen Aspekte in einer Reflexion über Gehorsam und Ansporn, über die moralische Disziplin und über das daraus entstandene, neue Verständnis von Belohnung und Bestrafung der Soldaten wider. Diese moralische Erziehung habe Früchte getragen, die – laut Guinier – in den militärischen Reformen der Revolution aufgegriffen worden seien, die dann einen höhen Grad an Autonomie und Initiative bei den Bürger-Soldaten förderten. Somit sei die Armee, die in der Kanonade von Valmy 1792 siegte, die Erbin einer militärischen Verfassung gewesen, die von der Aufklärung geprägt worden sei (S. 363).

Auch wenn das Buch einige langatmige Passagen enthält und sich vielleicht zu viel für den Diskurs über das Militär und zu wenig für die soziale Herkunft von dessen Angehörigen interessiert, stellt Guiniers Studie einen Meilenstein in diesem noch wenig untersuchten Feld der militärischen Aufklärung (»Lumières militaires«) dar. Zu Recht wurde ihm im Jahr 2013 der Preis für Militärgeschichte in Frankreich zuerkannt.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

PSJ Metadata
Isabelle Deflers
L’honneur du soldat
Éthique martiale et discipline guerrière dans la France des Lumières (1748–1789)
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Frankreich und Monaco
Militär- und Kriegsgeschichte
18. Jh.
1700-1800
Frankreich (4018145-5), Armee (4143024-4), Militär (4039305-7), Soldat (4055409-0), Disziplin (4150265-6)
PDF document guinier_deflers.doc.pdf — PDF document, 325 KB
A. Guinier, L’honneur du soldat (Isabelle Deflers)
In: Francia-Recensio 2016/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-2/fn/guinier_deflers
Veröffentlicht am: 07.06.2016 16:26
Zugriff vom: 25.04.2017 00:51
abgelegt unter: