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    H. Drévillon, A. Guinier (éd.), Les Lumières de la guerre (Isabelle Deflers)

    Francia-Recensio 2016/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Hervé Drévillon, Arnaud Guinier (éd.), Les Lumières de la guerre. Mémoires militaires du XVIIIe siècle conservés au service historique de la Défense. Sous-série 1 M. Vol. 1: Mémoires techniques; Vol. 2: Reconnaissances, Paris (Guerre et paix, 4; 5) 2015, 550; 359 p., ISBN 978-2-85944-878-3; 978-2-85944-879-0 EUR 67,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Isabelle Deflers, Freiburg im Breisgau

    Bekanntlich entstand seit der Mitte der 1960er Jahre im Anschluss an die bahnbrechenden Untersuchungen des 2014 verstorbenen Historikers André Corvisier zuerst in Frankreich, dann auch in Deutschland eine inhaltlich und methodisch erneuerte Militärgeschichte. Diese »neue Militärgeschichte«, die sich als Kulturgeschichte der Gewalt und nicht mehr als Kriegs- und Schlachtengeschichte versteht, untersucht seither die Wechselwirkungen zwischen Militär und Gesellschaft und eröffnet somit eine Fülle an neuen, u. a. sozial-, wirtschaftlich-, geschlechter-, alltags- und mentalitätshistorischen, Perspektiven.

    Ein ganz neuer Bereich, der noch in den Kinderschuhen steckt, bildet die »militärische Aufklärung« (»les Lumières militaires«), die sich spezifisch mit den gegenseitigen Beeinflussungen zwischen der europäischen Geistesbewegung der Aufklärung und dem Militär auseinandersetzt und dabei prüft, inwiefern die Aufklärung die Ausbildung der Unteroffiziere und Offiziere und ihre spätere Karrieren prägte und inwiefern die Angehörigen des Militärs zur Verbreitung aufklärerischer Ideen beigetragen haben.

    Solche Fragen, denen bisher noch wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, stehen im Mittelpunkt der Quellenedition, die Hervé Drévillon und Arnaud Guinier, zwei Frühneuzeit- und Militärhistoriker an der Universität Paris I, herausgegeben haben. Diese Edition ist schon deshalb ein hervorragendes Projekt, weil sie aus einem Seminar mit Studierenden entstanden ist, die jeweils eine Quelle selber aus dem Archiv transkribieren und interpretieren sollten. Arnaud Guinier, der sich 2014 in der französischen Militärgeschichte mit seinem Buch über die Ehre des Soldaten, martialische Ethik und kriegerische Disziplin im Zeitalter der französischen Aufklärung einen Namen gemacht hat, liefert in der umfangreichen Einleitung des ersten Bandes zu den mémoires (Denkschriften) als Reformentwürfen im 18. Jahrhundert einen brillanten Überblick über die zahlreichen Fragestellungen, die sich aus der Arbeit an diesem Korpus ergeben haben und nun weiterentwickelt werden können: Aufbewahrt im Service historique de la Défense (Historisches Amt des Verteidigungsministeriums) bilden die Bestände »Mémoires et reconnaissances« eine grundlegende Quelle für die Untersuchung der frühneuzeitlichen Militärgeschichte.

    Allein für das 18. Jahrhundert umfassen sie mehrere Tausende Dokumente, die sich mit Fragen unterschiedlicher Bereiche wie Logistik, Disziplin, Gesundheit, Festungsbau, Artillerie, Marine sowie mit der Analyse und Vorbereitung von konkreten Operationen beschäftigen. Besonders aufschlussreich dabei ist, dass diese Dokumente nicht nur von Militärexperten verfasst wurden, die im Auftrag des Kriegsministers gehandelt haben, sondern auch von Außenstehenden und Beobachtern, die während ihrer Dienstzeit Programmschriften verfasst und an ihre Vorgesetzten gesendet haben. Somit spiegeln sie unterschiedliche Meinungen und vielfältige Wissensbestände über das Militärmilieu im Zeitalter der Aufklärung wider.

    Zwar wurde dieses Korpus immer schon von der Forschung ausgiebig zitiert; die Entstehungsmodalitäten dieser Schriften, das Profil ihrer Verfasser, ihre Absichten und Erwartungen, der Beitrag dieser Dokumente zur Herausbildung eines Staatswissens und einer Staatspolitik wurden hingegen bisher außer Acht gelassen. Mit diesen zwei Bänden liegt uns jetzt eine systematische Untersuchung dieses thematisch vielfältigen Feldes vor. Ein dritter Band ist geplant.

    Der erste Band umfasst zehn technische Memoranden, in denen die Militärausbildung, die Heeresverwaltung, die Kriegswissenschaft, die Marine und die Kolonien thematisiert werden. Viele sind zwar nicht besonders innovativ, jedoch spiegeln sie den Zeitgeist ihres Entstehungszeitpunkts sowie die damaligen Probleme der französischen Armee wider. Über die in ihnen enthaltenen lehrreichen Informationen hinaus legen sie Zeugnis davon ab, welcher Wert diesen Schriften als Reforminstrument beigemessen wurde, welche Karrierestrategien die Verfasser mit der Zusendung ihrer Texte verfolgten und welchen Beitrag sie zur Konstituierung einer sich damals entwickelnden öffentlichen Meinung in Militärfragen leisteten. Außerdem liefern sie ein weites Panorama von all den Problemen, über die im Zeitalter der Aufklärung im Zusammenhang mit der Neuorganisation der französischen Armee debattiert wurde und unter denen der Frage der Disziplin eine ganz besondere Bedeutung beigemessen wurde. Dies illustriert eindrucksvoll die Denkschrift des Baron de Maltzan, der unaufgefordert zum Reformprogramm des Staatssekretärs im Kriegsministerium Graf von Saint-Germain um 1776 beitragen wollte (S. 185–252).

    Der zweite Band umfasst Texte, die als reconnaissances im Sinne von Erkundungen auf konkretem Terrain zu verstehen sind. Ergänzend zu den mémoires liefern sie endlose Informationen über damalige Grenzgebiete, fremde Länder, Städte und Operationsgebiete sowie über die Praxis der militärischen Erkundung im 18. Jahrhundert. Die reconnaissance ermöglicht es der Generalität über neueste Informationen aus erster Hand zu verfügen. Alle anderen Informationen waren immer nur aus zweiter Hand zu gewinnen, durch Berichte von Spionen, durch Erzählungen der lokalen Bevölkerung, aus dem Mund von Deserteuren und schließlich anhand der Kartographie. Die in der Einleitung zusammengefasste Entwicklungsgeschichte des Führungsstabs des französischen Heeres im Ancien Regime und seines spezialisierten Personals zeigt, wie schwierig die dauerhafte Institutionalisierung eines Korps auf diesem Gebiet war und weist auf die grundlegende Schwierigkeit für den Hoch- und Schwertadel hin, sich unabhängig von seiner privilegierten Sozialzugehörigkeit als ein Berufskorps wahrzunehmen und als solches die neue Aufwertung der militärischen Ausbildung, ihrer Verwissenschaftlichung sowie die gesamte Professionalisierung der Armee zu akzeptieren.

    Jeder Beitrag wird mit einer kurzen Bibliografie ergänzt und umfasst eine Fülle von Fußnoten, die die Qualität der Editionsarbeit noch unterstreicht. Der dritte Band wird Schriften umfassen, die sich mit Fragen der taktischen Ordnung beschäftigten.

    Auch wenn diese Quellenedition sich vor allem an ein militärhistorisch interessiertes Fachpublikum richtet, so liefert sie doch schon allein wegen der heterogenen Sozialzugehörigkeit der hier zu Wort kommenden Verfasser entsprechender mémoires und reconnaissances ein grundlegendes Korpus für weiterführende Fragen im Bereich der Sozialgeschichte des Wissens und insbesondere der sozialen Praktiken mit unmittelbarem Bezug auf militärische Fachkenntnisse.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Isabelle Deflers
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Les Lumières de la guerre
    Mémoires militaires du XVIIIe siècle conservés au service historique de la Défense. Sous-série 1 M. Vol. 1: Mémoires techniques; Vol. 2: Reconnaissances
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Militär- und Kriegsgeschichte
    18. Jh.
    1700-1800
    Frankreich (4018145-5), Militär (4039305-7)
    PDF document drevillon-guinier_deflers.doc.pdf — PDF document, 331 KB
    H. Drévillon, A. Guinier (éd.), Les Lumières de la guerre (Isabelle Deflers)
    In: Francia-Recensio 2016/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-1/fn/drevillon-guinier_deflers
    Veröffentlicht am: 12.04.2016 13:00
    Zugriff vom: 30.05.2017 05:31
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