Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    G. Berg, B. Z. Török, M. Twellmann (Hg.), Berechnen/Beschreiben (Anton Tantner)

    Francia-Recensio 2016/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Gunhild Berg, Borbála Zsuzsanna Török, Marcus Twellmann (Hg.), Berechnen/Beschreiben. Praktiken statistischen (Nicht-)Wissens 1750–1850, Berlin (Duncker & Humblot) 2015, 233 S., 1 Tab., 3 Abb. (Historische Forschungen, 104), ISBN 978-3-428-14500-3, EUR 69,90.


    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Anton Tantner, Wien


    Die Existenz des zu besprechenden Tagungsbands ist aus ökonomischer und wissenschaftspolitischer Perspektive ein Ärgernis und beweist einmal mehr die wiederholt beklagte Abstrusität des wissenschaftlichen Publikationswesens im deutschen Sprachraum: Obwohl der Band mit – wahrscheinlich beträchtlichen – finanziellen Mitteln eines Exzellenzclusters der Universität Konstanz gefördert wurde, ist der Verkaufspreis mit knapp 70 Euro für gerade mal 230 Druckseiten absurd hoch und Garant dafür, dass ihn das für Bücher dieser Art übliche Schicksal ereilt: ein Ankauf ausschließlich von Bibliotheken und eine Rezeption durch eine vielleicht zweistellige Zahl von Leserinnen und Leser; die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnis wird dadurch nicht gefördert, sondern behindert. Verschärft wird dies dadurch, dass der Zugriff auf wenigstens Ausschnitte der immerhin vorhandenen E-Book-Version (Kosten 62,90 Euro, für Bibliotheken 80 Euro) zum Zeitpunkt der Verfertigung dieser Rezension (Dezember 2015) nicht möglich war: »Keine Vorschau« vermeldet die Anzeige des Bands in Google Book Search, als wäre es Absicht des Verlags, seine Inhalte möglichst vor interessierten Leserinnen und Lesern zu verbergen; eine Volltextsuche ohne Kauf des Buchs ist nur auf der Verlagshomepage möglich.

    Gerade die in dem Band publizierte Textsorte »Tagungsbeitrag« rechtfertigt eine Publikation in dieser Form zu diesem Preis nicht. Was für repräsentative Handbücher, Überblicksdarstellungen und Lexika angehen mag, ist für die doch eher ephemeren Beiträge keineswegs angemessen: Derlei Texte verlangen nicht nach Abgeschlossenheit und Autorität, sondern nach Öffnung, nach Diskussion, Ergänzung und Widerspruch, alles Arten des Umgangs, die digitale Publikationsformen besser zu leisten verstehen als die hier gewählte Form des hochpreisigen und dabei nicht einmal fest gebundenen Buchs aus Papier.

    Was das Thema des Bands anbelangt, so bewegt sich dieses auf jenem Forschungsterrain, das spätestens durch den 1980 von Mohammed Rassem und Justin Stagl herausgegebenen Sammelband »Statistik und Staatsbeschreibung in der Neuzeit«1 eröffnet wurde, nämlich dem der Statistikgeschichte, »Statistik« dabei nicht nur als quantitative Datenerhebung und -auswertung verstanden, sondern auch als Begriff für die Verfertigung qualitativer Berichte über Land und Leute.

    Grundlage der versammelten Beiträge ist dabei die zeitgenössisch publizierte statistische Literatur, kein einziger bezieht Akten oder sonstiges unpubliziertes historisches Material in seine Untersuchung mit ein, was sehr bedauerlich ist, geben doch gerade solche Quellen Auskunft über die im Untertitel des Bands angerufenen »Praktiken statistischen (Nicht-)Wissens«, über das oft mühsame Zustandekommen der jeweiligen Ergebnisse, ihre Mängel und Grenzen, allesamt Informationen, die oft nicht in den Druck der Tabellen, Abhandlungen oder Landesbeschreibungen aufgenommen wurden.

    Die meisten Artikel des zu besprechenden Bands können als Nebentexte oder Vorstudien zu Monografien der Autorinnen und Autoren betrachtet werden und haben einen in der Regel klar abgezirkelten Detailbereich zum Inhalt. So behandelt Martin Gierls abrupt endender Beitrag das Ideal einer allgemeinen Weltstatistik bei Johann Christoph Gatterer, Martin Knoll die von Joseph von Hazzi verfasste, qualitativ ausgerichtete und exzessiv wertende, dabei von eugenischen Positionen nicht freie Beschreibung der bayerischen Bevölkerung, während Justus Nipperdeys wohl als Nebenprodukt seiner Dissertation entstandener Text das Konzept der Bevölkerungsdichte zum Thema hat. Lioba Keller-Drescher wiederum beschäftigt sich mit den vom Württembergischen Statistisch-topografischen Bureau ab 1820 in Auftrag gegebenen Landesbeschreibungen, ein Artikel, der eine Monografie vorbereiten soll; der gemeinsam von Mária Hidvégi und Borbála Zsuzsanna Török im Kontext eines DFG-Projekts verfasste Beitrag zeigt, wie sehr die statistischen Erhebungen gerade in Ungarn gegen die Verfügungsmacht des Adels über Grund und Untertanen gerichtet waren.

    Die folgenden drei Beiträge sind aus germanistischer Perspektive verfasst, was deren Qualität sehr zugute kommt: So weist Gunhild Berg nach, wie aufmerksam die Literatur um 1800 für die von zeitgenössischer Statistik verwendeten Kategorien war und diese satirisch und parodistisch verarbeitete; im Zentrum von Marcus Twellmanns auch theoretisch informierter Studie steht die große Tabellendebatte der Zeit: Er beschreibt die Entstehung der politischen Romantik auch als Absetzbewegung von der politischen Arithmetik und der reinen Zahlenstatistik. Patrick Eiden-Offe schließlich untersucht detailliert die auch in Nachfolge August Ludwig Schlözers im Vormärz entstandene »oppositionelle Statistik« eines Wilhelm Schulz und Moses Heß, die auch von Engels und Marx mit Wohlwollen rezipiert wurde.

    Verschiedene ethnografische Projekte des 19. Jahrhunderts, die auch mit Mitteln der Sozialreportage Einzelfälle beschrieben, sind Thema von Johannes Scheus Abhandlung, die auf einem Kapitel seiner Dissertation basiert; der abschließende Beitrag von Justin Stagl versucht nachzuweisen, wie im Untersuchungszeitraum Volks- und Völkerkunde als Reaktion auf die Krise der Statistik entstanden.

    Resümierend kann festgestellt werden, dass einzelne Beiträge des Bands durchaus wertvolle Erkenntnisse zur Statistikgeschichte beizusteuern haben, dass jedoch der hohe finanzielle und personelle Aufwand besser genützt worden wäre, wenn dieser in eine alternative und zugänglichere Form der Publikation geflossen wäre. Es bleibt zu hoffen, dass die Autorinnen und Autoren ihr Zweitverwertungsrecht nützen und ihre Artikel über die einschlägigen Universitätsrepositorien online zur Verfügung stellen; der Band zeigt einmal mehr, wie dringend der Umbau des wissenschaftlichen Publikationswesens und neue Formen der akademischen Reputationsgewinnung von Nöten sind.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Anton Tantner
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Berechnen/Beschreiben
    Praktiken statistischen (Nicht-)Wissens 1750–1850
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte
    18. Jh., 19. Jh.
    1750-1850
    Statistik (4056995-0)
    PDF document berg_tantner.doc.pdf — PDF document, 263 KB
    G. Berg, B. Z. Török, M. Twellmann (Hg.), Berechnen/Beschreiben (Anton Tantner)
    In: Francia-Recensio 2016/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-1/fn/berg_tantner
    Veröffentlicht am: 12.04.2016 13:00
    Zugriff vom: 28.03.2017 11:58
    abgelegt unter: