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    F. Bösch, A. Brill, F. Greiner, Europabilder im 20. Jahrhundert (Jörg Requate)

    Francia-Recensio 2015/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Frank Bösch, Ariane Brill, Florian Greiner (Hg.), Europabilder im 20. Jahrhundert. Entstehung an der Peripherie, Göttingen (Wallstein) 2015, S. (Geschichte der Gegenwart, 5), ISBN 978-3-8353-1173-2, EUR 29,90.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Jörg Requate, Kassel

    Europa von der Peripherie aus zu denken, ist ohne Zweifel ein sinnvoller Ansatz. In seiner Einleitung bemerkt Frank Bösch zu Recht, dass Europa in klassischen Studien lange vor allem aus der Perspektive der Kernländer Deutschland und Frankreich betrachtet worden ist, die Spezifik Europas jedoch insbesondere an den »Grenzgebieten«, der Türkei, dem Kaukasus und Russland deutlich wird und in der Diskussion steht. Insofern erstaunt es etwas, dass es zu diesen drei Regionen keinen einzigen Beitrag gibt. Stattdessen stehen zunächst »koloniale Wahrnehmungen« und »transatlantische Perspektiven« auf Europa im Mittelpunkt, bevor der dritte und abschließende Block dann mit »Genese Europas aus der Begegnung mit seinen Rändern« überschrieben ist. Dass sich Vorstellungen davon, was Europa ist oder sein sollte, häufig im Kontrast und in Abgrenzung vom »Anderen« herausgebildet haben, ist an vielen Stellen betont worden und auch der vorliegende Band liefert eine Reihe eindringlicher Beispiele dafür. Über die Frage, welche Rolle im Rahmen dieser Abgrenzung konkret der »Peripherie« zukommt, geht die Einleitung angesichts des Titels des Bandes »Europabilder im 20. Jahrhundert. Entstehung an der Peripherie« recht nonchalant hinweg.

    Der in Bezug auf die Konzeption überzeugendste Beitrag stammt von Stefan Nygård über die »Visionen und Gebrauchsweisen von Europa in Finnland«. Er zeigt, welche Bedeutung für die Finnen in ihrer Selbstverortung die Grenzlage zwischen »Europa und Russland« spielte. Dabei hätte hier sehr gut ein Beitrag zu Russland gepasst, dass die Frage der russischen Zugehörigkeit zu Europa spätestens seit Peter dem Großen permanent diskutiert wurde. Gerade weil sich Finnland, wie Nygård zeigt, immer als peripher – in einem Zustand des »nicht ganz«, wie er treffend formuliert – definierte, spielte das Bestreben sich zu »europäisieren« bereits im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Gerade in der Abgrenzung von Russland entwarf sich Finnland immer wieder aufs Neue als dezidiert europäisch.

    Diese Abgrenzung von Russland oder besser gesagt von der Sowjetunion, spielte auch für die ostmitteleuropäischen Staaten in der Zeit des Kalten Krieges eine wichtige Rolle, wie Christian Domnitz vor allem für die Zeit zwischen 1975 und 1989 zeigt. Auf welcher Basis die Tschechoslowakei oder Polen überhaupt als Peripherie gelten können, bleibt allerdings unklar. Letztlich macht sie allein die westliche Perspektive des Kalten Krieges dazu – eine Perspektive, gegen die sich gerade die ostmitteleuropäischen Länder seit den 1980er Jahren vehement auflehnten. Das macht Paulina Gulińska-Jurgiel in ihrem Beitrag über »Europabilder und Selbstverortungen des polnischen Parlaments nach 1989« sehr klar deutlich. Und als Milan Kundera 1983 in seinem berühmt gewordenen Aufsatz von der »Tragödie Zentraleuropas« sprach, ging es ihm gerade darum zu betonen, dass die von der Sowjetunion »gekidnappten« Länder nicht nur geographisch, sondern auch von ihrer ganzen Geschichte her mitten in Europa lagen. Sicher wird man argumentieren können, dass sich Kundera dagegen wandte, an den »Rand« oder gar aus Europa herausgedrängt zu werden, aber es zeigt noch einmal, wie wichtig es wäre, gerade auch den Peripheriebegriff in seiner kommunikativen Konstruiertheit zu erfassen.

    Die Beiträge können hier nicht im Einzelnen besprochen werden, doch trotz mancher konzeptioneller Probleme, sind sie insgesamt lesenswert und der Band schärft den Blick, wie und in welchem Zusammenhang Europa evoziert und welche Bilder und Vorstellungen von Europa in welchem Kontext entworfen werden.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/


    PSJ Metadata
    Jörg Requate
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Europa
    Ideen- und Geistesgeschichte
    20. Jh.
    1900-2000
    Europabild (4015704-0)
    PDF document boesch_requate.doc.pdf — PDF document, 255 KB
    F. Bösch, A. Brill, F. Greiner, Europabilder im 20. Jahrhundert (Jörg Requate)
    In: Francia-Recensio 2015/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/zg/boesch_requate
    Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:54
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:32