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    J. Bergin, The Politics of Religion in Early Modern France (Josef Johannes Schmid)

    Francia-Recensio 2015/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Joseph Bergin, The Politics of Religion in Early Modern France, New Haven, London (Yale University Press) 2014, XII–379 p., ISBN 978-0-300-20769-9, USD 85,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Josef Johannes Schmid, Mainz/Manubach

    Summen eines Lebenswerkes vorzustellen ist eine zugleich angenehme wie auch herausfordernde Aufgabe. Handelt es sich dabei um das historiografische Œuvre, eines der unumstrittenen Koryphäen seines Faches, so gilt dies für den Rezensenten in besonderer Weise.

    Das hier anzuzeigende Werk von Joseph Bergin erfüllt all diese Kriterien in mehrfacher Hinsicht. Nahezu unüberblickbar erscheinen seine Arbeiten zur Kirchengeschichte des Ancien Régime; wie kaum ein anderer hatte er es verstanden, institutionelle1,prosopografisch-biografische2, sozial-wirtschaftsgeschichtliche3 und spirituelle4 Dimensionen der französischen Kirche der Frühen Neuzeit einer wachsenden Leserschaft anschaulich auf breiter Dokumentationsbasis darzulegen und so diese heute oft verkannte geistige Welt neu zu erschließen. Nun legt er mit der groß angelegten Gesamtdarstellung der Kirchenpolitik Frankreichs in dieser Epoche quasi das Rahmenwerk zu seinen bisherigen Veröffentlichungen vor, welches den schon erwähnten, gewohnt breiten Ansatz zur Gesamtschau erweitert.

    Das Ergebnis dieses Unterfangens, welches in der publizistischen Landschaft allein dasteht, entspricht in vollem Umfange allen Erwartungen an einen derart ausgewiesenen Autor, aber eben auch an das Genre an sich. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis belegt, welches Spektrum hier abgedeckt wurde: von der monarchischen Implikation der »Église gallicane« über die Geisteswelt des »renouveau catholique« und des »parti dévot«, die persönlichen Impulse eines Mannes wie des Cardinal de Richelieu und den finanziell-fiskalischen Aspekten bis hin zu den verschiedensten nichtkonformen Richtungen innerhalb der geistlichen Landschaft, hier besonders Hugenotten und Jansenisten.

    Diese Breite gerade macht die Stärke des vorliegenden Bandes aus, nämlich die damit verbundene, beziehungsweise einhergehende Leistung, einerseits die Pluralität des vermeintlich so homogenen Phänomens Gallikanismus eindringlich aufzuzeigen, andererseits aber auch die Verwurzlung und Einbindung scheinbar eigenständiger Erscheinungsformen – darunter zuvorderst eben die Hugenottenfrage – in einen größeren Kontext einzubinden.

    Dass dabei jedoch manches Detail, also genau jene panoramenartige Fülle des dargelegten Bildes, welche man an Bergins früheren Werken so schätzen gelernt hatte, notwendigerweise ein wenig zurücktreten musste, liegt auf der Hand. So schade es erscheinen mag, gerade Einzelpersonen, etwa St François de Sales, Jean-Jacques Olier oder Dom de Rancé, nicht eingehender gewürdigt zu sehen, so muss dies als der gattungsimmanenten Beschränkung des Umfangs einer dem analytischen Überblick gewidmeten Gesamtdarstellung geschuldet verstanden werden. Von daher wäre es vermessen, hier nun eigene Schwerpunkte und Perspektiven als vermeintliche Desiderata auszugeben.

    Nein – Bergin hat auch mit seinem neuesten Buch ein Standardwerk der Extraklasse geschaffen, dessen deutliche Illustration einer umfassenden geistlich-geistigen Sphäre jenseits aller angeblich gesellschaftlichen, epochalen und konfessionellen Grenzen als maßgebliche mise au point, als grundlegende Bereicherung unseres Bildes von jenem immer noch in seinen geistigen Grundlagen missverstandenen, da viel zu wenig bekannten Grand Siècle gelten kann und muss, gerade im Hinblick auf die immer noch virulenten leidigen Theoriediskussionen um den »Absolutismus«-Begriff und das Konfessionalisierungsparadigma. Die historischen Gegebenheiten folgten niemals diesen posthumen verzerrenden Erklärungsmustern: »the question of whether the church was ›in the state‹ or the ›state in the church‹ appears otiose to historians: it seeks to adjudicate on a point that rarely concerned contemporaries – and when it did, only in conjectural fashion« (S. 306). Vielmehr entwickelten beide Seiten – von zwei Gewalten zu sprechen verbietet sich innerhalb eines sozio-politischen Kontexts, welcher genuin-traditionell auf der Nichtexistenz des von Rom postulierten Gegensatzpaares »weltlich« und »geistlich« beruhte – eine Symbiose, welcher in ihrer mannigfaltigen, hier meisterhaft aufgezeigten Symbiose zumal bis zu den großen Umbrüchen zu Beginn des 18. Jahrhunderts (hier zuvorderst die fatalen Folgewirkungen der Bulle Unigenitus Dei Filius von 1709), dem altkirchlichen Ideal der συμφωνία näher stand als westlichen Modellen. Von daher erklärt sich auch das Drama der Hugenotten (und zu einem gewissen Teil auch der Jansenisten), welches weniger dem religiösen Dissidententum, denn der sakramental-hierarchischen Unmöglichkeit geschuldet war, sich in dieses sakral-monarchische System zu integrieren.

    Allen an der Epoche in all ihren Konnotationen irgendwie Interessierten sei dieses in vielfacher Hinsicht grundlegende Werk zur Lektüre eindrücklich empfohlen.

    1 Joseph Bergin, Church, Society and Religious Change in France, 1580–1730, New Haven 2009; ders., Crown, Church and Episcopate under Louis XIV, New Haven, London 2004.

    2 Joseph Bergin, The Rise of Richelieu (Studies in Early Modern European History), ²Manchester 1997; ders., French Bishops, The Making of the French Episcopate, 1589–1661 New Haven, London 1996;

    4 Joseph Bergin, Cardinal De La Rochefoucauld. Leadership and Reform in the French Church, New Haven, London 1987.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Josef Johannes Schmid
    Deutsches Historisches Institut Paris
    The Politics of Religion in Early Modern France
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    1530-1750
    Frankreich (4018145-5), Religionspolitik (4049416-0)
    PDF document bergin_schmid.doc.pdf — PDF document, 338 KB
    J. Bergin, The Politics of Religion in Early Modern France (Josef Johannes Schmid)
    In: Francia-Recensio 2015/4 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/fn/bergin_schmid
    Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:50
    Zugriff vom: 24.04.2017 17:22
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