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    R. Vermeir, D. Raeymaekers, J. Eloy Hortal Muñoz (ed.), A Constellation of Courts (Lena Oetzel)

    Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    René Vermeir, Dries Raeymaekers, José Eloy Hortal Muñoz (ed.), A Constellation of Courts. The Courts and Households of Habsburg Europe, 1555–1665, Leuven (Leuven University Press) 2014, 394 p. (Avisos de Flandes, 15), ISBN 978-9-0586-7990-1, EUR 49,50.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Lena Oetzel, Bonn/Salzburg

    Der vorliegende Sammelband »A Constellation of Courts. The Courts and Households of Habsburg Europe, 1555–1665« hat sich zum Ziel gesetzt, das Netzwerk der habsburgischen Höfe, das bis in die Neue Welt reichte, zu analysieren und dabei deren Verbindungen und Wechselwirkungen herauszuarbeiten. Dahinter steht ein Anliegen, das auch in der aktuellen Forschung immer mehr betont wird, nämlich die Dynastie als Ganzes in den Fokus zu rücken, anstatt in den traditionellen nationalgeschichtlichen Betrachtungsweisen zu verharren und die österreichischen und die spanischen Habsburger isoliert voneinander zu betrachten. Einzelne Fallstudien sollen dabei, so die Intention der Herausgeber, als Grundlage für zukünftige Vergleiche dienen. Dabei werden bewusst neben Madrid und Wien auch kleinere Höfe und Haushalte von Familienmitgliedern einbezogen, die von scheinbar geringerem politischen Einfluss waren. Gemeinsam aber bildeten sie, so die grundlegende These, eine nicht zu unterschätzende Machtbasis für die Dynastie als Ganzes, gerade auch indem sie Anstellungs- und damit Integrationsmöglichkeiten für die regionalen wie auch die überregionalen Eliten boten (S. 18).

    Der Band wird von einer Einleitung, die einen gelungenen Überblick über die Forschungsentwicklung zur Habsburger-Dynastie sowie zu frühneuzeitlichen Höfen allgemein bietet, und einer Art Resümee, das die aktuellen Tendenzen der Forschung kurz diskutiert, eingefasst. Die Idee einer abschließenden Betrachtung ist gerade bei der vorliegenden Fragestellung vielversprechend, allerdings wäre es schön gewesen, wenn hier stärker auf die Ergebnisse der vorliegenden Studien des Sammelbandes eingegangen worden wäre, anstatt aktuelle Forschungsansätze im Allgemeinen zu skizzieren. Auf diese Weise hätte man dem eingangs formulierten Ziel eines Vergleichs näher kommen können.

    Ein Großteil der Fallstudien untersucht die verschiedenen habsburgischen Höfe aus administrativer Perspektive und konzentriert sich auf Organisationsstrukturen, personelle Verflechtungen und Netzwerke der verschiedenen Amtsträger und Eliten. Eine Ausnahme bilden die Beiträge von Olivier Chaline und Alejandro López Álvarez, die einen stärker kulturgeschichtlichen Blick haben. Dabei gelingt es letzterem, beide Perspektiven zu vereinen, indem er die Veränderungen im Zeremoniell, in der Repräsentation und in der Hoforganisation durch die Einführung und den Bedeutungsgewinn der Kutsche für die spanischen Könige analysiert.

    Geografisch liegt der Schwerpunkt deutlich auf der spanischen Monarchie. Entsprechend steht der Madrider Hof in mehreren Beiträgen im Fokus (Millán, Rivero, Morales und Álvarez). Während José Martínez Millán einen Überblick über die Entwicklung der kastilischen, aragonesischen und burgundischen Hofstrukturen seit dem 14. Jahrhundert bis zu Philipp IV. gibt, weitet Manuel Rivero den Blick und bezieht die Höfe der Vizekönige in Neapel, Katalonien, Portugal und der Neuen Welt sowie deren Verhältnis zu Madrid mit ein, wobei er entgegen landläufiger Forschungsmeinungen ihre Bedeutung als Machtzentren betont. Carlos Javier de Carlos Morales wiederum konzentriert sich auf den königlichen Haushalt in Madrid und untersucht dessen finanzielle Organisation und Ressourcen. Einen kleineren Hof in Madrid nimmt José Eloy Hortal Muñoz in den Blick, nämlich den Haushalt Erzherzog Alberts von Österreich, bevor dieser zum Statthalter in den Niederlanden ernannt wurde.

    Einen zweiten Schwerpunkt bilden die spanischen Niederlande, denen sich gleich drei Beiträge widmen (Alicia Esteban Estríngana, Werner Thomas, Birgit Houben). Von jeweils verschiedenen Ausgangspunkten – die Bedeutung der flämischen Eliten, der Einflussnahme Spaniens und die Bedeutung der Franche-Comté – untersuchen sie den Einfluss und die jeweilige Stellung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, der regionalen sowie der spanischen Eliten, am Brüsseler Hof. In diesem Kontext sind die einführenden Überlegungen von Birgit Houben zum für diese Zeit hochproblematischen Konzept der Nationalitäten von besonderem Interesse, in denen sie sich mit den verschiedenen regional und politisch geprägten Identitäten auseinandersetzt.

    Einen Exkurs an einen nicht-habsburgischen Hof stellt der Beitrag von Olivier Chaline zu Anna von Österreich und deren Gründung der Abtei Val-de-Grâce in Paris dar: Chaline geht es dabei um den Einfluss der habsburgischen Herkunft der französischen Königin auf deren Motive für die Gründung der Abtei und deren Umsetzung. Gerade angesichts des weitverzweigten dynastischen Ehegeflechts der europäischen Herrscherhäuser ist die Frage nach dem (kulturellen und religiösen) Einfluss der jeweiligen Herkunftsfamilie auf das Denken und Handeln der zukünftigen Königinnen und Fürstinnen von zentraler Bedeutung.

    Von einer ähnlichen Ausgangsfrage geht Katrin Keller aus, die die Entwicklung des Grazer Frauenzimmers unter Maria Anna von Bayern und dessen letztliche Verlagerung nach Wien mit dem Herrschaftsantritts Ferdinands II. untersucht. Ganz wesentlich ist für sie die Frage nach dem Einfluss des Grazer Hofes auf Wien, nicht nur mit Blick auf das Frauenzimmer. Astrid von Schlachta widmet sich schließlich dem Innsbrucker Hof und dessen Verhältnis zu Wien, wobei sie den Blick auf das Zeremoniell richtet und die Notwendigkeit der Anpassung an den jeweiligen Herrscher betont.

    Insgesamt ist ein deutliches Übergewicht an Studien zur spanischen Monarchie festzustellen und die österreichischen Höfe und Haushalte erscheinen – mit zwei Beiträgen – etwas unterrepräsentiert. Es entsteht der Eindruck, dass das Ziel, die getrennte Betrachtung der beiden Linien der Habsburger-Dynastie zu überwinden, nur in Ansätzen gelingt. Nichtsdestotrotz ist hiermit ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan. Zudem liefern die einzelnen Fallstudien wertvolle Erkenntnisse über die Organisationsstruktur und personelle Zusammensetzung der jeweiligen Höfe und königlichen Haushalte, die unser Verständnis des Raums »Hof« insgesamt vertiefen.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Lena Oetzel
    Deutsches Historisches Institut Paris
    A Constellation of Courts
    The Courts and Households of Habsburg Europe, 1555–1665
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa, Österreich und Liechtenstein
    Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
    16. Jh., 17. Jh.
    1556-1665
    Habsburger Familie (118544233), Europa (4015701-5), Hof (4025453-7)
    PDF document vermeir_oetzel.doc.pdf — PDF document, 257 KB
    R. Vermeir, D. Raeymaekers, J. Eloy Hortal Muñoz (ed.), A Constellation of Courts (Lena Oetzel)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/vermeir_oetzel
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:50
    Zugriff vom: 25.03.2017 02:59
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